275) 4. Sonntag de Osterzeit 2018: DER GUTE HIRT - DAS CHRISTUSBILD DER URCHRISTEN

4. Sonntag der Osterzeit B) 2018

„ICH BIN DER GUTE HIRT“ (Joh 10,11)

Der Gute Hirt, das Christusbild der Urchristen

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Christus sagt uns: „Ich bin der Gute Hirt.“ Wenn wir die Römischen Katakomben besuchen, begegnet uns an unzähligen Stellen das Bild des Guten Hirten. Wir sehen seine Darstellung auf Grabplatten aus Ton oder Marmor, als einfache Fresken in Familiengräbern, den sogenannten Cubicula, auf kleinen Öllampen, auf kunstvollen Sarkophagen und auch als Statuen. Der Gute Hirt ist das beliebte Christusbild der Urchristen der ersten Jahrhunderte.

           

Das Kreuz ist während der ersten Jahrhunderte noch nicht das zentrale Christusbild. Zu sehr ist das Kreuz noch mit Schrecken und Schande behaftet. Das Kreuz rückt erst ab dem 4. Jahrhundert, vor allem dann in der Epoche der Romanik, in den Mittelpunkt. Die romanischen Kreuze zeigen Christus als König und Sieger am Kreuz. Hier denken wir zB an die kunstvollen Apsismosaike der frühchristlichen Basiliken.

           

Es gibt noch einen Grund, einen zeitgeschichtlichen Grund, warum die Urchristen der ersten drei Jahrhunderte gerade das Bild des Guten Hirten so anspricht. Im Römischen Reich hatten die Menschen keinen wahren Hirten. Je mehr sich das Römische Reich in den ersten Jahrhunderten zuerst innerlich und dann später in der Völkerwanderung äußerlich zersetzte, hatten die Menschen keinen Halt und keine Orientierung mehr. Der Römische Götterhimmel war nur mehr eine Fassade, die man nicht ernst genommen hat. Im römischen Heidentum gab es keine klaren Vorstellungen über das Weiterleben nach dem Tod. Das Imperium Romanum hatte zwar eine schlaue Religionspolitik. Die Römer ließen jede Religion oder religiöse Richtung gelten, sofern sie nicht gegen den Kaiserkult anging. Nur das Christentum ließ man nicht gelten und wurde verfolgt, weil es den Kaiserkult verweigerte, weil der Kaiser von den Christen nicht als Gott angebetet wurde. Das Imperium Romanum war ein heidnischer Staat, der den Menschen außer PANEM ET CIRCENSES/Brot und Spiele, die immer öfter vom Staat gewährte POMPA nichts Sinnerfülltes zu geben hatte. Es gibt einen guten Artikel von Bischof Dr. Paulus Rusch über diese Entwicklung im Römischen Reich. Der geschichtliche Kontext ist zu beachten, um das Christusbild der Urchristen, den Guten Hirten, recht einordnen zu können. In dieser Zeit waren die offenen und Orientierung suchenden Menschen anzusprechen mit dem Bild Christi, der uns Menschen als der Gute Hirt leitet und zum ewigen Leben führt.

           

Für die Urchristen ist der Gute Hirt eine Zusammenfassung des österlichen Glaubens vom Kreuzestod und der Auferstehung Jesu Christi. Christus hat aus freiem Willen und aus Liebe zu uns sein Leben am Kreuz hingegeben, für unsere Erlösung hingegeben. In Seiner Auferstehung hat er das Leben wieder genommen, wie es im Johannesevangelium heute heißt, dh seinen Leib wieder mit seiner Seele vereinigt. Mit dem Bild vom Guten Hirten bringen die Urchristen ihren Glauben an den Erlöser zum Ausdruck.

           

Die Urchristen hatten auch ein klares Bewusstsein der jenseitigen Wahrheiten, eine klare Glaubenserkenntnis über die Eschatologie, über die biblische Lehre von den Letzten Dingen. Sie wussten um das Gericht, um die Notwendigkeit des Gebetes für die Verstorbenen in der Letzten Läuterung. Sie hatten eine feste Überzeugung von der Unsterblichkeit der menschlichen Geistseele, einen festen Glauben an die Auferstehung des Leibes und das Ewige Leben. In diesem Zusammenhang der klaren apostolischen Glaubenslehre ist das Bild des Guten Hirten in den Katakomben gut zu verstehen: Christus trägt ein Schaf auf seiner Schulter. Er ist der Erlöser, der sich voll Erbarmen der Seele des Verstorbenen annimmt, die Seele ins Paradies hineinträgt.

           

Der Gute Hirt in den Katakomben: Der Erlöser Jesus Christus, der uns Menschen errettet aus dem zeitlichen und ewigen Tod, der die Seele ins himmlische Reich führt und dort ernährt mit der Speise des Ewigen Lebens. Das ist die endzeitliche – eschatologische – Dimension des Guten Hirten. Wer um diesen Glauben der Urchristen weiß, versteht auch, dass der Gute Hirt für die Urchristen einen Absolutheitsanspruch hatte. In den Augen der Urchristen gibt es nur einen wahren Guten Hirten der Menschheit, den Einen, der Sein Leben für uns am Kreuz gegeben und der allein uns ewiges Leben geben kann.

           

In der Domitilla Katakombe gibt es auf einem christlichen Grabstein eine schöne Darstellung des Guten Hirten, vermutlich aus dem 3. Jahrhundert: Christus, der Gute Hirt, leitet und beschützt seine Gläubigen (symbolisiert im Schaf) durch seine Göttliche Autorität (symbolisiert durch den Stab). Man sieht, wie der Gute Hirt auf der Flöte spielt, das Schaf lauscht der Melodie: Christus ruft die Gläubigen durch die Melodie der Wahrheit (Flöte). Er lässt die Gläubigen im Schatten des Lebensbaumes ruhen: Hier ist das Kreuz angedeutet, das uns rettet und das Paradies öffnet. Dieses Bild gibt uns eine theologische Zusammenfassung vom Bild des Guten Hirten. Es würde übrigens für den Katechismus der Katholischen Kirche als einleitendes Bild gewählt.

           

Die Urchristen hatten natürlich nicht nur beim Sterben, sondern sicherlich auch in ihrem Leben diesen Blick auf den Guten Hirten. Die Urchristen wollten in ihrem Leben dem Guten Hirten folgen. Das ist ihr Zeugnis, das gerade vielleicht wieder für unsere Zeit so aktuell ist. Welche Worte, welches Beispiel, welche Lebensführung, welche Ideologie, welche Weltanschauung, welche Politik, welche Religion usw. sind für uns maßgebend? Wem folgen wir? Auf wen hören wir?

           

Die Urchristen hatten den Guten Hirten und seine Worte vor Augen. Ihm wollten sie folgen. Der Gute Hirt sagt: „Ich kenne die meinen“ (Joh 10,14). Das biblische Wort kennen oder erkennen meint lieben. Ich kenne die Meinen bedeutet also: Ich liebe die Meinen. Christus sagt: Meine Schafe hören auf meine Stimme (Joh 10,16).

           

Für die Urchristen war das die entscheidende Frage: Auf wen höre ich? Ich denke, das ist auch heute für uns die Frage, an der sich alles entscheidet, wie es weitergeht: Mit uns selber, mit der Kirche, mit dem katholischen Glauben in unserem Land, mit Europa… Auf wen höre ich? Ein Christ ist ein Mensch, der auf Christus hört, auf die Stimme der Kirche hört, natürlich nur insofern die Kirche in Treue die Worte des Guten Hirten bezeugt und weitergibt.

           

So ist das biblische Wort vom Guten Hirten und das Bild der Urchristen auch für uns immer neu eine Einladung, auf Christus zu schauen, auf Christus zu hören, ihm zu folgen. Amen.

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