279) 7. Sonntag der Osterzeit 2017: ÜBER DAS GEBET ALS ERHEBUNG DER AUGEN ZU GOTT

7. Sonntag der Osterzeit B) 2018

„JESUS ERHOB SEINE AUGEN ZUM HIMMEL“ (Joh 17,1)

Über das Gebet als Erhebung der Seele zu Gott

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Die heutigen Evangelienworte sind aus den Abschiedsreden Christi beim Letzten Abendmahl. Es sind Worte aus einem Gebet des Herrn, aus dem sogenannten Hohenpriesterlichen Gebet, das 17. Kapitel im Johannesevangelium. Diese Worte sind insofern etwas Besonderes, weil Christus sie im Gebet zum Vater gesprochen hat, wenige Stunden vor seinem Leiden und Sterben. Wenn ein Mensch um seinen nahen Tod weiß, was bei einer schweren Krankheit ja der Fall sein kann, haben seine letzten Worte für die Angehörigen sicher einen tiefen Wert. Ich erinnere mich an einen jungen Familienvater, der in einer sehr kurzen und schweren Krankheit seine letzten Herzensworte seiner jungen Frau und seinen drei noch minderjährigen Kindern hinterlassen hat, mündlich und schriftlich. So ähnlich ist es wohl mit den Abschiedsreden Christi und dem Hohenpriesterlichen Gebet, das uns der Apostel Johannes überliefert hat.

           

Am Beginn des Hohenpriesterlichen Gebetes berichtet Johannes von der Haltung, die Christus bei diesem Gebet eingenommen hat: „Jesus erhob seine Augen zum Himmel und betete“.

           

Hier zeigt uns Christus zuerst etwas über das Wesen des Gebetes. Beten bedeutet die Augen zum Himmel zu erheben. Die Augen sind das Eingangstor der Seele. Beten bedeutet, die Seele zum Himmel, zu GOTT, zu erheben. Die hl. Kirchenlehrerin Theresia von Lisieux sagt über Gebet: „Für mich ist das Gebet ein Aufschwung des Herzens, ein schlichter Blick zum Himmel, ein Ausruf der Dankbarkeit und Liebe inmitten der Prüfung und inmitten der Freude“ (*).

           

Damit wir gut beten können, ist tatsächlich nicht unbedeutend, was unsere Augen anschauen. Wenn wir wirklich beten wollen, müssen wir die Augen über so manche Dinge erheben: Über den Alltag, über das Gewöhnliche, über das Hässliche, über das Chaotische, über Nöte und Sorgen die wir haben usw. Wir versuchen, über all das zumindest ein wenig drüber zu schauen. Wenn unsere Augen nach unten gerichtet sind, kann sich die Seele nicht gut zu Gott erheben. Hier hilft uns der Blick auf die schönen und sakralen Zeichen eines Gotteshauses oder in unserer Wohnung, wie zB ein Kreuz, ein Christus- oder Marienbild.

           

Dieser Aufblick zum Himmel ist nicht immer mit Worten verbunden. Das geschieht auch im Schweigen oder, wie der hl. Paulus es sagt, mit Seufzen des Herzens, das wir nicht in Worte fassen können (vgl. Röm 8,26). Der heilige Augustinus sagt: „Vielleicht beten wir am meisten, wenn wir am wenigsten sagen, und am wenigsten, wenn wir am meisten sagen“ (*). Die Liturgie der Kirche lehrt uns beides: Das ehrfürchtige und vertrauensvolle Sprechen mit Gott und das Schweigen vor Gott.

           

Das Hohepriesterliche Gebet, das Christus mit erhobenen Augen spricht, hat Inhalte, enthält einen Reichtum, über den wir monatelang nachdenken könnten. Dieses Gebet offenbart das Innere des Herzens Jesu. Christus betet um die Einheit jener, die an ihn glauben. Christus betet darum, dass jene, für die er sich geopfert hat, bewahrt werden und nicht verloren gehen. Christus betet darum, dass wir in der Welt in der Freude sein können, sogar die Fülle der Freude in uns haben. Er betet darum, dass wir in der Wahrheit geheiligt werden. Im Hohenpriesterlichen Gebet sieht Christus Gott und die Welt in einem Gegensatz oder Spannung. Mit Welt ist an dieser Stelle nicht das Gute in der Schöpfung oder das Gute in den Geschöpfen gemeint, sondern jene Menschen, die sich bewusst gegen Gott und seine Offenbarung entscheiden. Dieser Gegensatz Gott-Welt ist die Ursache für das, was die Seinen in der Welt erleiden: Wer an ihn glaubt, erfährt auch den Hass der Welt. Wer an ihn glaubt, ist zwar in der Welt aber nicht von der Welt.

           

Wenn wir diese Bitten des Hohenpriesterlichen Gebetes zusammenfassen fällt uns etwas auf: Es sind, um es so zu nennen, existenzielle Dinge, um die Christus da für uns beim Vater betet, die er in seinem Herzen im Aufblick zum Vater bewegt. Wenn wir den betenden Christus zum Vorbild nehmen, gibt das unserem Beten einen Inhalt und eine Richtung: Wir dürfen und sollen natürlich um alles beten. Es gibt viele Alltagssorgen, wo Christus uns helfen kann und will. Doch in seinem Hohenpriesterlichen Gebet macht er uns auf existenzielle Gebetsinhalte aufmerksam: Den Glauben bewahren, die Einheit im Glauben, in der Welt nicht aufgehen, in der Wahrheit geheiligt werden…

           

Das Beten Christi im Allgemeinen und das Hohepriestliche Gebet Christi im Besonderen setzt sich fort im offiziellen Gebet der Kirche: im Hl. Messopfer, im Stundengebet, in den Psalmen. Das größte Gebet ist das Heilige Messopfer. Im Hl. Messopfer betet Christus, der Bräutigam, für uns zum Vater. Und die Kirche, die Braut Christi, betet durch und mit Christus zum Vater. In der heiligen Messe werden alle großen Anliegen der Kirche und der Welt zu Gott getragen. An dieser Stelle noch einen Gedanken zum Muttertag. Ohne die Väter abzuwerten darf man sagen: Es sind doch oft die Mütter und Großmütter in der Kirche, die diese existenziellen Gebetsinhalte mittragen, die für ihre Familien und für viele andere ihre Augen zu Gott erheben. Dafür wollen wir heute den Müttern danken und ihnen den besonderen Segen dieses Heiligen Messopfers wünschen. Bei der Heiligen Wandlung werde ich heute ganz besonders die Anliegen unserer Mütter den Händen Christi empfehlen.

           

An mehreren Stellen der Heiligen Messe erhebt der Priester beim Beten die Augen zum Himmel. Beim Offertorium: Bei den Opferungsgebeten über Brot und Wein, vor der Heiligen Wandlung. Das erinnert uns daran: Der Priester betet am Altar wie Christus zum Vater. Das gilt besonders für das Hochgebet, für die drei Amtsgebete Tages-, Gaben- und Schlussgebet. Und noch etwas: In der Heiligen Messe betet Christus für uns beim Vater, so wie er auf Erden und beim Letzten Abendmahl und am Kreuz für uns gebetet hat. Wer gerne und viel mit der Kirche betet, der befindet sich in der Gebetsschule Christi. Das Beten mit der Kirche hilft uns, nicht zu subjektiv und zu ichbezogen zu beten. Wir werden geleitet, in den großen Anliegen Christi zu beten.

           

„Jesus erhob seine Augen zum Himmel.“ Erheben wir gerne im Gebet unsere Augen zum Himmel. Nicht nur im Gotteshaus, nicht nur, wenn wir bewusst ins Gebet gehen. In vielen Lebenssituationen hilft es uns, unsere Augen zum Himmel zu erheben. Das gibt uns immer wieder neu den rechten Blick, die rechte Einschätzung, den rechten Weg. Amen.

           

(*) Zitate: Aus dem Katechismus der Katholischen Kirche, YOUCAT, bei Nummer 469f

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