351) Heiliger Tag 2019: FILIUS MEUS ES TU, HODIE GENUI TE

Weihnachtshochamt am Heiligen Tag 2019

„FILIUS MEUS ES TU, HODIE GENUI TE“ (Ps 2,7 – Introitus der 1. Weihnachtsmesse)

DIE DREIFACHE ZEUGUNG DES SOHNES GOTTES

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

„Filius meus es tu, hodie genui te/mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ Dieser Psalmenvers aus dem Introitus der Heiligen Nacht steht wie ein Leitmotiv über den drei Weihnachtsmessen: Die missa in nocte – die Mette in der Heiligen Nacht, die missa in aurora – die Heilige Messe zur Morgenstunde, gerne Hirtenmesse genannt, die missa in die – das Hochamt am Tag. Die Auswahl der Lesungen, welche die Kirche für diese drei Heiligen Messen sehr sorgfältig vorgenommen hat, und auch die Messgebete dieser drei Weihnachtsmessen, reichen in die Zeit der frühen Kirche zurück, werden seit mehr als 1500 Jahren verkündet und gebetet. Papst Gregor d. Gr. erwähnt schon um 600 wie als etwas Selbstverständliches, dass wir durch die Güte Gottes am Heiligen Tag drei Mal das Heilige Messopfer feiern dürfen (*).

           

Die Liturgie der drei Weihnachtsmessen enthält einerseits höchste Theologie und gleichzeitig ein schlichtes Bekenntnis des Christusgeheimnisses von Bethlehem. Die größten Glaubensgeheimnisse und göttlichen Wahrheiten sind nie kompliziert, sie sind einfach, sogar die Kinder können sie aufnehmen. Lassen wir uns heute als geliebte Kinder Gottes von der Kirche an der Hand nehmen, um einen kleinen Pilgerbesuch an der Krippe zu machen, um das geistliche Licht zu empfangen, das vom Göttlichen Kind in der Krippe ausstrahlt.

           

Um eines gleich zu sagen: Der Kirche geht es an der Krippe nicht um Sentimentalität und Stimmung. Die Kirche ist an der Krippe die Braut Christi, die sich mit denjenigen vereinigt, die sich dort als erstes eingefunden haben: Die Gottesmutter Maria, der heilige Joseph, die Hirten und dann die heiligen Drei Könige. Mit diesen Ersten an Christus Glaubenden und ihn Liebenden sinkt die Kirche anbetend an der Krippe nieder. Und so dürfen auch wir persönlich es halten, damit auch wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi, wie der hl. Apostel Paulus einmal sagt (2 Kor 4,6).

           

Im Wort Gottes und den Gebeten der drei Weihnachtsmessen geht es also um das Christusgeheimnis, es geht um die Frage: Wer ist denn dieses Kind in der Krippe? Der von Gott geoffenbarte Glaube erkennt und bekennt eine dreifache Zeugung Christi.

           

1) Die erste Zeugung ist die ewige Zeugung des Sohnes Gottes aus dem Vater. In der Mette heißt es im Introitus, dann wird es öfter wiederholt: „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ Das ist eine Messias-Verheißung aus den Psalmen. Das Kind in der Krippe ist nicht irgendein Menschenkind, ein Kind dieser Welt. Das Kind in der Krippe ist der ewige Sohn Gottes, von Ewigkeit her aus dem Vater gezeugt. Im Evangelium der dritten Weihnachtsmesse, das wir vorhin hören durften, wird dieses Geheimnis der ewigen Zeugung des Sohnes Gottes aus dem Vater entfaltet: Im Anfang war das Wort – Christus, der Sohn Gottes – und das Wort war bei Gott – beim Vater – und das Wort war Gott – schon im Anfang war es bei Gott – der Sohn beim Vater. Hier geht es um das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, um das Geheimnis Gottes schlechthin. Der Sohn Gottes wurde von niemand geschaffen. Er ist von Ewigkeit her aus dem Vater gezeugt, dh er geht von Ewigkeit her aus dem Vater hervor. Sohn Gottes von Ewigkeit. Im Tagesgebet der dritten Weihnachtsmesse wird Christus bezeichnender Weise als „Einziggezeugter“ angesprochen.

           

2) „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ Die zweite Zeugung ist die Zeugung des Sohnes Gottes in der Zeit aus dem jungfräulichen Schoß der Gottesmutter Maria. Der Introitus der dritten Weihnachtsmesse, die wir jetzt feiern, beginnt: „Puer natus est/ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ Das Weihnachtsevangelium in der Heiligen Nacht und in der Hirtenmesse bezeugt diese Geburt in der Zeit. Das Kind in der Krippe ist nicht irgendein Fabelwesen, nicht irgendein unbestimmbares Wesen aus einem griechischen oder außerbiblischen Mythos, nicht irgendeine Gottheit, die sich in einen menschlichen Leib hinein verwandelt. Der ewige Sohn Gottes, der die Zeit erschaffen hat, der über der Zeit steht, hat sich eine menschliche Mutter erwählt, um in die Zeit einzutreten, um in der Zeit seine ungeschaffene Göttliche Natur mit unserer geschaffenen menschlichen Natur zu vereinigen. Das Geheimnis der Fleischwerdung Gottes um unserer Erlösung willen. „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,18), heißt es schlicht im Johannesprolog.

           

Diese beiden Zeugungen des Sohnes Gottes – ewig aus dem Vater – in der Zeit aus dem Schoß der Gottesmutter Maria – sind übernatürlich und für uns unfassbar, Glaubensgeheimnis im strengen Sinn. Ein Geheimnis ist das ewige Hervorgehen des Sohnes aus dem Vater. Ein Geheimnis ist die jungfräuliche Empfängnis Christi durch den Heiligen Geist in Nazareth. Ein Geheimnis ist die jungfräuliche Geburt Christi in Bethlehem, wo Maria nicht wie eine gewöhnliche Frau geboren hat. In einem eigenen Gebetseinschub im Kanon bekennt die Kirche während der gesamten Weihnachtsoktav das Geheimnis der jungfräulichen Geburt Christi: „Wir feiern die hochheilige Nacht/den hochheiligen Tag, an dem die selige Maria in unversehrter Jungfräulichkeit der Welt das ewige Licht geboren hat.“ Die Glaubenslehre über diese beiden Zeugungen des Sohnes Gottes hätte kein Mensch erfinden oder ausdenken können. Das sind zwei große Lichtstrahlen, die uns erleuchten zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.

           

3) „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ Was hat diese hohe Theologie mit unserem Leben zu tun? Sehr viel. Analog zu diesen zwei Zeugungen des Sohnes Gottes spricht die Kirche noch von einer dritten Zeugung Christi, wie gesagt nur analog, im übertragenen Sinn. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um auch in uns gezeugt zu werden. Das ist natürlich nicht so gemeint wie die Zeugung aus der Gottesmutter Maria in der Zeit, die einzigartig und unwiederholbar ist. Die Zeugung des Sohnes Gottes in uns meint: Christus will sich gnadenhaft mit uns vereinigen, er will unser Heiland, unser Erlöser werden, um uns von der Sünde und dem ewigen Tod zu erlösen.

           

Diese Zeugung des Sohnes Gottes in uns geschieht ganz konkret durch die heilige Taufe. In der hl. Taufe erfüllt sich das Wort Christi: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3,5). Auch im Johannesprolog, der uns heute verkündet wird, ist dieser Vorgang angedeutet: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12-13). Angelus Silesius sagt darüber: „Wäre Christus tausend Mal in Bethlehem geboren und nicht in dir, so wärest du dennoch ewiglich verloren.“

           

Die Zeugung des Sohnes Gottes in uns durch das Sakrament der hl. Taufe meint also die innere Neuschöpfung des Menschen, die Verbindung mit dem Sohn Gottes und dem Dreifaltigen Gott in der heiligmachenden Gnade. Ein Neugetaufter darf im übertragenen Sinn voller Freude das Wort auf sich beziehen: „Du bist mein Sohn – meine Tochter – heute habe ich dich gezeugt.“

           

Die dreifache Zeugung des Sohnes Gottes. Die Kirchenväter des ersten Jahrtausends haben in ihren Weihnachtspredigten immer wieder über diese dreifache Zeugung des Sohnes Gottes, über diese drei Geheimnisse, gepredigt, denken wir zB an einen hl. Athanasius, Basilius, Gregor von Nazianz, Leo der Große, Gregor der Große. Die Kirchenväter mussten diese Geheimnisse auch gegen die frühchristlichen Irrlehren verteidigen. Heute müssen wir diese Geheimnisse verteidigen: Gegenüber dem Synkretismus, der Vermischung und Gleichmacherei der Religionen und Konfessionen, gegenüber einer Welteinheitsreligion, an der gebaut wird usw. In solchen religiösen Lehren und Vorstellungen ist für die Fleischwerdung Gottes, für den Welterlöser Jesus Christus mit seinem Gnaden-, Wahrheits- und Absolutheitsanspruch, seine Gnadenvermittelnden Sakramente… kein Platz.

           

Weihnachten stärkt uns, diese drei Zeugungen des Sohnes Gottes, diese drei großen Geheimnisse, im Glauben festzuhalten: Die Allerheiligste Dreifaltigkeit, die Gottheit Christi, die Fleischwerdung Gottes, die heiligen Sakramente. „Mein Sohn bist du, HEUTE habe ich dich gezeugt.“ Freuen wir uns und danken wir, dass uns immer wieder neu durch die Kirche ein HEUTE geschenkt wird, heute ist Christus unser Erlöser, mein Erlöser. Gehen wir in den weihnachtlichen Festtagen gerne zum Erlöser an die Krippe, tragen wir alles zu ihm hin was uns am Herzen liegt, was uns belastet und Sorgen bereitet, was der Erlösung bedarf. Wir als einzelne Menschen haben nicht für alles und jedes eine Lösung zu bieten. Doch der Erlöser JESUS CHRISTUS kann alles erlösen und lösen.

           

„Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ Kommt, lasset uns anbeten. Amen.

           

(*) Hl. Papst Gregor d. Gr., 8. Homilie über die Evangelien, Abschnitt 1

           

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