360) Sonntag nach Christi Himmelfahrt 2020: RELIGIÖSE BEDEUTUNGEN VON SAKRAL UND PROFAN

Sonntag nach Christi Himmelfahrt 2020

„IHR SOLLT ZWISCHEN HEILIG UND PROFAN UNTERSCHEIDEN!“ (Lev 10,10)

RELGIÖSE BEDEUTUNGEN VON SAKARL UND PROFAN  

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Ihr sollt zwischen heilig und profan unterscheiden!“ Josef Pieper hat uns geholfen, ganz grundsätzliche Bedeutungen von heilig und profan für unser Menschsein zu erkennen, ganz auf dem Boden des katholischen Glaubens. Die christliche Anthropologie, das wahre Verständnis vom Wesen des Menschen, ist die Grundlage für die Religion. Die Religion baut auf der Natur des Menschen. Heute soll uns Josef Pieper helfen zu erkennen, was heilig und profan im Bereich der Religion bedeutet.

           

a) Die Scheidelinie zwischen heilig und profan

           

Gott sagt, wir sollen zwischen heilig und profan unterscheiden. Das erste ist, diese Scheidelinie zwischen heilig und profan, die Gott gezogen hat, wahrzunehmen und zu respektieren (1). Es gibt eine Grenze zwischen sakral und profan. Im alt- und neutestamentlichen Kult war diese Grenze immer selbstverständlich. Die Israeliten, die in den Jerusalemer Tempel zum Gebet gingen, hatten abgegrenzte Höfe und Vorhöfe, die sie abschieden von der übrigen Stadt. Für den Priesterdienst des Tempels gab es noch zusätzliche Scheidelinien, durch die das Opfer abgegrenzt und hervorgehoben war. Christus ist dem Missachten dieser heiligen Tempelbezirke, die dem Gebet reserviert waren, sehr energisch entgegengetreten, wir denken an die Tempelreinigung. Im katholischen Gotteshaus haben wir auch diese Grenze zwischen heilig und profan: ZB das Überschreiten der Türschwelle, das Weihwassernehmen an der Kirchtüre, markieren eine Scheidelinie; denken wir auch an die katechetisch-bildhafte Gestaltung großer Portale bei romanischen und gotischen Kathedralen. Solche Zeichen an der Tür helfen uns zu verstehen: Jetzt betrete ich das Sakrale, einen anderen Bereich als das Profane, mein Alltag.

           

Wo diese Scheidelinie zwischen heilig und profan nicht respektiert oder niedergerissen wird, tut man dem Menschen nichts Gutes. Wo in der Kirche durch Entsakralisierung den Menschen das Sakrale genommen wird, verbaut man den  Zugang zum Geheimnis Gottes. Es ist ein Irrtum zu meinen, die Menschen würden leichter zu Gott finden, wenn das Sakrale oder Heilige entfernt würde. Das wäre so als würden wir sagen: Wir finden leichter zu Gott, wenn wir uns nicht in die Nähe Gottes begeben.

           

b) Das Heilige erfordert ein anderes Verhalten – Respekt und Ehrfurcht

           

Das Heilige ist, wie wir gesehen haben, eben nicht das Alltägliche, was wir in der Welt draußen haben und tun. Deshalb erfordert das Heilige auch ein anderes, ein besonderes Verhalten, das sich vom Alltäglichen unterscheidet (2). Wie wird im Christlichen dieses andere Verhalten zum Ausdruck gebracht? Da ist zB das Schweigen. „Der Herr aber wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart“ (Habakuk 2,20). Wenn Eltern, die noch ein gesundes Empfinden haben, ihre Kinder ins Gotteshaus bringen, lernen sie ihnen zuerst das Stillsein. Weitere Beispiele für das Sich-anders-verhalten: Kein Kaugummi, im Gotteshaus gehört nicht gegessen und getrunken, Männer nehmen den Hut ab, eine geziemende Kleidung, auch in der heißen Jahreszeit (keine kurzen Hosen, keine Trägerleibchen, die Schultern bedecken usw.). Der Sinn all dieser Zeichen? Wir bekunden Respekt und Ehrfurcht (3). Vor was? Vor dem Geheimnis Gottes, der sich uns nahen will, vor Gott, der im Allerheiligsten Altarssakrament gegenwärtig ist.

           

Braucht es dieses besondere Verhalten und diese besonderen Zeichen der Ehrfurcht? Ja! Wir sind mit Sinnen ausgestattet. Wir können unsere Seele und Geisteshaltung nur in Zeichen ausdrücken. Respekt und Ehrfurcht sind der erste Schritt der Liebe. Ohne Respekt und Ehrfurcht gibt es keine Liebe, weder Gott gegenüber noch im menschlichen Bereich. Die höchsten Zeichen der Ehrfurcht pflegen wir Katholiken beim Heiligen Messopfer, beim Umgang mit dem Allerheiligsten. Wie viele Zeichen erleben wir beim Heiligen Messopfer: Kniebeugen, Verneigungen, Küsse, Weihrauch, die Sakralsprache Latein, besondere Gewänder, Gefäße usw. Ähnlich ist es auch im menschlichen Bereich. Wenn wir von dort die Zeichen des Respekts und der Ehrfrucht entfernen, verkommen und verrohen die Menschen.

           

c) Heilige Handlungen

           

Was wir im Heiligen oder Sakralen tun, ist wiederum nicht dem Alltag entnommen, nichts geschieht so, wie im Alltag. In der Liturgie ist alles heilige Handlung. Das Heilige Messopfer wird nicht einfach gefeiert, wie man eine Party feiert, es wird zelebriert (4). Früher war unter den Priestern dieser Ausdruck selbstverständlich: „Ich will noch die Heilige Messe zelebrieren!“ Wir dürfen den Begriff der Zelebration der Heilige Messe nicht verlieren. Im Profanen wird nichts zelebriert, das ist ein Missbrauch des Begriffes. Zelebration ist dem Heiligen vorbehalten. Wenn ein Fußballmatch gleichsam wie eine nachgemachte „Zelebration“ gefeiert wird, hat sich etwas wesentliches verschoben.

           

Die sakralen kultischen Handlungen haben zudem noch ihre Eigenheiten. Es gibt heilige Handlungen, Zeichen, die keinen unmittelbaren praktischen Zweck erfüllen, zB Kniebeugen und Küsse. Alle heiligen Zeichen zusammen sind in der Liturgie Ausdruck unserer Liebe und Verehrung, Ausdruck der Fülle und Schönheit Gottes, der sich uns naht. Auch im Leben dürfen wir nicht alles verzwecken. Manches ist einfach da um seiner Selbst willen, zur Ehre Gottes, zu unserer seelischen Erbauung. Damit kommen wir heute zum letzten Punkt. Hat das Heilige im Bereich der Religion nicht doch auch ein religiöses Anliegen? Selbstverständlich.

           

d) Die Heiligung des Menschen

           

Das Sakrale hat zwei Hauptanliegen, die mit dem Wesen des Kultes der Kirche, der Liturgie, zusammenhängen. Liturgie dient als erstes der Verherrlichung Gottes, zweitens der inneren Heiligung des Menschen (5). Im Buch der Weisheit sagt uns Gott: „Wer das Heilige heilig hält, wird geheiligt, und wer sich darin unterweisen lässt, findet Schutz“ (Weish 6,10).

           

Erlösende Gnaden empfangen wir in Beidem, im  Heiligen und in Profanen. Durch alles im Profanen, im Alltag, können wir erlösende und heilende Gnaden empfangen: Durch unsere Standespflichten, unsere Arbeit, unser Kreuz usw. Trotzdem ist das Heilige ein bevorzugter Ort, an dem der Erlöser uns beschenkt und an uns wirkt, das gilt besonders für die heiligen Sakramente. Beim Sakralen, wie zB jetzt beim Heiligen Messopfer, geht es nicht darum was wir fühlen. Es geht um unsere Existenz, es geht um das, was Gott an uns tut. Gott ist der Drei Mal Heilige. Das Heilige ist Gottes besonderer Wirkungsbereich.

           

Kehren wir zum Abschluss nochmals zur Anthropologie zurück, mit der wir an Christi Himmelfahrt begonnen haben. Das Sakrale des christlichen Glaubens war zu allen  Zeiten eine Quelle der Inspiration für das Profane. Die gesamte Kultur und Kunst des christlichen Abendlandes ist, in einer gewissen Wechselwirkung, inspiriert vom Heiligen der katholischen Religion. Es gibt keine andere Quelle für das Entstehen einer echten neuen Kultur und wahren Menschlichkeit, als das Heilige. Gesundes weltliches Leben ohne das Heilige ist nicht möglich. Kirchliches Leben ohne das Heilige kann nicht überleben. Es ist die tiefste Sendung der katholischen Kirche, den Menschen das Heilige zu erschließen, die Räume, Zeiten und Orte des Heiligen.

           

Es ist ein Gebot der Stunde, in der Kirche jeder Form der Entsakralisierung entschieden entgegenzutreten. Legen wir Wert auf diese Grenzlinie zwischen heilig und profan. Legen wir Wert auf die Zeichen der Ehrfurcht, denn diese Zeichen formen unsere Seelenhaltungen, unseren Glauben, unsere Liebe, und drücken unser Inneres aus. Was mich als Priester betrifft lege ich ebenfalls großen Wert darauf, das Heilige und Sakrale zu betonen und auszudrücken, mit allen Möglichkeiten, die die Liturgie dazu bietet. Zur Ehre Gottes, uns allen zum Segen. Amen.

           

(1) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 57-58

(2) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 57

(3) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 42

(4) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 52

(5) Siehe Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Heilige Liturgie, SACROSANCTUM

     CONCILIUM, Abschnitt 2

           

 

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