320) Ostersonntag 2019: DAS KREUZ, DIE LEITER ZUM HIMMEL

Ostersonntag 2019

„IHR SUCHT JESUS VON NAZARETH, DEN GEKREUZIGTEN“

DAS KREUZ, DIE LEITER ZUM HIMMEL

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Die treuen Frauen aus dem engeren Kreis um Christus, allen voran Maria Magdalena, sind in aller Frühe die ersten am Grab. Die tiefere Liebe zeigt auch den größeren Eifer. Das ist immer so. Sie erleben das offene Grab und den Engel. Der Engel kommt ihrer Sprachlosigkeit zu Hilfe. „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.“ Ein aufschlussreiches Detail: Der Engel spricht zwar von der Auferstehung, er verweist die verängstigten Frauen jedoch nicht auf den Auferstandenen, sondern auf den Gekreuzigten: „Ihr sucht den Gekreuzigten!“

           

Es ist tatsächlich so: Die Frauen damals am Grab - und wir heute - finden den Auferstandenen nicht als eine sozusagen rein himmlische Lichtgestalt, sondern als den Gekreuzigten, und zwar nur als den Gekreuzigten. Bei der Erscheinung am Ostersonntag zeigt Christus den Jüngern seine Hände und Füße, die von den Malen des Kreuzes gezeichnet sind. Am Weißen Sonntag geht Christus sogar noch einen Schritt weiter. Er spricht zu Thomas: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Thomas darf die Male des Gekreuzigten berühren.

           

Der Auferstandene hat einen klaren Identitätsausweis: Die Male des Kreuzes. Die Male des Kreuzes sind beim Auferstandenen zwar verklärt, sie „leuchten in Herrlichkeit“ (Osternacht, Bereitung der Osterkerze), doch sie sind sein eigentliches Erkennungszeichen. An diesen Identitätsausweis des Auferstandenen werden wir auch bei den Osterdarstellungen der christlichen Kunst erinnert, immer trägt der Auferstandene die verklärten Kreuzesmale. Bei der Darstellung an unserem Ostergrab trägt der Auferstandene auch eine Siegesfahne, sie ist ein Kreuzesstab. Warum verweist uns gerade die Osterbotschaft auf das Kreuz? Warum diese Verbindung des Auferstandenen mit dem Kreuz?

           

Am Karfreitag macht Christus das Kreuz zuerst für ihn selber zur Leiter in den Himmel, zum Vater. Durch das Kreuz tritt der Herr ein in seine Osterherrlichkeit. Christus hätte auch andere Wege finden können. Er hat den Weg des Kreuzes gewählt. Dieses Kreuz Christi ist für die einen ein empörendes Ärgernis, für die anderen die größte Dummheit aller Zeiten, für die Gläubigen jedoch ist das Kreuz Gottes Kraft und Gottes Weisheit, wie der hl. Apostel Paulus sagt (1 Kor 1,23f).

           

Das Kreuz zeigt uns zwei große Gegensätze. Das Kreuz offenbart die gefallene Welt in ihrer Brutalität, Gottlosigkeit, Gefühlskälte, Herzenshärte, ihrer gespielten Menschlichkeit, wo uns die Luft zum Leben ausgeht. Noch mehr aber offenbart das Kreuz die Liebe des Dreifaltigen Gottes, die wir selbst nicht ausdenken und uns nicht vorstellen können. In seinem Opfer am Kreuz tilgt Christus den Schuldbrief Adams, die Sünde, und errettet uns vom ewigen Tod. „Wahrhaft umsonst wären wir geboren, hätte uns nicht der Erlöser [durch sein Kreuz] gerettet (Exsultet).

           

So wie Christus für sich selbst das Kreuz gleichsam wie zu einer Leiter machte, durch die er in den Himmel eingetreten ist, so ist das Kreuz Christi auch für uns zur Leiter geworden, auf die wir in den Himmel aufsteigen können. Es gibt keine andere Leiter, auf die wir Menschen zum Ostersieg, zum ewigen Leben gelangen, als durch das Kreuz Christi. Die traditionelle Liturgie der Kirche hat am Palmsonntag dafür ein schönes Zeichen: Die Palmprozession langt an der Kirchentüre an, die verschlossen ist. Der Priester, der vorangeht, klopft mit dem Kreuzesbalken drei Mal an die verschlossene Kirchentür, dann öffnet sie sich von innen. Christus hat uns durch sein Kreuz die Tür zum Himmel geöffnet!

Das Kreuz Christi, die einzige Leiter in den Himmel. Vorsicht! Was uns selbstverständlich ist oder sein sollte, wurde und wird auch angefochten. Es gibt den alten Feind des Kreuzes im Paradies; und es gab und gibt die stets neuen Feinde des Kreuzes, auch innerhalb der Kirche. Die Feinde des Kreuzes versprechen uns auch den Himmel, jedoch ohne das Kreuz. Der Himmel ohne das Kreuz, das ist zB: Ein irdisches Paradies; ein schmerzloses und krankheitsloses Menschenleben; ein Weltfriede ohne den Friedensfürst Jesus Christus; eine angenehme Welt-Einheits-Religion ohne den jüdisch-christlichen Gott der Offenbarung; eine Kirchen- und Konfessionsgemeinschaft ohne Wahrheitsbindung; eine Jesologie ohne Christus, den Sohn Gottes, mit seinem Hoheitsanspruch; eine Kirche ohne Wahrheitsanspruch; ein Glaube ohne Bekehrung; eine Christusnachfolge ohne Entscheidung; Sakramente ohne Voraussetzungen – offen für alle; eine Eucharistie ohne das Kreuzesopfer; die Hl. Kommunion ohne Beichte; der Priester ohne Zölibat und heilige Vollmacht … Lassen wir uns nicht täuschen! Anerkennen wir keinen uns vor Augen gestellten Auferstandenen, den wir nicht durch die Wundmale als den Gekreuzigten erkennen. Nehmen wir, auch innerhalb der Kirche, keine vermeintlichen „neuen“ Lehren an, die nicht vom Geheimnis des Kreuzes durchtränkt sind, von wem immer sie stammen mögen; hinter solchen „neuen Lehren“ oder „neuen Wegen“ verbergen sich gerne auf subtile Weise alte Häresien. Halten wir den Gekreuzigten und sein Zeichen heilig! Verteidigen wir den Gekreuzigten und sein heiliges Zeichen gegen jede Form von Blasphemie und Missbrauch.

           

„Der Gekreuzigte lädt uns ein: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Ist es nicht schwer oder gar übermenschlich, das Kreuz Christi und das Kreuz in unserem Leben anzunehmen? Wie kann uns das gelingen? Es ist nicht immer einfach. Es gelingt uns nicht durch Theorien, durch Psychokurse, durch theologische Fernkurse, durch vermeintliche Wissenschaften… Dem Gekreuzigten und Auferstandenen nachfolgen können wir nur durch eine lebendige Beziehung zu Ihm. Diese liebende Beziehung schöpfen wir immer neu aus den heiligen Zeichen, die uns der Gekreuzigte aus Seinem durchbohrten Herzen geschenkt hat – die heiligen sieben Sakramente der Kirche. Die heilige Taufe, die Firmung, das Allerheiligste Altarssakrament, die Lossprechung, die Krankensalbung, die Priesterweihe, die Ehe: Alle diese Sakramente empfangen wir unter dem Kreuz, verbinden uns mit dem Gekreuzigten. Das Heilige Messopfer ist sogar die unblutige Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers von Golgota. Diese Begegnungen mit dem Kreuz Christi in den Sakramenten stärken unseren Glauben, vertiefen unsere Liebe, vermitteln uns den Segen und die erlösenden Gnaden des Kreuzes.

           

Freilich ist es nie einfach für uns, wenn das Kreuz in unserem Leben anklopft. Wir brauchen dann eine Hilfe. Diese Hilfe schenkt uns Christus besonders durch jene, die bei seinem Kreuz steht, unsere himmlische Mutter. Maria geht den Kreuzweg Christi mit, bis zum Ende. Die Schmerzensmutter leidet unter dem Kreuz geistige Geburtswehen, sie gebiert uns, ihre Kinder, zum neuen Leben der Gnade. Unter dem Kreuz Christi wird die Kirche übernatürlich fruchtbar, dort ist ihr Lebensquell, dort ist die Quelle des himmlischen Segens. Maria, unsere himmlische Mutter, geht auch unseren Weg mit, alle Höhen und Tiefen, auch alle Kreuze begleitet sie. Sie hilft uns, das Geheimnis des Kreuzes zu bejahen und zu leben. Nahe beim Kreuz ist nahe beim Auferstandenen! Durch jedes Kreuz, mit dem Christus an unser Leben klopft, will er uns ein wenig näher zu ihm führen.

           

Das Kreuz ist unsere Leiter und auch unser Aussichtspunkt in den Himmel. Heute blickt die Kirche sozusagen durch die Wolken hindurch in den Himmel hinein. Die Kirche erkennt und bekennt, dass niemand leibhaftig vom Tod auferstanden ist, als der Gekreuzigte und die himmlische Mutter Maria. Aus der Menschheit ist sie die Einzige, die mit verklärtem Leib, zusammen mit ihrem Göttlichen Sohn im Schoß des himmlischen Vaters ruht. Alle anderen geretteten Seelen schauen erst am Ende der Welt, nach dem Jüngsten Gericht, leiblich und real, mit verklärten Augen, den Sohn, den Gekreuzigten, und die Mutter.

„Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden.“ Amen. Halleluja.

           

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