200) 14. Sonntag im JK 2016: DOGMENENTWICKLUNG - IM GLAUBEN VORANSCHREITEN

14. Sonntag im JK C) 2016

"IHR WERDET AUFBLÜHEN WIE FRISCHES GRAS" (Jes 66,14)

DOGMENENTWICKLUNG - IM GLAUBEN VORANSCHREITEN

Predigt von Pf. Stephan Müller in der Pfarrkirche Imsterberg

           

Knüpfen wir mit dieser Predigt nochmals an das Messiasbekenntnis des hl. Apostels Petrus an. Katholisch glauben umfasst das ganze Christusgeheimnis, die ganze Offenbarung. Unser persönlicher Glaubensakt will mit ganzem Herzen gegeben sein und mit unserem Leben. Einem denkenden Menschen stellt sich eine berechtigte Frage: Ist der Glaube etwas Starres und Unveränderliches? Um die Antwort zu verstehen, beachten wir zwei Dinge:

           

1. Die Offenbarung - der Glaube als von Gott geoffenbarte Wahrheit - ist mit der apostolischen Zeit, dh mit Tod des letzten Apostels abgeschlossen. Die Kirche weist jede Lehre zurück, die vorgibt, die Offenbarung zu korrigieren oder zu verändern. In diesem Sinn ist die Glaubenslehre etwas Festes und Unveränderliches. Was die 12 Apostel geglaubt haben, das glauben wir auch heute. Was die Katholiken im 10. und im 15. Jahrhundert geglaubt haben, das glauben wir auch heute. Das Apostolische Glaubensbekenntnis hat sich nicht verändert. (*)

           

2. Nicht abgeschlossen ist das Verstehen der Offenbarung. In diesem Sinn ist der Glaube etwas Lebendiges. Die Kirche ist immer mehr in das Verständnis des Glaubens hineingewachsen. Christus hat den Aposteln ja verheißen, dass der Heilige Geist in die volle Wahrheit einführen wird. Der Glaube ist Leben. Doch er ist Leben nicht in der Weise, dass er sich verändern würde: Heute so und morgen anders. Der Glaube ist lebendig im Sinn von Entfaltung.

           

Immer wieder hört man in Diskussionen fordernde Worte an die Kirche: "Die Zeiten haben sich verändert. Also soll sich die Kirche doch endlich an die Zeit anpassen." Die Zeit im Sinn von Mentalität oder technischer Fortschritt ist immer Bewegung. Manches ist leichter, manches ist schwieriger geworden. Jede Hausmutter wird froh sein, dass es eine Waschmaschine gibt, und man keine Waschrumpel mehr benötigt. Auf der menschlichen Ebene ist im Elektronikzeitalter vielleicht manches schwieriger geworden. Die Forderung, die Kirche müsse sich der Zeit anpassen, geht am Wesen des Glaubens vorbei. In der Technik können wir modern sein. Wo die Kirche im Glauben "modern" wird, was immer man darunter versteht, verlässt sie den Bereich des Glaubens, und sie erfährt die Folgen von "modern", sie ist beim "modern", sie atmet nicht mehr den Wohlgeruch der ewigen Wahrheit Christi, sondern den Atem der Verwesung.

           

Veränderung gibt es im Bereich des Glaubens nur im Sinn einer Vertiefung, eines tieferen Eindringen in die Wahrheiten und Zusammenhänge des Glaubens. Die Theologen nennen das Dogmenentwicklung. Auch dieses katholische Prinzip hat der hl. Kirchenvater Vinzenz von Lerin schon im 5. Jahrhundert angesprochen. Das 1. Vatikanische Konzil (1870) hat Vinzenz von Lerin zitiert: „Erkenntnis, Wissen und Verständnis sollen wachsen, ja kräftig voranschreiten, sowohl der Einzelnen als auch der ganzen Kirche, aber nur auf die ihr eigene Weise, d. h. in derselben Lehre, demselben Sinn, derselben Auffassung” (1. Vaticanum, Konstitution „Dei Filius”). Hier wird uns sehr schön erklärt, was sich im Bereich des Glaubens "ändert": Im Laufe der 2000 Jahre Kirchengeschichte ist die Kirche immer tiefer in die Erkenntnis der Offenbarung Christi hineingewachsen.

           

Ein Beispiel für Weiterentwicklung, die in sich geschieht, aber keine Veränderung im Wesen bringt: Unser menschlicher Körper. Ab der ersten Zellteilung, nachdem ein Kind entstanden ist, ist in diesem winzigen Menschen bereits alles vorhanden, alle Organe usw. Im Mutterschoß und im Laufe der Jahre entfaltet sich der menschliche Körper. Doch er bleibt immer derselbe Mensch. So hat ähnlich sich auch die katholische Glaubenswahrheit entfaltet. Der Glaube ist auch wie ein wunderbarer Baum, den Christus gepflanzt hat, an dem immer neue Blüten und Früchte sichtbar geworden sind. Doch alle diese Blüten und Früchte waren in der Pflanzung dieses Baumes bereits verborgen da.

           

Der Apostel Petrus wird in Jerusalem nicht mit der Monstranz in der Hand eine Fronleichnamsprozession gehalten haben. Das ist erst später gekommen. Das Fronleichnamsfest brachte aber keine Veränderung des Glaubens, sondern eine Vertiefung, die von Gott vorgesehen war. Die öffentliche Verehrung und Anbetung des Allerheiligsten Altarssakramentes war bereits bei der Einsetzung dieses Sakramentes verborgen da. Das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, an Allerheiligen 1950 von Papst Pius XII. verkündet, wurzelt in der Heiligen Schrift und ist eine Entwicklung im Sinn von Vertiefung, doch keine Veränderung des apostolischen Glaubens.

           

Die Kirche hat seit der Gründung durch Christus in der Glaubensentwicklung einen oft mühsamen Weg hinter sich. Der Weg der Kirche war oft gezeichnet von Krisen, Widerständen, Auseinandersetzung mit Irrlehren, Verfolgungen von Außen und Innen... In Zeiten, wo der katholische Glaube Staatsreligion war, gab es oft Schwierigkeiten, das eigentliche geistliche Anliegen der Kirche vom politischen Apparat des Staates und den staatlichen Einmischungen abzugrenzen. Unter Kaiser Theodosius wurde Ende des 4. Jahrhunderts im Römischen Reich der katholische Glaube Staatsreligion, manche Konzilsentscheidungen, die den Glauben betrafen, wurden zu staatlichen Gesetzen erklärt. Das hatte eine nicht einfache Verflechtung von Glaube und Politik zur Folge. Im Investiturstreit des Mittelalters gab es die Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser, wer die Vollmacht habe, Bischöfe einzusetzen. Noch Kaiser Franz Josef als Kaiser von Österreich hatte ein Vetorecht bei der Papstwahl, das er auch beanspruchte; erst Papst Pius X. hatte dies abgeschafft. Umgekehrt gesehen haben kirchliche Amtsträger manchmal auch ihre geistliche Vollmacht missbraucht durch die Verbindung mit politischen Machtmitteln usw. Das Bündnis Thron und Altar war manchmal ein Segen und manchmal eine Wurzel für kirchliche Fehlentwicklungen. Erleben wir heute in der westlichen Welt nicht etwas Ähnliches? Die Verbindung Kirche und Wirtschaft. Es gibt kirchliche Gebiete, die seelsorglich nicht mehr richtig sakramental aufgebaut werden, sondern wie ein Wirtschaftsbetrieb; das Hl. Messopfer steht dabei nicht mehr im Zentrum und im Ziel der kirchlichen Pastoralpläne. Trotz all dieser Schwierigkeiten in der Kirchengeschichte und gegenwärtig hat Christus die Kirche im Glauben behütet und geführt. Er hat verheißen: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen."

           

Der Weg, den die Kirche im Bereich der Glaubensentwicklung im Gesamten gegangen ist, gilt auch für uns als einzelne Katholiken. Auch der einzelne Gläubige darf und soll in seinem Leben in die Wahrheit Gottes hineinwachsen.

           

Geben wir dem Glauben gute Nahrung. Wer nach der Firmung für seine persönliche Glaubensentwicklung nichts mehr tut, bleibt in den Kinderschuhen stecken, ist wie ein unmündiges Kind, durch jede Meinung verwirrt und hin und her gerissen. Der Prophet Jesaja deutet heute in der Lesung den mütterlichen Reichtum der Kirche an. Die Kirche ist wie eine Mutter, die ihre Kinder kleidet und nährt mit dem Besten, was ihr möglich ist. Diese Nahrung sind die Sakramente, das Wort Gottes, die Lehre der Kirchenväter und der Heiligen, der Katechismus, die Segnungen. Wer sich von der Kirche nährt, wird "aufblühen wie frisches Gras", hat es in der Lesung geheißen. (**)

           

Nützen wir auch die Sommerwochen, den Urlaub, die freie Zeit, um den Glauben zu nähren und zu vertiefen. Maria, Mutter des Glaubens, bitte für uns. Amen.

           

(*)

"Die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und nun endgültige Bund, [wird] niemals vorübergehen, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der glorreichen Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus. Obwohl die Offenbarung abgeschlossen ist, ist ihr Inhalt nicht vollständig ausgeschöpft; es bleibt Sache des christlichen Glaubens, im Lauf der Jahrhunderte nach und nach ihre ganze Tragweite zu erfassen." (Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 66)

           

(**)

"Das erste Gebot verlangt von uns, unseren Glauben zu nähren, ihn umsichtig und wachsam zu behüten und alles zurückzuweisen, was ihm widerspricht."

(Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 2088)

 

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