272) 5. Fastensonntag B 2018: Johannesprolog 18: DIE FINSTERNIS HAT ES NICHT ERFASST - MIT LICHT UND FINSTERNIS LEBEN

Hochamt am 5. Fastensonntag 2018

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

18) „DIE FINSTERNIS HAT ES NICHT ERFASST“ (Joh 1,5) – Mit Licht und Finsternis leben.

Predigt von Pf. Stephan Müller (erweiterte Fassung zur persönlichen Besinung)

           

Christus vergleicht sich mit einem Weizenkorn. Er beschreibt damit den Weg seiner Passion, die Grablegung und die Auferstehung. Seine Verherrlichung ist sein Erlösertod am Kreuz. Vom Kreuz aus will er uns an sein Herz ziehen. Dieses Geschehen ist das Gericht Gottes über „diese Welt“ (Joh 12,31). Durch das Gericht des Kreuzes wird auch der Teufel, der „Herrscher dieser Welt hinausgeworfen“ und besiegt (Joh 12,31). Indirekt beschreiben diese Worte den Sieg des Lichtes über die Finsternis. Denken wir noch ein wenig darüber nach, wie wir mit Licht und Finsternis in unserem Leben umgehen können.

           

1) „Die Finsternis hat es nicht ergriffen“: Keine Finsternis kann das Licht der Wahrheit besiegen.

           

Der hl. Thomas von Aquin vermittelt uns folgende Einsicht: Die Wahrheit Christi leuchtet durch die Predigt der Kirche überall, und sie leuchtet aus eigener Kraft. Keine Macht der Finsternis kann die Wahrheit Christi ergreifen (*). Mit anderen Worten: Kein Irrtum, keine Irrlehre, keine Macht der Welt oder der Unterwelt, Nichts und Niemand, kann die Offenbarung Gottes, die Wahrheit Christi zerstören oder besiegen. Christus sagt über seine Kirche: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Das Konzil von Trient lehrt, wie diese Worte zu verstehen sind: Das Dogma des Glaubens kann nicht zerstört werden, von keiner Macht der Welt oder Unterwelt.

           

Etwas anderes ist: Im Leben der Kirche wird das Licht von der Finsternis angegriffen. Die Wahrheit Christi wurde und wird immer wieder vom Irrtum, vom Unglauben, von der Häresie, von lauen und lasterhaften Katholiken usw. bedrängt. Diese Bedrängnis gibt es im Leben der Kirche im Großen und in unserem kleinen Leben, uns unserem eigenen Herzen.

           

Wie können wir mit Finsternis umgehen, die uns im Leben der Kirche begegnet?

           

Es ist nicht immer einfach, mit den dunklen Seiten der Kirche zurechtzukommen, mit Finsternis im Leben der Getauften - Priester, Gottgeweihte und Laien. Die Skandale in der Kirche, in der Vergangenheit und heute. Rein menschlich ist das nicht zu lösen. Mit der Kirche zurechtkommen wird nur, wer die Kirche gläubig sieht, von Gott her. Der Selige Kardinal John Henry Newman sagt: „Die Kirche ist ebenso eine menschliche wie eine göttliche Einrichtung. Sofern sie menschlich ist, ist sie auch den Fehlern der menschlichen Natur zugänglich.“ Das Unkraut im Weinberg der Kirche - das Menschliche und Sündige im Leben der Getauften - hat es immer gegeben und wird es immer geben. Christus hätte auch eine Kirche der „Reinen“ gründen können. Nein, Christus hat eine Kirche für die Menschen gegründet, eine Kirche für uns Sünder. Doch was heute gerne übersehen wird: Als Sünder sind wir von Christus zur Bekehrung gerufen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,11) sagt Christus zur Ehebrecherin. Das ist ein Aufruf zur Bekehrung. Die Kirche ist eine Bekehrungsgemeinschaft und eine Glaubensgemeinschaft. Jeder ist gerufen, sich in und durch die Kirche zu bekehren, aus Unkraut zu Weizen zu werden. So birgt die Kirche in ihrem Schoß viele Sünder, aber auch viele Heilige (vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Konstitution Lumen Gentium, 8). Weil die Kirche eine göttliche Einrichtung ist, weil der Sohn Gottes in der Kirche lebt und wirkt, kann keine Finsternis die Heiligkeit der Kirche besiegen.

           

Wie können wir mit Finsternis umgehen, die uns im eigenen Leben und im eigenen Herzen begegnet?

           

Solange wir die Finsternis bei den anderen feststellen, solange die anderen die Sünder sind, ist es einfach. Brenzlig wird es wenn wir auch in unserem eigenen Herzen Finsternis entdecken. Die Lösung wäre so einfach. Was Finsternis der Sünde in unserem Leben ist, sollen wir zum Licht Christi tragen. Das tun wir im Sakrament der hl. Taufe und nachher in der hl. Beichte. Im Sakrament der Buße wandelt Christus unsere Finsternis in Licht. Paulus sagt uns: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein“ (Eph 5,14). Lassen wir Christus immer wieder über unsere Finsternis siegen, so werden wir mehr und mehr Licht. Es braucht viel Demut und Wahrhaftigkeit, sich vor Gott als armer und sündiger Mensch anzuerkennen, das Ave Maria ernst zu nehmen: „Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder.“

           

Die Erfahrung und das Wissen um Finsternis in der Welt, im Leben der Katholiken, im eigenen Leben, soll uns ein Ansporn sein, selber noch mehr nach Heiligkeit zu streben. Geben wir uns nie mit Mittelmäßigkeit zufrieden.

           

Das Licht Christi, seine Wahrheit, ist das Fundament, die sichere Grundlage, eines christlichen Lebens. Bauen wir unser Leben, unsere großen und kleinen Lebensentscheidungen, auf den Glauben, auf die Gebote Gottes. Auch wenn wir im menschlichen Sinn manche Nöte, Sorgen und Schwierigkeiten haben: Was auf die Wahrheit Christi gebaut ist, hat Bestand. Christus sagt: „Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,17).

           

2) „Die Finsternis hat es nicht begriffen“: Leben mit den beiden Lichtquellen Vernunft und Offenbarung.

           

Gott hat uns Menschen zwei Lichtquellen gegeben, zwei Erkenntnisquellen: Das natürliche Licht der Vernunft und das übernatürliche Licht des Glaubens. Die kleinere Quelle ist das Licht der Vernunft, eine Fähigkeit unserer Geistseele. Mit dem Licht der Vernunft können wir viel erkennen: zB die Existenz Gottes, das Grundlegende der 10 Gebote Gottes, weil Gott sie uns ins Herz geschrieben hat, zB dass Stehlen, Lügen, Morden, Ehebruch nicht in Ordnung ist, das ist mit der Vernunft einzusehen, dazu braucht es keine Offenbarung.

           

Die übernatürlichen Wahrheiten können wir mit der natürlichen Vernunft nicht erkennen, durch die Erbsünde ist uns diese Fähigkeit verloren gegangen. ZB die Wahrheit über die Allerheiligste Dreifaltigkeit, über den Erlöser, über die Erlösung, über die Gnade, über das ewige Leben usw. Um das zu erkennen benötigen wir das übernatürliche Licht des Glaubens, die Offenbarung Gottes. Deshalb hat Christus oft und lange die Menschen durch Predigt gelehrt. Deshalb der Verkündigungsauftrag der Kirche. Paulus sagt uns im Epheserbrief: Wir sollen „durch die Kirche Kenntnis erhalten von der vielfältigen Weisheit Gottes“ (Eph 3,10).

           

In der alten Irrlehre der Gnosis, im Kleid der heutigen Esoterik, will der Mensch Erleuchtung und Erkenntnis aus sich selbst, wie Luzifer vor seinem Fall. Esoteriker meinen, dass wir die Quelle des Lichtes in uns selber haben. Das ist ein großer Irrtum.

           

Mit dem Licht leben bedeutet: vernünftig und gläubig denken. Vernunft und Glaube gehören immer zusammen. Mit der Vernunft die Prinzipen des Glaubens erfassen und sie festhalten. Der Vernunft führt uns bis zur Tür des Glaubens. Der Glaube führt uns bis zur Tür des Himmels.

           

3) „Die Finsternis hat es nicht begriffen“: Das Licht ergreifen.

           

Mit dem Aufnehmen des Lichtes haben wir Menschen so unsere Not. Johannes schreibt: „Die Finsternis hat es [das Licht] nicht begriffen.“ Das will sagen: Ein Herz, das von Sünde oder Unglaube erfüllt ist, kann das übernatürliche Licht nicht erfassen, nicht aufnehmen, auch Gott nicht. Der hl. Thomas von Aquin sagt es so: „Die Unwissenheit und der Unglaube der törichten Menschen erfassen das Licht des Wortes Gottes, das im Fleisch leuchtet, nicht“ (**).

           

Aus diesem Grund ist der Weg zum Licht Gottes immer mit Bekehrung und Reinigung verbunden. Das ist übrigens eine Einsicht aller Religionen. Gott will unser Herz reinigen, damit wir das übernatürliche Licht Gottes aufnehmen können. Wenn wir Katholiken zB täglich beten, regelmäßig beichten, wird unser Herz leichter bereit sein, die übernatürlichen Wahrheiten aufzunehmen. Übrigens: Ein Mensch der meint, keine Umkehr oder innere Erneuerung nötig zu haben, wird mit der Zeit auch mit dem Licht der Vernunft und dem Hausverstand Schwierigkeiten bekommen. Das größte Problem im Umgang mit dem Licht ist die Sünde gegen das Licht, wenn ein Getaufter die Offenbarung Gottes, wie sie die Kirche verkündet, bewusst zurückweist. Die Sünde gegen das Licht entfernt die Seele immer mehr von Gott und führt in Richtung der Sünde gegen den Heiligen Geist, diese führt zur ewigen Trennung von Gott (Katechismus der Katholischen Kirche, 1864).

           

Wichtig ist, dass wir das Licht ergreifen. Wie können wir das tun? Ganz einfach. Ergreifen wir mit unseren Händen gerne die Heilige Schrift oder den Schott. Ergreifen wir gerne den Katechismus. Ergreifen wir gerne die Türschnalle an der Kirchtüre, treten wir gerne ein ins Gotteshaus. Ergreifen wir gerne den Griff an der Beichtstuhltüre. Ergreifen wir gerne eine Initiative, um einen Menschen eine Tat der Liebe zu erweisen. Danken wir Christus für diese Lichtquellen. Was Paulus dem Timotheus ans Herz legt, legt er auch uns ans Herz: „Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist“ (1 Tim 6,12). Amen.

           

   (*) Hl. Thomas von Aquin, CATENA AUREA, Band II., Seite 659

(**) Hl. Thomas von Aquin, CATENA AUREA, Band II., Seite 657-658

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