268) 1. Fastensonntag 2018) Johannesprolog 14: AUS GOTT GEBOREN - SCHEIN UND SEIN

 

Hochamt am 1. Fastensonntag 2018

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

15) „AUS GOTT GEBOREN“ (Joh 1,13) – SEIN UND SCHEIN

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Nach der Taufe am Jordan geht Christus für 40 Tage in die Wüste Juda. Seine Wüstentage sind wie 40tägige Schweigeexerzitien. Christus bereitet sich vor auf die drei intensiven Jahre seines öffentlichen Wirkens, auf die Gründung der Kirche, auf seinen Opfertod am Kreuz. Der Herr hat uns auch ein Beispiel gegeben. Auch wir benötigen für unser Leben Exerzitien oder Wüstentage: Fasten oder Verzicht, Gebet, Besinnung, Gewissenserforschung, Selbstfindung, Bestandsaufnahme: Wo stehe ich als Mensch und Katholik usw. In diesem Sinn lädt uns die Kirche vermehrt zum Gottesdienst, zum Kreuzweg, zur stillen Anbetung, zum Lesen der Heiligen Schrift daheim ein usw.

           

In der Wüste wird Christus vom Teufel in Versuchung geführt. Hier prallen zwei Welten aufeinander: Das Sein und der Schein. Christus ist das vollkommene Sein. Der Teufel ist durch den Sündenfall in den Schein abgefallen. Die Endstufe des Scheins ist die ewige Trostlosigkeit der Hölle.

           

Was will der Versucher bei Christus erreichen? Er versucht es mit Scheinwerten. Der Versucher will erreichen, dass der Gottmensch sein Göttliches Sein vergisst, ins Brot abgleitet, in die Genüsse der Welt und der menschlichen Sinne. Der Versucher will erreichen, dass Christus seine göttliche Vollmacht missbraucht, zB beim Sturz von der Tempelzinne von Engelshänden aufgefangen werden, dadurch soll er in den Schein der Sensation und des Beifalls der Menschen abgleiten. Der Versucher will erreichen, dass Christus ein Irdisches Reich errichtet und dadurch dem Teufel die Anbetung zollt, die nur Gott gebührt. All das wäre für Christus wie ein Abgleiten in den Schein gewesen, die Erlösung am Kreuz wäre nicht zustande gekommen. Das war das Ziel des Versuchers.

           

Der Versucher in der Wüste ist gescheitert. Christus hat nicht mit ihm Dialog geführt. Christus hat den Teufel durch Göttliches Wort aus der Heiligen Schrift von sich gewiesen. Die Erlösung am Kreuz ist gelungen. Der Apostel Johannes sagt uns im Prolog: Wer durch die Erlösung Kind Gottes geworden ist, der ist „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren“ (Joh 1,13). Johannes sagt uns hier: Der erlöste Mensch hat ein neues Sein. Dieses neue Sein stammt nicht aus Fleisch und Blut, dh nicht aus menschlicher Abstammung, es ist von Gott geschenkt.

           

Die Heilige Schrift beschreibt den Vorgang der Erlösung auch als einen Übergang vom alten Leben zu einem neuen Leben. „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ sagt Paulus (2 Kor 5,17). Die Bibel verwendet für das „alte Leben“, sehr prägnante Begriffe: Heidentum, Leben ohne Gott (Ps 53,2), Finsternis (Eph 5,8), Irrtum (2 Petr 3,17), Knechtschaft/Sklaverei (Röm 6,17), Unglück und Tod (Dtn 30,15). Dieses „alte Leben“ hat im Grunde genommen kein wahres Sein, das bleibt, sondern Schein, der vergeht. Das „neue Leben“ wird in der Heiligen Schrift ebenfalls mit sehr prägnanten Begriffen beschrieben: Leben (Phil 1,21), Licht (Eph 5,8), Wiedergeburt, Erneuerung (Tit 3,5), neue Schöpfung (2 Kor 5,17).

           

Das Schlüsselereignis bei diesem Übergang vom alten zum neuen Leben ist das Sakrament der Taufe. Bei der Taufe geschieht dieser Übergang. In der Taufliturgie der Osternacht bringt die Kirche das mit schönen Symbolen zum Ausdruck. Bei einer Erwachsenentaufe ist dieser Übergang vom alten in das neue Leben leichter zu erkennen, weil ein Erwachsener bei der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Taufe in einem meist mehrjährigen Katechumenat sein konkretes Leben ändert, den Geboten Gottes angleicht.

           

Die Apostel haben die erwachsenen Neugetauften öfters ermahnt, nicht zum Schein des heidnischen (alten) Lebens zurückzukehren. Der Apostel Petrus ermahnt uns in seinem ersten Brief: „Richtet euch, solange ihr noch auf Erden lebt, nicht mehr nach den menschlichen Begierden, sondern nach dem Willen Gottes! Denn lange genug habt ihr in der vergangenen Zeit das heidnische Treiben mitgemacht und habt ein ausschweifendes Leben voller Begierden geführt, habt getrunken, geprasst, gezecht und unerlaubten Götzenkult getrieben. Jetzt erregt es ihren Unwillen und sie lästern, weil ihr euch nicht mehr in diesen Strudel der Leidenschaften hineinreißen lasst“ (1 Petr 4,1-4).

           

Eine nichtchristliche Denk- und Lebensweisen zählt heute zu den großen Herausforderungen für uns Christen. Hier setzt die Versuchung Christi in der Wüste in unserem Leben an. Der Teufel versucht, uns Menschen in ein Scheinleben hineinzumanövrieren; er versucht bei uns eine Verschiebung vom Sein der Gotteskindschaft zum Schein des Lebens ohne Gott zu erreichen.

           

Wir können die Fastenzeit auch einmal unter diesem Gesichtspunkt sehen: Unser Leben in der Spannung zwischen Sein und Schein. Dazu ein paar Beispiele:

           

Allgemein im Bereich der menschlichen Person: Schein ist dann gegeben, wenn das Innere und das Äußere beim Menschen nicht übereinstimmen; ein solcher Mensch ist in sich gespalten. Ein Mensch, bei dem das Innere und das Äußere eins geworden ist, ist wahrhaftig, ein solcher Mensch handelt nicht mehr gegen sich selbst, er ist eine Persönlichkeit geworden.

           

Im Bereich der menschlichen Werte: Die Versuchung mit Brot. Wenn wir beim Brot, beim Haus, beim Arbeiten, bei den Sinnen, kurz: beim Materialismus, stehenbleiben, geraten wir in ein Scheinleben hinein. Christus sagt: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch.“

           

Im Bereich der menschlichen Verantwortung: Die Versuchung zum Sturz von der Tempelzinne. Das ist die Versuchung zum Machtmissbrauch. Ein Mensch hat nur so viel Vollmacht oder Verantwortung, als ihm von seinem Auftrag, seinem Amt, seinem Beruf usw. gegeben ist. Die Kirche hat nur jene Vollmacht, die ihr Christus verliehen hat, zB für die Sakramente, für die Verkündigung. Die Kirche hat keine Vollmacht, die Gebote Gottes aufzuheben, die Lehre Christi zu relativieren…wenn Teile oder Glieder der Kirche das tun, ist dieses Tun nicht mehr von Gott erfüllt und getragen, nicht mehr gesegnet, es wird zum Schein…. Je mehr Verantwortung ein Mensch aufgrund seines Berufes oder seiner Stellung innehat, desto mehr hilft es, vor Gott in die Knie gehen, das bewahrt vor Machtmissbrauch. Vollmacht und Verantwortung nicht mehr auszuüben oder zu verleugnen ist übrigens auch eine Fehlhaltung.

           

Im Bereich der Religionen: Die Versuchung zum Niederwerfen vor dem Teufel. Das ist die Versuchung zum Schein in der Gottesverehrung. Der Prophet Jeremias warnt vor dem Schein der heidnischen Götter „Sie alle sind töricht und dumm. Was die nichtigen Götzen zu bieten haben - Holz ist es. Der Herr aber ist in Wahrheit Gott, lebendiger Gott und ewiger König“ (Jer 10, 8.10). Die alten Götzen aus Holz und Silber haben gute Gesellschaft bekommen: Durch neue Götzen aus Elektronik, Internet, Internetspiel… Oft ein Eingangstor für die Abergeister. Beten wir Gott an, damit wir die Kraft haben, dem Schein der alten und neuen Götzen zu widerstehen.

           

Im Bereich des kirchlichen Lebens: Auch das kirchliche Leben kann zum Schein werden. Das ist dann der Fall, wenn an Stelle der Sakramente, der Hierarchie, der Gnade usw. eine Kirche mit selbstgemachten Strukturen tritt; wenn an Stelle des Evangeliums ein selbstgemachter Glaube, an Stelle der Gebote Gottes eine selbstgemachte Moral, an Stelle der Anbetung Gottes der selbstgemachte Gottesdienst tritt usw. Das ist eine große Versuchung für die Kirche in den materiell reichen Ländern. Hier kommen uns die Worte des Propheten Amos in den Sinn, der einem verweltlichten Israel mit einem verweltlichten Tempelkult sagen muss: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören!“ (Amos 5,21-23). Die Kirchengeschichte zeigt uns: Im Leben der Kirche hat auf Dauer gesehen nur das Bestand, was wahres Sein hat.

           

Im Bereich unseres persönlichen christlichen Lebens: In unser christliches Leben kann sich Schein einnisten, wenn zB der Glaube an den Sohn Gottes schwindet, wenn wir kein geistliches Leben führen, wenn wir die Gebote Gottes nicht beachten, wenn wir keine Schritte der Bekehrung mehr setzen, wenn unsere Sonn- und Feiertage immer hohler werden, weil sie kein Heiliges Messopfer mehr kennen usw.

           

Der hl. Thomas von Aquin sagt: Alles, was Sünde ist, ist kein wahres Leben, weil es nicht am Sein Gottes teilhat, und auch nicht für die Ewigkeit bestand hat (*). Thomas gibt uns zu verstehen: Wahres Leben und Sein ist nur das, was durch die „Teilhabe am Urwort“ (der Sohn Gottes, der uns erschaffen hat) in uns entsteht. Im Gegensatz dazu sieht Thomas das Leben, das nur dem Schein nach Leben ist, weil es nicht aus Gott ist und nicht bestehen kann (**). Das spricht Christus im Gleichnis vom Weinstock und den Reben an. Leben, das für die Ewigkeit bleibt, haben wir nur dann, wenn wir mit dem Weinstock GOTT verbunden sind.

           

In der Spannung von Sein und Schein. Das, was in der Gesellschaft oder der Kirche heute mehr Schein als Sein ist, können wir nicht verändern. Nur einen kleinen „Punkt“ auf dieser Welt können wir verändern: unser Herz. Nehmen wir für unser Leben Maß an den 10 Geboten Gottes, an den 5 Geboten der Kirche, dann nehmen wir dadurch Maß am wahren Sein. In der Herz-Jesu-Litanei beten wir: „Herz Jesu, Quelle des Lebens und der Heiligkeit,“ das bedeutet auch: Quelle des Seins. Alle Lebensbereiche, im Denken, Reden und Handeln, alles, was bei uns persönlich durch Schuld oder Versäumnis noch nicht wahres Sein geworden ist, dürfen wir dem Herzen Jesu übergeben, vor allem im Sakrament der Beichte. So empfangen wir in der Beichte immer neu eine Umwandlung hin zum Sein. Nehmen wir uns Zeit für eine gute Beichtvorbereitung mit konkreten Entschlüssen. Wir sind als katholische Christen „aus Gott geboren“. Lassen wir uns in der Fastenzeit aus dem bitteren Leiden und Sterben Christi, aus seinen heiligen Wunden, viel neues Sein schenken, Sein aus Gott, aus dem durchbohrten Herzen Jesu.

Uns allen eine gesegnete und schöne Fastenzeit. Amen.

(*)  Thomas von Aquin, CATENA AUREA, Band II. Seite 652

(**) Thomas von Aquin, CATENA AUREA, Band II. Seite 658

 

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