204) Jahresgedächtnis der Kirchweihe 2016: DAS GESCHENK DES HEILIGEN

Jahresgedächtnis der Kirchweihe 2016

„FURCHTGEBIETEND IST DIESER ORT“ (Gen 28,17)

DAS GESCHENK DES HEILIGEN

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Allen Gläubigen, die heute gekommen sind, allen Mitgliedern der Herz Jesu Bruderschaft, allen, die unser Gotteshaus lieben, unter dem Schutz der Mater Dolorosa leben, wünsche ich ein gesegnetes Kirchweihfest, viele Gnaden für Euer Leben, die Hilfe Gottes in Euren Anliegen.

           

Der Patriarch Jakob hat auf seiner Flucht ein Gotteserlebnis. Er sieht im Traum eine Leiter und Engel darauf auf- und niedersteigen. Überwältigt von diesem himmlischen Erlebnis ruft Jakob nach dem Erwachen aus: „Furchtgebietend ist dieser Ort: Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels“ (Gen 28,17). Im heutigen Introitus wurden diese Worte gebetet.

           

Dieses Erlebnis verweist uns auf das Gotteshaus im Neuen Bund. Das katholische Gotteshaus ist ein Ort, über dem sich der Himmel öffnet, die Engel auf und niedersteigen, ein Ort, an dem sogar Gott selber zu uns herabsteigt im Opfer Christi, ein Ort, an dem die Worte Gottes an Jakob auch uns gelten: „Siehe, ich bin mit dir; ich werde dich behüten überall, wohin du gehst.“ Wie viel Freude dürfen wir hier immer neu aus erster Quelle schöpfen, wenn wir hier herkommen um Gott zu bitten, zu danken, zu loben, zu weinen, zu suchen und zu finden. Wie viel Freude kennt eine katholische Seele, die hier ihre geistige Heimat hat, die hier durch das Wort Gottes und die hl. Sakramente ihre innere Leiter hat, auf der sie zum Himmel emporsteigt.

           

Alles, was die Güte Gottes hier wirkt und schenkt können wir zusammenfassen und sagen: Heilig ist dieser Ort! So kann das Wort furchtgebietend auch gedeutet werden. Ein heiliger Ort ist ein Ort, in dem Gott uns Heil schenk für Leib und Seele. Das Heilige des Gotteshauses entspringt dem Opfer Christi, das der Priester beim Hl. Messopfer darbringt. Als schönste Frucht des Kreuzesopfers ist uns die bleibende Gegenwart Christi im Tabernakel geschenkt, angezeigt durch das ewige Licht. Die Gegenwart Christi im Opfer und dann im Allerheiligsten Sakrament des Altares ist zunächst eine objektive Gegenwart, unabhängig davon ob wir das glauben oder nicht. Auch die Wirksamkeit des Opfers Christi und des Allerheiligsten Altarssakramentes ist eine objektive Wirksamkeit, unabhängig davon ob wir das glauben oder nicht. Der hl. Pfarrer von Ars hat in seinen Predigten immer wieder auf den Tabernakel gezeigt, oft unter Tränen, und gesagt: „Er ist da!“ Wenn Gott trotz der Gegenwart des Altarssakramentes Unglücke oder Katastrophen zulässt, können wir die Zusammenhänge nicht ergründen. Beten wir deshalb heute auch für die Opfer des Erdbebens in Italien. Zum Kirchweihfest möchte ich einladen, über das Heilige nachzudenken, das Christus uns an diesem Ort schenkt. Lassen wir dazu drei Schriftstellen zu uns sprechen.

           

1) Die still wirkende Gnade des Heiligen

           

Für die Israeliten war die Bundeslade das Heiligste, ein Zeichen der Gegenwart Gottes. Viel Segen und Wohltaten haben die Israeliten durch die Bundeslade an heiliger Stätte empfangen. In der Zeit vor dem salomonischen Tempel hatten die Philister, lange Zeit die Erzfeinde der Israeliten, die Bundeslade einmal im Krieg geraubt. Das Buch Samuel berichtet: „Die Philister nahmen die Lade Gottes, brachten sie von Eben-Haeser nach Asdod. Sie trugen sie in den Tempel Dagon und stellten sie neben Dagon. Als die Leute von Asdod am anderen Morgen aufstanden, lag Dagon vor der Lade des Herrn auf seinem Angesicht am Boden. Man nahm ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz. Am folgenden Morgen fanden sie nach dem Aufstehen Dagon wieder am Boden liegend vor der Lade des Herrn. Sein Haupt und seine beiden Hände lagen abgetrennt auf der Schwelle; nur der Rumpf Dagons war übriggeblieben“ (1 Sam 5,1-4).

           

Wenn schon die Bundeslade, die nur ein heiliges Zeichen war, die Götzen gestürzt hat, wie viel mehr Wirkkraft hat das Allerheiligste Altarssakrament. Wenn ein Dorf, eine Stadt ein katholisches Gotteshaus hat, wo das Opfer Christi dargebracht wird, wo Christus im Tabernakel gegenwärtig ist, ist das allein schon eine große Gnade. Die Gegenwart Christi stürzt die Dämonen und bewahrt vor Unheil. Das Hl. Messopfer ist deshalb der größte Exorzismus. Wo das Heilige Opfer Christi auf den Thron gestellt wird, beginnen die Dagon-Götzen der heutigen Zeit zu wanken und zu fallen. Das Stürzen und das Zerbrechen dieser Dagon-Götzen verursacht manchmal etwas Lärm und Wirbel. Doch davor brauchen wir uns nicht zu fürchten. Es ist ein Zeichen, dass das Heilige Gottes am Wirken ist.

           

Die Gegenwart Christi im Altarssakrament hat gleichsam eine gnadenhafte Ausstrahlung, die sich auf die gesamte Schöpfung auswirkt: auf die Natur, auf die Geistige Welt, auf uns Menschen. Es gibt verunglückte Atomkraftwerke, die ihre tödliche Strahlung in die Welt schicken. Im Gegensatz dazu ist das katholische Gotteshaus wie ein brennendes Herz, das Herz Jesu, das seine geistigen Strahlen der Gnade in die ganze Welt sendet. Diese still wirkende Gnade des Heiligen empfangen wir, wenn wir an die Gegenwart Christi im Tabernakel glauben, wenn wir unter seinem Eucharistischen Blick leben, wenn wir ihn gerne besuchen, die Eucharistische Anbetung praktizieren, einen Gedanken, einen Liebesakt während der Arbeit zum Tabernakel senden.

           

2) Die innerlich reinigende Gnade des Heiligen.

           

Der Prophet Jesaja erlebt bei seiner Berufung die Heiligkeit Gottes. Er schreibt: „Im Todesjahr des Königs Usias sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron… Über ihm schwebten Seraphim… Einer rief dem anderen zu und sprach: <Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen> …Da sprach ich: <Wehe mir, ich bin verloren; denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen.> Da flog zu mir einer der Seraphim, in seiner Hand hielt er eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Mit ihm berührte er meinen Mund und sprach: <Das hier hat deine Lippen berührt, deine Schuld ist vergeben, deine Sünde gesühnt.>“ (Jes 6,1-7)

           

Jesaja erschrickt vor dem Heiligen, es wird ihm seine Sündhaftigkeit bewusst, das ist für ihn ein Schmerz, es verwundet ihn. Doch in dieser Verwundung durch das Heilige geschieht die Heilung seiner Seele und seine Berufung zum Propheten. Die Erfahrung des Heiligen ist für uns Menschen nicht immer angenehm. Je weiter man von Gott entfernt ist, desto mehr das Erschrecken vor dem Heiligen. Es gibt Menschen, die vor der Liturgie der Kirche davonrennen, andere wissen sich angezogen. Wer diese Spannung, in die das Heilige uns versetzt, aushält, empfängt innere Heilung und Heiligung. Wir müssen es machen wie bei Jesaja. Ein Engel hat mit einer Zange eine glühende Kohle vom Altar genommen und seine Lippen berührt. Die glühende Kohle symbolisiert die Erlösungsgnaden, die vom Opfer Christi kommen. Der Priester, der sich wie Jesaja als Mensch mit unreinen Lippen erfährt, dh als Sünder, sollte doch wie ein Engel sein. Er ist von Christus als Verwalter der Göttlichen Geheimnisse eingesetzt, er darf die Gnaden vom Altar empfangen und den Menschen reichen. Wenn wir hier an diesem Ort mit der Gnade des Heiligen leben, uns dem Heiligen gerne aussetzen, mit dem Heiligen der Sakramente leben, werden wir durch das Heilige innerlich erneuert, wir werden neue Menschen. Um das zu erlangen, ist im Gebetsleben das Erlernen der Stille und des inneren Schweigens wichtig. „Ich ließ meine Seele ruhig werden in mir, wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir“ (Ps 131,2). Ein ständig lautes Beten oder Beten mit Texten ist ein Hindernis, sich dieser reinigenden und verwandelnden Gnade des Heiligen auszusetzen.

           

3) Die weltverändernde Gnade des Heiligen

           

Der Zöllner Zachäus hat das Heilige der Gegenwart Christi erfahren. Zuerst hat er nach Christus Ausschau gehalten, ihn gesucht, dann in sein Haus eingeladen. Die Begegnung mit dem Heiligen Gottmenschen hat ihn innerlich verändert. Aus dem Wucherer, aus dem Egoisten, wurde ein barmherziger Mensch. Nach der Begegnung mit der Heiligkeit Christi hat Zachäus begonnen, die sozialen Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Hier sehen wir, wie das wirklich funktioniert. Die sozialen Probleme der Welt werden nicht durch Revolution überwunden, nicht durch eine noch so große Weltbezogenheit der Kirche, im Gegenteil, durch die Erfahrung des Heiligen. Die Heiligen haben zuerst ihr Herz verändert, dann die Welt.

           

Das Heilige gehört zu den Gütern der Kirche, die zurzeit vielfach schutzlos und gefährdet sind. Unsere Zeit hat die Ehrfurcht für das Heilige verloren. Es ist eine Sünde gegen das Heilige, wenn Gotteshäuser zu Mehrzweckräumen umfunktioniert werden, wenn an die Stelle der Anbetung Gottes die Ehre des Menschen gesetzt wird. Umso mehr ist uns das Heilige des Gotteshauses eine Hilfe und ein Schutz. Nur hier kann die Welt das Gespür für das Heilige wieder lernen und gesunden. Was geschieht mit der Kirche oder einer Gesellschaft dort, wo sie das Heilige nicht mehr heilig hält, den heiligen Dienst des Priesters nicht mehr zu benötigen meint? Eine solche Kirche oder Gesellschaft wird immer kränker, sie verliert die innere Leiter, die wir brauchen, um zum Himmel emporzusteigen, immer mehr aus den Augen.

           

Der Dienst des katholischen Priesters ist beim Heiligen angesiedelt. Wir Priester dürfen beim Hl. Messopfer sozusagen das Himmlische Jerusalem - denken wir an die heutige Lesung - vom Himmel auf der Erde herunterholen. Wir dürfen in den Sakramenten das Eintreten in das Heilige ermöglichen, um dadurch an Leib und Seele Gnade zu empfangen und zu gesunden. Wir Priester haben durch die Weihe die Sendung, dem Heiligen zu dienen, es zu verwalten und es auch zu schützen. Der Priester muss das Gotteshaus verteidigen und auch das Allerheiligste, den Heiligsten Leib und das Kostbare Blut unseres Herrn Jesus Christus. Der Dienst am Heiligen gibt uns Priestern viel Kraft und Schutz. Doch auch jeder Katholik, der durch die Taufe ein Streiter Christi geworden ist, hat die Aufgabe, diesen heiligen Ort zu ehren, das Heilige zu schützen.

           

Furchtgebietend – heilig - ist dieser Ort.

           

Die still wirkende Gnade des Heiligen.

Die innerlich reinigende und verwandelnde Gnade des Heiligen.

Die weltverändernde Gnade des Heiligen.

           

Von Herzen ein Vergelt’s Gott allen, die unser Gotteshaus betreuen, pflegen, allen Wohltätern, allen, die mithelfen, dem Heiligen zu dienen. Möge aller Einsatz als vielfache Gnade auf alle zurückkommen. Amen.

 

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