014) 2. Fastensonntag: Die sieben Hauptsünden und Tugenden Teil 1

2. Fastensonntag B) 2012 – Pfarrkirche Imsterberg

Homilie von Pfarrer Stephan Müller (Manuskript):

DIE SIEBEN HAUPTSÜNDEN UND HAUPTTUGENDEN (1. Teil)

DEMUT – STOLZ. HABSUCHT – FREIGEBIGKEIT.

Christus nimmt drei Apostel mit auf den Berg der Verklärung. Sie sollen Zeugen sein für ein Ereignis, das sie nie mehr vergessen werden. Sie dürfen in das Licht schauen, das Christus ist. Sie werden innerlich sehend für das Geheimnis des Gottmenschen Jesus Christus.

Jesus will auch uns mit auf den Berg nehmen. Er will, dass auch wir in das Licht schauen! Nur der Blick in das Licht kann uns innerlich sehend machen für Gott, für die Fragen nach der Welt und für die Fragen nach uns selber bis hin zur Frage nach dem menschlichen Herzen. Wie ist das mit unserem Herzen? Was steckt in uns? Nur im Aufblick zum Licht können wir uns selber erkennen. Wenn wir in die Sonne schauen, werden wir blind. Wenn wir in das Licht schauen, das Christus ist, werden wir innerlich sehend.

Zuerst eine Vorbemerkung. Wenn ich das heute Gesprochene auf gleicher Ebene mit euch sagen würde, müsste ich auf den Boden schauen oder über euch drüber, dann würdet ihr vielleicht denken: „Was hat er denn heute, dass er uns nicht anschaut?“ Wenn ich euch anschauen würde, würden sich manche vielleicht angegriffen fühlen und meinen, ich wollte ihnen ins Gewissen reden. Mit dem, was ich heute sage, meine ich niemand, ich sage das nur allgemein. Versteht das bitte so: Mit euch schaue ich auf zum Licht der Offenbarung, das die Regungen des menschlichen Herzens offenlegt. Jeder von uns, ich eingeschlossen, hat dann die Aufgabe, das Licht Gottes in sein eigenes Herz leuchten zu lassen und sich zu fragen: „Wie schaut es konkret bei mir aus? Welche guten oder schlechten Regungen stecken in Meinem Herzen? Wofür darf ich danken? Was bedarf der Heilung?“

Während der Exerzitien in Ars konnte ich am Nachmittag jeden Tag einen kleinen Spaziergang machen. Es waren Bauern zu beobachten, die mit ihren Traktoren auf den großen und ebenen Feldern waren. Einer hat ein Maisfeld umgepflügt. Ein anderer hat eine Form von Dünger oder Mineralstoffen ausgestreut. So wurden der Boden für die Aussaat und das Wachsen vorbereitet. In jedem Acker müssen die entsprechenden Mineralien und Nährstoffe vorhanden sein, damit ein gutes Wachstum möglich wird. So ähnlich ist es auch mit dem Ackerboden des menschlichen Herzens. Die Beschaffenheit des Herzens muss passen, damit gute Früchte wachsen können: die Früchte des Glaubens, der Liebe, der Tugend und des Lebens. Die Beschaffenheit des Herzens muss passen, damit wir, wie Christus einmal sagt, ein guter Baum werden, der gute Früchte bringt, und nicht ein schlechter Baum, der keine Frucht oder Unkraut bringt und auf den dann nur die Axt und das Feuer warten (vgl. Mt 7,17).

Nun ist es tatsächlich so, dass es im Acker des menschlichen Herzens geistig so etwas gibt wie Nährstoffe und leider auch Giftstoffe. Die Nährstoffe fördern unser Leben und die Giftstoffe wollen es vergiften, d.h. behindern und zerstören. Die Giftstoffe haben wir als Wunden der Erbsünde in uns, die Nährstoffe hat uns Gottes Barmherzigkeit gegeben, damit wir den Weg zu Gott zu gehen vermögen. Die Namen dieser Giftstoffe und das Heilmittel, das sie überwindet, erfahren wir aus der Heiligen Schrift.

1) Der Name eines ersten Giftstoffes, den uns die Heilige Schrift nennt, trägt den Namen STOLZ oder HOCHMUT. Es handelt sich um einen Giftstoff, der im Herzen am häufigsten vorkommt und auch am gefährlichsten ist. Er ist in der Lage, alles zu vergiften. Was ist der Stolz?

< „Non serviam – ich werde nicht dienen!“ Mit dieser Haltung wird in der christlichen Tradition die Geisteshaltung Luzifers beschrieben. Das Wesen dieses Giftes zeigt uns die Bibel zuerst am Beispiel des Luzifer: Stolz ist die Haltung, in der die Engel ihr Geschöpf sein nicht mehr anerkennen wollten. Sie wollten im Hochmut sein wie Gott - und haben ihren Platz im Himmel verloren (Offb 12,13). Auch die Ursünde im Paradies war eine Sünde des Stolzes. „Ihr werdet sein wie Gott!“(Gen 3,5), sagt der Versucher zu den ersten Menschen. Im Stolz will der Mensch nicht mehr in seiner Geschöpflichkeit die Erfüllung finden, in Abhängigkeit von Gott, in Unterordnung zum Schöpfer. Er will nichts und niemanden über sich anerkennen, er will sich vor niemandem und vor nichts beugen. Er will das Verhältnis Schöpfer und Geschöpf aufgeben, was natürlich nie gehen wird. Im Stolz will der Mensch sogar selber Schöpfer sein, das Leben nicht mehr als Geschenk aus Gottes Hand empfangen sondern Leben erschaffen, so wie Gott. Der Versuch der heutigen Wissenschaft, Menschen zu Klonen ist der Gipfel vom Hochmut, die Nachäffung des Schöpfergottes. Was natürlich ebenfalls nie gelingen wird.

Die Demut erkennt sich als Geschöpf Gottes und als geliebtes Kind Gottes. Der demütige Mensch weiß, dass er aus sich selber heraus nichts vermag, aber mit Gottes Kraft alles. Das Lebensprogramm Mariens lautete: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast“(Lk 1,38). Der demütige Mensch kann sich hinschenken, er kann lieben, er will Gott anbeten, er kann auch sein Knie beugen, vor seinem Schöpfer und Erlöser, vor dem Allerheiligsten Altarssakrament. Der Demütige lebt sein Menschsein als Geschöpf und Kind Gottes.

< „Wir wollen einen Turm bauen und uns damit einen Namen machen.“(Gen 11,4) Der Stolz will sich selbst groß machen, seinen Namen. Der Stolz sucht den Applaus, die Zustimmung, die Anerkennung. Der Stolz schreibt allen Erfolg und alle Leistung sich selber zu: „Das habe ich erreicht!“

Die Demut will den Namen Gottes groß machen: Maria singt im Magnificat: „Meine Seele macht groß den Herrn!“(Lk 1,46) Der Demütige will Gott ehren, Gott groß machen. Der Demütige erkennt: „Was ich erreicht habe, ist nicht meine Leistung, Gott hat mir die Kraft gegeben, Gott hat mir geholfen, Gott hat die Umstände so gefügt, dass mir dies und jenes möglich war“.

< „Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren“?(Joh 9,34) So sagen die Pharisäer zum Blindgeborenen, den Jesus im Tempel geheilt hatte. Der Stolz will sich nicht belehren lassen, d.h. er nimmt keine Lehre auf. Der Stolz bildet sich ein, dass er alles selber kann, alles selber und alles besser weiß. Deshalb geht er so oft in die Irre. Der Stolz fragt nicht gerne um Rat, er lässt sich nicht gerne ergänzen. Der Stolze kann und will nicht hören.

Die Demut weiß um die eigenen Grenzen. Die Demut kann mit dem Buch der Weisheit beten: „Herr gering ist meine Einsicht in Recht und Gesetz.“(Weis 9,1) Die Demut gleicht dem jungendlichen Samuel, an den das Wort Gottes erging: „Rede Herr, dein Diener hört!“(1 Sam 3,9) Die Demut sehnt sich nach Gottes Wort, nach dem Licht der Wahrheit, nach der reinen Lehre der Kirche.

< „Du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten!“(Gen 22,12): Das Beispiel des Abraham aus der heutigen 1. Lesung. Abraham war bereit, seinen Sohn Isaak zu opfern. Es war eine Prüfung für Abraham, ob er bereit war zu Glauben und Gott alles zu geben. Der Stolz kennt keinen Gehorsam. Er macht sich selber und sein begrenztes Erkennen zum Maßstab, er kann sich nicht ein- und nicht unterordnen.

Die Demut geht wie Maria den Weg des Glaubensgehorsams. (vgl. Lk 1) Maria hat in Glaube und Liebe Gott gehorcht. Mit anderen Worten: sich an Gott gebunden. Maria hat den Glaubensgehorsam Abrahams zum Höhepunkt geführt. Die Demut geht den Weg Mariens, den Weg des Glaubensgehorsams.

Das waren jetzt nur vier Giftkörner, die in der Bibel den Namen Stolz tragen. Wenn wir weiter in der Bibel lesen, würden wir eine ganze Schüssel mit solchen Körnern füllen können. Der Stolz ist in gewisser Hinsicht die schlimmste Sünde, weil er am leichtesten und am schnellsten von Gott entfernt. Das Herz, das vom Stolz vergiftet ist, kann nicht mehr wachsen. Es kreist um sich selbst. Der Stolz ist der kürzeste Weg vom Himmel zur Hölle. Christus sagt: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen!“(Lk 10,18)

 

Die Demut ist der leichteste und kürzeste Weg zu Gott. Die Heiligen lehren alle, dass die Demut die erste und wichtigste Tugend für das geistliche Leben ist. Der hl. Pfarrer von Ars wurde einmal gefragt, welche Tugend am wichtigsten sei. Er antwortete: „Die Demut!“ Auf die Frage „und nachher“ sagte er wieder: „die Demut!“ Als er noch ein drittes Mal gefragt wurde, antwortete er wieder: „Die Demut!“

2) Ein zweiter Giftstoff und sein Heilmittel soll nur ganz kurz angesprochen werden. Es gibt das Gift der Habsucht. Der biblische Zusammenhang ist folgender: Ursprünglich lebte der Mensch im Gnadenstand des Paradieses. Der innere Reichtum des Menschen war Gott. Durch die Sünde hat der Mensch diesen Reichtum verloren. So kam es zu einer Wertverschiebung. Der Mensch beginnt, an Stelle der geistigen Güter des Himmels die irdischen Güter der Erde zu suchen. So entsteht die Habsucht. Kurz: je mehr ein Mensch Gott aus dem Blick verliert, desto mehr entsteht die Sucht nach dem Materiellen. Wir alle leben in dieser Welt und haben natürlich unsere Aufgaben. Wir müssen uns selbstverständlich auch um Irdisches Sorgen, vor allem, wer eine Familie und einen Betrieb hat. Doch die Bibel warnt uns oft, wir sollen nicht unser Herz an die vergänglichen Güter hängen. Das Materielle kann zur Sucht werden: je mehr man hat, desto mehr will man haben.

Die Freigebigkeit schafft den Ausgleich zwischen dem Geistigen und Materiellen. Die Freigiebigkeit lehrt uns: wir können nichts aus dieser Welt mitnehmen. Der Volksmund sagt: „Das Totenhemd hat keine Taschen!“ Jesus sagt uns: „Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammon!“ (Lk 16,9) Die Demut lehrt uns die Freigiebigkeit, das Herschenken. Man kann das im Kleinen üben, dann bringt man auch größeres zustande. In der Ewigkeit werden wir nur das besitzen, was wir – materiell oder geistig - hergeschenkt haben. Der hl. Pfarrer von Ars war ein Mensch, der alles hergeschenkt hat. Noch zu Lebzeiten hat er seine wenige Zähne, die er noch hatte, zu Geld gemacht, weil er einer Familie in Not helfen wollte.

Die Heilige Schrift gibt uns auch einige Tipps für die Großzügigkeit:

< Beim Geben keine Nebenabsichten haben, d.h. nicht geben, um indirekt dieses oder jenes zu

   erwarten. In reiner, lauterer Absicht geben.

< „Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut!“ (Mt 6,3) Im Verborgenen Geben.

< „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“ (2 Kor 9,7). Mit Freude geben.

Zwei Formen von Gift im Acker des menschlichen Herzens und das Heilmittel:

Stolz und Demut. Habsucht und Freigiebigkeit.

Jesus ist derjenige, der die Wunden unseres Herzens heilt. Ihm dürfen wir alles bringen.

Der hl. Pfarrer von Ars sagte gerne: „Das Erbarmen Gottes ruft uns. Wir müssen ihm nur entgegengehen.“ Amen.

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