313) 1. Fastensonntag: WIE DER VERSUCHER IN UNSER LEBEN EINDRINGEN KANN - FRANZÖSISCHE REVOLUTION

1. Fastensonntag 2019

„DA TRAT DER VERSUCHER AN IHN HERAN“

DREI TÜREN, DURCH DIE DER VERSUCHER IN UNSER LEBEN EINDRINGEN KANN

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

„Da trat der Versucher an Jesus heran.“ Der Teufel versucht, in das Leben Christi einzudringen. Ein irrsinniges und witziges Unterfangen. Typisch Diabolos, könnte man sagen. Derjenige, der wegen seines Hochmuts seinen Platz im Himmel bereits für immer verloren hat, der von Gott bereits gerichtet ist, versucht wieder die Rebellion gegen Gott. Natürlich gelingt das nicht. Christus ist GOTT, der Teufel kann in Sein Leben nicht eindringen. Christus sagt: „Über mich hat er keine Macht“ (Joh 14,30). Christus ist derjenige ist, der dem Teufel gebietet, der durch sein Kreuzesopfer das Reich der Dämonen endgültig besiegt.

           

Christus hat die Versuchung in der Wüste zugelassen, um uns damit Erlösungsgnaden zu verdienen und Offenbarungen zu geben. Christus offenbart die Realität des Teufels und seine Praktiken als Versucher. Nochmals: Im Leben Christi gibt es keine Türen, durch die der Versucher eindringen kann, wohl aber bei uns Menschen. Kein Mensch und kein Getaufter ist immun gegen Versuchungen. Durch die Versuchung in der Wüste zeigt uns Christus einige Türen, durch die der Teufel in das Leben von Menschen und in das Leben von Getauften eindringt, wenn wir ihm diese Türen bewusst oder unbewusst öffnen. Versuchen wir, diese drei Versuchungen, diese drei Türen, für unsere Zeit zu bedenken.

           

1) „Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ Das ist die Tür mit dem Namen Brot. Brot steht für Materialismus, Wirtschaftskult, Freizeitkult, Konsumismus, für den Überfluss. Brot steht auch für das Stehenbleiben und Hängenbleiben bei an und für sich guten Dingen. Wenn wir Menschen zu viel „Brot“ haben, führt das leicht zur geistigen Übersättigung, zum Überdruss; wir sind dann in Gefahr den zu vergessen, der uns in Güte das tägliche Brot gibt.

           

Diese Brotversuchung gibt es auch für die Kirche, vor allem dort, wo die Kirche materiell begütert ist. Päpste und nicht nur Päpste der letzten Jahrzehnte kritisieren sehr deutlich in den reichen Ländern den Wirtschaftsapparat der Kirche, der immer mehr ein Hindernis für den geistigen Auftrag der Kirche wurde, für Glaubensverkündigung und Heilsvermittlung.

           

Heilmittel gegen die Brotversuchung sind die Dankbarkeit, das Fasten, dh die Abstinenz in jenen Bereichen, wo wir in die Abhängigkeiten, Süchte oder Übersättigung geraten sind.

           

2) „Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab.“ Das ist die Tür mit dem Namen Missbrauch der Verantwortung. Missbrauch von Vollmacht und Verantwortung hat es immer gegeben, in der Welt und leider auch in der Kirche. Der Versucher kann in unser Leben eindringen, wenn wir hochmütig werden, wenn wir über das hinaus streben, was uns zukommt. Die Tür Machtmissbrauch tut sich dann auf, wenn jemand ein Amt benützt, um das eigene Ego zu profilieren, um seine eigenen Interessen, seine eigenen Pläne durchzusetzen, um andere zu unterdrücken oder zu mobben, in ihrer Entfaltung, Entwicklung und Freiheit zu behindern. Das gilt auch für das Amt in der Kirche.

           

Eine Gesellschaft, ein Staat und auch eine Kirche ohne Amt und Vollmacht sind nicht lebensfähig. Die Frage ist, wie Amt und Vollmacht ausgeübt wird. Die Amtsträger in der Kirche haben eine geistliche Vollmacht. Der Priester zB ist Hüter der übernatürlichen Ordnung. Es ist kein Machtmissbrauch, wenn zB Priester und Bischöfe auf die Grundsätze des Evangeliums, der Kirche und der Moral verweisen, auf die Einhaltung der Ordnung in der Liturgie bestehen.

           

Heilmittel gegen die Versuchung Missbrauch der Verantwortung sind die Demut, die Bescheidenheit, das Anerkennen von Grenzen und Zuständigkeiten. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, sagt der Volksmund.

           

3) „Das alles will ich dir geben wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Das ist die Tür mit dem Namen Götzendienst – verkehrte Anbetung. Der Versucher kann in unser Leben eindringen wenn wir aufhören, Gott anzubeten und statt Gott den Götzen verfallen.

           

Dazu heute ein Beispiel aus der Geschichte, von dem wir viel lernen können. Zur Zeit der französischen Revolution, sie begann 1796. Paris hatte damals 600 000 Einwohner. Ein großer Teil der Pariser Bevölkerung, nicht alle, ist vom katholischen Glauben abgefallen, in anderen Gebieten Frankreichs war das sehr unterschiedlich; Diese armen Menschen in Paris haben an die Stelle des Dreifaltigen Gottes Abarten der Anbetung gesetzt: Die Göttin der Vernunft wurde angebetet, die Kathedrale Notre Dame wurde geschändet und der Göttin der Vernunft geweiht; an der Stelle Christi wurden Revolutionäre angebetet. Eine Zeit lang zB der berüchtigte Revolutionär Jean-Paul Marat. Nach seiner Ermordung wurde er auch kultisch verehrt und angebetet; ein Glaubensbekenntnis auf ihn wurde verfasst, in Nachäffung des Credos, Statuen wurden ihm errichtet; sein Kult verbreitete sich weit über Paris hinaus. Nach dem Ende des „Großen Terrors“ fand sein Kult bald ein Ende und wurde verboten.

           

Die Französische Revolution hat in mehreren Schritten Gott und den Sohn Gottes „abgeschafft“, was natürlich nicht möglich ist, doch man hat es versucht: Die Kirche, der Glaube, der Sonntag, der Heiligenkalender, kurz: alles, was christlich war wurde abgeschafft, die Kirchen geschlossen, man wollte alles Christliche blutig ausrotten. Das Heilige des katholischen Glaubens wurde vom revolutionären Staat nachgeäfft und auf dämonische Weise ins Gegenteil verkehrt. Der Staat führte zuerst den „Kult der Vernunft“ ein; dann den „Kult des höchsten Wesens“, der dann mit der Hinrichtung des Diktators Robespierres aufhörte. Diese Handlungen waren wie die Öffnung einer Tür, durch die der Teufel in ein Volk und Land eindringen konnte. Was der Teufel mit seinem Reich bringen will, ist im damaligen revolutionären Frankreich sehr deutlich zu sehen – die Hölle auf Erden, in der Ewigkeit kann sie kaum schlimmer sein: Es entstand Terror, Anarchie, blutigste Christen- und Religionsverfolgung, niemand war seines Lebens mehr sicher. Das gilt vor allem für die Zeit des sogenannten „Großen Terrors“, der Schreckensherrschaft, von Juni 1793 bis Juli 1794. Dieser „Große Terror“ endete mit der Hinrichtung des Diktators Robespierre. Es dauerte jedoch noch Jahre, bis die Dechristianisierung aufgegeben wurde und die Kirche in Frankreich wieder die Freiheit erlangte. Das gelang erst durch das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Napoleon im Jahr 1801.

           

Doch diese Fakten sind nur eine Teilwahrheit der Französischen Revolutionsjahre. Die wahre Geschichte Frankreichs in dieser Zeit schrieben nicht die Revolutionäre, sondern die treuen Christen, die verfolgten Christen, das Blut der Märtyrer. Etwa 8000 Priester, Ordensleute und geistliche Schwestern wurden hingerichtet, oft auf bestialische Weise, und noch viel mehr Laien, Männer, Frauen und auch Kinder.

Einen großen Widerstand gegen das Terrorregime leisteten auch katholische Frauen. Zur Zeit des sogenannten „Großen Terrors“ waren alle Kirchen geschlossen, fast alle wurden geschändet, viele wurden abgerissen, die Heilige Messe war unter Todesstrafe verboten, wer einen Untergrundpriester ins Haus aufnahm, wurde hingerichtet. In dieser Zeit haben viele tapfere katholische Frauen den Untergrundpriestern unter Lebensgefahr ein Versteck geboten, wo sich die Gläubigen heimlich zur Heiligen Messe versammeln konnten. Viele solcher Frauen starben als Märtyrerinnen. Eine von ihnen war Catherine Jarrige; sie hat die Revolution überlebt, sie starb 1836. Stellvertretend für viele solche mutige katholische Frauen hat sie Papst Johannes Paul. II. am 24. November 1996 selig gesprochen, zusammen mit Pfarrer Otto Neururer.

           

Der heilige Pfarrer von Ars erlebte als Kind diese schwere Zeit; auch seine Eltern beherbergten Untergrundpriester und feierten auf dem Bauernhof heimlich das Heilige Messopfer.

           

Die unglaublichste Geschichte ist die von Madame Bergeron. In Paris hatte diese Dame gegenüber dem Revolutionstribunal ein Eisenmagazin. Diese mutige Katholikin richtete dort eine geheime Kapelle ein und versteckte einen Priester. 18 Monate lang, auch während dem „Großen Terror“, wurde dort heimlich jeden Tag das Hl. Messopfer dargebracht. Solche Katholiken haben die Geschichte Frankreichs geschrieben und geleitet, nicht der Terror der Handlanger des Teufels. Denn nach einem Jahr brach mit der Hinrichtung Robespierres zumindest der „große Terror“ zusammen. Das war der Segen der wahren Anbetung Gottes, der Segen der Glaubenstreue und der Märtyrer, der Segen des Heiligen Messopfers, das überall im Land im Verborgenen gefeiert wurde.

           

Wie sieht es heute aus? Wen und was beten die Menschen und die Getauften heute an? Was in der Zeit der Französischen Revolution von einer Diktatur mit Gewalt durchgezogen wurde, geschieht in unseren Tagen in gewisser Weise auf subtile Weise, still und schleichend: Die Verschiebung der wahren Anbetung des Dreifaltigen Gottes auf Abarten der Anbetung. Wir erleben, wie sich die Anbetung Gottes, die wir ihm besonders durch die Sonntagsmesse erweisen, verschiebt auf Orte und Versammlungen, wo Pseudofeste und Ersatzkulte entstehen und bereits entstanden sind.

           

Die Kirchengeschichte lehrt uns sehr deutlich, wo sich eine Gesellschaft hin entwickelt, in der Gott nicht mehr als Gott geehrt und angebetet wird.

           

Diejenigen Christen, die Gott am Sonntag anbeten, den Sonntag durch das Heilige Messopfer heiligen, auch wenn es wenige sind - ihr gehört dazu - dürfen darauf vertrauen, dass diese Anbetung nicht nur ihren Familien, sondern unserem ganzen Volk und Land zugutekommen wird, wie in Frankreich zur Zeit der Französischen Revolution die Treue der dort schwergeprüften Christen.

           

Alfred Delp, deutscher Jesuit und Märtyrer der Nazizeit, schrieb 1945 aus dem Gefängnis in Berlin, wo er am 2. Februar 1945 hingerichtet wurde:

           

„Brot ist wichtig,

die Freiheit ist wichtiger,

am wichtigsten aber die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.“

           

Amen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok