346) 33. Sonntag im Jahreskreis 2019) DER UNHEILVOLLE GRÄUEL AN HEILIGER STÄTTE

Sonntag nach Pfingsten 2019

„WENN IHR DEN UNHEILVOLLEN GRÄUEL AN HEILIGER STÄTTE SEHT“ (Mt 24,15)

CHRISTI WARNUNG UND TROST

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Wir merken an den Lesungen und Gebeten der Liturgie, dass das Kirchenjahr zu Ende geht. Es ist nicht leicht zu verdauen, was Christus uns da heute zumutet. Doch wir wollen uns seinen Worten stellen. Wenn wir genau hinhören: Christus spricht zunächst sehr deutliche Warnungen aus, dann gibt er uns den Blick und den Trost der christlichen Hoffnung. Wir können dieses Wort Gottes nur im Licht der katholischen Überlieferung verstehen und auslegen.

           

Wenn ihr den unheilvollen Gräuel, von dem der Prophet Daniel spricht, an heiliger Stätte seht.“ Dieses Christuswort ist zunächst ein prophetisches Wort, dh eine Enthüllung, eine Ankündigung von Dingen, die sich ereignen werden. Was meint Christus mit dem „Gräuel der Verwüstung“? Die Kirche erkennt eine historische und symbolische Bedeutungen. Die historische Bedeutung ist einfach zu erklären, schon die Kirchenväter, zB der hl. Irenäus von Lyon, sehen das so: Christus prophezeit den Untergang und die Zerstörung Jerusalems. Historisch ereignet sich das im Jahr 70 nach Christus unter Kaiser Titus. Mit „Heiliger Stätte“ ist der Tempel gemeint und die Stadt Jerusalem, für die Juden die Heilige Stadt. Der „Unheilvolle Gräuel“ meint die Römischen Heere, die im Heiligen Land ein riesiges Blutbad anrichteten. Dieses Blutbad beginnt in Qumran am Toten Meer, wo die Römischen Legionen von Süden her heranziehen und endet in Jerusalem, wo die Stadt dann von einem ganzen Wald von am Kreuz hingerichteten Juden umgeben ist. In Jerusalem tragen die Römischen Legionen ihre heidnischen Banner bis ins Allerheiligste des Tempels hinein, bevor sie dann das Heiligtum und die ganze Stadt dem Erdboden gleich machen. Jerusalem ist nach dieser Zerstörung für lange Zeit verwüstet und unbewohnt. Erst im Jahr 130 beginnen die Römer, die Stadt wieder zu besiedeln. Der „Unheilvolle Gräuel“ verweist auch auf zwei heidnische Tempel, die nach 130 von den Römern über Golgota und dem Heiligen Grab erbaut wurden, einen Jupiter- und Aphrodite Tempel. Übrigens: Ohne es zu ahnen, konservieren die Römer mit diesen beiden heidnischen Tempeln die uns Christen heiligen Orte Golgota und das Heilige Grab, bis dann im 4. Jahrhundert die hl. Kaiserin Helena an Stelle der heidnischen Tempel die ersten Gotteshäuser erbauen lässt.

           

Das prophetische Wort Christi vom „Unheilvollen Gräuel“ ist verbunden mit seinen Worten über die Endzeit und seine Wiederkunft am Ende der Zeiten. Deshalb dürfen wir dieses Wort nicht ausschließlich auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus beziehen. Diese Prophezeiung vom „Unheilvollen Gräuel“ gilt für die ganze Zeit des Alten und Neuen Bundes. Vor allem ist das Wort vom „Unheilvollen Gräuel“ eine Warnung Christi für die Endzeit. „Endzeit“ meint nicht kosmische Zusammenbrüche, die am Ende der Zeit einmal kommen werden. Die Endzeit ist eine Epoche, die mit der Geburt Christi beginnt und mit dem Jüngsten Gericht endet. Die Endzeit ist die Zeit Christi, es ist eine vom Heilswirken des Erlösers erfüllte Zeit, eine gesegnete Zeit, eine schöne Zeit. Doch in dieser christlichen Endzeit gibt es eben auch den „Unheilvollen Gräuel“, dh es gibt für die Gläubigen auch Bedrängnis und Verfolgung, manchmal mehr, manchmal weniger. Nach dem Ende der Christenverfolgung im Römischen Reich 313 hat die Kirche allgemein eine lange Friedenszeit, auch während dem ganzen Mittelalter. Erst mit der Französischen Revolution 1789 bis 1799 wird eine neue Epoche der blutigen Christenverfolgung eingeleitet. Ein „Unheilvoller Gräuel“ wird auch von der Französischen Revolution auch zeichenhaft errichtet. In der Kathedrale Notre Dame wird am Hochaltar eine Götzenstatue als „Göttin der Vernunft“ aufgestellt und angebetet. Während der 10 Jahre des Schreckensterrors sind in Frankreich das Heilige Messopfer und die christliche Gottesverehrung verboten und blutig verfolgt. Gegenwärtig erleben wir weltweit die größte Christenverfolgung aller Zeiten. Seit einigen Tagen hören wir, dass etliche Kirchen in Chile verwüstet werden. In Frankreich werden pro Tag zwei Kirchen geschändet, wie der Kardinal von Paris nach dem Brand von Notre Dame beklagte.

           

In alttestamentlicher Zeit gibt es im 2. Jahrhundert vor Christus eine sehr schlimme Verfolgung der gläubigen Juden, es ist die Zeit der Makkabäer. Der griechische König Antiochus IV. nennt sich Epiphanes, der „erschienene Gott“; Antiochus IV. ist ein „Unheilvoller Gräuel“ in Person. 167 vor Christus lässt er in Jerusalem den Tempel schänden, im Allerheiligsten eine Götzenstatue des Zeus aufstellen. Den Juden werden die Beschneidung, der Sabbat und die Glaubensfeste usw. verboten. Die alttestamentliche Makkabäer-Zeit, Zerstörung Jerusalems 70 nach Christus, Französische Revolution,  die heutige Blutige Christenverfolgung, das alles sind „Unheilvolle Gräuel“, in Form einer von außen kommenden Verfolgung des Glaubens und der Gläubigen.

           

 „Unheilvoller Gräuel an heiliger Stätte“ hat neben der historischen auch symbolische Bedeutungen. Die „heilige Stätte“, die heilige Stadt Jerusalem, ist ein Symbol für das Neue Jerusalem, das ist die heilige Kirche. Der „Unheilvolle Gräuel“ ist ein Symbol für große Gefahren, vor denen Christus die Kirche warnt. Es handelt sich um Gefahren, die zu allen Zeiten für das Volk Gottes eine Bedrohung werden können. Es sind Gefahren, die nicht von der Welt, von außen, kommen, sondern im Inneren der Kirche entstehen. Auf eine solche Gefahr weist uns Christus im heutigen Evangelium hin:

a) Der „Unheilvolle Gräuel“ sind die „falschen Christusse“ und die „falschen Propheten“. Falsche Propheten sind diejenigen Amtsträger oder Laien, die Häresie oder Irrlehre verkünden. Wer einen Glauben verkündet, und dabei den Anspruch Christi von der Entscheidung für den Glauben, von der Notwendigkeit der Bekehrung, von der Kreuzesnachfolge, vom möglichen Heilsverlust usw. ausklammert, der ist ein falscher Prophet.

b) Der „Unheilvolle Gräuel“ ist in der Kirche dort vorhanden, wo sich Götzendienst ausbreitet, oder gar Götzenbilder in Kirchen hinein getragen werden. Der Prophet Jeremias zB muss im 6. Jh.v. Christus das Volk Israel aufrufen, die heidnische Götzenverehrung aufzugeben, der man verfallen ist. Man geht am Sabbat zum Tempelgottesdienst, gleichzeitig werden heidnische Gottheiten angebetet, wie zB der Baal, die Aschera, die Sterne, im Tempel wird Tempelprostitution getrieben usw. Es gibt im Leben der Kirche Zeitepochen, wo die Getauften an Stelle der wahren Gottesverehrung heidnische Vorstellungen und Kulte pflegten, wie zB im ausgehenden Spätmittelalter, vor der Reformation, wo in den deutschen Sprachraum alte germanische, heidnische Praktiken eindrangen. Doch wir brauchen gar nicht die Gläubigen früherer Zeiten heranziehen. Wie schaut es heute aus? Wenn wir daran denken, welche neuen „Feste“ faktisch den Sonntag und die christlichen Feiertage in unserem Land abgelöst haben: Nudelfest, Kaiserschmarrnfest, Knödelfest, Gassenfest, Adlerfest, Krampusfest, Halloween, usw. Sind solche Entwicklungen, im Ganzen gesehen, nicht auch – um in der Ausdrucksweise der Heiligen Schrift zu bleiben - eine Art von Götzenkult?

c) Ein „Unheilvoller Gräuel“ ist auch die Profanisierung des Heiligen in der Kirche, im Gotteshaus, in der Liturgie... Die heutige Kirche ist daran nicht ganz unschuldig. Manche unklare liturgische Weisungen vor 50 Jahren öffneten die Tür zu vielen Missbräuchen. Zwei Päpste sind der Profanisierung des Heiligen entschieden entgegengetreten: Papst Johannes Paul II. 2004 mit der Instruktion Redemptionis sacramentum, Papst Benedikt XVI. 2007 mit dem Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis. Beide päpstlichen Weisungen sind, vor allem im deutschen Sprachraum, ziemlich ignoriert worden, leider bis heute.

           

Wie sollen wir mit dem „Unheilvollen Gräuel an heiliger Stätte“ umgehen? Der „Unheilvolle Gräuel“ im Sinn der von außen kommenden Christenverfolgung: Die verfolgten Christen können nur erdulden, erleiden und mit Gottes Hilfe standhalten, und wir für sie beten.

           

Beim „Unheilvollen Gräuel“, der von Gläubigen selber verursacht ist – Häresie, Götzendienst, Profanisierung des Heiligen – da haben wir schon etwas zu tun. Hier sind zuerst wir Priester gefordert. Der heilige Apostel Paulus lehrt: „Als Diener Christi soll man uns betrachten und als Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1). Der Priester muss das Heilige schützen, alles vom Gottesdienst und vom Gotteshaus fernhalten, was gegen das Heilige gerichtet ist. Der Priester, nach dem Kirchenrecht vor allem der Pfarrer, muss durch eine klare katholische Verkündigung auch den Glauben schützen und verteidigen.

           

Doch nicht nur wir Priester, jeder Getaufte und Gefirmte hat den Auftrag, nach seinen Möglichkeiten den Glauben, die Sakramente, das Heilige zu schützen und sich dafür einzusetzen. Das tun wir zuerst durch unser gutes Beispiel. Doch ist es heute sicher nötig, auch öffentlich etwas zu sagen und zu tun. Kardinal Gerhard Ludwig Müller wurde heuer in einem Interview sehr konkret als er gefragt wurde: Wie sollen Katholiken reagieren, wenn sie bei einer Heiligen Messe Missstände, also einen „Unheilvollen Gräuel“ erleben; der Kardinal sagte: „Sie müssen öffentlich protestieren. Sie haben das Recht, wegzugehen oder- wenn sie sich dazu fähig fühlen, zu sprechen: Ich protestiere gegen die Desakralisierung der Hl. Messe. Ich bin gekommen, um die Katholische Messe zu feiern, nicht um an irgendeiner Konstruktion von Messe durch einen Priester, der nichts vom Katholischen Glauben weiß, teilzunehmen“  (*).

           

Der Blick der Hoffnung, den Christus uns gibt. Um der Auserwählten willen werden die Zeiten des „Unheilvollen Gräuel“ auch abgekürzt. Gottes Erbarmen kommt uns immer wieder zu Hilfe, dass diese Notzeiten vorbei gehen. Noch einige konkrete Weisungen Christi: Den falschen Christussen und den falschen Propheten sollen wir keinen Glauben schenken und zu ihnen nicht hingehen. Und: wir sollen „in die Berge fliehen“. Das können wir so deuten: Angesichts der „Unheilvollen Gräuel“ in der Kirche und Gesellschaft sollen wir auf die Höhe der Berge steigen, dh bleiben wir auf der Höhe des wahren Glaubens, auf der Höhe der wahren Gottesverehrung, auf der Höhe des Heiligen, gehen wir nicht in die Täler der Gräuel, lassen wir uns nicht hinunterführen und nicht hinunterziehen, bleiben wir auf der Bergeshöhe dessen, was die Kirche immer gelehrt, immer geglaubt, immer gebetet und immer gefeiert hat. Dann haben wir Schutz.

           

Das zweite Vatikanische Konzil sagt uns, zuerst den hl. Augustinus zitierend (**):

           

„Die Kirche <schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin> (Augustinus) und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird.“ Amen.

           

 (*)   Interview mit S. Eminenz Gerhard Kardinal Müller, Rom, 3.2. 2019

 (**) Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Kirche, Lumen gentium, aus Abschnitt 8

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