184) 4. Fastensonntag 2016: DIE BARMHERZIGE LIEBE DES HIMMLISCHEN VATERS

4. Fastensonntag 2016

"DER VATER HATTE MITLEID MIT IHM" (Lk 15,20)

DIE BARMHERZIGE LIEBE DES HIMMLISCHEN VATERS

Predigt von Pf. Stephan Müller in der Pfarrkirche Imsterberg

           

Das heutige Evangeliengleichnis nennen wir meist das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Diese Bezeichnung trifft nicht ganz den Kern. Es geht um mehr. Beginnen wir mit dem zweiten Sohn, dem älteren. Wir können ihn in gewisser Weise auch als einen "verlorenen" Sohn bezeichnen. Er ist daheim beim Vater. Er hat alles, Haus und Hof. Alles, was dem Vater gehört, gehört auch ihm. Er kann davon aus dem Vollen schöpfen. Was ist sein Problem? Vielleicht können wir so sagen: Seine Sünde ist die Ahnungslosigkeit, die Gleichgültigkeit, die Abstumpfung des Herzens. Er wirft dem Vater vor: "Mir hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt!" Das muss den Vater ungemein verletzt haben. Der ältere Sohn hat nicht nur Ziegenböcke gehabt, sondern alles, und er hat es nicht geschätzt. Dazu kommt der Neid über die zärtliche Güte, mit der der Vater den jüngeren Sohn nach seiner Heimkehr überschüttet. Die Bekehrung des älteren Sohnes war eigentlich schwieriger als die des jüngeren. Beim Festmahl musste der Vater zum älteren Sohn eigens hinausgehen und ihm gut zureden. - Kennen wir das auch in unserer Kirche? Von Christus gerufen sein. Katholisch getauft. Die Fülle der Gnadenmittel der Kirche vor der Haustüre haben... und nicht wenige leben oberflächlich und gleichgültig daran vorbei. Das ist die Sünde der Ahnungslosigkeit, der Gleichgültigkeit.

           

Dann der jüngere Sohn. Seine Sünde besteht nicht im äußeren Weggehen. Dass ein Kind erwachsen wird, das Elternhaus verlässt um der persönlichen Lebensberufung nachzugehen, ist ganz normal. Was ist sein Unrecht? Seine Sünde ist, könnten wir sagen, das innere Brechen mit dem Vater, das Aufgeben der Beziehung, das Heraustreten aus der Liebe des Vaters. Aus dem inneren Bruch mit dem Vater folgt die Geringschätzung der väterlichen Güter. Der junge Lebemann hat keine Achtung vor dem, was sein Vater erarbeitet und ihm gegeben hat. "Er verschleuderte sein Vermögen" (Lk 15,13). Aus dem oberflächlichen Leben folgt die moralische Verwahrlosung. Im Elend beginnt er sich zu besinnen und kehrt um. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder weiß er genau, was seine Sünde ist. Seine Umkehr ist einfacher als die seines Bruders.

           

Mit den beiden Söhnen beschreibt Christus den Zustand des sündigen Menschen im Allgemeinen und er zeigt uns etwas vom Wesen der Sünde. Doch geht es im Gleichnis zuerst um den Vater. Mit diesem Gleichnis hilft uns Christus, etwas vom Geheimnis Gottes zu erahnen. Das ist das Anliegen der drei Gleichnisse im 15. Kapitel des Lukasevangeliums: verlorener Sohn, verlorenes Schaf, verlorene Drachme. Christus will uns vor allem das barmherzige Angesicht des himmlischen Vaters zeigen. Wie zeigt sich im Gleichnis die erbarmende Liebe des Vaters?

           

- Der Vater hält seine Söhne nicht an der Leine. Er lässt den Jüngeren gehen. Dh Gottes Barmherzigkeit lässt den Freiraum der Liebe zu. Er ist bereit, dem jüngeren Sohn sein Erbteil auszuhändigen. Gottes Barmherzigkeit schenkt uns in der Liebe die Freiheit, ohne die Liebe nicht möglich wäre. Gottes Allwissenheit weiß im Vorhinein, was wir Menschen mit seinen Gaben tun, wo wir sie nützen oder missbrauchen. Doch er lässt das zu. Gott lässt uns den Freiraum der Entscheidung, der Bewährung. Aus der Freiheit des Willens folgt jedoch die Verantwortung für unser Tun. Das wird gerne übersehen.

           

- Der Vater erträgt die Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit des älteren Sohnes. Dh Gottes Barmherzigkeit hat mit uns Menschen viel Geduld. Er ruft uns immer wieder zum Glauben, zur Umkehr, zur Liebe. In der Beichte erfahren wir, wie viel Geduld Gott mit uns hat, wenn wir mit den immer wieder gleichen Schwächen oder Sünden zu ihm kommen können. Von unserer Seite her sollen wir die Geduld Gottes nicht überstrapazieren. Nur bis zu unserer Sterbestunde können wir mit Gottes Geduld rechnen. Mit der Todesstunde ist die Zeit der Barmherzigkeit zu Ende, es folgt dann für die Seele, die im Leben die Barmherzigkeit Gottes nicht annahm, die Gerechtigkeit Gottes. Gott "wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen" (Röm 2,6).

           

- Der Vater sieht den jüngeren Sohn von weitem kommen. Dh Gottes Barmherzigkeit wacht über uns. Wenn wir von Gott weggehen, wenn wir sündigen, wendet Gott sein Auge nicht von uns ab. Seine Gnade geht uns nach, damit wir umkehren und ihn wieder finden.

           

- Der Vater schenkt dem jüngeren Sohn ein neues Leben, er setzt für ihn einen neuen Anfang. Zeichen dafür ist das neue schöne Gewand. Zeichen dafür, dass er wieder als Sohn angenommen ist, ist der Ring. Dh Gottes Barmherzigkeit wandelt die Seele vom Tod der Sünde zu neuem Leben. Das ist das Werk der inneren Neuschöpfung nach der Erbsünde im Sakrament der hl. Taufe, nach der schweren Sünde im Sakrament der Buße. Gottes Barmherzige Liebe macht den inneren Menschen vollkommen neu. Das ist ein Werk der Allmacht Gottes. Aus der Vergebung der Sünde folgen das Leben und das ewige Leben. In der heutigen Lesung beschreibt der hl. Paulus diesen Schöpfungsakt der Barmherzigkeit Gottes. "Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden" (2 Kor 5,17). Damit ist nicht gemeint, dass jene, die regelmäßig beichten, schwere Sünden hätten. Im Gegenteil. Die regelmäßige Beichte ist eine große Hilfe, um einfach im Glauben und in der Liebe zu wachsen.

           

- Der Vater trägt dem jüngeren Sohn nichts nach, er hält ihm nichts vor. Dh Gottes Barmherzigkeit ist nicht berechnend, nicht nachtragend, sie ist ohne Maß. Der hl. Pfarrer von Ars sagte: "Unsere Sünden sind wie ein Staubkorn vor dem riesigen Gebirge der Barmherzigkeit Gottes." Die in der hl. Taufe und der hl. Beichte vergebenen Sünden sind wie im Meer der Barmherzigkeit Gottes - im Blut Christi - versenkt, sie existieren nicht mehr. Wenn Gott uns die vergebenen Sünden nicht vorhält, sollen wir einander frühere Sünden auch nicht vorhalten.

           

Wenn wir das so bedenken können wir sagen: Das Gleichnis von den beiden Söhnen ist zuerst eine Offenbarung über Gottes Wesen. Deshalb ist die schönere Bezeichnung Gleichnis vom Barmherzigen Vater. Die Barmherzigkeit ist eine Wesenseigenschaft Gottes. Der hl. Vinzenz von Paul sagt: "Erbarmen ist das innerste Geheimnis Gottes." Das Erbarmen des himmlischen Vaters offenbart zuerst das Alte Testament. Oft werden Gottes Langmut und Gottes Güte genannt. Langmut ist die Geduld Gottes. Güte ist die Barmherzigkeit Gottes. Was Barmherzigkeit Gottes bedeutet, sehen wir am Schönsten bei Christus selber. Christus ist in seiner Person das Fleischgewordene Erbarmen Gottes, wie der sel. Johannes Paul II. gesagt hat (Enzyklika Dives in misericordia/Reich an Erbarmen).

           

Der heutige Sonntag Laetare stellt uns mit seinem Wort Gottes in das Zentrum des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, das der Heilige Vater ausgerufen hat. Das Heilige Jahr ist eine Einladung der Kirche, durch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit zu schreiten. Mit anderen Worten: Durch und mit Christus in das Erbarmen Gottes eintreten. Gottes Barmherzige Liebe ruft uns, den Schritt einzutreten muss jeder selber tun.

Der jüngere Sohn macht sich aus dem Elend der Sünde auf den Weg zum barmherzigen Vater. Das Leben mit der Barmherzigkeit Gottes ist ein Weg. Dieser Weg "führt in die Abgründe der Sünde und erhebt sich zur Herrlichkeit des neuen Jerusalem. Ohne den ersten Teil des Weges kann man auch den zweiten nicht gehen. Barmherzigkeit macht keinen Sinn ohne das Gericht [dh ohne die Erkenntnis der Sünde]. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht." (P. Josef Herget). Barmherzigkeit ist die rettende Antwort Gottes auf unsere Sünden.

           

Papst Franziskus lädt uns ein, vor allem das Bußsakrament als Quelle der Barmherzigkeit zu entdecken. Er schreibt in der Bulle zum Heiligen Jahr: "Mit Überzeugung stellen wir das Sakrament der Versöhnung erneut ins Zentrum, denn darin können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen. Das Sakrament wird für jeden Bußfertigen eine Quelle wahren inneren Friedens sein." Aus der Bußgesinnung der Beichte können wir das Geschenk des Jubiläumsablasses empfangen, das der Nachfolger Petri durch die Binde und Lösegewalt der Kirche vermittelt. 

 

Maria, Mutter der Barmherzigkeit, führe uns zur ganz persönlichen gnadenhaften Erfahrung der Barmherzigen Güte des himmlischen Vaters und hilf uns, auch selber barmherzig zu sein. Die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zeigen uns Möglichkeiten dazu auf. Amen.           

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