256) 4. Adventsonntag 2017: JOHANNESPROLOG 1: EINFÜHRUNG - DER HL. BETTLER SERVULUS

Weihnachten 2017 – 4. Adventsonntag

Betrachtungsreihe zum Johannesprolog – Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe

1) Einführung in den Johannesprolog

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Wir feiern das Heilige Messopfer vom vierten Adventsonntag. Mit dem Feiertagläuten um 12:00 wird der Heilige Tag eingeläutet. Das Weihnachtsfest beginnt in den Familien mit der Feier des Heiligen Abend, in der Liturgie der Kirche mit der Feier der Heiligen Nacht. Ich lade euch herzlich zur Mitternachtsmette ein. Sie wird schlicht sein, still, wir singen einige Weihnachtslieder, keine Predigt. Auch die Heilige Nacht in Bethlehem war schlicht und still, aber erfüllt vom Glanz, vom Frieden, von der Freude des Himmels. Den Heiligen Tag begehen wir in aller Feierlichkeit mit dem Hochamt und der Weihnachtsvesper. Das Hohe Fest der Geburt Christi feiert die Kirche eine ganze Woche lang, die Oktav von Weihnachten. Jeden Tag ist Eucharistische Anbetung und Weihnachtshochamt. Nehmen wir uns Zeit, in der Oktav dem Göttlichen Kind die Aufwartung zu machen und auch daheim zu feiern. Nach der Weihnachtsoktav kennt die Tradition der Kirche verschiedene Feste, die das Weihnachtsgeheimnis von verschiedenen Seiten her beleuchten, Feste, die uns immer wieder neu einladen, zum Göttlichen Kind zu kommen, zu staunen, uns zu freuen, zu danken, um viele Gnaden zu bitten. Das Weihnachtsfest dauert bis zum Fest der Taufe Christi bzw. der Oktav von Dreikönig.

           

Heuer möchte ich an den Festen der Weihnachtszeit eine Besinnungsreihe über den Johannesprolog halten: Über das Geheimnis Gottes, des Lebens und der Liebe. Heute eine kleine Einführung in den Johannesprolog, damit wir dann am Heiligen Tag gut starten können.

           

Christus war mit dem Apostel Johannes besonders verbunden, er war sein Freund, der „Jünger, den Jesus liebte“, bezeichnet er sich selber in seinem Evangelium (zB Joh 13,23). Sterbend am Kreuz hat Christus Maria und Johannes einander anvertraut. Johannes sollte für Maria Sorge tragen und Maria für Johannes. Mit der Sorge für Johannes hat Maria die geistige Mutterschaft für die gesamte Kirche übernommen. Johannes predigte das Evangelium etwa 65 Jahre lang. Johannes war Bischof von Ephesus in Kleinasien. Dort hatte er Maria bei sich. Von ihm stammen das vierte Evangelium, die Offenbarung und drei Briefe. Johannes war der einzige der Apostel, der nicht als Märtyrer gestorben ist. Wir feiern sein Fest am 27. Dezember, in der Weihnachtsoktav.

           

Prolog heißt Vorrede. Als Johannesprolog bezeichnen wir die ersten 18 Verse vom ersten Kapitel des Johannesevangeliums. Dieser sogenannte Prolog ist wie eine Zusammenfassung seines gesamten Evangeliums. Der Johannesprolog ist gleichzeitig das Weihnachtsevangelium des Apostels Johannes. Seit ältester Zeit wird es uns in der dritten Weihnachtsmesse verkündet, beim Hochamt. Der Johannesprolog ist uns auch bekannt als Schlussevangelium des Hl. Messopfers im tridentinischen Ritus, es wird meist still gebetet. Der Johannesprolog hat mit seinen erhabenen Aussagen etwas ganz Besonderes an sich.

           

Für mich persönlich hat der Johannesprolog eine besondere Bedeutung. Unter anderem wurden durch diese Worte in mir in jungen Jahren die Sehnsucht nach der Priesterberufung geweckt. Meinen ersten Primizspruch habe ich aus dem Johannesprolog gewählt: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Bei jedem Schlussevangelium kommt mir der Ort in meiner Heimatgemeinde Patsch in Erinnerung, wo mich diese Worte getroffen und berührt haben.

           

Johannes will uns in seinem Evangelium Christus vor allem als Sohn Gottes zeigen, Christus in seiner Hoheit und Erhabenheit als ewiger Gott. Dafür gibt er Zeugnis. Thomas von Aquin sagt: Johannes „fliegt über die Wolken der menschlichen Schwachheit wie ein Adler und schaut das Licht der ewigen Wahrheit mit den schärfsten und festesten Augen des Herzens an; denn er hat seinen Blick vorzüglich auf die Gottheit des Herrn, wonach er dem Vater ähnlich ist, hingerichet, und sucht sie vorzüglich durch sein Evangelium, soweit er es als zureichend für die Menschen erkannte, darzustellen.“ (St. Thomas, Catena aurea, Band 2, Seite 641) Das Symbol des Evangelisten Johannes ist der Adler.

           

Am 23. Dezember ehrt die Kirche einen Heiligen, der eine besondere Beziehung zum Johannesprolog hatte, der heilige Servulus. Er lebte in Rom, war gelähmt und Bettler. Der heilige  Papst Gregor der Große (gestorben 604) berichtet über sein Leben. Ich kleide seinen Bericht in eine Erzählform.

           

Servulus war ein echter Römer. Er wohnte mit seiner Mutter und seinen Brüdern in einem kleinen Haus in der Nähe der Kirche San Clemente, nahe dem Kolosseum. Von Kindheit an war Servulus gelähmt; er konnte weder gehen noch stehen, er konnte beim Essen seine Hand nicht zum  Mund bewegen, er konnte sich in seinem Bett auch nicht ohne Hilfe von einer Seite zur anderen wenden. Seine Mutter und seine Brüder kümmerten sich liebevoll um Servulus. Wegen seiner Lähmung konnte Servulus keine Schule besuchen. Er konnte nicht lesen und nicht schreiben. Als er erwachsen war, konnte er auch nichts arbeiten. Er konnte nur still daliegen oder dasitzen.

           

Seine Familie war sehr arm. Ganz bescheiden und einfach lebten sie in ihrem kleinen Haus. Um die größte Not zu lindern, bettelte Servulus um Spenden. Seine Brüder brachten ihn fast jeden Tag zum Vorhof der Kirche San Clemente. Dort setzten sie ihn hin, und er hatte Schutz vor Sonne und Regen. Alle Römer kannten Servulus und mochten ihn gern. Gerne gaben ihm die Vorübergehenden, die in die Kirche gingen, ein Almosen. Von diesen Gaben ernährten sich Servulus und ebenso seine arme Mutter und seine Brüder. Die Kirchgänger gaben Servulus so gerne, dass oft etwas übrig bliebt. So wurde Servulus ein Bettler, der viel an andere weiterschenkte. Alles, was von dem notdürftigsten Unterhalt übrig blieb, teilte er an noch ärmere aus.

           

Nicht selten kam es vor, dass der Bettler Servulus Pilger und Fremde, die nach Rom kamen, und um ein Obdach flehten, in sein Haus aufnahm. Seine Leiden und Demütigungen wurden für ihn eine Quelle reicher Verdienste durch den guten Gebrauch, den er davon machte. Servulus war auch ein Vorbild der Geduld, der Ergebung und der Sanftmut. Obwohl er nichts tun konnte außer dasitzen oder liegen, hörte man aus seinem Mund nie ein Jammern oder Klagen. Vielmehr pries er Gottes Anordnungen dankbar bei Tag und Nacht.

           

Servulus war ein ganz besonderer Bettler. Obwohl er nicht lesen konnte, kaufte er sich eine Heilige Schrift. Servulus liebte das Wort Gottes. Oft während des Tages geschah nun folgendes: Wenn sich eine Gelegenheit ergab, reichte er einem Kirchgänger seine Heilige Schrift und sagte: „Bitte lest mir aus der Heiligen Schrift vor.“ Viele Kirchgänger kannten Servulus und taten dies gerne. Wenn Servulus das Wort Gottes gehört hatte, war er voller Freude, er ging er ganz in sich. Für kürzere oder längere Zeit interessierte ihn dann nicht mehr, wer an ihm vorüberging.  Im Lauf der Jahre konnte Servulus fast das ganze neue Testament auswendig.

           

Servulus hatte eine Lieblingsbibelstelle. Das waren die erste Seite des  Johannesevangeliums – der Prolog. Immer und immer wieder ließ er sich genau diese Stelle aus dem Johannesevangelium vorlesen. Manchmal weinte er vor Freude, wenn er die heiligen Worte hörte. Es sah so aus, als ob sich Servulus mehr von der Heiligen Schrift als von Brot ernährte.

           

Als seine Lähmung immer schlimmer wurde und Servulus seinen Tod ahnte, rief er mitten in der Nacht nach seinen Brüdern und den Pilgern, die damals gerade als Gäste im Haus waren. Servulus bat sie, die Psalmen anzustimmen. Sie taten es; nach einiger Zeit aber unterbrach er plötzlich den Gesang und rief aus: „Stille – Haltet ein! – hört ihr nicht den süßen Klang aus dem Himmel?“ Vertieft in die Lieder der Engel, die er vernahm, gab er Christus seine Seele zurück und verstarb. Sogleich nach seinem Hinscheiden entströmte seinem Leib ein unbeschreiblich süßer Wohlgeruch, der die Umstehenden mit Ergriffenheit und Freude erfüllte. Dieser Wohlgeruch war bis zu seiner Beerdigung wahrzunehmen. Der heilige Servulus starb am 23. Dezember 590.

           

Die Kirche feiert den heiligen Bettler Servulus am 23. Dezember. Er steht sozusagen an der Tür zum Weihnachtsfest. Dieser Heilige kann uns sagen: Wenn wir wirklich Weihnachten feiern wollen, müssen wir vor Gott gleichsam ganz arme Bettler werden, ganz demütig, ganz klein. Jene Menschen, die ein einfaches und demütiges Herz haben begreifen am meisten, können von Gott am meisten beschenkt werden.

           

Weil der heilige Servulus das Weihnachtsevangelium des Apostels Johannes so sehr liebte wollen wir ihn bitten: Heiliger Servulus, hilf uns, über die Botschaft des Johannesprolog zu staunen. Dir hat dieses Evangelium so viel Kraft und Freude gegeben. Hilf uns, aus diesen heiligen Worten viel Freude über das Geheimnis Gottes zu empfangen und gute Impulse für unser Leben und unsere Liebe zu gewinnen. Amen.      

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