294) Allerheiligen 2018: DIE HEILIGEN UND SELIGEN DER KIRCHE

Hochfest Allerheiligen 2018

ICH SAH „EINE GROSSE SCHAR AUS ALLEN NATIONEN UND STÄMMEN“

(Offb 7,9)

DIE HEILIGEN UND SELIGEN DER KIRCHE

Predigt von Pf. Stephan Müller beim Hochamt

           

Heute ehren wir alle Heiligen und Seligen der Kirche. Der hl. Apostel Johannes schaut in einer Vision die Heiligen des Himmels: Er sah „eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen“ (Offb 7,9). Heilig und Selig sind zentrale Begriffe der Offenbarung. Unzählige Male begegnen uns in der Heiligen Schrift heilig und selig. Mit heilig und selig können wir schon ein wenig durcheinander kommen. Wie ist denn das mit heilig und selig?

           

1) Menschlich-moralische Heiligkeit

           

Für die Kirche sind die Heiligen diejenigen, die in ihrem Leben in besonderer Weise dem Vorbild Christi gefolgt sind. Die Heiligen haben dem Wort Gottes in ihrem Leben Hände und Füße gegeben, Gestalt gegeben. Die Heiligen hatten als Richtschnur die Gebote Gottes, den Willen Gottes, die Lehre Christi, die Tugenden Christi und der Muttergottes. In der Verwirklichung des Evangeliums waren die Heiligen nicht radikal, sondern konsequent. Je unheiliger oder unchristlicher eine Gesellschaft ist, desto mehr waren die Heiligen für ihre Zeitgenossen auch Herausforderung und Provokation.

           

Wie werden wir Heilige? Die Heiligen sind in der Regel nicht als Heilige vom Himmel gefallen. Das wäre zu schön. Die Heiligen sind auch durch Bekehrung gegangen, manchmal durch eine tiefe Bekehrung, von der Sünde zur Gnade. Das ist ein Trost für uns alle. „Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten“, sagt Christus (Lk 5,32). Die Worte des hl. Apostels Johannes in der heutigen Lesung verweisen uns auf das Wesen der Heiligkeit: Die Heiligen haben ihre Gewänder – dh ihre Seelen – rein gewaschen, geheilt und geheiligt im Blut des Lammes. Das schenken uns die Sakramente der Erlösung. Indem wir diesen Weg gehen, werden wir nicht perfekt im menschlichen Sinn, doch wir dürfen durch die barmherzige Liebe unseres Erlösers neue Menschen werden. In diesem menschlich-moralischen Sinn gibt es keinen Unterschied zwischen heilig und selig, das ist dasselbe.

           

Haben wir bitte keine falschen Vorstellungen von Heiligkeit. Wunder, außergewöhnliche Begabungen und Talente sind für die Kirche nie Kriterien der Heiligkeit. Heilig sein bedeutet auch nicht, keine Fehler und Schwächen zu haben, oder in keine Sünde zu fallen. Nur für die Muttergottes trifft das nicht zu. Für Maria bedeutete Heiligkeit nicht eine Bekehrung von der Sünde zur Gnade, sie ist die Unbefleckt Empfangene, die nie von einer Sünde berührt wurde. Für Maria bedeutete Heiligkeit das Wachsen und Zunehmen in der Gnade und Tugend.

           

Das Wichtigste auf dem Weg der Heiligkeit ist vielleicht das, was wir nicht immer als wichtig erkennen: Das immer wieder neu Beginnen, die Treue und Liebe im Kleinen, das Ausharren, das Vertrauen auf die Gnade Gottes, das Bleiben im Gebet und bei den Sakramenten, das sich nicht Entmutigen lassen usw.

           

Heilig werden im Sinn des Evangeliums ist seit dem Fall von Adam und Eva die Grundberufung des Menschen. Im Alten Bund wird es dem Volk Gottes gesagt: „Ich bin der Herr, euer Gott. Erweist euch als heilig, und seid heilig, weil ich heilig bin“ (Lev 11,44). Christus meint dasselbe wenn er uns in der Bergpredigt sagt: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Uns Christen an diese allgemeine Berufung zur Heiligkeit zu erinnern war übrigens ein Hauptanliegen des zweiten Vatikanischen Konzils. Wir finden diese Aussagen in der Kirchenkonstitution LUMEN GENTIUM, in den Abschnitten 39 bis 42.

           

2) Heilig und Selig in der Verehrung der Kirche

           

Die Heiligenverehrung der Kirche entwickelte sich aus der Verehrung der frühchristlichen Märtyrer, allen voran die Verehrung der Apostel. Über den Gräbern der Märtyrer wurde in der Urkirche zum Jahrestag des Martyriums das Heilige Messopfer gefeiert. Aus dieser Praxis entstand die heute noch bestehende Praxis der Kirche, bei der Weihe von Altären Märtyrerreliquien einzusetzen. Nach dem Ende der Christenverfolgung im Römischen Reich, mit der Konstantinischen Wende 313, hat man begonnen, auch Nichtmärtyrer als Heilige zu verehren. Die öffentliche Verehrung von Heiligen erforderte im Laufe der Jahrhunderte eine Ordnung und Regelung durch die Kirche. So entstand die Praxis der Heiligsprechung durch die Kirche. Die erste Heiligsprechung durch die Kirche mit einem kanonischen Verfahren war die des hl. Bischofs Ulrich von Augsburg im Jahr 993.

           

Diese kirchenrechtliche Unterscheidung heilig/selig betrifft nicht das Wesen der Heiligkeit, sondern nur den Kult der Verehrung. Ein Seliger ist nur regional bekannt und verehrt, zB unser Seliger Märtyrer Otto Neururer. Mit der Heiligsprechung wird der Name eines Heiligen in den Heiligenkalender der Universalkirche eingeschrieben, er wird in der gesamten katholischen Weltkirche verehrt. Die kanonisierten Heiligen stehen stellvertretend für die unzählbaren Heiligen des Alltags.

           

Die Kirche hat noch den schönen Ausdruck „zur Ehre der Altäre erhoben werden“. Damit meinen wir: Ein Seliger und Heiliger darf öffentlich in der Kirche verehrt und angerufen werden. Zu Ehren eines Seligen oder Heiligen darf ein Altar errichtet oder ein Bild aufgestellt werden, er darf in der Allerheiligenlitanei um seine Fürsprache angerufen werden.

           

Die Heiligen und Seligen der Kirche. Sie zeigen uns Heiligkeit als einen menschlich-moralischen Aufstieg zu Gott, einen Weg, den wir gehen. Das Ziel dieses Weges ist die ewige Glückseligkeit des Himmels.

           

Allmächtiger, ewiger Gott, Du schenkst uns die Freude, am heutigen Fest die Verdienste aller Deiner Heiligen zu feiern. Erfülle auf die Bitten so vieler Fürsprecher unsere Hoffnung und schenke uns dein Erbarmen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit Dir lebt und herrscht, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (Tagesgebet)

           

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok