289) 19. Sonntag im Jahreskreis 2018: GOTTES BARMHERZIGES HANDELN AN UNS MENSCHEN

19. Sonntag im Jahreskreis B) - 12. Sonntag nach Pfingsten 2018

EIN SAMARITER „SAH IHN UND WURDE VON BARMHERZIGKEIT BEWEGT“ (Lk 10,33)

GOTTES BARMHERZIGES HANDELN AN UNS MENSCHEN

Predigt von Pf. Stephan Müller

                       

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter hat eine soziale und heilsgeschichtliche Komponente. Die soziale Komponente ist uns gleich ersichtlich. Mein Nächster ist derjenige, der meine Hilfe braucht, beginnend daheim. Über die heilsgeschichtliche Komponente dieses Gleichnisses wollen wir heute nachdenken. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist eine wunderbare Offenbarung Jesu Christi über Gott und über Gottes Barmherziges Handeln an uns Menschen.

                       

Ein Mann fällt unter die Räuber. Der Räuber, der Menschen überlistet und zu Fall bringt, ist im Paradies der Teufel.

           

Der Mann wird verletzt und halbtot liegen gelassen. Der schwerverletzte Mann ist ein Bild für den Zustand des Menschen nach dem Sündenfall im Paradies, ein Bild für die gefallene und verwundete Menschennatur. Durch die Erbsünde hat jeder Mensch an dieser Verwundung Anteil.

           

Der Mann ist im Gleichnis von Jerusalem nach Jericho unterwegs. Dieser Weg führt durch die einsame Wüste Juda. Die Wüste ist das Gegenstück zum Paradies. Im Paradies können die Stammeltern die ganze Schönheit der Schöpfung genießen. Die Wüste wird zum Bild für das durch die Ursünde verloren gegangene irdische und himmlische Paradies.

           

Der verwundete und halbtote Mann liegt am Weg. Verschiedene Leute kommen vorbei und helfen nicht. Verschiedene religiöse Lehren und Anschauungen ziehen im Laufe der Zeitgeschichte am verwundeten und dem Tod verfallenen Mensch vorbei. Sie haben für sein Elend letztlich keine Antwort und keine Hilfe. Keine von den Menschen stammende Religion oder religiöse Anschauung oder Religion vermag dem in der Ursünde gefallenen Menschen zu helfen.

           

Was tut der verwundete und halbtote Mann, der in die Wüste am Boden liegt? Er schreit um Hilfe: „O Gott, komm mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen!“ Dieser Hilferuf wurde im heutigen Introitus am Beginn des Hl. Messopfers gebetet. Die menschlichen Religionen und religiösen Anschauungen in der alten heidnischen Zeit sind wie ein Hilfeschrei nach Gott, nach dem Erlöser. Für die heutigen modernen religiösen Bewegungen und Anschauungen - Stichwort Esoterik - gilt dasselbe. Sie sind nicht mehr als ein Hilfeschrei nach Gott, doch sie können keine Erlösung schenken.

           

Der Priester und der Levit kommen vorbei. Priester und Levit stehen für Israel und den Alten Bund. Der Alte Bund mit der großen Gabe des Gesetzes sieht zwar die Not der gefallenen Menschennatur. Die Gebote Gottes decken die Sünde auf, dh sie zeigen uns, wo und wie unsere Menschennatur krank ist, wie der hl. Paulus im Römerbrief andeutet (Röm 3,20). Doch nicht einmal der Alte Bund kann helfen, er geht an der verwundeten und dem Tod verfallenen Menschennatur vorüber. Die heutige Lesung deutet das an wenn Paulus sagt, dass die Herrlichkeit des Neuen Bundes viel größer ist als die des Alten Bundes. Der Alte Bund konnte die Erlösung nicht gegeben, er hat sie nur vorbereitet.

           

Einen gibt es schließlich, der Mitleid hat und hilft: Der Samariter. Der Samariter ist der Dreifaltige Gott. Gott sieht die Not des verwundeten und dem Tod verfallenen Menschen. Es geht ihm zu Herzen. Gott Vater selber sendet Seinen eigenen Sohn. Was tut der Sohn Gottes, der wahre Barmherzige Samariter, um den tödlich verwundeten Mann – unser Menschsein – zu retten?

           

Der Barmherzige Samariter bringt den tödlich verwundeten Mann in eine Herberge: Die Herberge ist die Kirche, die der Sohn Gottes gründet. In der Wüste der Welt ist die Kirche die Herberge für unsere Seelen, für unser seelisch verwundetes, dem Tod verfallenes Menschsein. Christus hat die Kirche gegründet, damit wir in ihr wie in einer Herberge die Gaben der Erlösung empfangen und unsere Seelen für den Himmel gerettet werden.

           

Der Barmherzige Samariter gießt Öl und Wein in die Wunde: Das ist ein Hinweis auf das Wirken Christi in Seiner Kirche. Christus selber behandelt unsere seelischen Wunden: Mit dem Öl der heiligmachenden Gnade behandelt er uns in der hl. Taufe. Unter der Gestalt des Weines behandelt er uns im Allerheiligsten Altarssakrament mit Seinem Kostbaren Blute.

           

Der Barmherzige Samariter hinterlegt in der Herberge zwei Denare mit dem Auftrag an den Wirt: „Sorge für ihn!“ Das ist ein Hinweis darauf, dass Christus uns in Seiner Kirche auf Seine eigenen Kosten umsorgt und umhegt. Die zwei Denare stehen für den ganzen Gnadenreichtum der Kirche, der uns umsonst offen steht. Wie reich ist der Katholik, wenn er daraus lebt. Der Auftrag an den Wirt „sorge für ihn“ ist der Auftrag an die Priester, Seelsorger zu sein.

           

Wie kommt der Schwerverletzte in den Genuss der Herberge und der dortigen guten Krankenpflege? Der Barmherzige Samariter hebt den tödlich verwundeten Mann auf sein Lasttier. Das Lasttier, in biblischer Zeit meist ein Esel, trägt ihn in die Herberge. Das Lasttier ist der Priester. Nicht so gemeint, dass wir Priester uns zum Esel für alle machen, indem wir mehr auf die Menschen als auf Gott hören. Der Priester hat die Vollmacht und den Auftrag, die Menschen in die Kirche zu führen und mit den Heilsganden Christi zu verarzten und zu versorgen. Das geschieht durch die Verkündigung der Heilswahrheit Christi und die Spendung der Sakramente der Erlösung. Kein Laie kann in der Vollmacht der Verkündigung und der Spendung der Sakramente der Erlösung den Priester als „Lasttier“ ersetzen, abgesehen von der Spendung der Nottaufe, die jeder spenden kann. Beim überlieferten Ritus der Kindertaufe legt der Priester vor der Kirchtüre die Stola über den Täufling und führt ihn über die Schwelle hinein ins Gotteshaus. Ein Zeichen dafür, wie der Priester als geistlicher Vater im Heilsdienst die Menschen in die Herberge der Kirche führt.

           

Das Lasttier, das den Schwerverletzten trägt, wird vom Barmherzigen Samariter geführt. Dh es ist immer Christus, der das Lasttier – den Priester, und den Verwundeten – den Menschen, ruft und leitet. Der Priester wird von Christus gerufen und von Christus geführt. Was den Priester angeht: Wir Priester sind im Besonderen Christus verpflichtet, auf Christus zu schauen, Christus zu hören und Christus folgen.

           

„Ein Samariter sah ihn und wurde von Barmherzigkeit bewegt.“ Das Barmherzige Handeln Gottes an uns Menschen. Es führt uns zur Barmherzigkeit im menschlichen Bereich. Unser Bemühen um menschliche Barmherzigkeit muss an Gott gebunden sein, sonst gleiten wir als Kirche, auch als einzelne Katholiken, sehr leicht in einen von Gott losgelösten Humanismus oder Sozialismus ab. Doch eine Kirche, die den Menschen nur mehr soziale Hilfe oder Innerweltliches bietet, kommt der tieferen Not des Menschen – unsere seelischen Verwundungen und unsere Todverfallenheit – nicht mehr entgegen. Es verwundert nicht, dass die Kirche, wo sie dem Innerweltlichen verschrieben ist, für viele Menschen nicht mehr interessant ist. Wer nur Weltliches sucht, findet es außerhalb der Kirche zur Genüge und wahrscheinlich besser.

           

Der Mensch sucht und benötigt Tieferes. Der Mensch braucht den wahren Barmherzigen Samariter, Christus, den Erlöser. Das zu vermitteln, ist die bleibende Heilssendung der Kirche. Für uns persönlich: Die Schule der menschlichen Barmherzigkeit beginnt für uns immer wieder damit, uns in das Handeln Christi, des wahren Barmherzigen Samariters hineinnehmen zu lassen. Lassen auch wir gerne Christus unsere Seele behandeln und verarzten. Dadurch heilt er uns und macht uns gleichzeitig auch barmherzig gegenüber unseren Mitmenschen. Amen.

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