266) 5. Sonntag im JK 2018: Johannesprolog 12: AUS SEINER FÜLLE HABEN WIR EMPFANGEN - ARMUT UND REICHTUM

Hochamt am 5. Sonntag im Jahreskreis 2018

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

12) „AUS SEINER FÜLLE HABEN WIR ALLE EMPFANGEN,

GNADE ÜBER GNADE“ (Joh 1,16) - ARMUT UND REICHTUM IN BIBLISCHER SICHT

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Christus lehrt, heilt viele Kranke, treibt viele Dämonen aus. All das, was Christus tut und wirkt, können wir mit einem Wort zusammenfassen: Fülle. Der Apostel Johannes bezeugt es im Prolog: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ Der Sohn Gottes offenbart uns etwas über ihn selber, über Gott. Zum Geheimnis Gottes gehört seine überströmende Fülle, seine überfließende Gnade. Gott ist nicht knausrig und nicht geizig.

           

1) Die Fülle Christi

           

Christus ist die Fülle des Lebens. Welche Fülle hat Gott in die Schöpfung hineingelegt. Denken wir zB an die Blütenpracht eines Obstbaumes. Schauen wir auf das Leben Christi. Beim Weinwunder in Kana stellt Christus 600 Liter Wein zur Verfügung. Die Kranken, die er heilt, werden ganz gesund, Christus führt sie ins Leben zurück. Welche Fülle bewundern wir bei der Brotvermehrung in Tabgha. Fülle des Lebens.

           

Christus ist die Fülle der Wahrheit. Die Fülle, die wir im Bereich des Lebens bei Christus bestaunen, gilt auch für das Geistige. Auch mit seiner Predigt, mit seiner Lehre, war Christus nicht knausrig. Christus sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Christus ist nicht als Fragezeichen, sondern als Antwort in die Welt gekommen. Er sagt den Aposteln: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen“ (Joh 16,12-13). In der Geschichte der Kirche hat Christus das erfüllt. Trotz aller menschlichen Elemente in der Kirche, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die es gegeben hat und gibt, ist Christus als die ewige Wahrheit in seiner Kirche geblieben. Die Kirche ist immer tiefer in die Fülle Christi, in die Fülle der Wahrheit, hineingewachsen. Der Apostel Johannes steht als Zeuge Christi am Anfang der Kirche. Wie tief muss diese Erfahrung gewesen sein, wenn er bezeugt, die Fülle Christi gesehen zu haben, „voll der Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14).

          

Christus ist die Fülle der Gnade. Der Begriff Charis/Gnade meint im weiteren Sinn alles, was Gottes Güte uns zum Leben und zum ewigen Heil schenkt. Gnade im engeren Sinn: Die größte Gnade ist Gott selber, die Verbindung mit ihm durch die Erlösung in der hl. Taufe. Wir nennen sie Heiligmachende Gnade, eine Gnade, die uns dem heiligen Gott ähnlich macht. Zur Fülle der Gnade gehört auch die Fähigkeit, übernatürlich zu Glauben, zu Hoffen und zu Lieben. Am größten davon ist, wie uns der Heilige Paulus lehrt, die Gnade zu Lieben (1 Kor 13,13). So ist der Heilige Geist die Gnade der Liebe, die durch Taufe und Firmung in unsere Herzen ausgegossen ist (Röm 5,5). Der hl. Thomas von Aquin sagt, dass mit Gnade auch besonders die Gnade des Glaubens gemeint ist, weil der Glaube, das Witwirken im Glauben, uns die Tür öffnet zur Hoffnung, zur Liebe und zur Fülle der Gnaden Gottes. Im Psalm 65 heißt es über Gott: „Deinen Spuren folgt Überfluss“ (Ps 65,12). Ja, der gesamten Spur Christi von der Krippe bis zum Kreuz folgt Überfluss an Leben, Gnade und Wahrheit.

           

Die Apostel hat das sicher immer wieder neu überwältigt, diese Fülle an Christus zu erleben, die Fülle an Kraft, an Vollmacht, an Licht, an Leben, an Wahrheit, an Wunder… Woher hat Christus diese Fülle? Die Antwort ist sehr einfach: Christus ist GOTT. Das gesamte Johannesevangelium verkündet: Christus hat diese Fülle nicht von außen empfangen, er hat sie aus sich selbst. Weil er Gott ist, kann er aus seiner göttlichen Fülle an uns Menschen austeilen.

Johannes zeigt uns mit seinem Evangelium, dass die Gnade und die Wahrheit einen Namen haben. Es ist ein feierlicher Augenblick, wenn er in Verbindung mit der Fülle der Gnade und der Wahrheit zum ersten Mal den Namen JESUS CHRISTUS erwähnt. Als Kirche dürfen wir uns auch heute nicht genieren, dieses Bekenntnis zur Fülle der Gnade und Wahrheit Christi abzulegen. Das 2. Vatikanische Konzil legt diese Bekenntnis an einer Stelle mit folgenden Worten ab: „Nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben“ (2. Vatikanisches Konzil, Dekret UNITATIS REDINTEGRATIO/Über den Ökumenismus, aus Abschnitt 2).

           

2) Die menschliche Armut

           

Die Fülle Gottes hat ein Gegenüber: Die menschliche Armut. Mit menschlicher Armut meinen wir hier nicht eine materielle, sondern eine geistige Armut. Der Mensch war vor der Ursünde reich an Leben, an Gnade, an Liebe, an Einheit, an Beziehung, an Würde, an Selbstwert usw. Die Sünde hat den Menschen innerlich arm gemacht, arm an all diesen Werten, mit denen Gott die Seele des Menschen ausgestattet hatte. Das ist die wahre Armut, die uns Menschen plagt. Dafür ist der Mensch „reich“ geworden an Sünden, an Stolz, an Leidenschaften, an Begierden, an Lastern bis hin zum Tod. In seiner Menschwerdung hat Christus unsere menschliche Armut sozusagen aufgefangen; Christus hat uns durch die Erlösung wieder innerlich reich gemacht. Der heilige Apostel Paulus erinnert uns im Korintherbrief an diesen Tausch: „Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9). Das ist der wahre Reichtum, den wir Menschen in diesem Leben haben können: Der Reichtum der Gaben und Gnaden Gottes. Im Himmel wird es keine geistige Armut mehr geben, nur diesen wahren Reichtum der Fülle und Gnaden Gottes.

           

3) Empfangen

           

Die Fülle Gottes. Die menschliche Armut. Das führt uns zu einem abschließenden Gedanken: Das Empfangen. Der Apostel Johannes bezeugt es: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ Nehmen wir an, ein Nichtchrist fragt uns als Katholiken: Was seid ihr als Katholiken? Auf diese Frage dürfen wir antworten: Ein Katholik ist ein verwöhntes Kind Gottes! Verwöhnt nicht im weltlichen Sinn von träg und übersättigt. Verwöhnt im Sinn von überreich beschenkt. Und wenn uns ein Nichtchrist weiterfragt: Was bedeutet für euch Katholiken katholisch Leben? Auf diese Frage dürfen wir antworten: Katholisch leben bedeutet: Wir dürfen aus der Fülle Gottes leben. Unser Herr Jesus Christus ist unser Gott. Er ist unser Schöpfer. Er ist am Kreuz unser Erlöser geworden. Er hat die Kirche gegründet. Er schenkt uns durch die Kirche die Fülle der Gnaden und Gaben. Daraus dürfen wir leben. Aus der Fülle der Offenbarung. Aus der Fülle der sieben Sakramente. Das bedeutet es, lieber Nichtchrist, katholisch zu leben. Selbstverständlich dürfen wir so eine Antwort nicht eingebildet und überheblich, sondern nur demütig und bescheiden geben, doch ohne den geringsten Abstrich zu machen von dem, was unser Herr und Gott Jesus Christus uns geschenkt hat. Je mehr wir aus der Fülle Christi leben, desto leichter können wir Menschen werden, die auch an ihre Mitmenschen großzügig weiterschenken.

           

Eine Frage an uns: Wie gehen wir mit dieser Fülle um, die Christus uns durch die Kirche zugänglich macht? Der Prophet Isaias sagt im Blick auf den Erlöser: „Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils“ (Jes 12,3). Ja, schöpfen wir freudig aus der Quelle des Herzens Jesu. Amen.

           

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