342) Hochfest Allerheiligen 2019 - Gräbersegnung: CHRISTLICHE BESTATTUNG - ERDE ODER ASCHE?

Hochfest Allerheiligen 2019

 „JOSEPH NAHM DEN LEICHNAM [JESU …],

DANN LEGTE ER IHN IN EIN NEUES GRAB“ (Mt 27, 59-60)

DIE CHRISTLICHE BESTATTUNGSFORM – ERDE ODER ASCHE?

Predigt von Pf. Stephan Müller bei der Vesper zur Gräbersegnung

           

Wir sind heute zusammengekommen, um die Gräber unserer Verstorbenen zu besuchen, uns mit ihnen verbunden zu wissen und für sie zu beten. Ich möchte Euch einladen, mit mir heute über die christliche Bestattungsform nachzudenken. Mehrere Gründe bewegen uns, diese Thematik aufzugreifen. Wir erleben im europäischen Raum eine immer größere Ausbreitung der Feuerbestattung, auch in unserem Land ist das so. Vor kurzem berichtete mir in einem Gespräch jemand aus einer Tiroler Gemeinde, dass dort bereits etwa 90 % der Bestattungen durch Verbrennung und Urnenbeisetzung geschehen. In meiner Pfarre ist es – Gott sei Dank – noch umgekehrt. An dieser Ausbreitung der Feuerbestattung ist auch die Kirche nicht ganz unschuldig. Seit Jahrzehnten gibt es leider nicht geringe Defizite in der kirchlichen Verkündigung über die Glaubenswahrheiten der Eschatologie, der Letzten Dinge (Tod, persönliches Gericht, Himmel, Hölle, Fegfeuer, Jüngstes Gericht). Was nicht mehr verkündet und thematisiert wird, geht verloren.

           

Eine kleine Vorbemerkung. Mit den heutigen Ausführungen möchte ich niemand persönlich nahetreten, der für seine Angehörigen die Form der Feuerbestattung gewählt hat. Doch etwas ist für uns alle wichtig: In der Frage der Bestattung unserer Verstorbenen sollten wir als Katholiken wieder das spezifisch Christliche im Blick haben. Wenn das, was ich heute anspreche, eine Anregung ist, sich mehr und tiefer mit den Letzen Dingen und mit der christlichen Bestattungsform zu befassen, dann freut mich das. Ich verweise auf eine kleine Broschüre eines Mitbruders:  „Die christliche Bestattungsform, Erde oder Asche?“, die mir auch für diese Predigt eine Hilfe war. Sie ist am Schriftenstand erhältlich.

           

Wir erleben auch in unserem Land, wie spezifisch christliche bzw. katholische Lebensvollzüge vor unseren Augen verschwinden, verdunsten. Wenn die äußeren christlichen Zeichen verlorengehen, verlieren wir mit der Zeit auch deren Inhalte. Beides bedingt sich gegenseitig. Das äußere Zeichen verweist auf den Inhalt, der Inhalt verweist auf das äußere Zeichen. Eines ohne das andere kann auf Dauer nicht überleben. Ein paar Beispiele. Wo der christliche Sonntag äußerlich entschwindet – zB keine Sonntagsmesse, Einführung von Sonntagsarbeit – da entschwindet auch der Sonntag als Christustag, Tag der Auferstehung Christi, Glaubenstag, Kirchentag... Wo das Ehesakrament entschwindet, da entschwindet uns auch der Inhalt der christlichen Ehe. Wo die Zeichen des Glaubens und der Ehrfurcht entschwinden – zB das Kreuzzeichen, die Kniebeuge, die christlichen Grundgebete – da entschwinden auch die Glaubensinhalte. So etwas Ähnliches vollzieht sich seit Jahren im Bereich der Bestattung unserer Verstorbenen. Wo die spezifisch christlichen Zeichen der Bestattung entschwinden, da entschwindet mit der Zeit auch die christliche Eschatologie, dh es entschwinden uns die christlichen Glaubensinhalte vom Leben nach dem Tod.

Wir haben jetzt nicht die Zeit, uns ausführlich mit den vor- und außerbiblischen Bestattungsformen zu befassen. Nur so viel sei gesagt: Die alten Römer kannten beide Formen; vor und nach der Christi Geburt und während der ersten christlichen Jahrhunderte, war im Römischen Reich vor allem die Feuerbestattung im Trend. Im außereuropäischen Raum ist die Feuerbestattung vor allem in Indien und in den vom Hinduismus geprägten Kulturen beheimatet. Kurz: Die Feuerbestattung – die Verbrennung der Toten – war nie eine christliche Bestattungsform, sie ist eine heidnische Bestattungsform. Das müssen wir klar in unserem Bewusstsein festhalten.

           

Die Christen haben sich von der ersten Generation an, seit der Zeit der Apostel, von der Feuerbestattung distanziert und die Erdbestattung praktiziert. Der Brauch der Erdbestattung ist ein bleibendes Kennzeichen der christlichen Grabstätten. Das wurde im Abendland von den Urchristen bis in die Neuzeit flächendeckend überliefert. Erst bei der Französischen Revolution wurden erstmals massive Versuche unternommen, die christliche Erdbestattung in Frage zu stellen und die Feuerbestattung einzuführen. Im 19. Jahrhundert haben freidenkerische und freimaurerische Kreise die Feuerbestattung forciert, als bewusste Provokation und Ablehnung des christlichen Auferstehungsglaubens.

           

Wir können uns jetzt nicht mit Für und Wider der beiden Bestattungsformen befassen. Was für uns wertvoll ist: Was sind die Glaubensgründe für die christliche Erdbestattung? Versuchen wir kurz, diese Glaubensgründe zu erfassen.

           

1) Das Beispiel Christi. Wer ist ein Christ? Ein Christ ist ein Mensch, der Christus nachfolgt, im Leben und im Sterben. Als Christen wollen wir immer auf Christus schauen, den Sohn Gottes und Erlöser. Was sagt er uns? Was ist Sein Beispiel? Christus ist nach seinem Hinscheiden am Kreuz für uns den Weg in das Grab gegangen. Er hat das Grab für uns zum Zeichen der Hoffnung gemacht. Diesem Beispiel Christi folgen wir. Wir wollen als Christen nach dem Wort und Beispiel Christi handeln. „Wer mein Jünger sein will, der folge mir nach“ (Lk 9,23).

           

2) Das Beispiel der jüdischen Tradition. Die Christen haben die Offenbarungen des Alten Bundes aufgenommen und mit ihnen auch Ausdrucksformen des Glaubens: ZB die Psalmen, die sieben Tagzeiten, die Grundstruktur des täglichen Gebetes, die Segnungen… Die Christen haben auch die Bestattungsform der Gläubigen des Alten Bundes übernommen. Die Erdbestattung ist also nicht nur eine rein christliche Bestattungsform, sie ist, recht ausgedrückt, die jüdisch-christliche Bestattungsform. Die Erdbestattung hat ihre letzte Verwurzelung in der Offenbarung des Alten und Neuen Bundes.

           

3) Die Würde des menschlichen Leibes als Tempel des Heiligen Geistes. Jeder menschliche Leib hat die Würde der Person. Für die Christen kommt dazu: Durch die heilige Taufe wird der menschliche Leib, wie der hl. Paulus lehrt, ein Tempel des  Heiligen Geistes (1 Kor 6,19). Die Christen hatten von Anfang an für diese Würde des Leibes ein gläubiges Empfinden. Den Leib als Tempel Gottes will man, auch wenn er „ausgedient“ hat, nicht zerstören. Man legt ihn ehrfurchtsvoll in ein Grab, so wie Josef von Arimathäa den Leichnam Christi in Leinenbinden hüllt und in einem Grab beisetzt. Der katholische Beerdigungsritus bringt diese Glaubenswahrheit vom Leib als Tempel des Heiligen Leibes in schönen Zeichen zum Ausdruck. Der Priester umschreitet den Leib des Verstorbenen wie einen Gottestempel, mit Weihwasser und Weihrauch segnend. Das ist ein ganz besonderes Zeichen, das zum Ausdruck bringt: „Dein Leib war Gottes Tempel.“ Es gibt keine Religion, in welcher die Leiber der Toten mit solcher Würde und Ehrfrucht umgeben werden als beim katholischen Begräbnis.

           

4) Der Glaube an die Auferstehung des Fleisches. Hier geht es um das Eingemachte. Christlicher Heilsglaube umfasst den ganzen Menschen, Seele und Leib. Wir glauben an die Auferstehung des Fleisches. Der menschliche Auferstehungsleib wird eine Neuschöpfung Gottes sein, ein verklärter Leib, wie der Auferstehungsleib Christi. Wir erwarten diese Auferstehung des Leibes am Jüngsten Tag. Natürlich ist es für die Auferstehung des Fleisches bedeutungslos, wie der Leib des Menschen zur Auflösung gelangt. Es geht um das Zeichen, das den Glauben an die Auferstehung des Fleisches zum Ausdruck bringt. Wir brauchen die Zeichen, die diesen Glauben zum Ausdruck bringen, damit uns dieser Glaube erhalten bleibt. Es geht auch im Blick auf die Bestattung der Verstorbenen darum, dass wir das Eigene und Besondere des Christlichen innerlich und äußerlich bewahren, für uns selber und zum Weitergeben an künftige Generationen. Wenn wir das spezifisch Christliche der Reihe nach aufgeben, was bleibt dann noch übrig?

           

Christus hat uns das Geheimnis vom Weizenkorn verkündet (Joh 12,24). Das Weizenkorn wird in die Erde gesenkt, während es verwest, ersteht es zu neuem Leben. Die christliche Erdbestattung will dieses Geheimnis ausdrücken. Das Grab, in das der Leib gelegt wurde, ist ein Zeichen für die Verwandlung des Leibes, ein  Zeichen für die Erwartung der Auferstehung des Fleisches.

           

Lassen wir uns von den Urchristen und den Christen alle Jahrhunderte bestärken, Christus, unseren Gott und Erlöser, zu glauben, Christus zu hoffen, Christus zu lieben, Christus nachzufolgen - im Leben, im Sterben und bei unserem Begräbnis. Amen.

           

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