296) Allerseelen 2018: DAS REQUIEM DER KIRCHE

Allerseelen 2018

„REQUIEM AETERNAM DONA EIS DOMINE“ (Introitus)

DAS REQUIEM DER KIRCHE

Predigt von Pf. Stephan Müller beim Requiem für die Verstorbenen der Pfarrfamilie

           

1) Warum beten wir für die Verstorbenen? Das Licht der Offenbarung

                                              

Schon die Offenbarung des Alten Bundes hat den Israeliten tiefe Einsichten gegeben: In die Zusammenhänge von Schuld, Fürbitte und Vergebung, den Zusammenhang von Diesseits und Jenseits usw. In den jüngeren Schriften des Alten Testamentes (zB die Bücher der Weisheit, die Makkabäerbücher) werden diese Offenbarungsinhalte immer klarer erkannt. Die Lesung in der zweiten Allerseelenmesse berichtet von Judas, dem Makkabäer, der im Glauben an die Auferstehung im Jerusalemer Tempel Opfer und Gebete darbringen lässt, damit die Gefallenen, die Verstorbenen „von ihren Sünden erlöst werden“ (2 Makk 12,46).

               

Christus vollendet die Offenbarung über die Letzten Dinge. Die Offenbarung des Alten und Neuen Bundes gibt uns ein klares Licht über Tod, Gericht, Himmel, Fegfeuer, Hölle. Wir wissen auch: Wenn ein Mensch in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, die Seele jedoch noch mit Sünden behaftet ist, gibt es für diese Seele die Möglichkeit einer jenseitigen Läuterung – das Fegfeuer. Das ist ein Geschenk der barmherzigen Liebe Gottes. Christus ist das Lamm, das die Sünde der Welt hinweg nimmt. Christus ist am Kreuz gestorben, um uns von Sünde, Leid und Tod zu erlösen.

               

Christus hat seine Kirche mit dem Weihepriestertum ausgestattet, damit er in seinem Erlösungsopfer am Kreuz sakramental unter uns bleiben kann. „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Der katholische Priester ist vor allem dazu geweiht, das Heilige Opfer darzubringen, zum Heil der Lebenden und der Toten (Konzil von Trient). Das ist der Kern unserer priesterlichen Berufung, aus dem alle übrigen Dimensionen hervorgehen.

               

In Weiterführung der Praxis des Gottesvolkes des Alten Bundes haben die Christen von Anfang an für ihre Verstorbenen gebetet und die Heilige Messe gefeiert. Dahinter steht der Glaube, dass den Seelen der Verstorbenen, die im Fegfeuer noch eine jenseitige Läuterung durchmachen, durch das Heilige Messopfer die Vergebung der Sünden zugewendet wird. Das ist als Bewusstsein und als Praxis der Kirche apostolische Tradition, von Anfang an da. Ein Getaufter, der nicht mit Gott lebt, kein Bewusstsein von Gottes Heiligkeit und der Sünde hat, wird schwer oder nicht mehr verstehen, warum es notwendig ist, für die Verstorbenen zu beten.

               

Zu den ältesten Messgebeten, die im Leben der Kirche entstanden sind, zählen die Messorationen für die Verstorbenen, sie reichen in die ersten Jahrhunderte zurück. Schon die frühen Kirchenväter sprechen wie selbstverständlich von der Feier der Hl. Messe für die Verstorbenen.

               

Das Heilige Messopfer für die Verstorbenen hat seinen Namen vom ersten Wort des Introitus: Requiem aeternam dona eis, Domine – ewige Ruhe schenke ihnen o Herr. Schon im frühen ersten Jahrtausend hat das Requiem seine Besonderheit und seine Gestalt gefunden. Nur das Offertorium und die Sequenz DIES IRAE stammen aus dem Hochmittelalter.

           

2) Einige besondere Akzente der Requiem-Messe des überlieferten Ritus (Missale Romanum 1962)

 

a) Das Requiem hat einen ganz eigenen Charakter, den man als Ernst und Hoffnung beschreiben kann. Einen geliebten Menschen verlieren, ist etwas Trauriges und Schmerzliches.

           

Die Kirche nimmt dieses Empfinden ernst. Nach außen hin: Das Requiem wird – in der Tradition - mit schwarzen Paramenten gefeiert, am Altar sollen keine Blumen stehen. Das Requiem hat keine freudigen Gebete wie zB den Psalm Judica, das Gloria, das Halleluja, das Ehre sei dem Vater. Es entfallen einige Priestergebete, weil sie auf die Lebenden hin ausgerichtet sind, zB das Friedensgebet nach dem Vater unser; beim Lamm Gottes beten wir nicht um Frieden für uns, sondern um die ewige Ruhe für die Verstorbenen. Den Armen Seelen ist ihre Vollendung im Himmel gewiss, deshalb der hoffnungsvolle Charakter der Gebete

b) Beim Requiem wendet die Kirche ihre besondere Liebe und Aufmerksamkeit den Verstorbenen zu. In der Gemeinschaft der Kirche sind wir ja mit ihnen verbunden. In allen Teilen des Requiems (Introitus, Graduale, Traktus, Sequenz, Communio, Tages-, Gaben- und Schlussgebet) wird für die Verstorbenen gebetet, nicht für die Lebenden. Beim Requiem gibt es zB auch keinen Segen für die Gläubigen. Der ganze Segen des hl. Messopfers wird den Verstorbenen zugewendet.

 

c) Wenn es möglich ist, betet der Priester am Tag des Begräbnisses oder bei besonderen Requiemmessen aus dem Brevier das Totenoffizium.

 

d) Einige Hauptinhalte der Requiem-Gebete, die immer wieder kehren: Die Kirche betet:

               

  • um den Nachlass aller Sünden – durch die Kraft frommer Fürbitte (Oration der 1. Allerseelenmesse), durch Kraft der Fürsprache der Gottesmutter Maria (Oration 3. Allerseelenmesse);
  • um die ewige Ruhe: das ist der Friede des Gewissens, der aus der Sündenvergebung und der Vereingung mit Gott kommt;
  • um das ewige Licht, um die Klarheit des ewigen Lichtes (Postcommunio 3. Allerseelenmesse): das ist die Bitte, dass wir im Himmel das Angesicht Gottes schauen dürfen;
  • um die ewige Seligkeit: das ist die Bitte, dass die Liebessehnsucht unserer Verstorbenen in Gott gestillt wird, dass sie die Freuden des Himmels verkosten dürfen; dazu gehört auch die Vollendung der menschlichen Liebesgemeinschaften in Gott;
  • im Offertorium betet die Kirche, dass der hl. Erzengel Michael die Seelen der Verstorbenen aus der Läuterung zum Licht Gottes führt 
  • e) Die  Totensequenz DIES IRAE mit ihrer bildhaften Sprache ist ganz der biblischen Apokalyptik des Alten und Neuen Testamentes entnommen. Solche Texte sind nie bequem. Sie stellen uns den Ernst des Gerichtes und der Letzten Dinge vor Augen, mahnen uns zur Bekehrung und zum Glauben. Und doch ist schön, wie sich diese sozusagen „dramatischen“ biblischen Texte dann aufschwingen zum Vertrauen auf das Erbarmen Gottes: „Hast vergeben einst Marien, hast dem Schächer dann verziehen, hast auch Hoffnung mir verliehen“ (Sequenz).

Haben wir keine Sorge! Beim Requiem kommen wir selber nicht zu kurz. Gerade die Requiemmesse mit ihren ernsten Dimensionen birgt auch für die Gemeinde ganz eigene Gnaden in sich. Dem Requiem entspringt ein ganz eigene Atmosphäre des Friedens, der Friede des Kreuzes Christi. Das Requiem führt uns über unsere subjektiven Gefühle hinaus, zum Kreuz Christi hin, menschliche Egozentrik wird aufgebrochen. Letztlich kann nur unsere Öffnung nach oben hin, zu Gott hin, der Blick auf Kreuz, Auferstehung und Wiederkunft Christi (in der gemeinsamen Gebetsrichtung von Priester und Volk symbolisiert), wahrhafte Hilfe in der Trauer vermitteln.

               

Der Chor singt heute die Eigentexte des Requiems und das anschließende Libera. Musik spricht für sich, sie braucht keine Erklärung Ich möchte euch anregen, am Beginn der lateinischen Chorgesänge mit Hilfe des Heftchens die Gebete kurz durchzulesen, dann einfach die Musik sprechen zu lassen.

           

Ein herzliches Vergelt’s Gott dem Chor, der heute für die Verstorbenen singt, und wir dürfen von dieser edlen Kirchenmusik profitieren. Amen.

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