020) Pfingstsonntag 2012: sensus catholicus

Hochfest Pfingsten B) 2012 – Pfarrkirche Imsterberg

Homilie von Pfarrer Stephan Müller (Manuskript):

DER GEIST DER WAHRHEIT (Joh 15,26) SCHENKT DEN ÜBERNATÜRLICHEN GLAUBENSSINN (KKK 91-94.99)

In den Abschiedsreden, beim Letzten Abendmahl, nennt Jesus den Heiligen Geist den „Geist der Wahrheit“(Joh 15,26). Dann beschreibt er auch sein Wirken: Der „Geist der Wahrheit“ wird „euch in die ganze Wahrheit führen“(Joh 16,13).

Der Geist der Wahrheit ist in der Kirche auch heute am Werk. Die Pfingstpräfation beschreibt das Wirken des Heiligen Geistes so: Er erfüllt die Kirche mit Leben. Er schenkt den Völkern die Erkenntnis des lebendigen Gottes. Er vereint die vielen Sprachen im Bekenntnis des einen Glaubens. Vor wenigen Wochen konnten wir das bei der Papstaudienz am Petersplatz auf eindrucksvolle Weise erleben. Menschen aus mehr als zehn verschiedenen Sprachen waren im Glauben mit dem Nachfolger Petri vereint.

Der Geist der Wahrheit wirkt sehr vielfältig in der Kirche. Eine seiner Wirkweisen wollen wir heute etwas näher betrachten. Der Geist der Wahrheit wirkt den übernatürlichen Glaubenssinn des christlichen Volkes. Der Fachausdruck dafür ist SENSUS CATHOLICUS, wörtlich: der katholische Sinn, das katholische Gespür und Erkennen des Herzens und Gewissens für den wahren Glauben. Was ist der sensus catholicus, was bedeutet er für unser Leben? Darüber wollen wir heute nachdenken. Der KKK stellt zuerst kurz fest: Der übernatürliche Glaubenssinn geht vom Geist der Wahrheit aus. Er ist also eine Gabe des Heiligen Geistes an das christliche Volk. Er wird vom Heiligen Geist geweckt und erhalten (KKK 93).

Der KKK erklärt es noch näher: „Dank seinem übernatürlichen Glaubenssinn empfängt das ganze Volk Gottes unablässig die Gabe der göttlichen Offenbarung, dringt tiefer in sie ein und lebt voller aus ihr“(KKK 99). Was bedeutet das? Ich möchte es mit einem Bild erklären. Es gibt heute kaum ein Haus ohne Satelliten-Schüssel. Mittels dieser Schüssel können wir die Programme empfangen, die von den Satelliten gesendet werden. Durch die hl. Taufe und Firmung haben wir so etwas wie eine Satellitenschüssel, eine Empfangsstation, in unserem Herzen und Gewissen. Wir haben die Fähigkeit erhalten, die göttliche Offenbarung zu empfangen, d.h. die Gnade des wahren Glaubens. Die Sendestation ist der Heilige Geist. Die Empfangsstation im Gewissen ist der übernatürliche Glaubenssinn.

Was will der Heilige Geist in Bezug auf den übernatürlichen Glaubenssinn in unserem Leben wirken? Der Katechismus führt zwei Wirkungen an, die der Heilige Geist bei uns hervorbringen will:

a) Er will, dass wir immer tiefer in die Offenbarung, den wahren Glauben, eindringen. Der Glaube ist eine Gnade, die wir in der hl. Taufe und Firmung erhalten haben. Doch diese Gnade haben wir nie fertig in der Tasche. Diese Gnade will vertieft und entfaltet werden. Wer nach der Taufe für die Entfaltung des Glaubens zu wenig oder nichts mehr tut, bleibt eben in den Kinderschuhen stecken. Doch so wie man mit Schuhgröße 5 als Erwachsener nicht gehen kann, so kann man mit einem Glauben, der auf der Stufe eines 13jährigen Kindes stehen geblieben ist, nicht leben.

b) Der Heilige Geist will, dass wir voller aus dem Glauben leben. Der Heilige Geist will uns helfen, dass wir unser Leben in Familie, Gesellschaft, Politik usw. aus dem Glauben heraus gestalten. Der übernatürliche Glaubenssinn schenkt uns den Geist der Unterscheidung. Er lässt uns erkennen: das ist gut, und führt zu Gott, das ist Sünde, und entfernt von Gott. Das ist christlich oder nicht christlich. Das kann ich aus dem Glauben heraus bejahen oder das muss ich aus dem Glauben heraus ablehnen usw. So könnte man in Kürze den sensus catholicus beschreiben, den übernatürlichen Glaubenssinn des Volkes.

Der KKK sagt: Der Heilige Geist ist unablässig auf Sendung. Die Frage ist, ob wir unablässig auf Empfang sind? Geht es uns nicht manchmal so, dass wir eher auf die Wellenlänge der irdischen Satelliten eingestellt sind? Auf die Medien? Auf die Zeitungen? Auf den Tratsch der Leute? Auf das, was man heute tut? Viel wichtiger ist, dass wir auf die Satellitenstation des Heiligen Geistes eingestellt sind.

Wie können wir den sensus catholicus in unserem Herzen und Gewissen aufbauen? Der sensus catholicus ist nicht aus einem Buch zu lernen. Man braucht dazu kein Theologie- oder Universitätsstudium, keinen besonderen Kurs, man braucht auch kein besonderes Wissen, keine besonderen Fähigkeiten. Der sensus catholicus ist eine Gabe, die der Heilige Geist jenen gibt, die auf Empfang eingestellt sind. Mit anderen Worten: Der sensus catholicus wird jenen geschenkt, die Gott lieben, beten, den Sonntag heiligen, die gläubig zu leben versuchen, im Einklang mit den 10 Geboten Gottes, die der Stimme Gottes in ihrem Gewissen folgen. Wer das tut, der empfängt als Gabe des Heiligen Geistes den übernatürlichen Glaubenssinn. Christus sagt: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“(Joh 3,21).

Der übernatürliche Glaubenssinn des christlichen Volkes ist nicht mehr vorhanden, wo das gläubige Leben nicht mehr vorhanden ist. In dem Maß, als ein Christ nicht mehr mit der Kirche lebt, keine Beichte mehr kennt, in schwerer Sünde lebt, im Ungehorsam gegenüber dem Wort Gottes oder der Kirche, im Ungehorsam gegenüber dem Papst, geht der übernatürliche Glaubenssinn verloren. Der übernatürliche Glaubenssinn ist deshalb oft bei einfachen Menschen am stärksten vorhanden. Therese von Konnersreuth sagte manchmal: „So gelehrt und so verkehrt!?“ Wie steht es bei uns heute mit dem übernatürlichen Glaubenssinn? Die starke Auflehnung gegen die Kirche und ihre Lehre, wenn sie verkündet wird, sind Anzeichen, dass es mit dem sensus catholicus bei so manchen nicht mehr gut bestellt ist. Trotzdem gibt es auch bei uns gläubige Menschen, die diesen tiefen katholischen Sinn haben, ein tiefes und feines Gespür für das , was katholisch ist, gut ist, Gott wohlgefällig und Zukunft hat und was zu tun wäre.

Der übernatürliche Glaubenssinn ist nicht nur für das persönliche Wachsen im Glauben notwendig. Er hilft uns auch, die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Nöte richtig zu erfassen und zu antworten. Dazu noch ein kleines Beispiel aus dem 20. Jh. Bei den Wahlen in Deutschland am 31. Juli 1932 ging Hitler mit der NSDAP zum ersten Mal als stärkste Partei hervor, 37,3%. Was wenige wissen: von den 21 Millionen Katholiken in Deutschland haben damals nur 15 % Hitler gewählt. In den überwiegend katholischen Gebieten konnte Hitler keine Wahlsiege erringen. Er hat seine Wahlsiege in den protestantischen Gebieten errungen. Das ist zahlenmäßig genau zu belegen. Der sensus catholicus war damals den Katholiken eine große Hilfe, die gefährliche Situation des aufkommenden Nationalsozialismus mit dem Geist der Unterscheidung zu beurteilen. Nicht wenige Hirten der Kirche haben damals auch den sensus catholicus der Gläubigen gefördert. Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., war von 1917 bis 1929 in Deutschland, als Nuntius in München und Berlin. In diesen Jahren hat er 44 öffentliche große Ansprachen gehalten, in Dortmund 1927 vor 80 000 Menschen. 40 dieser 44 Ansprachen waren auch zur Abwehr des Nationalsozialismus. [Hesemann, Die Wahrheit über Pius XII. S. 83.94] So brauchen wir auch heute den übernatürlichen Glaubenssinn, um auf die Nöte unserer Zeit gläubig zu reagieren.

Durch den übernatürlichen Glaubenssinn ist der Heilige Geist den Christen immer ein mächtiger Helfer und Beistand. Der Geist der Wahrheit schenkt uns den übernatürlichen Glaubenssinn. Er hilft uns, in unserem persönlichen Leben tiefer in den Glauben einzudringen. Er hilft uns, in der Gestaltung unserer Zeit und Gesellschaft das zu erkennen, was vor Gott richtig ist, was wir tun sollen und für die Zukunft Bestand hat. Amen.

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