202) Maria Himmelfahrt 2016: MUSSTE MARIA STERBEN?

Hochfest Maria Himmelfahrt 2016

"DER MÄCHTIGE HAT GROSSES AN MIR GETAN" (Lk 1,49) - IST MARIA GESTORBEN? - Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Mit der katholischen Kirche auf der ganzen Welt feiern wir das wunderbare Hochfest Maria Himmelfahrt. Dieses Glaubensgeheimnis wurzelt in der Heiligen Schrift und in der Glaubensüberlieferung der Kirche. Die liturgische Feier dieses Glaubensgeheimnisses reicht weit in das erste Jahrtausend zurück. In der Ostkirche gibt es bezeugt seit dem 6. Jahrhundert dafür ein liturgisches Fest, es trägt den Namen Entschlafung Mariens, in der Lateinischen Kirche gibt es ein solches Fest seit dem 7./8. Jahrhundert. Unter dem Pontifikat von Papst Pius XII. wandten sich unzählige Bischöfe und Gläubige der Katholischen Kirche an den Papst, er möge doch den Glauben an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel feierlich als Dogma verkünden. 1946 machte Pius XII. eine Befragung aller katholischen Bischöfe der Welt, ob sie diese Dogmatisierung für angebracht hielten. Das war kein demokratischer Vorgang, auch nicht eine Abstimmung. Pius XII. wollte wissen, wie es mit diesem Glaubensgeheimnis in der ganzen katholischen Welt steht. Das Ergebnis: 22 Bischöfe waren gegen die Dogmatisierung, 1181 Bischöfe haben den Papst ausdrücklich gebeten, das Dogma zu verkünden. Durch diese Einheit im Glauben bestärkt, hat Pius XII. schließlich am Allerheiligentag 1950 feierlich die leibliche Aufnahme Mariens als Dogma verkündet, dh als eine von Gott geoffenbarte Wahrheit. Der Petersplatz konnte die Gläubigen damals nicht fassen, die nach Rom gekommen waren. Es hatte in Rom auch tagelang in Strömen geregnet. Pius XII. hatte in seiner Wohnung zu Madre Pascalina, einer der Ordensschwestern im Haushalt, gesagt (sinngemäße Wiedergabe): "Maria, um Deine Ehre habe ich mich gekümmert, um ein dir gebührendes Wetter musst du dich jetzt sorgen!" In der Frühe des Allerheiligentages 1950 hörte der Regen auf, es kam die Sonne durch und es gab auch in der Natur einen von himmlischen Glanz verklärten Feiertag.

           

Der Wortlaut des Dogmas lautet: "Nachdem Wir nun lange und inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkündigen, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des Allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, kraft der Vollmacht Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht: Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. [...] Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist. Keinem Menschen sei es also erlaubt, diese Unsere Erklärung, Verkündigung und Definition ungültig zu machen, ihr in verwegener Kühnheit entgegenzutreten oder sie zu bekämpfen! Sollte sich aber jemand unterfangen, es dennoch zu tun, so möge er wissen, dass er den Zorn des Allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus auf sich herabruft" (*).

           

Eine kleine Nebenbemerkung: Der Wortlaut des Dogmas lässt uns sehen, wie sehr die Kirche den Inhalt des Glaubens ernst nimmt. Es ist auch für uns Katholiken nicht gleichgültig, was wir inhaltlich glauben. Die Abgrenzung zeigt, dass die Kirche auch den Glauben schützt.

           

Was sagt uns der heutige Feiertag, das Dogma, das wir feiern? Das Dogma sagt zunächst, dass Maria nach dem Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Es gibt vor dem jüngsten Tag nur einen einzigen Menschen, der mit Leib und Seele in der Verklärung des Himmels ist, das ist Maria.

           

Der Glaube an die leibliche Aufnahme in den Himmel stellt uns vor die Frage nach dem Tod Mariens. Der Tod bedeutet, wie ihr wisst, die Trennung von Seele und Leib, und daraus folgend die Auflösung des Leibes, der zum Staub der Erde zurückkehrt. Diese Trennung von Leib und Seele und die Verwesung des Leibes ist eine Straffolge der Ursünde der Stammeltern im Paradies. Die Frage ist, musste Maria das alles erleiden? Das Dogma beinhaltet zunächst, dass der Leib der Gottesmutter nicht der Verwesung anheimgefallen ist. Sie ist nach dem Ende ihres irdischen Lebens mit ihrem unverwesten Leib in den Himmel aufgenommen worden. Doch musste Maria auch sterben, also auch die Trennung von Seele und Leib erleiden? Das kirchliche Lehramt hat sich hier noch nie geäußert.

           

Es gibt in der Tradition zwei theologische Lehrmeinungen. Die einen sagten: Weil Christus gestorben ist, und alle Menschen sterben müssen, gäbe es auch bei Maria keine Ausnahme, auch sie musste sterben. Die andere Lehrmeinung sieht das Gesamte des Glaubens und ist überzeugt, dass Maria nicht sterben musste. Im Dogma hat Pius XII. es ausdrücklich abgelehnt, vom Tod Mariens zu sprechen. Das Dogma spricht nur vom Ende des irdischen Lebens der Gottesmutter.

           

In der gläubigen katholischen Tradition können wir so sagen: Maria ist anders "gestorben". Maria hat den Tod in ihrer Seele erlitten, als sie unter dem Kreuz stand, sie ist in ihrem Herzen mit Christus gestorben. Das war ihr "sterben". Doch den leiblichen Tod - die Trennung von Seele und Leib - musste sie - so dürfen wir glauben - nicht erleiden. Warum nicht?

           

- Die Trennung von Seele und Leib im Tod ist eine Folge der Ursünde. Maria war frei von der Erbsünde, frei von der Konkupiszenz und jeder persönliche Sünde. So stand sie nie unter dem Gesetz der Sünde sondern in der Gnade. Wegen ihrer Sündenlosigkeit gab es keinen Grund, warum sie nach dem Mitsterben mit Christus nochmals sterben sollte. Weil sie von der Sünde frei war, war sie auch frei von den Folgen der Sünde.

- Christus ist aus Liebe zu uns am Kreuz gestorben, um uns von leiblichen und ewigen Tod, der Hölle, zu erlösen. Warum sollte er ausgerechnet seiner Mutter diese Frucht der Erlösung vorenthalten?

- Die Tradition der Kirche hat im Blick auf Maria auch nie von einer Auferstehung gesprochen. Auferstehung setzt die Trennung von Seele und Leib voraus. Christus ist gestorben, er hat die Trennung von Seele und Leib durchlitten. In seiner Auferstehung hat er Leib und Seele wieder vereint, seinen Leib verklärten, seine verklärte Menschennatur in den Himmel mitgenommen hat. Dass man bei Maria nie von Auferstehung gesprochen hat, deutet an, dass die Trennung von Seele und Leib nicht stattgefunden hat. Für alle anderen Menschen, auch für uns, geschieht im Tod die Trennung von Seele und Leib, und es folgt die allgemeine Auferstehung der Leiber der Gerechten und der Verdammten am Jüngsten Tag. Bei der Muttergottes ist diese Umwandlung und Verklärung ihres Menschseins - ihrer Leib-Seelischen Einheit - hinein in die himmlische Lebensweise bereits nach dem Ablauf ihres irdischen Lebens geschehen, so wie es für uns Menschen vor dem Sündenfall zugedacht war.

- In der katholischen Tradition gibt es auch kein Fest des Todes Mariens. Bei der Gottesmutter spricht die Tradition von der Entschlafung.

           

Für einen gläubigen Katholiken ist die Himmelfahrt Mariens ein großes "Zeichen der Hoffnung und des Trostes", wie das Konzil sagt. Einen Menschen gibt es, an dem der Plan der alten Schlange gescheitert ist, an einem Menschen ist der wunderbare Schöpfungsplan des Dreifaltigen Gottes mit uns Menschen zur Erfüllung gekommen. Welche Freude für die heilige Kirche, welche Freude für uns. Maria hat diese Gnade wegen ihrer Gottesmutterschaft erhalten, aber auch als Lohn für ihr treues Mitwirken mit der Gnade, ihr Wachsen im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe und in den Tugenden.

           

Wir müssen die Folgen der Ursünde erleiden. Aber wir haben Maria. Maria hilft uns christlich zu leben und christlich zu sterben. Je mehr wir im Leben der Sünde absterben, dem Egoismus, dem Stolz, je mehr wir im Glauben und in der Tugend wachsen, desto mehr verliert der Tod an Schrecken, und diese Trennung von Seele und Leib, die wir erleiden müssen, geschieht im Frieden der Erlösung. Der hl. Pater Pio sagt: "Maria lasse deine Seele stets zu neuer Tugend erblühen; sie halte ihre mütterliche Hand über dich! Schließe dich immer inniger an deine himmlische Mutter an." Ja, schließen wir uns heute innig an die himmlische Mutter an, damit sie im Leben und im Sterben immer an unserer Seite ist. Amen.

           

Ergänzung zur privaten Vertiefung:

           

Aus der dogmatischen Bulle "Munificentissimus Deus" von Papst Pius XII. zur Verkündigung des Glaubenssatzes, dass die Jungfrau Maria mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde, 1. November 1950

           

           

Beziehung zwischen der Unbefleckten Empfängnis und leiblichen Aufnahme in den Himmel

           

4 Dieser Ehrenvorzug Marias [die leib-seelische Aufnahme in den Himmel] zeigte sich in neuem Glanze, als unser Vorgänger unvergesslichen Andenkens, Pius IX., die Unbefleckte Empfängnis der erhabenen Gottesmutter in feierlicher Entscheidung als Glaubenssatz verkündet hatte. Diese beiden Ehrenvorzüge sind nämlich aufs engste miteinander verknüpft. Durch seinen Tod hat Christus zwar die Sünde und den Tod überwunden, und wer durch die Taufe zum übernatürlichen Leben wiedergeboren ist, hat durch Christus Sünde und Tod ebenfalls besiegt: aber die volle Auswirkung dieses Sieges will Gott den Gerechten nach einem allgemein geltenden Gesetz erst dann zuteil werden lassen, wenn einmal das Ende der Zeiten gekommen ist. Daher fallen auch die Leiber der Gerechten nach ihrem Tode der Verwesung anheim, und erst am Jüngsten Tage wird der Leib eines jeden mit seiner verherrlichten Seele vereinigt werden.

           

5 Von diesem allgemein gültigen Gesetz wollte Gott die Allerseligste Jungfrau Maria ausgenommen wissen. Sie hat ja durch ein besonderes Gnadenprivileg, durch ihre Unbefleckte Empfängnis, die Sünde besiegt, war deshalb dem Gesetz der Verwesung des Grabes nicht unterworfen und brauchte auf die Erlösung ihres Leibes nicht bis zum Ende der Zeiten zu warten.

           

30 In der Blütezeit der scholastischen Theologie des Mittelalters führt der heilige Albert der Große zum Beweise dieser Wahrheit eine Reihe von Gründen an, die sich auf die Heilige Schrift, die Tradition, die Liturgie und das sog. theologische Beweisverfahren stützen, um dann zu schließen: «Auf Grund dieser und vieler anderer Schlussfolgerungen und Autoritäten ergibt sich, dass die Allerseligste Gottesmutter mit Leib und Seele über die Chöre der Engel erhoben wurde. Und dies halten wir unbedingt für wahr». In einer Predigt auf Mariä Verkündigung, in der er den Gruß des Engels erklärte: Sei gegrüßt, du Gnadenvolle.., verglich der Doctor Universalis Eva mit der heiligsten Jungfrau und versicherte auf das bestimmteste, Maria sei von dem vierfachen Fluch ausgenommen, dem Eva verfallen war.

          

 

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