026) 14. Sonntag im Jahreskreis B 2012: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2 Kor 12,10)

14. Sonntag im Jahreskreis B) Imsterberg und Karrösten

Homilie von Pfarrer Stephan Müller (Manuskript):

„WENN ICH SCHWACH BIN, DANN BIN ICH STARK“(2 Kor 12,10).

GOTTES GNADE ÜBERWINDET DIE MENSCHLICHEN SCHWÄCHEN.

Wir kennen den hl. Paulus gewöhnlich als den tapferen Apostel und Zeugen Christi. Denken wir an seine drei großen Missionsreisen, seinen Einsatz, seine Mühen, Strapazen und Kämpfe, seine Briefe. Am Ende seines Lebens kann er sagen: „Ich haben den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich den Kranz der Gerechtigkeit bereit“ (2 Tim 4,7.8). Wenn wir sein Apostelwirken betrachten könnten wir fast meinen, dass Paulus menschlich ein „Riese“ war, ein Übermensch, strotzend vor Kraft. Einen solchen Heiligen könnten wir vielleicht bewundern oder verehren. Als Vorbild wäre er unerreichbar und unnahbar. Doch wenn wir die Persönlichkeit des Paulus etwas näher betrachten, sieht die Sache anders aus. Mit der heutigen Lesung zeigt uns Paulus, dass er kein menschlicher Riese und Übermensch war. Ganz im Gegenteil. Der große Paulus rühmte sich nie seiner Vorzüge, seiner Kraft, seiner Leistungen. Paulus rühmt sich seiner Schwachheit.

Was meint Paulus mit der Schwachheit, von der er heute in der Lesung spricht? Er meint nicht die Sünde. Er meint die verschiedenen Schwächen der menschlichen Natur, die wir alle kennen: die Müdigkeit des Geistes und des Körpers. Er meint den „Gegenwind" im Leben und im Apostelwirken: die Krankheiten die Ängste, die Misserfolge, die Enttäuschungen, die Schicksalsschläge, Widerstände... Zum „Stachel im Fleisch“ in der heutigen Lesung sagt die Tradition: vermutlich hatte Paulus irgendein Gebrechen oder eine Krankheit, die ihm sehr zugesetzt hat. Konkreter wird Paulus über seine Schwachheit in der so genannten „Narrenrede“ im 1. Korintherbrief. Einigen Christen, die sich auf ihre Fähigkeiten etwas einbildeten, zählt Paulus auf ironisch Weise seine Schwächen auf. Damit will er diese hochmütige Christen zur Demut mahnen: „Womit aber jemand prahlt - ich rede jetzt als Narr -, damit kann auch ich prahlen… Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße… Wenn schon geprahlt sein muss, will ich mit meiner Schwachheit prahlen“(1 Kor 11,21-29). Diese Schwachheit, die Paulus kannte, ging so weit, dass er den Korinthern eingesteht, in der Provinz Asia am Leben verzweifelt zu sein (1 Kor 1,8).

Der große Paulus gesteht ein, zur Verzweiflung gekommen zu sein! Wenn wir auch diese menschliche Seite des Paulus wissen, rückt er uns sehr nahe. Nun war Paulus aber tatsächlich groß. Seine Größe besteht in seiner Glaubenshaltung, in seiner Liebe, und darin, wie er mit der Erfahrung der Schwäche umgegangen ist. In der heutigen Lesung gibt er uns einige Hinweise, die auch uns helfen können:

Paulus ist sich zuerst bewusst, dass er große Gnaden empfangen hat: seine Bekehrung, die Berufung, die Einsicht in das Evangelium Christi. Diese großen Gnaden hätten Paulus leicht stolz und träge machen können. Die Erfahrung seiner Schwächen hat ihn demütig und eifrig gemacht. Paulus drückt es so aus: „Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel eins Fleisch gestoßen… damit ich mich nicht überhebe.“ Auch wir sollten uns immer wieder die großen Gnaden in Erinnerung rufen, die Gott uns durch die Kirche gegeben hat. Schwächen sind für uns immer eine Schule der Demut, eine Chance, um im Glauben und in der Liebe zu wachsen.

Wie können wir mit den Schwächen – wie Paulus sie versteht - umgehen?

a) Schwachheit und Not erfahren ist nicht einfach. Da wehren wir uns zuerst dagegen. Wir wollen davon frei werden. Auch Paulus ist es so ergangen: „Drei Mal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse.“ Paulus hat Christus angefleht, er soll ihm von diesem Übel befreien. Paulus hat nicht nur gebetet, er hat gefleht. Flehen heißt inständig und beharrlich bitten. Öfters gibt Paulus auch Zeugnis, dass Christus ihn aus seinen schweren Nöten befreit hat, z.B. bei dieser lebensbedrohlichen Situation in Asia: „Wir haben unser Todesurteil hingenommen, weil wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen wollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. ER hat uns aus dieser großen Todesnot errettet und rettet uns noch. Auf ihm ruht unsere Hoffnung, dass er uns auch in Zukunft retten wird“(1 Kor 1,9-10). - Auch wir dürfen und sollen Christus um Hilfe anflehen, wenn wir die eine oder andere Form von menschlicher Schwäche erfahren: „Christus, hilf mir! Christus, befreie mich von dieser Last!“ Jeder von uns hat schon erfahren, dass solches flehentliches Gebet geholfen hat. Eine hl. Messe, eine Novene, eine Wallfahrt…

b) Manchmal geht es uns so wie Paulus, dass auch flehentliches Gebet scheinbar nicht erhört wird. Im Fall dieses „Stachels“ ist auch Paulus nicht erhört worden. Gott hat ihm diesen Stachel gelassen. Es war im Plan Gottes. Stattdessen hat Paulus eine andere Hilfe bekommen: „Meine Gnade genügt Dir, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ Hier hat Paulus für sein Leben und sein Apostelwirken eine tiefe Erkenntnis bekommen: der Zusammenhang Geheimnis des Kreuzes und Gnade. Die Kirche ist aus dem Kreuz Christi geboren. Aus der „Schwachheit Christi am Kreuz“ kommt die Gnade der Erlösung. Die Kirche wird deshalb auch durch das Kreuz Christi auferbaut. Gott ist nicht auf unser Können und auf unsere Stärken angewiesen. Wir dürfen uns Gott zur Verfügung stellen, Gott bindet uns Menschen in sein Erlösungswerk ein. Doch alles Wachsen des Reiches Gottes ist Gottes Werk, Gottes Gnade, nicht unsere Leistung. Wie sehr hat Paulus das erfahren. Wir lesen es in der Apostelgeschichte. Alle wahren Werke Gottes in der Kirche sind in irgendeiner Form mit „Schwäche“ verbunden, d.h. durch das Kreuz gekennzeichnet und geadelt: Behinderung, Spott, Angriffe, Misserfolge, doch was mit dem Kreuz Christi verbunden ist wächst, alles andere bleibt fruchtlos. - Uns wird Christus, wenn wir flehentlich bitten, viele Stachel entfernen. Wenn er uns einen Stachel trotzdem belässt, dann dürfen auch wir auf das Wort bauen: „Meine Gnade genügt Dir, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“

c) Paulus sagt: „Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage, denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Stachel, also Schwächen, die uns Gott nicht abnimmt, müssen wir als Kreuz Christi annehmen, innerlich dazu Ja sagen. Der nächste Schritt ist, dass wir unsere Schwächen zu Christus bringen, und mit seinem Kreuz vereinen. Mit einem Akt der Hingabe. Bei der Hl. Wandlung. Ein ganz besonderer Ort, um unsere Schwächen zu Christus zu bringen, ist das Bußsakrament. In der barmherzigen Liebe Gottes werden die Schwächen zum Brennholz für ein Feuer, aus dem wir neue Kraft empfangen.

„Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Das ist die Torheit des Glaubens, die uns Paulus lehren will: Ich sage Ja zu den menschlichen schwächen. Ich vertraue auf die Gnade Gottes. Mit der Gnade Gottes bin ich stärker als alle Schwächen, die mir zusetzen. Paulus ist diesen Weg gegangen. Die Heiligen sind diesen Weg gegangen. Der heilige Leopold Mandic, Kapuziner in Padua. Ein kleiner Mann. Er hatte einen schweren Sprachfehler. Er konnte nicht predigen, nur die hl. Messe feiern und die Lossprechung geben. Gott hat aus der Schwäche dieses Priesters einen der größten Beichtväter der Geschichte gemacht, ähnlich wie beim Pfarrer von Ars. Leopold Mandic starb am 30. Juli 1942. Beim 2. Weltkrieg wurde das ganze Kloster von Bomben zerstört. Seine Zelle, wo er so viele Beichten abgenommen hatte, blieb unversehrt.

Paulus, ein Mann der Schwäche. Ein Mann der Stärke in der Gnade. Gott kann auch uns brauchen, wenn wir spirituell diesen Weg gehen: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Amen.

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