258) Stephanstag 2017: Johannesprolog 3: IM ANFANG WAR DAS WORT - SPRECHENDE LIEBE

Weihnachten 2017 – Hochamt am Stephanstag

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

3) IN PRINCIPIO ERAT VERBUM/IM ANFANG WAR DAS WORT –

SPRECHENDE  LIEBE

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Die Heilige Schrift spricht zwei Mal sehr feierlich von einem Anfang: Im Buch Genesis und im Johannesprolog. In der Genesis heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). Hier ist der zeitliche Anfang gemeint, der Anfang des Kosmos, der Erde und der Menschheit. Die Frage nach diesem Anfang war zu allen Zeiten eine Grundfrage der Menschen.

           

Im Bewusstsein der Menschen gab und gibt es verschiedene Antwortversuche: Die erste Antwort ist jene dass man sagt: Es gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Beginn. Der Kosmos sei göttlich, ohne Anfang und ohne Ende, ein ständiges Kreisen; das ist die Vorstellung des Pantheismus. Eine andere Antwort sieht das Leben als ständige Entwicklung von unten nach oben. Am Beginn stehe das stumme Sein, am Ende wird der vollendete Übermensch erwartet. Das ist der Ansatz der Evolution; der strenge Evolutionismus ist eine unbeweisbare und auch von Naturwissenschaftlern widerlegte Theorie, mit dem können wir uns jetzt nicht befassen. Die Ansätze des neuzeitlichen Atheismus und Agnostizismus bleiben im Suchen nach Antwort im Materiellen oder im Innerweltlichen stecken. Hinter all diesen Ansätzen ist zumindest ein Denken erkennbar, sie geben uns jedoch keine glaubwürdige Antwort.

           

Der Gott der Offenbarung sagt uns: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“  (Gen 1,1). Es gibt einen Anfang durch GOTT. Am Anfang der Zeit, des Kosmos und der Menschheit steht eine schöpferische Tat des allmächtigen und gütigen Gottes. An der Antwort, die Gott uns gibt, scheitern alle rein menschlichen Lösungsversuche in dieser Frage nach dem Anfang. Sie treffen nicht die Wahrheit, sie sind nicht in der Wahrheit Gottes.

           

Die zweite Schriftstelle, wo sehr feierlich vom Anfang gesprochen wird, ist im Johannesprolog, im Weihnachtsevangelium des Johannes: „Im Anfang war das Wort.“ Der Anfang, von dem Johannes hier spricht, meint nicht den Anfang, von dem die Genesis handelt, den Anfang der Welt und der Zeit. Johannes meint den Anfang vor dem Anfang der Zeit. Johannes fragt: Was war denn vor dem Beginn der Welt, des Kosmos, der Menschen… Seine Antwort stammt nicht von ihm, sie ist Offenbarung Gottes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott.“

           

Diese Worte enthalten sehr tiefe Aussagen über Gott und auch über unser Leben.

           

1) Der Johannesprolog ist zuerst Offenbarung des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Mit Wort ist Christus gemeint. Mit Gott ist Gott Vater gemeint. Das Wort war bei Gott = Christus war beim Vater: Romano Guardini übersetzt: Auf Gott hingewendet, zum Vater hin gewendet. Hier erkennen wir den Vorgang der innergöttlichen Liebe: Hinwenden und Bleiben. Vater und Sohn wenden sich einander zu und bleiben beieinander. Christus sagt im Johannesevangelium: „Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir“ (Joh 16,32). Wir lassen dies als Geheimnis Gottes so stehen.

           

Für unser Lieben. Hier ist uns mit dem Aufblick zur Dreifaltigen Liebe etwas über das Wesen der menschlichen Liebe gezeigt. Interessanterweise ist nicht von Gefühl, Stimmung, Erfahrung usw. die Rede. Liebe ist Hinwendung. Den anderen lieben bedeutet, ich treffe eine Entscheidung, mich dem anderen hinzuwenden, ich setzte das eigene Ego an die zweite Stelle, ich öffne mich für das Du des anderen. Auch wenn es schwer werden sollte: Ich bleibe bei der Hinwendung, für die ich mich entschieden habe. Das vollbringt zB eine Mutter, wenn sie für ihre Familie den Haushalt führt. Das vollbringt ein Vater, wenn er für seine Familie arbeitet. Liebe ist bleiben. Bleiben ist ein Grundbegriff des Johannesevangeliums. Bleiben ist das Gegenteil von Verlassen, Aufgeben, Trennung, Abfall, Treulosigkeit… Hinwenden und Bleiben. „Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9), sagt Christus im Gleichnis vom Weinstock.

           

2) Im Anfang war das Wort. Der Sohn Gottes wird WORT genannt. Die Theologie sagt uns: Gott Vater spricht sich in seinem Sohn von Ewigkeit her aus. Der Sohn gibt die Liebesantwort von Ewigkeit her an den Vater zurück, als Gottmensch nach der Menschwerdung von der Krippe bis zum Kreuz. Das ist ein innergöttliches Geschehen. Wir lassen es wiederum als Geheimnis stehen.

           

Für unser Lieben. Bei der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ist es vorgebildet. Vater und Sohn „sprechen“ einander die Liebe zu. So soll es auch bei uns sein: Das Wort der Liebe, der Zuneigung, der Wertschätzung… muss und will ausgesprochen werden. Beim Begräbnis haben die Verstorbenen von Worten der Liebe, des Lobes und von den Blumen, nichts mehr, da ist es zu spät. Mit einmal im Jahr ist es sicher auch nicht getan. Immer wieder will das geschehen: Die Liebe zusprechen. Auch das Wort der Reue, der Vergebung muss zugesprochen werden. Das ist so einfach und so schwer. Im Zeitalter der Elektronik ist es noch schwerer, weil Menschen elektronisch mit der ganzen Welt kommunizieren, aber miteinander oft nicht mehr reden können.

           

Für unser Leben. Gott Vater hat im Geschehen der Menschwerdung seinen Sohn in die Welt hinein gesprochen. Christus ist das Fleischgewordene Wort des Vaters, in Nazareth und Bethlehem in die Welt gekommen. Es ist nicht so, dass die Menschen das Kommen Gottes gleich mit Gloria begrüßen. In Bethlehem nicht. Das Kommen Gottes passt nicht in das Pastoralkonzept der Priesterschaft und des Volkes. Nur die Hirten sind offen für das Kommen Gottes. Herodes und ganz Jerusalem erschrecken, als sie von den Heiligen Drei Königen von der Geburt des Messias hören. Und heute? Manchen Menschen wäre lieber ein Gott der Philosophen im Sinn des Deismus: Es gibt Gott, das schon, irgendetwas wird es schon geben, aber Gott ist weit weg von uns, über den Sternen, und wir sind froh, wenn er uns in Ruhe lässt, wenn wir unsere eigenen Wege gehen können. Das Martyrium des Erzmärtyrers verweist uns auf diese Realität. Weihnachten ist in gewisser Weise immer auch eine Provokation: Gott tritt in unsere Welt herein und überlässt uns nicht uns selber. Und Gott, der Fleisch geworden ist, erlaubt sich sogar, etwas von uns zu erwarten. Eine Antwort der Liebe, die er jedoch nicht erzwingt. Die Erlösung, die Christus durch Krippe und Kreuz gebracht hat, ist natürlich gratis, doch sie ist nicht ohne unsere Mitwirkung zu erhalten.

           

Weihnachten, Gott Vater spricht seinen Sohn, das Wort, in die Welt herein, geboren aus der Jungfrau Maria. Noch etwas ist da angedeutet: Christus, das Wort, ist nicht ein toter Buchstabe, nicht wie das menschliche Wort, das schwach ist, wankend, unverlässlich, vergänglich. Nein! Christus ist ein lebendiges und lebenspendendes Wort. Christus hat die Kirche auch dazu gegründet, damit er uns als lebendiges und lebenspendendes Wort unter uns wohnen kann:

           

Christus, das lebendige Wort, empfangen wir durch den Dienst der Verkündigung der Kirche, der besonders dem Weiheamt aufgetragen ist. Christus als lebendiges Wort Gottes ist immer auch eine Herausforderung für uns Menschen. Zwei Drittel der Worte Christi sind Provokation. Wenn wir uns vom Wort Gottes, vom Glauben, tatsächlich herausfordern lassen, erwachen wir vom Schlaf, wir kommen aus einer Scheinwelt heraus, die wir uns manchmal aufbauen. Das Haus auf Sand – dh die selbstgemachte Lebens- und Moralkonstruktion -  zerfällt, und unser Leben wird zum Haus auf Fels, weil auf Gott gebaut; es werden die Maßstäbe für das Leben, mit denen wir messen, gesund und neu: für Leben-Tod, Gut-Böse, Erfolg-Scheitern usw. neu. Es lebt sich dann viel leichter.

           

Christus, das lebendige Wort, empfangen wir durch die Gnade der Sakramente, die Christus eingesetzt hat. Die Sakramente unterscheiden die katholische Kirche von den Gemeinschaften der Reformation. Wir sind keine Wort- oder Buchreligion. „Das Wort ist Fleisch geworden.“ Das bleibt Realität im Allerheiligsten Sakrament des Altares, wenn der geweihte Priester die Wandlungsworte spricht. Das Heilige Messopfer ist Weihnachten heute. Die Kirche ist von Christus sakramental verfasst, dies gehört zur göttlichen Verfassung der Kirche.  Kirche Christi ohne Sakramente gibt es nicht. Wo die Sakramente nicht gläubig geschätzt und mit ihnen gelebt wird, „löst sich die Kirche auf“; natürlich nicht die Kirche an sich kann sich auflösen denn, „die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,). Doch die Kirche in ihrem äußeren Bestehen, zB in Pfarreien, Regionen, Gemeinschaften, auch der Einzelne Katholiken, kann die Unzerstörbarkeitsverheißung Christi nicht für sich beanspruchen. Wie steht es mit unserer Wertschätzung der Sakramente, mit unserem Leben mit den Sakramenten?

           

IM ANFANG WAR DAS WORT. Das Geheimnis der innergöttlichen Dreifaltigen Liebe, Vorbild für unser Lieben. Christus, das lebendige Wort des Vaters, in der Gabe der Verkündigung und der Sakramente.

           

Weihnachten feiern bedeutet, sich vom Wort, von Christus, dem Erlöserkind, ansprechen lassen, berühren lassen, im Wort und Sakrament. Wie weit das in uns zustande kommt, liegt bei jedem Einzelnen. Wollen wir dem Göttlichen Kind eine Chance geben? 

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