338) 24. Sonntag im Jahreskreis 2019: DAS HL. MESSOPFER 14) SANCTUS-SANCTUS-SANCTUS

14. Sonntag nach Pfingsten 2019

JESUS „TRAT HINZU UND BERÜHRTE DIE BAHRE“ (Lk 7,14)

DAS HEILIGE MESSOPFER 14) SANCTUS, SANCTUS, SANCTUS

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Zu den Ereignissen, die uns am meisten nahegehen, zählt die Erfahrung des Todes uns nahestehender Menschen. Die Witwe von Naim trauert nicht nur um ihren einzigen Sohn. Auch ihre Lebenshoffnung wird mit ihm zu Grabe getragen. Als Witwe ohne Nachkommen ist ihr in Israel ein schweres Los beschieden, denn sie hat im damaligen Sozialsystem kein Einkommen, keine Absicherung, sie hat buchstäblich nichts mehr. Das Betteln wartet auf sie.

                                                       

Die Menschen von Naim sehen den Toten, er ist noch so jung, sie sehen die verzweifelte Mutter und weinen mit ihr. Der hl. Augustinus sagt in einer Auslegung dieser Begebenheit: Die Menschen sehen nur den körperlich Toten. Doch es gibt auch die geistig Toten, daran denkt man nicht, meint Augustinus. Das sind die beiden Formen von Toten: Die leiblich Toten und die geistig Toten. Der geistige Tod ist schlimmer als der leibliche Tod. Die menschliche Geistseele ist unsterblich. Trotzdem kann im Herzen die Liebe sterben, die Beziehungsfähigkeit, die Hoffnung, der Lebenssinn, die heiligmachenden Gnade; in Egozentrik ist der Mensch wie erlahmt und gefangen. Das ist der geistige Tod. Es ist der Zustand, den Christus im Gleichnis mit dem verlorenen Sohn beschreibt, von dem Er sagt: „Dein Bruder war tot“ (Lk 15,32). Das ist im Diesseits und im Jenseits der Seinszustand in der Gottesferne, der aus der Sünde kommt.

           

In Naim freut sich die Mutter über die Erweckung ihres toten Sohnes. Die Mutter Kirche, sagt Augustinus, freut sich unsagbar über die alltägliche Erweckung der geistig Toten. Gibt es das auch heute, dass Jesus zum Leben erweckt? Die Auferweckung der toten Leiber geschieht erst am Jüngsten Tag. Die Erweckung von geistig Toten geschieht alltäglich durch die Gnade Gottes und die Sakramente, wo Menschen von der Sünde zur Gnade schreiten. Jesus „trat hinzu und berührte die Bahre.“ Christus ist das Leben. Wer von ihm berührt wird, der empfängt Leben. Wo ist der Ort oder Raum, wo Christus uns Menschen berührt, um uns sein Leben zu schenken?

           

Eine zentrale Antwort gibt uns die Berufung des Propheten Isaias, die wir heute in der Lesung hörten (Isaias 6,1-13). Isaias hat bei seiner Berufung, es war im Jahr 728 v. Chr., ein tiefes Gotteserlebnis. Eine Gotteserfahrung ist für einen sterblichen Menschen immer etwas Unbeschreibliches. 1. Ist Gott selber ein Geheimnis, das uns Menschen übersteigt. Wir können Gott nicht begreifen, sonst wären wir ja größer als Er. 2. Es ist schwierig, solche Gotteserfahrungen in Worte zu fassen und anderen mitzuteilen.

           

Das Gotteserlebnis des Isaias war die Erfahrung der Heiligkeit Gottes. Er wird deshalb auch gerne der Prophet der Heiligkeit Gottes genannt. Das hebräische kadosch, lateinisch sanctus, deutsch heilig, meint die Erhabenheit Gottes, das ganz anders sein Gottes; heilig fasst alles zusammen, was uns in der Offenbarung über Gott gezeigt wird. Isaias darf also nicht nur etwas von Gott erfahren, er darf sozusagen den Kern des Geheimnisses Gottes erleben – nicht verstehen: Der erhabene Thron meint die Transzendenz und Erhabenheit Gottes, der Saum seines Gewandes, der den Tempel ausfüllt, können wir als das Erbarmen Gottes deuten, das aus seinem Herzen ausgeht; das Dreimalige kadosch/sanctus, das die Cherubim singen, ist auch ein Hinweis auf die Allerheiligste Dreifaltigkeit; Beben und Rauch sind Zeichen der Nähe Gottes. Bei dieser Vision erlebt der junge Isaias ein Mehrfaches: 1. Es wird ihm seine eigene Armseligkeit und Sündhaftigkeit bewusst: „Wehe mir, ich bin verloren; denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen“ (Isaias 6,5). 2. Isaias erfährt gerade im Heiligen die Barmherzige Liebe und das Verzeihen Gottes. Das ist gemeint, wo ein Engel eine glühende Kohle vom Altar nimmt und die Lippen des Propheten berührt (Isaias 6,6-7). 3. Nach dieser Reinigung empfängt der Prophet seine Berufung zum Propheten. Und Isaias ist als junger Mensch spontan bereit: „Hier bin ich, sende mich“ (Isaias 6,9).

           

Das – nennen wir es so – Sanctus-Erlebnis des Isaias ist die Antwort auf unsere Frage: Wie und wo berührt uns Christus, um uns Leben zu schenken? Der Ort oder Raum, wo Christus uns berührt, ist das Heilige. Das Heilige ist sozusagen der Lebensbereich Gottes und des Himmels. Immer, wenn Gott Menschen anrührt, anspricht, in seine Nähe ruft, in seine Nachfolge ruft, zur Umkehr ruft, vom geistigen Tod zum Leben ruft, geschieht das im und durch das Heilige.

           

Es gibt mehrere Bereiche, in denen wir das Heilige erfahren: Als Kirche haben wir das Heilige der Sakramente und der Liturgie, es gilt auch für Liturgie der Ostkirchen, wo es übrigens ungebrochen erhalten ist. Auch die Erfahrungen der menschlichen Güte und Liebe sind heilige Bereiche, in denen Gott Menschen anrührt. Auch das Kreuz in seinen verschiedenen Dimensionen, das wir im Leben zu tragen haben, ist ein heiliger Bereich, durch den Gott uns anspricht. Es gibt keinen anderen Bereich um von Gott angesprochen und berührt zu werden, als das Heilige.

           

Der Wirkungsbereich des Teufels ist das Unheilige, das Böse, das Hässliche, das Ungeordnete, das Chaotische usw. – eben das Gegenteil vom Heiligen. In der Feier der Sakramente das Heilige abzubauen ist für die Kirche nicht nur kontraproduktiv, es ist ein Irrweg, sogar eine Selbstzerstörung kirchlichen Lebens. Es ist ein Gebot der Stunde, auf das Heilige ein großes Augenmerk zu legen. Das Heilige der Sakramente, vor allem das Heilige Messopfer, ist der einzige Schutz den wir haben, um uns vor dem Gift zu schützen, das uns und unsere Kinder umgibt, und den Glauben zerfrisst.

           

Wir können das Leben aller Heiligen durchgehen. Bei allen werden wir solche Sanctus-Erlebnisse finden, wo Gottes Erbarmen sie berührt, belebt hat und gerufen hat. Die Erfahrung des Heiligen erreicht uns Menschen entweder im Zustand der Sünde. In diesem Fall ist das Heilige eine Einladung und eine Hilfe zur Bekehrung. Das Konzil von Trient nennt das eine unverdiente, erweckende und helfende Gnade, die auf den Sünder einwirkt; diese Gnade bewegt den Sünder zur Umkehr, zur freien Zustimmung und Mitwirkung mit dieser Gnade (*). Die Sakramentalen Orte, wo Gott Menschen vom geistigen Tod der Sünde zum Leben in der Gnade überführt, sind die hl. Taufe und die hl. Beichte. Oder die Erfahrung des Heiligen erreicht uns in der Gnade, im Gnadenstand, als Menschen, die den Weg des Glaubens bereits gehen. In diesem Fall empfangen wir durch das Heilige neue Gnaden, Kraft, Hilfe, Mut und Schutz.

           

Die Kirche hat das Sanctus-Erlebnis des hl. Propheten Isaias zu einem ihrer kostbaren Gebete gemacht: Das Sanctus. Es hat Eingang gefunden in das Te Deum/Großer Gott; in Exorzismus- Gebete: Wo sich die Heiligkeit Gottes offenbart, muss der Dämon weichen; vor allem beten wir das Sanctus beim Hl. Messopfer: Im Hl. Messopfer ist das Sanctus in der abendländischen Liturgie seit der ersten Hälfte des 5. Jahrhundert bezeugt. Das Mess-Sanctus hat zwei Teile: Das Sanctus und Benedictus. Der erste Teil ist der Sanctusgesang der Cherubim aus der Vision des Isaias. Wiederum werden wir an die Vereinigung von himmlischer und irdischer Liturgie erinnert. Der zweite Teil, das Benedictus, ist der Lobruf der Menschen beim Einzug Christi in Jerusalem. „Heilig, heilig, heilig, Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. Erfüllt sind Himmel und Erde von Deiner Herrlichkeit.“ Das Benedictus: „Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe.“

           

Das Mess-Sanctus ist wie eine Tür, durch die wir in den Kanon, das Hochgebet der Heiligen Messe eintreten. Erkennen wir diesen Zusammenhang: Das Sanctus führt uns, wie einst den Propheten Isaias, in das Heilige der Nähe Gottes. Dann wird bei der Hl. Wandlung das Heilige Opfer vollzogen, Christus kommt, still und verborgen, aber allmächtig, wirksam, der Kirche und der Welt Leben spendend. In der Tradition betet der Priester das Sanctus verneigt, anbetend. Beim Benedictus wird ein Kreuzzeichen gemacht, der Herr kommt in seinem Kreuzesopfer zu uns.

           

Unzählige katholische Komponisten haben dieses Geheimnis musikalisch zum Ausdruck gebracht: Im ersten, dem Isaias-Teil des Sanctus, die Dramatik und Spannung der für uns unbegreiflichen Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes. Im zweiten, dem Hosanna-Teil, die innige Liebe und Freude über den am Altar gegenwärtigen Christus, der gekommen ist, um uns zu berühren. „Benedictus qui venit in nómine Domini, Hosánna in excélsis!” Das Benedictus wird deshalb in der Tradition gerne unmittelbar nach der Heiligen Wandlung gesungen.

           

Jesus trat hinzu und berührte die Bahre. Beten und singen wir es gerne, das wunderbare Mess-Sanctus, das uns zum Heiligen führt, zum Ort und Raum, wo uns die Barmherzige Liebe Christi berührt. Amen.

 

(*) Konzil von Trient, Dekret über die Rechtfertigung, Kapitel 5

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