270) 3. Fastensonntag B 2018: Johannesprolog 16: DER EINZIGE DER GOTT IST - GOTTHEIT CHRISTI UND GLAUBE

 

Hochamt am 3. Fastensonntag B) 2018

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

14) „DER EINZIGE, DER GOTT IST“ (Joh 1,18)

ÜBER DIE BEDEUTUNG DER WAHREN GOTTHEIT CHRISTI FÜR DEN GLAUBEN

Predigt von Pf. Stephan Müller (erweiterte Fassung zur persönlichen Vertiefung)

           

„Der einzige, der Gott ist, und am Herzen des Vaters ruht, hat Kunde gebracht.“ Weil der Sohn Gottes Mensch geworden ist, hat er das Menschliche erwählt, um uns Kunde vom Vater und vom Himmel zu bringen: Sein menschliches Leben und das menschliche Wort. Daraus ergibt sich auch eine Konsequenz der Gottheit Christi für den Glauben der Kirche, die wir z bedenken wollen: Die Bedeutung der Worte Christi.

           

Gehen wir vom heutigen Evangelium aus. Wir erleben die Tempelreinigung. Beim hl. Kirchenvater Hieronymus findet sich eine Auslegung dieser Stelle: Die Stühle im Tempel sind Symbol des Lehramtes, der Glaubenslehre, die von den Priestern und Rabbinen im Tempel verkündet wird. Hieronymus deutet das so: Indem Christus die Stühle im Tempel umstößt, beseitigt er den falschen Kult und die falschen Lehren, die im Tempel verkündet werden, mit anderen Worten: Christus treibt die Irrlehren aus dem Tempel hinaus. (*)

           

Wir haben im Katholischen den Ausdruck Häresie. Das Wort kommt aus dem altgriechischen hairesis, dh Wahl oder Auswahl. Wörtlich meinen wir mit Häresie einen Auswahl- oder Teilglauben. Dh ein Teil des Glaubens wird aus dem Gesamten herausgerissen, verdreht, in Gegensatz zum Gesamten des Glaubens gesetzt. Eine Irrlehre ist umso gefährlicher, je mehr Wahres auch dabei ist.

           

Der Apostel Johannes spricht von der Häresie in Verbindung mit dem Antichristen: „Meine Kinder, es ist die letzte Stunde. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste gekommen. Daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist. Sie sind aus unserer Mitte gekommen, aber sie gehörten nicht zu uns; denn wenn sie zu uns gehört hätten, wären sie bei uns geblieben. Es sollte aber offenbar werden, dass sie alle nicht zu uns gehörten“ (1 Joh 2,18-19).

           

Der Apostel Johannes sagt uns an dieser Stelle unter anderem: Häresie hat immer mit dem Antichrist zu tun, wörtlich: mit einem Gegenchristus. Der größte Gegenchristus ist der Teufel. Das griechische Wort diabolos/Teufel heißt wörtlich Durcheinanderwerfer. Die eigentliche Wurzel jeder Häresie ist letztlich der Durcheinanderwerfer, der Verwirrung stiftet. Christus nennt ihn den „Vater der Lüge“ (Joh 8,44).

           

Auf noch etwas macht uns der Apostel Johannes aufmerksam: Irrlehre kommt aus dem Bereich der Kirche selber: „Sie sind aus unserer Mitte gekommen, aber sie gehörten nicht zu uns.“ Die größten und schlimmsten Häretiker in der Kirche waren leider meist Priester und Bischöfe.

           

Der Katechismus macht uns auf Sünden aufmerksam, die die Einheit der Kirche verwunden. Der Katechismus spricht darüber beim ersten Gebot Gottes: „Das erste Gebot verlangt von uns, unseren Glauben zu nähren, ihn umsichtig und wachsam zu behüten und alles zurückzuweisen, was ihm widerspricht. Man kann auf verschiedene Weisen gegen den Glauben sündigen“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 2088).

           

Unglaube besteht in der Missachtung der geoffenbarten Wahrheit oder in der willentlichen Weigerung, ihr zuzustimmen. ´Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer mit göttlichem und katholischem Glauben zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit; Apostasie nennt man die Ablehnung des christlichen Glaubens im ganzen;´ (CIC, can. 751)“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 2089).

           

Häresie und Apostasie werden von der Kirche als so schwerwiegend eingestuft, dass sie im Kirchenrecht mit der von selbst eintretenden Exkommunikation belegt sind (CIC, Kodex des Kanonischen Rechtes, Can. 1364). Mit anderen Worten: Ein Katholik – Kleriker oder Laie – der bewusst eine Irrlehre lehrt oder glaubt, schließt sich von selbst aus der Gemeinschaft der Kirche aus, hat keinen Zutritt mehr zu den Sakramenten. Wenn hier auch bei den Getauften nach außen manches nicht sichtbar ist oder schön ausschaut, wie jede Sünde hat auch Häresie hat ihre Auswirkung. Christus kennt das Herz eines jeden Menschen. Er sagt heute im Evangelium über seinen Blick in das menschliche Herz: Er „brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist“ (Joh 2,25).

           

In unserer Zeit, wo der Relativismus vorherrschend ist – dh die Vorstellung, es gäbe keine objektive geoffenbarte Wahrheit – werden manche vielleicht nicht verstehen, warum die Kirche gegenüber der Häresie so zurückweisend ist. Das ist natürlich auch gegen das moderne Toleranzverständnis: Jeder wie er meint und will. Im menschlichen Bereich braucht es selbstverständlich viel Toleranz und Großzügigkeit. Im Bereich des Glaubens geht das nicht, weil Gott ewige Wahrheit ist, die sich geoffenbart hat. Der hl. Augustinus sagt: „Den Sünder lieben, die Sünde hassen.“ Auf den Glauben umgesetzt: „Den Irrenden lieben, aber die Häresie hassen.“

           

Der heilige Thomas von Aquin lehrt: Die schlimmsten Sünden sind nicht die Sünden, die aus der Schwachheit der menschlichen Natur kommen, sondern die Sünden gegen den Glauben, die Irrlehren, weil sie direkt gegen Gott gerichtet sind, der sich in unsagbarer Güte uns geoffenbart hat. Der Glaube ist ein Ganzes. Wer einen Teil des Glaubens angreift, greift den ganzen Glauben an. Das Licht der Offenbarung ist ein Ganzes, es kann nicht aufgespalten werden. In der Theologie wird das die Analogie des Glaubens genannt, der Zusammenhang des gesamten geoffenbarten Glaubens (vgl. KKK 114).

           

Der hl. Thomas von Aquin hilft uns, dies zu verstehen, er sagt: „Jede Sünde besteht in der Abwendung von Gott. Umso größer ist also eine Sünde, je mehr sie den Menschen von Gott trennt. Durch den Unglauben wird der Mensch am weitesten von Gott entfernt, da er nicht die wahre Kenntnis Gottes hat. Durch eine falsche Meinung über Gott kann sich der Mensch nämlich Gott nicht nähern.“ – So der hl. Thomas von Aquin.                                                                                                                  

           

Die Kirche hat die Glaubenslehre, die Offenbarung, von Christus empfangen und deshalb über den Inhalt des Glaubens so gewacht, weil die Worte Christi göttlich sind. Und der Glaube führt zu Christus und zum Heil.

           

Die Kirche tut und lehrt im Bereich des Glaubens seit 2000 Jahren immer dasselbe. Es hat Vertiefung gegeben, doch es ist immer derselbe Glaube. Aus der Häresie, dem Auswahlglauben, entsteht innerkirchlich das „Sektentum“. Das hat es immer gegeben, von der Zeit der Apostel bis heute (vgl. KKK 817). Das ist nichts Neues: Katholiken, die nichts anderes tun als an den Worten Christi und der Lehre der Kirche festhalten, werden manchmal als „Sekte“ bezeichnet. Wir haben gesehen wie der Apostel Johannes, wie der Katechismus und das Kirchenrecht die Dinge sehen. Die wahren Sektierer im innerkirchlichen Bereich sind diejenigen, die die Worte Christi und die Lehre der Kirche oder einen Teil davon willentlich nicht annehmen.

           

Der wahre Glaube umfasst das ganze Wort Gottes, die ganze Offenbarung. So kommen wir zu einer sehr bedeutungsvollen Konsequenz der Gottheit Christi für die Kirche:

1) Die Gottheit Christi ist die Grundlage des Evangeliums und der Offenbarung

           

Weil Christus wahrer Gott ist, ist sein Wort nicht irgendein Wort, kein bloßes menschliches Wort, sondern Wort Gottes. Der Apostel Matthäus berichtet von einer Reaktion der Bergpredigt: „Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,28-29).

           

Der heilige Apostel Paulus schreibt den Christen in Thessalonich voller Freude: „Darum danken wir Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam“ (1 Thess 2,13).

           

Das Wort Gottes ist ein wirksames Wort, voll Kraft, Licht, Leben, Trost und Hilfe…: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,10-11).

           

Das Wort Christi hat unumstößliche Autorität. Es ist zusammen mit der Überlieferung die eine Quelle der Offenbarung. Nie kann etwas in der Kirche gültige Lehre werden, Bestand haben usw. was gegen das Wort Gottes ist oder mit dem Gesamten des Wortes Gottes nicht vereinbar ist. Solche fragwürdigen Bestrebungen hat es innerkirchlich immer gegeben, 2000 Jahre lang. ZB im Bereich der Ehelehre, der Ökumene, der Gnadenlehre, der Eschatologie usw. Der heilige Apostel Paulus ermahnt die Korinther „dass der Grundsatz gilt: «Nicht über das hinaus, was in der Schrift steht»“ (1 Kor 4,6).

           

Das Wort Gottes ist und bleibt ewig: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35).

           

2) Die Gottheit Christi ist die Grundlage unseres persönlichen Glaubens und unserer Hoffnung

           

Liebe Firmlinge! Wenn es im Leben schwer wird, wenn man nicht mehr recht weiß, wie es weitergehen soll, wie werde ich dies und jenes schaffen… Wer wird mehr Gottvertrauen haben: Jemand, für den Jesus nicht mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch, oder jemand der bekennt: Dieser Jesus ist Christus, er ist mein Gott, mein Schöpfer, mein Erlöser. Bei ihm ist mein Leben in Gottes Hand. Paulus hat das von sich bezeugt: „Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe“ (2 Tim 1,12).

           

Ein Firmspender, den ich gut kannte, hatte die Gewohnheit, die Firmlinge einen Bibelspruch als Leitmotiv wählen zu lassen, bei er Firmung mussten sie diesen dann kundtun. Ein Mädchen sagte als Bibelwort: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Auf die weitere Frage: „Was willst du einmal werden?“ kam die Antwort: „Sportlerin in Leichtathletik.“ Wer an den Sohn Gottes glaubt, ihm zum göttlichen Freund hat, wird alle Mauern im Leben mit seiner Hilfe „überspringen“.

           

In einer Präfation betet die Kirche (**): „Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit zu Hilfe gekommen und hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn Rettung und Heil gebracht aus unserer menschlichen Sterblichkeit“.

           

Wir haben an zwei Sonntagen über die Bedeutung der Gottheit Christi für die Kirche und den Glauben nachgedacht. So manchen in der Kirche, Amtsträgern oder Laien, müsste man die Frage stellen: Glaubst du, dass Christus der Sohn Gottes ist, glaubst du das wirklich, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind? Wie ist unser Glaube? Diejenigen von uns, die heute bewusst mit der Kirche leben, werden, wie ich denke – hoffentlich - mit den hohen Geheimnissen Christi keine Schwierigkeiten haben. Was können wir tun – für uns persönlich, für unsere Kinder, für den Leib der Kirche?

           

  • Wir müssen die Gottheit Christi bewusst glauben, und deren Konsequenzen für das Wesen der Kirche erfassen.
  • Wir müssen wegkommen von einer „Jesologie“ im Sinn der frühchristlichen Irrlehren. Stattdessen brauchen wir eine tiefe Christologie im Sinn der frühchristlichen Dogmen und Glaubensbekenntnisse.
  • Wir müssen Christus als Sohn Gottes auch ganz bewusst anbeten. Nehmen wir uns Zeit für die Anbetung Christi im Allerheiligsten Altarssakrament. Der höchste Akt der Anbetung Gottes ist das Heilige Messopfer.
  • Wir müssen Christologisch denken, ganz von Christus her, konkret von den Sakramenten her, vom Heiligen Messopfer her. Die Kirche erwächst aus der Eucharistie, sie wird nicht von uns „gemacht“. Johannes Paul II. hat dieser christologischen Grundwahrheit seine letzte Enzyklika gewidmet, gleichsam sein Testament, zwei Jahre vor seinem Tod: „Ecclesia de Eucharistia/Die Kirche erwächst aus der Eucharistie“ (17.4.2003). Das Wort Gottes bereitet das Opfer der Heiligen Messe vor, führt dazu hin, wird dann bei der Heiligen Wandlung Fleisch und Blut Christi. Ein Wortgottesdienst ist deshalb nie ein Ersatz für das Heilige Messopfer. Keine Zeit, kein Aufwand, keine Mühe darf uns zu viel sein, um zum Heiligen Messopfer zu kommen und gut mitzufeiern. Wer das tut, handelt Christologisch.

Eine solche Christologische Kirche des Glaubens hat 2000 Jahre überstanden, alle Stürme überdauert, sie wird weiter bestehen bis zum Jüngsten Tag, an dem Christus wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Deshalb können wir standhaft und froh im Glauben der Kirche leben und weitergehen, und den Vorgeschmack des Himmels auf Erden genießen (KKK 163, 184), den uns der Christusglaube schenkt. Amen.

           

           

           

(*) hl. Hieronymus, Buch 4 des Kommentars zum Matthäusevangelium, Kapitel 23; in: Breviarium

     Romanum, 1964, 1. Band, Seite 284

(*) Präfation für die Sonntage im Jahreskreis III

           

 

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