359) Christi Himmelfahrt 2020: ANTHROPOLOGISCHE BEDEUTUNGEN VON SAKRAL UND PROFAN

Hochfest Christi Himmelfahrt 2020

„IHR SOLLT ZWISCHEN HEILIG UND PROFAN UNTERSCHEIDEN!“ (Lev 10,10)

ANTHROPOLOGISCHE BEDEUTUNGEN VON HEILIG UND PROFAN  

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Christus kehrt in den Himmel zurück. Was er uns auf Erden zurücklässt, ist die Kirche, Seine Kirche. Und zurück lässt Er uns in der Kirche das Heilige, das Er selbst in sie hineingelegt hat, das sie verwaltet, hütet und uns zugänglich macht. Im Buch Levitikus des Alten Bundes sagt uns Gott:  „Ihr sollt zwischen heilig und profan unterscheiden!“ Die gnadenhafte Erfahrung von Himmlischem und das Hineinwachsen in den Himmel während unseres irdischen Lebens geschehen in der Spannung zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen heilig und profan, wie es im Buch Levitikus heißt. Ich lade euch ein, mit mir über diese so existentiellen Bereiche heilig und profan nachzudenken. Eine Hilfe für diese Besinnungen sind uns die Ausführungen des deutschen katholischen Religionsphilosophen Josef Pieper, aus seinem kleinen Buch „Die Anwesenheit des Heiligen“.

           

a) Das Heilige oder Sakrale

           

Was heißt heilig? Im Hebräischen Alten Testament begegnet uns das Wort kadosch, im Griechischen heißt es hagios, im Lateinischen sanctus. Vom Lateinischen sanctus kommen die deutschen Worte sakral und heilig. Der Prophet Isaias zB hört bei seiner Berufung im Himmel das dreimalige kadosch: heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere“ (Isaias 6,3). Vereinfacht gesagt: Das  Hebräische kadosch/heilig meint das ganz anders sein Gottes, das unergründliche Geheimnis Gottes im Himmel, Gott ist viel größer, als wir ihn uns vorstellen können.

           

Was ist das Heilige oder Sakrale im christlich/kirchlichen Bereich: Josef Pieper formuliert es so: „Es gibt gewisse empirisch vorfindbare Dinge, Räume, Zeiten, Handlungen die besondere Eigentümlichkeiten besitzen, auf eine aus der Reihe des Durchschnittlichen herausfallende Weise der göttlichen Sphäre zugeordnet zu sein“ (1). Einfach gesagt: Das Heilige oder Sakrale ist etwas Besonderes, etwas, das ganz und gar nicht so ist wie das Alltägliche und Gewöhnliche.  Und dieses Besondere ist dem Göttlichen, dem Himmel zugeordnet (2).

           

b) Das Profane

           

Was heißt profan? Das Lateinische Wort profanum setzt sich aus zwei Worten zusammen: pro heißt vor, fanum ist das Heiligtum, der abgegrenzte sakrale Bezirk; profan ist wörtlich das, was sich vor der Tür des Heiligtums befindet, was draußen ist. Als Beispiel: Das Gotteshaus ist das fanum, der heilige Bezirk. Das Profane ist die Straße, das Dorf, die Welt, die vor der Kirchtüre beginnt. (3)

           

Noch etwas ist wichtig zu verstehen. Das Profane, das was sich draußen vor dem Heiligtum befindet, vor der Kirchtüre, ist nicht das Schlechte, Böse oder Gottferne. Das wäre ein völlig falsches Verständnis von profan. Das Profane, die Welt,  ist Gottes herrliche Schöpfung, Gottes Werk. Und die Schöpfung Gottes, wenn sie auch durch die Ursünde verwundet ist, ist gut und schön: „Und Gott sah, dass es gut war“ (zB Gen 1,10), heißt es im Schöpfungsbericht. Vor dem Zug zum Altar betet der Priester in der Sakristei mit den Ministranten das kleine Gebet: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn. Der Himmel und Erde erschaffen hat.“ Das Heilige und das Profane, könnten wir statt Himmel und Erde auch einsetzen. Freilich gibt es im Profanen auch das Abgleiten ins Böse und Gottlose und Dämonische. Doch das eigentlich Profane, das unser Lebensbereich ist, die Welt, ist Gottes gute Schöpfung. Heilig und profan sind also zwei verschiedene Bereiche, mit Eigengut, gleichzeitig einander entgegengesetzt und aufeinander bezogen; zwei verschiedene Bereiche der einen guten Schöpfung Gottes. Ein Bild: Das eine wunderschöne „Haus“ Schöpfung Gottes hat zwei große Zimmer: Das Zimmer sakral und das Zimmer profan. In diesen beiden Zimmern, mit ihrer Wechselwirkung, spielt sich unser Leben ab.

           

c) Die Unterscheidung zwischen heilig und profan

           

„Heiliges“ finden wir in allen Religionen aller Zeiten.  Im Christlichen erleben wir tragischer Weise schon seit längerem, dass dieser Unterscheidung zwischen sakral und profan großen Schaden zugefügt wird. Die Unterscheidung sakral/profan wird durch eine falsche Philosophie und Theologie in Frage gestellt, verneint… Es gibt theologische Stimmen die sagen, diese Unterscheidung sakral und profan müsse ganz aufhören. Das geht so weit, dass manche die Welt zur „Kirche“ und die Kirche zur „Welt“ erklären wollen. Stichwort Entsakralisierung.

           

Die Offenbarung Gottes gibt uns den Auftrag: „Ihr sollt unterscheiden zwischen heilig und profan!“ Warum hat Gott diese Unterscheidung oder Trennung vorgenommen? Das hat eine tiefe Bedeutung zuerst für unser Leben und dann für die Religion, wie wir sehen werden. Lassen wir uns von Josef Pieper ein wenig christliche Anthropologie erschließen. Es geht zuerst um die Grundlagen unseres Menschseins. Darauf baut dann die Religion auf.

           

d) Heilig und profan als Grundlage christlicher Anthropologie – nach Zitaten von Josef Pieper

           

< Die Räume des Heiligen „heben sich ab […] gegen das Gehäuse der Alltagsexistenz, gegen ihre tödliche Misere [Elend] ebenso wie gegen ihr trügerisches Behagen und ihren Komfort“ (4). Mit anderen Worten: Das Heilige bewahrt uns vor einem Aufgehen und Versinken im Profanen/Weltlichen, sei es im Elend oder im Luxus. Unser Leben ist mehr als nur Arbeit und Alltag. Wenn wir persönlich oder allgemein die Gesellschaft nicht mehr das Heilige haben, das Gott uns durch die Kirche gibt, sind wir in Gefahr, vom sogenannten „grauen Alltag“ vereinnahmt zu werden, im geistigen Elend und Überdruss zu landen. Der hl. Pfarrer von Ars sagt: Die Menschen ohne Gott – ohne das Heilige – sind wie die Maulwürfe, die unter der Erde ihre Gänge graben, und die Sonne nicht kennen.

           

< Durch das Heilige wird „das Hiesige [Profane] nicht abgewertet; wir sind weder aufgefordert, es zu ignorieren noch es zu vergessen“ (5). Hier sind sehr konkrete Erfahrungen angesprochen. Alles, was für uns persönlich profan ist, also in der Welt unser Leben ausmacht, wird durch das Heilige nicht ab-, sondern aufgewertet, veredelt, vertieft, verschönert usw. wie zB die Ehe, die Familie, die Leiblichkeit, der Beruf, die Freizeit, ein Hobby usw. Wir wissen uns auch verantwortlich vor Gott, setzen uns mehr ein. Ohne das Heilige verfällt das Profane in die Sinnleere oder wird zum Götzen und Religionsersatz.

           

< Durch das Heilige können wir das Hiesige „durchschreiten und übersteigen“ (6). Jedesmal, wenn wir zB durch das Heilige Messopfer am Sonntag in das Heilige eintreten, bekommen wir Gnade und Kraft, das Leben zu bewältigen. Durch das Heilige legt sich ein himmlischer Glanz über unsere Seele. Diesen Himmelsglanz nehmen wir mit in das Profane unsers Alltags. Unser Alltag wird ein Alltag mit Gott, bekommt Ewigkeitswert.

           

Ihr sollt zwischen heilig und profan unterscheiden!“ (7). Dieses Wort Gottes ist eine tiefe Weisheit Gottes für unser Leben. Sakral und profan zu unterscheiden entspricht zutiefst der von Gott leiblich/geistig geschaffenen Natur der Menschen. Josef Pieper formuliert: Es ist „wider die Natur“ des Menschen, „auf das bloß Menschliche eingeschränkt zu sein“ (8) In unserer Zeitepoche, aktuell auch in den vergangenen zwei Monaten erleben wir, dass genau das geschieht, teilweise leider auch innerkirchlich, der Mensch wird auf das rein Menschliche, oder gar auf die körperliche Gesundheit reduziert, säkularisiert, ohne Jenseitsbezug. Damit geschieht uns Menschen nichts Gutes. Denn wir Menschen haben auch eine unsterbliche Geistseele und sind ganz auf Gott verwiesen, unseren Schöpfer und Erlöser.

           

Durch das Heilige immer wieder Himmlisches aufnehmen und in das Profane unseres Alltags mitnehmen, so leuchtet der Himmel auch über dem Alltag. Amen.

           

(1) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 59

(2) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 50

(3) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 45

(4) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 57

(5) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 56

(6) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 56

(7) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 56

(8) Pieper, Die Anwesenheit des Heiligen, Seite 58

           

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