255) 2. Adventsonntag 2017: ÜBER DIE BEDEUTUNG DES SCHWEIGENS

  1. Adventsonntag 2017

„ALLE  WELT  SCHWEIGE  IN  DER  GEGENWARAT  DES  HERRN“ (Habakuk 2,20)

ÜBER  DIE  BEDEUTUNG  DES SCHWEIGENS

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Christus sagt heute über Johannes: Er ist mehr als ein Prophet. Er ist es, über den geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, damit er den Weg vor Dir bereitet.“ Mit solchen Worten bestätigt Christus die Sendung Johannes des Täufers als Vorläufer des Messias. Indirekt bestätigt Christus damit auch seine eigene Sendung: ER ist der Messias, derjenige, den die Propheten verkündet haben, derjenige, den das Volk Israel erwartet hat.

           

Im Advent des Kirchenjahres geht es darum, dass wir heute Christus den Weg bereiten, damit er als Erlöser zu uns kommen kann. Stille und Schweigen sind zwei adventliche Haltungen, die uns für Gott und füreinander öffnen. Menschliches Reifen bracht auch Stille. Alles Große geschieht in Stille. Äußere Stille ist notwendig, um zur inneren Stille zu gelangen. Die innere Stille hat noch eine besondere Ausprägung: Das Schweigen.

           

Lassen wir uns heute von Josef Pieper anregen, diese adventliche Haltung des Schweigens zu bedenken. Josef Pieper, er starb 1997, war christlich/katholischer Philosoph. Er hat es verstanden, in schöner deutscher Sprache tiefe Einsichten zu vermitteln. Von solchen Menschen können wir viel lernen. Josef Pieper schreibt über das Schweigen im Zusammenhang mit der Haltung der Muße: „Muße ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. Solches Schweigen ist nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen. Muße ist die Haltung des empfangenden Vernehmens, der anschauenden, kontemplativen Versenkung in das Seiende.“  Das ist philosophisch formuliert, doch nicht so schwer zu verstehen, wie es sich zuerst anhört.

           

Schweigen bedeutet „nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen“, wie sich Josef Pieper ausdrückt. Man kann schweigend einen Menschen im Gespräch anhören, einen Vortrag, sogar eine Predigt in der Kirche, doch dabei innerlich völlig teilnahmslos und gleichgültig  sein. Das ist nicht das adventliche Schweigen, das ist das „tote Verstummen“, die inneren seelischen Fähigkeiten sind sozusagen ausgeschaltet, wie abgestorben. Das adventliche Schweigen, das wahre Schweigen ist das Gegenteil: Der innere Mensch, die seelischen Fähigkeiten - Verstand, freier Wille, Liebeskraft - kommen zum Einsatz.

           

Josef Pieper sagt: „Nur der Schweigende kann hören.“ Beim Schweigen nehmen wir unser Ego zurück, nehmen uns selber, unser fühlen wollen, erleben wollen… einmal nicht so wichtig, und öffnen uns für das DU eines Menschen, öffnen uns für das DU Gottes. Und so beginnen wir zu hören: Wir beginnen zu hören mit den Ohren und mit der Seele. Das erst ist das wahre Hören.

           

Josef Pieper trifft mit seinen Worten einen wunden Punkt in der heutigen Gesellschaft wenn er sagt: „Wer nicht schweigt, hört nicht.“ Unsere Zeitepoche ist alles andere als eine Zeit des Schweigens. Unsere Zeit ist durch Verkehrsmittel, Elektronik und Maschinen sehr laut geworden. Der heutige Mensch, man darf natürlich nicht verallgemeinern, wird beinahe Tag und Nacht mit Worten, Musik oder Lärm berieselt. Dazu kommt eine starke Reizüberflutung, die das Gefühlsleben abstumpft und aus dem Gleichgewicht bringt. Unter dieser „Lärm- und Reizglocke“, unter der sich das Leben vieler Menschen abspielt, kann man nicht mehr gut schweigen und deshalb nicht gut hören. Der innere Mensch ist kaum mehr oder nicht mehr fähig zu hören. Das ist ein großes Dilemma, in dem wir heute stecken, ein Teufelskreis. Eine Heilung ist erst dann möglich wenn wir beginnen, diese Zusammenhänge zu durchschauen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Wir müssen die Stille üben, das Schweigen lernen, damit wir wieder fähig werden zu hören.

           

Josef Pieper zeigt uns noch etwas Wertvolles auf wenn er sagt, dass „Schweigen eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit.“ Dh Wenn wir Menschen nicht mehr still sein und nicht mehr schweigen können, dann nehmen wir die Wirklichkeit nicht wahr. Wir leben dann an der Realität vorbei, wir geraten in eine Scheinwelt hinein, in die Scheinwelt zB der Elektronik, des Internet, des Internetspiels, des Wochenendkults als Religionsersatz usw. Menschen, die in dieser Scheinwelt leben, tappen gleichsam von einem Rauschzustand zum anderen, auch seelisch verstanden, von einer Flucht vor sich selbst zur anderen, der innere Mensch wird immer verletzter, immer leerer, die Sinnlosigkeit immer größer.

           

Wenn wir im Schweigen innerlich und äußerlich hörfähig werden, dann entwickelt sich etwas in unserem Inneren. Josef Pieper drückt es so aus: Es entsteht „die Haltung des empfangenden Vernehmens.“ Ich versuche, es so zu erläutern: Wer Stille und Schweigen gelernt hat, kann seelisch ein Liebender werden. Liebe ist ein Vorgang des Gebens und Empfangens. Wenn wir durch das Schweigen das Hören gelernt haben, beginnt die Wahrnehmung. Das gilt zuerst für die Schöpfung. Wenn wir im Schweigen das Hören gelernt haben, werden wir fähig, die Stimme der schweigenden Schöpfung zu hören. Die Schönheit der Schöpfung ist ein Liebesbrief Gottes an uns Menschen. Wenn wir im Schweigen das Hören gelernt haben, werden wir auch fähig, das DU des anderen zu vernehmen: Das DU des Menschen mir gegenüber, und auch das DU Gottes.

           

Pieper spricht vom empfangenden Vernehmen. Dh: Wir werden beschenkt, bereichert, von der Schöpfung, vom anderen, von Gott, dem Erlöser. Hier ist der Vorgang der Liebe beschrieben: Darf ich es nochmals sagen: Durch Schweigen werden wir hörfähig, durch das Hören lernen wir Wahrnehmung, so werden wir fähig zu empfangen und zu geben. Das geschieht im Lieben.

           

Der Letzte Satz von Josef Pieper ist natürlich hochphilosophisch: „Anschauende, kontemplative Versenkung in das Seiende.“ Was soll denn das heißen? Anschauen. Im Hohenlied spricht der Bräutigam in seiner Liebe zur Braut: „Dein Angesicht lass mich sehen […] lieblich ist dein Gesicht“ (Hld 2,14). Jedes Liebespaar wird das verstehen. Die schauen sich gerne an, auch schweigend, und freuen sich aneinander, einer am Du des anderen. In der Ganzhingabe der Eheleute bekommt das eine besondere Entfaltung. Versenken. Sich versenken bedeutet sich dem anderen hingeben, hinschenken, nicht sich selber suchen. Gott gegenüber ist es ähnlich. Gott anschauen. Beim Beten. „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ (Ps 27,8). Beim Heiligen Messopfer schauen wir Gott an, nicht uns gegenseitig, nicht den Priester. Die Zelebration Versus Dominum/zum Herrn hin. Versenkung in Gott ist Hingabe an Gott: „Herr da bin ich, nimm mich, so wie ich bin. Alles schenke ich Dir zum Opfer.

           

Da ist noch das Wort Muße, das Josef Pieper mit dem Schweigen in Verbindung setzt. Josef Pieper nennt Muße eine Gestalt des Schweigens, dann die Haltung des Empfangens. Ich denke, das ist so zu verstehen. Stille, Schweigen, Hören, Wahrnehmen, Empfangen, das alles sind Vorgänge, die wir in unserem Menschsein üben und trainieren müssen. Alle diese Haltungen sind nicht Selbstzweck, sie haben ein Ziel. Dieses Ziel ist die Liebe. Mit anderen Worten: Das Ziel ist die Entfaltung unseres Menschseins, Gott will, dass wir glücklich werden, dass wir die Freuden verkosten können, die mit dem Leben verbunden sind, bis hin zum Verkosten des ewigen Lebens, das Verkosten dessen, was Gott uns geben will. Das ist die Muße.

           

Menschen, die durch die heutige Lebensweise bewusst oder unbewusst Stille, Schweigen, Hören, Wahrnehmen, Anschauen und Empfangen verlernt oder verloren haben, krank geworden sind, können das alles wieder lernen, sie können gesunden. Das Erlernen des adventlichen Schweigens ist ein Heilmittel für die Seele.

           

Beim Propheten Habakuk stehen die Worte: „Der Herr wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart“ (Habakuk 2,20).

           

Pater Josef Kentenich: „Im Schweigen entspannt sich die Seele, da findet der Mensch zu sich selbst zurück.“

           

Der heilige Serafin von Sarov, ein hochverehrter russischer Mönch, gest. 1833 in Sarow, sagt: „Das Schweigen bringt den Menschen Gott nahe.“

           

Das zweite Vatikanische Konzil sagt über das Schweigen bei der Heiligen Messe: „Auch das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden“ (Konstitution SACROSANCTUM CONCILIUM/ÜBER DIE HEILIGE LITURGIE, 30). Ich kenne keinen besseren Weg, dieses Heilmittel zu erlernen, als die Liturgie der Kirche, vor allem das Heilige Messopfer in der überlieferten Form. Die Überlieferte Liturgie ist eine Schule der Stille, des Schweigens, des Hörens, des Schauens, des Vernehmens, des Empfangens.

           

Wer sich müht durch diese Schulung zu gehen, das Schweigen zu erlernen, auch die innere Spannung auszuhalten, in die das Schweigen uns bringt, wird reifen, und er empfängt als Gabe die Muße, das Verkosten. Amen.

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