324) 4. Sonntag der Osterzeit 2019: BRIEF VON BENEDIKT XVI. 12.4.2019: KIRCHE UND SEXUELLER MISSBRAUCH 2) REVOLUTION 1968

4. (5.) Sonntag der Osterzeit

Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs

Brief von Papst Benedikt XVI. vom 12. April 2019

2) TEIL I: DIE REVOLUTION VON 1968 (Fortsetzung und Abschluss)

           

[Anmerkung: Die Zwischenüberschriften in Kursiv und Fettdruck sind zur thematischen Gliederung zusätzlich eingefügt.]      

           

Beispiel für einen häretischen Moraltheologen           

Unvergessen bleibt mir, wie der damals führende deutsche Moraltheologe Franz Böckle, nach seiner Emeritierung in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt, im Blick auf die möglichen Entscheidungen der Enzyklika "Veritatis splendor" erklärte, wenn die Enzyklika entscheiden sollte, daß es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine Stimme erheben. Der gütige Gott hat ihm die Ausführung dieses Entschlusses erspart; Böckle starb am 8. Juli 1991. Die Enzyklika wurde am 6. August 1993 veröffentlicht und enthielt in der Tat die Entscheidung, daß es Handlungen gebe, die nie gut werden können.           

           

Lehramtliche Entscheidung von Johannes Paul II.: Es gibt Handlungen, die in sich immer schlecht sind und nie gut werden können           

Der Papst war sich des Gewichts dieser Entscheidung in seiner Stunde voll bewußt und hatte gerade für diesen Teil seines Schreibens noch einmal erste Spezialisten befragt, die an sich nicht an der Redaktion der Enzyklika teilnahmen. Er konnte und durfte keinen Zweifel daran lassen, daß die Moral der Güterabwägung eine letzte Grenze respektieren muß. Es gibt Güter, die nie zur Abwägung stehen. Es gibt Werte, die nie um eines noch höheren Wertes wegen preisgegeben werden dürfen und die auch über dem Erhalt des physischen Lebens stehen. Es gibt das Martyrium. Gott ist mehr, auch als das physische Überleben. Ein Leben, das durch die Leugnung Gottes erkauft wäre, ein Leben, das auf einer letzten Lüge beruht, ist ein Unleben. Das Martyrium ist eine Grundkategorie der christlichen Existenz. Daß es in der von Böckle und von vielen anderen vertretenen Theorie im Grunde nicht mehr moralisch nötig ist, zeigt, daß hier das Wesen des Christentums selbst auf dem Spiel steht.

           

           

Die Kirche hat auch in Fragen der Moral Kompetenz

Es gibt ein Minimum an Moral, das unauflöslich mit dem Glauben verbunden ist und nicht zur Diskussion steht

           

In der Moraltheologie war freilich inzwischen eine andere Fragestellung dringend geworden: Es setzte sich weithin die These durch, daß dem kirchlichen Lehramt nur in eigentlichen Glaubensfragen endgültige Kompetenz ("Unfehlbarkeit") zukommt, Fragen der Moral könnten nicht Gegenstand unfehlbarer Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes werden. An dieser These ist wohl Richtiges, das weiter diskutiert zu werden verdient. Aber es gibt ein Minimum morale, das mit der Grundentscheidung des Glaubens unlöslich verknüpft ist und das verteidigt werden muß, wenn man Glauben nicht auf eine Theorie reduzieren will, sondern in seinem Anspruch an das konkrete Leben anerkennt. Aus alledem wird sichtbar, wie grundsätzlich die Autorität der Kirche in Sachen Moral zur Frage steht. Wer der Kirche in diesem Bereich eine letzte Lehrkompetenz abspricht, zwingt sie zu einem Schweigen gerade da, wo es sich um die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge handelt.

           

Es gibt das Eigene und Besondere der christlichen Morallehre           

Unabhängig von dieser Frage wurde in weiten Kreisen der Moraltheologie die These entwickelt, daß die Kirche keine eigene Moral hat und haben kann. Dabei wird darauf hingewiesen, daß alle moralischen Thesen auch Parallelen in den übrigen Religionen kennen würden und ein christliches Proprium daher nicht existieren könne. Aber die Frage nach dem Proprium einer biblischen Moral wird nicht dadurch beantwortet, daß man zu jedem einzelnen Satz irgendwo auch eine Parallele in anderen Religionen finden kann. Vielmehr geht es um das Ganze der biblischen Moral, das als solches neu und anders ist gegenüber den einzelnen Teilen.

           

           

Christliche Moral entspringt dem Gottesglauben

Das Leben nach den 10 Geboten Gottes bedeutet, den Gottesglauben auf das Leben anzuwenden           

Die Morallehre der Heiligen Schrift hat ihre Besonderheit letztlich in ihrer Verankerung im Gottesbild, im Glauben an den einen Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt und der als Mensch gelebt hat. Der Dekalog [die 10 Gebote Gottes] ist eine Anwendung des biblischen Gottesglaubens auf das menschliche Leben. Gottesbild und Moral gehören zusammen und ergeben so das besondere Neue der christlichen Einstellung zur Welt und zum menschlichen Leben.

           

           

Das Christentum ist ein Weg, eine Weise zu leben

Wir brauchen wieder katechumenale Gemeinschaften, in denen christliches Leben eingeübt wird, das ist zur Vorbereitung auf den Sakramentenempfang wichtig           

Im übrigen ist das Christentum von Anfang an mit dem Wort hodós beschrieben worden. Der Glaube ist ein Weg, eine Weise zu leben. In der alten Kirche wurde das Katechumenat gegenüber einer immer mehr demoralisierten Kultur als Lebensraum geschaffen, in dem das Besondere und Neue der christlichen Weise zu leben eingeübt wurde und zugleich geschützt war gegenüber der allgemeinen Lebensweise. Ich denke, daß auch heute so etwas wie katechumenale Gemeinschaften notwendig sind, damit überhaupt christliches Leben in seiner Eigenart sich behaupten kann.

           

Hier endet der Abschnitt I. des Briefes von Papst Benedikt.

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