348) Hochfest Maria Unbefleckte Empfängnis 2019: DAS GEBETE MARIAS - WESENSELEMENTE CHRISTLICHEN BETENS

Hochfest Maria Unbefleckte Empfängnis 2019

„DER ENGEL TRAT BEI MARIA EIN UND SPRACH. MARIA SPRACH ZU DEM ENGEL“

(Lk 1,28.34)

DAS GEBET MARIAS – WESENSELEMENTE CHISTLICHEN BETENS

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Du Gnadenvolle! Wegen diesem kleinen Wort hat die Kirche für heute das Evangelium von der Verkündigung ausgewählt. Der Erzengel Gabriel spricht diesen Gruß, der Absender ist Gott Vater. Gott selber lässt Maria so grüßen. Gnadenvolle wird der Eigenname Mariens. Die Kirche ist im Laufe der Zeit tiefer in dieses Wort Gottes eingedrungen. So erkennt die katholische Schriftauslegung: Das Freisein Mariens von der Erbschuld, der Inhalt des heutigen Hochfestes, ist in dieses Gnadenvolle mit eingeschlossen. Jeder Getaufte ist durch hl. Taufe und hl. Firmung von Gott begnadet. Doch Maria allein hat die Fülle der Gnade, sie ist die Gnadenvolle, wegen ihres Freiseins von der Erbschuld und jeder persönlichen Sünde.

           

Die heiligen Worte von der Verkündigung, die wir heute hören durften, sagen uns viel über Maria als Mensch. Die Verkündigung zeigt uns auch etwas über das Beten der Gottesmutter. Wie hat Maria gebetet? Was können wir von der Gottesmutter für unser Beten lernen? Ein Christ ist ja ein Mensch der zuerst betet, den Weg des Gebetes geht. Dazu heute eine adventliche Besinnung. Ganz grundsätzlich hat Maria gebetet, so wie die Gläubigen des auserwählten Volkes Israel gebetet haben. Das Beten und Betrachten der Israeliten war vom Wort Gottes erleuchtet und geleitet, vor allem durch die Psalmen. Doch wollen wir ein wenig genauer auf das Beten Mariens schauen. Wir wollen drei wesentliche Aspekte des christlichen Gebetes betrachten, die wir bei Maria vorgebildet sehen.

           

1) Christliches Gebet als personaler Vorgang

           

„Der Engel trat bei Maria ein und sprach. Da sagte Maria“. Hier erleben wir einen Gruß, eine Anrede, das Hören Mariens, dann ihre Antwort. Es findet ein Gespräch statt zwischen dem Boten des Himmels und Maria. Hier erkennen wir den Kern des christlichen Betens. Gebet ist ein personaler Vorgang. Gebet ist ein Vorgang von Person zu Person, vom ich zum Du, von meiner Person zum Du Gottes. Ein personaler Austausch, eine Hinwendung vom ich zum Du Gottes.

           

Das klingt für uns ganz selbstverständlich, ist es jedoch nicht. Dieser Kern des christlichen Betens, das Personale, unterscheidet sich sehr von nichtchristlichen Gebetsformen, die sich übrigens bei uns vermehrt ausbreiten. Asiatische, zB buddhistische Gebets- und Meditationsformen sind das Gegenteil vom christlichen Gebet. Solches begegnet uns zB auch im Reiki, im Yoga, und der ganzen Esoterik. Bei solchen Gebetsformen, zB im Buddhismus, der ja keinen persönlichen Gott kennt, wendet sich der Mensch nicht dem Du Gottes zu. Der Mensch wendet sich zu sich selber, konzentriert sich auf sich selbst. Hier geschieht Beschäftigung mit sich selbst, Konzentration auf sich selbst, Pflege von Egozentrik. Christliches Beten ist solchen Praktiken radikal entgegengesetzt. Christliches Beten ist ein personaler Vorgang, wo wir unser ich, unser Herz, öffnen auf das Du Gottes hin. Das christliche Beten erlöst uns von der Selbstbeschäftigung, von der Egozentrik.

           

Gebet – ein personaler Vorgang. Die Verkündigung zeigt uns noch einen Teilaspekt. Die Anrede Gottes durch den Engel und die Antwort Mariens ist in die Liebe eingebettet. Gott spricht uns Menschen an, weil er uns liebt, und im Gebet geben wir Menschen ebenfalls eine Antwort der Liebe. Mit anderen Worten: Gebet als personaler Vorgang hat mit dem Herzen zu tun, Gebet ist eine Angelegenheit der Beziehung, genauer: der Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch. Wenn wir den Weg des christlichen Gebetes gehen wollen, müssen wir uns um die Liebe zu Gott bemühen, um die Beziehung zu Gott. Gebet braucht Liebe zu Gott. Umgekehrt: Es ist das Gebet, das diese Liebe nährt und aufbaut.

           

Auch dieser Aspekt – Gebet als Liebesbeziehung - ist nicht selbstverständlich. Das ist wieder eine Besonderheit des christlichen Gebetes. ZB bei fernöstlichen oder buddhistischen Gebetsmethoden geht es nicht um die Liebe zu Gott, den es ja als Person nach diesen Lehren nicht gibt.

           

2) Christliches Gebet ist vernunftgemäß

           

Die Verkündigung zeigt uns ein weiteres sehr wichtiges Merkmal christlichen Betens: Gebet ist immer vernunftgemäß. Was sich bei der Verkündigung zwischen Gott und Maria ereignet, ist Gebet in höchster Reife, direkte Verbindung zwischen Gott und Maria: Gottes Anruf, Maria hört, sie denkt nach, überlegt, fragt nach „wie soll das geschehen“, dann antwortet sie „mir geschehe nach deinem Wort“. Was sich hier zwischen Gott und Maria ereignet, ist alles andere als ein Spektakel, ein Event, eine äußere Sensation, eine Ekstase usw. Im Gegenteil: Dieser Austausch zwischen Gott und Maria geschieht zu 100 % auf der Ebene der gesunden menschlichen Seelenkräfte, kurz: auf der Ebene der nüchternen Vernunft. Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes ist so etwas Unfassbares, dass Maria ganz bei Verstand und Wille sein muss, um dann in Liebe und ganz persönlich zu diesem Geheimnis Gottes zustimmen zu können.

           

Von dem her hat die Kirche immer gelehrt: Christliches Gebet muss vernunftgemäß sein. Maßstab des christlich-kirchlichen Betens ist die Liturgie, vor allem der offizielle Gottesdienst der Kirche. Die Kirche hat in der Liturgie immer darauf geachtet, dass das Beten, Singen und Feiern beim Gottesdienst vernunftgemäß ist. Wenn also zB Nichtkatholiken einen katholischen Gottesdienst erleben, werden sie viele Zeremonien und Inhalte nicht verstehen, sie sollen jedoch nicht den Eindruck haben, dass jene, die da feiern, ein unvernünftiges oder „verrücktes“ Handeln pflegen. Alle liturgischen Gebete der Kirche sind vernunftgemäß, jeder denkende Mensch kann diese Gebete nachlesen, überprüfen, sich mit deren Inhalten auseinandersetzen. Übrigens: Die lateinischen Gebete der Kirche und ihre Übersetzungen sind reiner Glaube auf der nüchternen Ebene der Vernunft. Auch der menschliche Körper ist in das vernunftgemäße Beten eingebunden. Die Kirche hat immer darauf achtgegeben, dass sich beim Gottesdienst keine körperlich unvernünftigen Verhaltensweisen einschleichen wie zB herumhüpfen, tanzen, schreien, kreischen, sich am Boden wälzen usw. Ein Zeichen für das vernunftgemäße Beten der Kirche ist seit der Zeit der Apostel die Orantenhaltung des Priesters. Bei der Orante hebt der Priester seine Hände niemals über seinen Kopf empor, auch die Gläubigen sollen das nicht tun – christliches Gebet darf den Kopf, die Vernunft, nicht übersteigen.

           

3) Christliches Gebet meidet die Erregung – „Gott ist nicht in der Erregung“ (hl. Thomas von Aquin)

           

Das vernunftgemäße Beten ist mit noch einer Eigenschaft verbunden – es ist frei von Erregung. Der hl. Thomas von Aquin formuliert es so: „Gott ist nicht in der Erregung.“ Wie sollen wir das verstehen? Die Erregung, die hier angesprochen ist, meint die Erregung des durcheinandergeratenen Gefühls, die Erregung einer oberflächlichen Stimmung, die oberflächliche Erregung der menschlichen Sinne und Leidenschaften usw. In den gesteigerten Formen zeigt sich diese Erregung in einer „high-Stimmung“, bis hin zu einem Trance Zustand, wo der Mensch nicht mehr Herr seiner Selbst ist, Vernunft und Wille nicht mehr unter seiner Kontrolle hat; am Gipfel solcher Verirrungen geben Menschen lallende und kreischende Laute von sich, eventuell gar am Boden liegend. Solche Verirrungen finden sich leider auch in manchen „Gottesdiensten“, die mehr den Charakter von Events und Jahrmärkten haben, denn das Heilige eines Gottesdienstes. Schlimm ist, wenn solche gefühlsvollen Erregungen dann mit dem Wirken des Heiligen Geistes verwechselt werden. Der Heilige Geist, der uns das wahre Beten lehrt, ist der Geist der Heiligkeit, der der personalen Gottesbeziehung, der Geist der Vernunft, der Geist der Ordnung. Christus sagt: „Die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4,23). Das Anbeten in der Wahrheit meint die Übereinstimmung von Gebet und Leben. Das Anbeten in der Wahrheit meint auch die Übereinstimmung mit unseren gesunden seelischen und körperlichen Fähigkeiten. Die selige Martyrin Maria von Jesus, Gründerin der Töchter des Herzens Jesu (Kloster Basilika Hall) sagte über das Gefühl beim Beten: „Nicht das, was wir fühlen, sondern das, was wir tun, macht unser Verdienst aus und beweist Gott unsere Liebe!“ (*). Das gilt im Alltag, aber noch viel mehr für das Heilige Messopfer und unser persönliches Beten.

           

Selbstverständlich gibt es auch eine gesunde emotionale Ergriffenheit, Gefühle gehören zu unserem Leben dazu, doch das ist nicht die Erregung, die der hl. Thomas meint. Der Unterschied zwischen beiden Formen: Die „heilige Erregung“ ist nichts Oberflächliches, keine Stimmung, sondern eine Erhebung der Seele und der Seelenkräfte, die Seele bleibt dabei im Frieden Gottes, nüchtern, im vollen Besitz von Vernunft und Wille, so wie das Beten der Gottesmutter Maria.

           

In allen drei Wesensaspekten, die wir jetzt bedacht haben, werden wir in unserem christlichen Beten bedrängt und irregeleitet. Gebet als personaler Vorgang wird bedrängt durch östliche und esoterische Gebets- und Meditationspraktiken, die auch in unserem Land in großer Zahl als Kurse und Übungen angeboten werden. Vernunftgemäßes Beten wird bei Gottesdiensten bedrängt durch unvernünftige Elemente in Gebet, Lied und Verhalten. Gebet, das falsche Erregung meidet, wird bedrängt durch eine „Religion des Gefühls“, durch die Überbewertung der persönlichen Gefühle und „Erfahrungen“, durch den Subjektivismus. (**)

           

Die Gottesmutter Maria bei der Verkündigung – unser Vorbild für christliches Beten:

           

Christliches Gebet ist ein personaler Vorgang, eingebettet in die Liebe.

Christliches Gebet ist vernunftgemäß.

Christliches Gebet sucht nicht die Erregung: „Gott ist nicht in der Erregung.“

           

Maria, hilf uns beten, so wie Du gebetet hast. Amen.

           

(*) Martiny-Deluil Maria / Selige Maria von Jesus: Briefe der Dienerin Gottes Mutter Maria von Jesus, Buchdruckerei Gebrüder Oberholzer, Uznach, 1956, 3. Auflage.

           

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 15. Oktober 1989, am Fest der heiligen Theresa von Jesus.

           

(**) Sehr aufschlussreich zu dieser Thematik ist das folgende Dokument des kirchlichen Lehramtes von Papst Johannes Paul II.: KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, SCHREIBEN AN DIE BISCHÖFE DER KATHOLISCHEN KIRCHE, ÜBER EINIGE ASPEKTE DER CHRISTLICHEN MEDITATION, 15. Oktober 1989

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