269) 2. Fastensonntag B 2018: Johannesprolog 15: DER EINZIGE, DER GOTT IST - GOTTHEIT CHRISTI UND KIRCHE

 

Hochamt am 2. Fastensonntag B) 2018

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

14) „DER EINZIGE, DER GOTT IST“ (Joh 1,18)

ÜBER DIE BEDEUTUNG DER WAHREN GOTTHEIT CHRISTI FÜR DIE KIRCHE

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

„Der einzige, der Gott ist, und am Herzen des Vaters ruht, hat Kunde gebracht.“ So bezeugt der Apostel Johannes über das Kommen Gottes zu uns Menschen durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Auch auf dem Berg der Verklärung erfüllt sich das: Christus bringt uns Kunde vom Himmel, vom Herzen des Vaters. Das Angesicht Christi leuchtet wie die Sonne. Was da geschieht, ist ein Aufleuchten seiner Gottheit. Nie mehr werden die drei Apostel diese Augenblicke auf dem Tabor vergessen.

           

Während des gesamten Weges, den die Kirche bisher durch die Zeit pilgert, von Christus bis heute, erleben wir einen zweifachen Vorgang: Die Kirche hütet das hohe Geheimnis der Gottheit Christi wie einen kostbaren Edelstein und gibt es weiter, bis zum heutigen Tag, damit wir daraus Heil empfangen. Gleichzeitig ist dieser Edelstein, das hohe Geheimnis der Gottheit Christi, immer wieder von falschen Lehren und Vorstellungen bedroht. Wir haben dafür den Begriff Häresie – Irrlehre.

           

Wir haben uns vor zwei Wochen mit frühchristlichen Irrlehren und ihrer Überwindung befasst. Die Vorgänge in den ersten christlichen Jahrhunderten sind für unsere heutige Zeit äußerst aktuell. Die Kirche wird, wie zu allen Zeiten, auch heute von Irrlehren bedroht, das ist nichts Neues. Manches ist versteckt, manches ist offenkundig. Wir erleben in unseren Tagen Neuauflagen fast aller alten Häresien aus dem ersten Jahrtausend, nur das äußere Kleid hat sich manchmal verändert. Alle Irrlehren, die in der Kirchengeschichte aufgetreten sind, bis zum heutigen Tag, wurzeln letztlich in einer falschen Vorstellung über die wahre Gottheit oder wahre Menschheit Christi.

           

Vor der Heiligen Kommunion betet der Priester im Messbuch: „Herr Jesus Christus, schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben Deiner Kirche.“ Was sieht der Herr, wenn er auf den Glauben seiner Kirche schaut? Wie sieht es in der Kirche heute aus mit dem Glauben an Seine wahre Gottheit?

           

Bei so manchen Theologen entdecken wir, wenn wir ihre Schriften genauer lesen, letztlich die Infragestellung oder Leugnung der wahren Gottheit Christi oder der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Christus wird nicht selten als ein Mensch bezeichnet, in dem Gott auf besondere oder einzigartige Weise da ist, oder in ähnlichen Formulierungen. Wir werden mit solchen Aussagen an die alte Irrlehre des Arius erinnert. Wir können hier von einem Neo-Arianismus sprechen. In Jesus ist Gott eben nicht nur auf besondere Weise gegenwärtig. Das können wir von Maria sagen, von Padre Pio, von jedem Heiligen, von jedem Getauften, der in der Heiligmachenden Gnade lebt. Jesus ist Gott, wesensgleich mit Gott Vater. Ein großer Unterschied.

           

In manchen religiösen Kinderbüchern wird Christus oft nur mehr menschlich und sinnlich dargestellt, auch als Comicfigur, seine Gottheit und Würde werden nicht zum Ausdruck gebracht, seine Wunder werden Geschichten genannt... Selbstverständlich gibt es auch gute Kinderbücher mit schönen Bildern.

           

Wenn man sich – in Österreich oder Deutschland – Angebote mancher kirchlicher Bildungshäuser genauer ansieht kann man feststellen: Ein nicht geringer Teil der Angebote hat nicht mehr viel oder nichts mehr zu tun mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes, mit dem Wirken des Erlösers in den heiligen Sakramenten… stattdessen Innerweltliches, esoterische Angebote, Yoga, Tanz usw.

           

Christus, der ewige Sohn Gottes, wesensgleich mit dem Vater, ist heute für viele Christen scheinbar nur mehr der Mensch Jesus, wenn es gut geht ein besonderer Mensch, aber eben nur mehr Mensch.

           

Warum ist der Glaube an die wahre Gottheit Christi für uns so zentral und so kostbar?

           

1) Die Gottheit Christi ist der Ursprung der Kirche.

           

Die Kirche ist keine menschliche Erfindung, Christus hat die Kirche gegründet. Er spricht zu Petrus nach seinem Messiasbekenntnis: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). Die Kirche hat ihren Ursprung in konkreten kirchenstiftenden Handlungen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit bzw. Jesu Christi: ZB Die Erwählung der Muttergottes, sie war das erste Glied der Kirche, die Berufung der Apostel, die Verkündigung des Evangeliums, die Einsetzung des Priestertums und der Sakramente, der Opfertod am Kreuz. Wenn Christus nicht mehr als Sohn Gottes erkannt und geglaubt wird, werden die Kirche und ihr Ursprung nur mehr rein menschlich gesehen.

           

2) Die Gottheit Christi ist der Ursprung des Felsens Petri und des Petrusamtes in der Kirche

           

Wir erleben beim Apostel Petrus ein tiefes Geheimnis der Kirche: Die Verbindung von Menschlichem und Göttlichem. Petrus bekennt bei Cäsarea Philippi: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Christus antwortet: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Er sagt Petrus: Diese Erkenntnis, dass ich der Sohn Gottes bin, hast du nicht aus dir selber, das hat dir Gott Vater geoffenbart. Dann sagt Christus dem Petrus: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Diese Worte bedeuten: Die Gottheit Christi, die Petrus bekennt, wird zum Felsen-Fundament der Kirche. Petrus wird als schwacher Mensch, der Christus sogar verleugnet hat, Träger des Glaubensgeheimnisses der Gottheit Christi, und damit zum Felsen der Kirche.

           

In einem Kirchenlied (Ein Haus voll Glorie) heißt es: „Die Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein.“ Diese Aussage ist leider nicht richtig. Christus hat die Kirche auf Petrus und sein Glaubensbekenntnis gegründet. Die Kirche Christi hat sozusagen in Petrus Fleisch und Blut erhalten. Dieses petrinische Element lebt in der Kirche weiter im Petrusamt, im Priestertum, in der apostolischen Sukzession. Ein besonderer Auftrag des Petrus ist es, seine Brüder im Glauben zu stärken, den Glauben zu schützen und zu verteidigen. Wo an die Gottheit Christi nicht geglaubt wird, wird aus der Kirche Christi eine rein geistige Gemeinschaft, ohne Sakramente, ohne Leitung. Solche Vorstellungen wurzeln in der alten Irrlehre der Gnosis, die die Menschwerdung Gottes und die Erlösung durch Christus leugnet. In der Folge geschieht die Verbindung zwischen Gott und Mensch für jeden Menschen „geistig“, ohne die Notwendigkeit einer Kirche oder der Sakramente. Wir können heute auch von einer Neo-Gnosis sprechen. An die Stelle des Erlösers Jesus Christus treten Selbsterlösungslehren. Hier ist der ganze Bereich der Esoterik zu nennen. Im Gegensatz zu Geheimlehren der Gnosis, wo „Eingeweihte“ in immer höhere Stufen der „Erleuchtung“ aufsteigen, hat die Kirche immer offen und klar ihre Lehre – die Lehre Christi – dargelegt. Jeder kann sie lesen oder hören, sie ist an alle gerichtet, jeder ist eingeladen, in die Erlösung einzutreten, die Christus durch Seine Kirche vermittelt.

           

3) Die Gottheit Christi ist die Grundlage der hierarchischen Verfassung der Kirche

           

Christus hat die Kirche hierarchisch verfasst. Hierarchie bedeutet wörtlich heiliger Ursprung, die Kirche kommt aus dem Herzen des Vaters, aus der durchbohrten Seite des Erlösers am Kreuz, wie die Kirchenväter gerne sagen, gegründet auf dem Felsen Petri und den zwölf Aposteln. Das Wort Kirche kommt aus dem griechischen ek-kalein = herausrufen: Gott ruft sein Volk heraus aus der Welt, aus der Sünde, aus der Verlorenheit, aus dem Zeitlichen... Kirche ist von der Wortbedeutung her das Volk, das Gott zusammenruft. Die Kirche ist keine Demokratie. Wir kommen als Kirche zusammen nicht um zu beschließen, sondern um zu hören, was Gott beschlossen hat, und dazu JA zu sagen, so erläutert treffend Benedikt XVI. den Begriff Kirche. (*)

           

Wo man nicht mehr an die Gottheit Christi glaubt, beginnt man – in alten Zeiten und auch heute – die Kirche nach menschlichen oder politischen Vorstellungen zu verändern, umzustrukturieren, umzubauen... Nicht nur die Reformatoren haben das versucht. Doch eine andere Kirche wäre nicht mehr die Kirche Christi. Eine solche „Kirche“ wäre nur mehr wie eine religiöse Bewegung, ein Verein, ein Wirtschaftsbetrieb usw.

           

4) Die Gottheit Christi ist die Grundlage der sakramentalen Verfassung der Kirche.

           

Der heilige Papst Leo der Große sagt: „Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in die Sakramente eingegangen.“ In den Sakramenten ist der Erlöser bei uns, schenkt er uns seine Liebe und Gnaden. Eine Kirche ohne Sakramente gibt es nicht, das wäre eine Kirche ohne Christus. Die Sakramente wiederum sind mit dem Priestertum verbunden. Unser Bischof Hermann Glettler schrieb in einem Brief an uns Priester im Advent 2017: „Aufgrund der sakramentalen Gestalt unserer Kirche ist der Dienst des Priesters unverzichtbar.“

           

Nach einer heute weit verbreiteten Ansicht oder Praxis benötigen viele Getaufte zB kein Sakrament der Beichte oder auch keine Sonntagsmesse mehr. Hier können wir von einem Neo-Pelagianismus sprechen. Die Notwendigkeit der göttlichen Gnade und der Sakramente wird nicht mehr erkannt. In diese Richtung weist auch eine manchmal zu hörende Aussage wie: „Das mache ich mit dem Herrgott selber aus.“

           

Das hohe Geheimnis der Gottheit Christi und die daraus hervorgehenden Konsequenzen für die göttliche Stiftung und Verfassung der Kirche sind freilich Glaubensgeheimnisse im eigentlichen Sinn. Wir können diese Geheimnisse Christi und der Kirche nur im Glauben annehmen, kindlich und demütig. Alles rein menschliche Grübeln, Hinterfragen, Zerpflücken usw. hilft uns da nicht weiter. Wenn wir Christus dieses „Vorschussvertrauen“ geben, führt er uns auch in diese Geheimnisse hinein.

           

Wo all das nicht mehr ernstgenommen oder gar bewusst abgelehnt wird – Stichwort „Wir sind Kirche“, Stichwort „Aufruf zum Ungehorsam“, wird die Kirche eine menschliche Erfindung, Petrus, das Petrusamt und das Priestertum eine rein innerweltliche Angelegenheit mit Zielen wie zB Weltverbesserung und Umweltschutz, die Sakramente zu einem gesellschaftlichen Vorgang, das Heilige Messopfer mehr eine soziale Veranstaltung als Anbetung Gottes usw.

           

Weil wir an die Gottheit Christi glauben, glauben wir:

           

- an den göttlichen Ursprung der Kirche,

- an die Göttlichkeit des Petrusamtes,

- an das Göttliche der hierarchischen Verfassung der Kirche,

- an das Göttliche der Sakramente.

           

Amen.

           

(*)   Benedikt XVI./Joseph Ratzinger, aus einem Vortrag über die Kirchenlehre des 2. Vatikanischen Konzils vom 27.2.2000

           

 

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