029) Mariä Himmelfahrt 2012: Maria lactans - geistige Mutterschaft Mariens

Hochfest Mariä Himmelfahrt 2012 – Pfarrkirche Imsterberg

Homilie von Pfarrer Stephan Müller (Manuskript):

MARIA LACTANS: MARIENS MUTTERSCHAFT FÜR UNS MENSCHEN:

SICH VON MARIA GEISTIG NÄHREN LASSEN

Freut euch alle im Herrn am Fest der Aufnahme der seligsten Jungfrau Maria in den Himmel. Mit uns freuen sich die Engel und loben Gottes Sohn.“(Introitus der Festmesse). Die Kirche ruft uns heute zur Freude auf. Die Muttergottesfeste sind Feste der wahren Freude, die vom Himmel kommt und zum Himmel führt. Wir haben uns schon mit vielen Inhalten von Maria Himmelfahrt befasst. Mit dem Dogma, mit dem Himmel, mit der Freude, mit der Würde des Leibes, mit der Kräutersegnung…

Stellen wir uns heute die Frage: „Was tut Maria im Himmel?“ Sie bereitet vielleicht ihre nächsten Erscheinungen vor… Sie tut noch mehr. Wir Menschen sind so sehr mit dem Arbeiten beschäftigt, mit der Tätigkeit, dass wir in Gefahr sind, alles von der Tätigkeit her zu sehen. Doch im Himmel herrscht eine andere Seinsweise, wenn wir in die ewige Ruhe, in die Ruhe Gottes eingegangen sind. Fragen wir uns tatsächlich: Was tut die Muttergottes im Himmel? Sie ist selig in Gott, sie hat ihre leib-seelische Vollendung in der himmlischen Seinsweise gefunden. Und doch ist sie nicht untätig.

Gehen wir heute von einem Bild aus. In der Tradition gibt es die Darstellung MARIA LACTANS, die an das Jesuskind Milchspendende Muttergottes. In der Basilika Stams gibt es ein Gewölbefresko Maria lactans (*1). Man sieht die Muttergottes im Himmel thronend und den hl. Bernhard von Clervaux, wie er aus der Brust der Muttergottes einen Milchstrahl in seinen Mund aufnimmt. Wir finden diese Darstellung in den Ordenskirchen der Zisterzienser. Der hl. Bernhard von Clervaux starb 1153. Wegen seiner von Weisheit erfüllten Schriften wurde er zum Kirchenlehrer erhoben.

Die Darstellung Maria lactans ist natürlich erklärungsbedürftig. Hier ist ein mystisches, ein geistiges Geschehen ausgedrückt. Diese Darstellung ist zunächst ein Symbol für die tiefe Marienliebe des hl. Bernhard. Er war einer der größten Mariologen des Mittelalters. Die geradezu begeisterte Marienliebe, die aus seinen Schriften spricht, gleicht der schönsten hohen Minne des Mittelalters.

Maria lactans hat aber auch uns allen etwas zu sagen. Was tut Maria im Himmel? Maria ist Mutter! Ihre mütterliche Liebe zu uns Menschen besteht weiter. Am Kreuz hat Jesus seine Mutter allen Menschen zur Mutter gegeben, auch jedem von uns. Maria übt diese geistige Mutterschaft für uns aus. Das ist, auf uns Menschen bezogen, ihre Tätigkeit im Himmel. Hier hat Maria sicherlich viel zu tun. Denn sie ist die Mutter aller Menschen. Und sie sorgt sich für jeden Einzelnen.

Die Muttergottes als unsere Mutter und Mutter der Kirche hat Freude daran, uns Menschen von Himmel aus zu umsorgen. Maria lactans erinnert uns an einen speziellen Bereich ihrer Sorge. Maria will uns geistig ernähren. Sie nährt uns mit einer geistigen Milch. Statt Milch könnte man auch sagen: mit einem geistigen Licht, das von ihr ausgeht.

1) Maria nährt uns mit der geistigen Milch ihres jungfräulichen Glaubens. Maria hat ihr Leben lang den Glauben jungfräulich, d.h. unversehrt, bewahrt. Wenn wir hier von Glauben sprechen meinen wir nicht einen Glauben, nicht Lehren, die wir uns selber ausdenken und zusammenstellen, sondern die von Gott kommende Offenbarung. Wir erleben heute einen großen Glaubensverfall. Maria hilft uns, das Glaubensgut, die ganze Heilswahrheit Christi, wie sie von der Kirche gelehrt wird, unversehrt zu bewahren. Maria hilft uns, dem Nachfolger des hl. Petrus und seinem Lehramt treu zu bleiben. Maria hilft uns, den Glauben vor den Menschen zu bezeugen. Der Glaube ist das Licht für unser Leben. Das Licht des Glaubens zeigt uns, wer wir sind und warum wir leben. Um uns auf den Himmel vorzubereiten.

2) Maria nährt uns mit der geistigen Milch ihrer Reinheit und ihrer Heiligkeit. Maria hilft uns, nach Heiligkeit zu streben, wie die Bibel sagt. Heiligkeit bedeutet nicht, etwas Außergewöhnliches zu tun. Heiligkeit bedeutet mit Gott zu gehen, mit der Kirche, mit den Sakramenten, in der Gottes- und Nächstenliebe. Und das jeden Tag neu. Nie stehen bleiben, immer wieder beginnen und weiter gehen. Der biblische Weg der Heiligkeit heilt uns nicht nur von der Fäulnis Sünde. Er führt uns auch über das Maß der Mittelmäßigkeit hinaus.

3) Maria nährt uns mit der geistigen Milch des Gebetes und der Liebe. Wie sehr brauchen wir das Gebet. Das persönliche Gebet. Das Gebet in den Familien, Gebetsgruppen. Ohne Gebet vertrocknet unsere Seele. Das Gebet ist die Erhebung der Seele zu Gott, zum Himmel. Das Gebet erhebt unsere Seele zum Lieben, es hilft uns Gott zu lieben, die Mitmenschen, uns selber. Die geistige Milch ihres Gebetes führt uns zur Innigkeit und Tiefe des Betens: das eucharistische Beten und Anbeten. Die Muttergottes hilft uns, die Hl. Messe zu schätzen und die Anbetung zu suchen. So gehen wir bei der Muttergottes in die Schule der Liebe, in die Schule der Eucharistie.

Maria lactans und der hl. Bernhard. Wie der hl. Bernhard, wollen auch wir uns von Maria, der himmlischen Mutter, geistig ernähren lassen. Wenn wir von Maria erzogen und ernährt werden, dann können wir viel leichter Christus nachfolgen, Christus gleichgestaltet werden, wie der hl. Paulus uns lehrt. Das 2. Vatikanische Konzil spricht in der Kirchenkonstitution über diese geistige Mutterschaft Mariens. (*2)

Wie können wir von Maria geistig ernährt werden? Ganz einfach! Nehmen wir die Muttergottes ganz bewusst in unser Leben, in unseren Alltag auf. Lieben wir Maria! Beten wir gerne zu ihr! Weihen wir uns ihrem unbefleckten Herzen! Feiern wir die Marienfeste, den wöchentlichen Muttergottessamstag. Beten wir gerne den Rosenkranz...

Maria lactans! Wir danken Dir, dass du vom Himmel aus unsere Mutter bist. Wir danken dir für deine Liebe und Sorge. Nähre uns mit der geistigen Milch deines jungfräulichen, unversehrten Glaubens. Nähre uns mit der geistigen Milch deiner Reinheit und Heiligkeit, nähre uns mit der geistigen Milch deines Gebetes und deiner Liebe. Mach unsere Seele durch Deine Nahrung stark, damit wir Christus immer ähnlicher werden und mutig den Weg zur himmlischen Freude gehen. Amen.

Ergänzung – nicht für die Homilie:

(*1)

Bild: Maria lactans (Milchspendende Muttergottes) und der hl. Bernhard von Clervaux. Basilika Stams, Deckenfresko in einer rechten Seitenkapelle; Johann Georg Wolcker (Augsburg) aus den Jahren 1730 bis 1734;

 

(*2) 2. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium 61-62:

61. Die selige Jungfrau, die von Ewigkeit her zusammen mit der Menschwerdung des göttlichen Wortes als Mutter Gottes vorherbestimmt wurde, war nach dem Ratschluss der göttlichen Vorsehung hier auf Erden die erhabene Mutter des göttlichen Erlösers, in einzigartiger Weise vor anderen seine großmütige Gefährtin und die demütige Magd des Herrn. Indem sie Christus empfing, gebar und nährte, im Tempel dem Vater darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter.

62. Diese Mutterschaft Marias in der Gnadenökonomie dauert unaufhörlich fort, von der Zustimmung an, die sie bei der Verkündigung gläubig gab und unter dem Kreuz ohne Zögern festhielt, bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten. In den Himmel aufgenommen, hat sie diesen heilbringenden Auftrag nicht aufgegeben, sondern fährt durch ihre vielfältige Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken186. In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen. Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen187. Das aber ist so zu verstehen, daß es der Würde und Wirksamkeit Christi, des einzigen Mittlers, nichts abträgt und nichts hinzufügt188. Keine Kreatur nämlich kann mit dem menschgewordenen Wort und Erlöser jemals in einer Reihe aufgezählt werden. Wie vielmehr am Priestertum Christi in verschiedener Weise einerseits die Amtspriester, andererseits das gläubige Volk teilnehmen und wie die eine Gutheit Gottes auf die Geschöpfe in verschiedener Weise wirklich ausgegossen wird, so schließt auch die Einzigkeit der Mittlerschaft des Erlösers im geschöpflichen Bereich eine unterschiedliche Teilnahme an der einzigen Quelle in der Mitwirkung nicht aus, sondern erweckt sie. Eine solche untergeordnete Aufgabe Marias zu bekennen, zögert die Kirche nicht, sie erfährt sie auch ständig und legt sie den Gläubigen ans Herz, damit sie unter diesem mütterlichen Schutz dem Mittler und Erlöser inniger anhangen.

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