240) 20. Sonntag im JK A 2017: MINDERWERTIGKEITSGEFÜHLE UND IHRE ÜBERWINDUNG

 

  1.   20. Sonntag im JK A) 2017

„ALS LETZTEM VON ALLEN ERSCHIEN ER AUCH MIR, DER MISSGEBURT“

(1 Kor 15,8)

MINDERWERTIGKEITSGEFÜHLE UND IHRE ÜBERWINDUNG

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

„Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Missgeburt».“ An vielen Sonntagen spricht in der Lesung der hl. Apostel Paulus zu uns. Gewöhnlich erscheint er uns als ein starker Mann. Er ist sich seiner sicher. Er ist entschlussfähig. Er ist voll überzeugt von dem, was er sagt und tut. Auch im Glauben fest und ohne Wanken. War der hl. Apostel Paulus wirklich dieser „große und starke“ Mann? Er war es nicht im weltlichen Sinn, so wie uns zB in der Politik die sogenannten „großen“ und „starken“ Männer und Frauen präsentiert werden. Wenn wir die Apostelgeschichte und seine Briefe genauer lesen, schreibt Paulus mehr als ein Mal von der Erfahrung der Schwachheit, von tiefen inneren und äußeren Nöten und Leiden, ja bis zur Erfahrung der Verzweiflung am Leben. In der heutigen Lesung nennt sich Paulus sogar eine Missgeburt, nicht Wert, Apostel genannt zu werden. Wenn wir seine Worte in der Lesung nur bis zu dieser Stelle hören, dann würden manche vielleicht sagen: Dieser Mann hat Minderwertigkeitskomplexe, Depressionen. Er ist sich selber nichts wert, er hat einen psychischen Knacks.

           

Wie kommt der hl. Paulus dazu zu sagen: „Ich bin eine Missgeburt“? Er nennt uns den Grund: „Ich habe die Kirche Gottes verfolgt.“ In der Apostelgeschichte heißt es noch deutlicher: „Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn“ (Apg 9,1). Auch die Steinigung des hl. Stephanus lastet auf seinem Gewissen. „Saulus aber war mit dem Mord einverstanden“,  bezeugt die Apostelgeschichte (Apg 8,1). Dass Paulus als fanatischer Pharisäer ein wütender Christenverfolger war, hat ihn nach seiner Bekehrung sehr belastet und rein menschlich zu solchen Minderwertigkeitsgefühlen geführt. „Ich bin eine Missgeburt.“

           

Wie ist das mit Minderwertigkeitsgefühlen in der heutigen Gesellschaft?

- Wie bei Paulus können sich Minderwertigkeitsgefühle einstellen durch begangenes Unrecht. Wenn sich ein Mensch seiner Sünden an Mitmenschen bewusst wird kann er so weit in Minderwertigkeitsgefühlen abgleiten, dass er sich selber nichts mehr wert ist. Das kann sich auch unbewusst einstellen, ohne dass jemand diesen Zusammenhang erkennt.

           

- Minderwertigkeitsgefühle können noch andere Ursachen haben: Uns wird heute ein Schönheits- und Gesundheitsideal vor Augen geführt, das nicht erreichbar ist. Muss eine Frau nur schlank und jung sein? Eine Ehefrau hat mir einmal in Bezug auf solche gefeierte „Schönheitsidole“ gesagt, mit einem Anflug von Minderwertigkeitsgefühl: „Das können wir Ehefrauen unseren Männern leider nicht geben.“ Meine Antwort war: „Ihr gebt eurem Ehemann und euren Familien echte Liebe, das zählt!“Wer ständig falsche Idole vor Augen hat, wird in Stress und Minderwertigkeitsgefühle geraten, weil er mit sich selber, mit seinem Gewicht, mit seinem Gesicht usw. nie zufrieden ist. Jeder Mensch ist in seiner Einzigartigkeit schön als Ebenbild Gottes, so wie er ist. Wir brauchen und sollen uns nicht anders machen als wir sind. Damit meine ich natürlich nicht die Würde der Sonntagskleidung.

           

- Minderwertigkeitsgefühle kommen auch gerne aus dem Vergleichen mit anderen: „Der hat das und das, die hat das und das, ich habe das nicht, ich kann das nicht…“ Paulus hat sich, wie wir gehört haben, mit den anderen Aposteln verglichen. Christus ist dem Petrus erschienen, dann 500 anderen Brüdern, zuletzt erst mir. Und so landet er bei seiner Minderwertigkeit: „Ich bin nicht Wert, Apostel genannt zu werden.“

           

- Minderwertigkeitsgefühle hängen auch gerne mit einem versteckten inneren Stolz zusammen. Man kann oder will bei sich selber Sünde nicht anerkennen. Man will nicht eingestehen, dass man Fehler und Grenzen hat, das passt nicht zum Idealbild, das man von sich selber gemacht hat, das passt nicht zum perfekten Menschen im Zeitalter des Perfektionismus, wo der Mensch wie eine Maschine perfekt funktionieren soll, ohne Fehler. So kann sich ein Mensch mit diesem versteckten Stolz nicht so annehmen, wie er ist.

           

Wie kann man Minderwertigkeitsgefühle überwinden? Auch hier hilft uns ein Blick auf den hl. Apostel Paulus. Wenn Paulus bei seinen menschlichen Erfahrungen, die er vor seiner Bekehrung hatte, stehen geblieben wäre (ein pharisäischer Hochmut, Verfolgung der Christen…) dann wäre er an seiner Vergangenheit verzweifelt. Doch Paulus ist nicht an sich selber verzweifelt. Der Glaube an Christus hat ihm nicht nur die Erlösung geschenkt. Der Glaube hat ihm auch die Kraft gegeben, sein Leben von Gott her neu zu begreifen. Er hat erkannt, dass wir durch das Blut Christi von allen Sünden erlöst und zu neuen Menschen werden. So kann er von sich selber sagen: „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin!“ Das ist auch all jenen zum Trost gesagt, die eine ungläubige oder dunkle Vergangenheit haben. Für Gott kein Problem, wenn der Mensch sich der Gnade öffnet. Der Glaube öffnet uns für die Demut. Wir werden fähig, uns in der Beichte das Erbarmen Gottes schenken zu lassen.

           

Der hl. Paulus wurde getauft, gefirmt, zum Bischof berufen und geweiht. Das waren für ihn persönlich die Ausgangsgnaden für ein neues Leben. Und dann hat er mit der Gnade Gottes zusammengewirkt. Gott konnte alles Schwere, Schmerzliche und Belastende seiner Vergangenheit ausheilen, nur das Kreuz Christi durfte er weiter tragen. Und so konnte Paulus wirklich der „große und starke Mann“ werden. Nochmals: Nicht im menschlichen, sondern im gläubigen Sinn.

           

Wie ist es bei uns? Die Erlösungsreligion, die römisch katholischen Kirche, bietet die Sakramente der Erlösung an, die Christus eingesetzt hat. Wenn wir Christus die Chance geben, in den sieben Sakramenten in unserer Seele zu wirken, und wir mit ihm zusammenarbeiten, dann werden auch wir nicht nur alle eventuellen Minderwertigkeitsgefühle überwinden, sondern auch früher oder später wie Paulus voller Dankbarkeit und Freude sagen können: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“ Amen.

           

 

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