175) Weihnachten, Fest der Taufe des Herrn: SICH TAUFEN LASSEN IN DER HEUTIGEN KIRCHE UND GESELLSCHAFT

Weihnachten – Fest der Taufe des Herrn - 10.1.2016

"ZUSAMMEN MIT DEM GANZEN VOLK LIESS AUCH JESUS SICH TAUFEN" (Lk 3,21)

SICH TAUFEN LASSEN IN DER HEUTIGEN KIRCHE UND GESELLSCHAFT

Predigt von Pf. Stephan Müller in der Pfarrkirche Imsterberg

"Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen." Das klingt so, als ob Christus die Bußtaufe des Johannes einfach so mitmachte, wie alle. Natürlich nicht. Christus hat die Bußtaufe des Johannes ganz bewusst empfangen. Sie war ein Zeichen seiner Demut. Sie war Offenbarung Christi als Sohn Gottes vor dem ganzen Volk, Offenbarung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Sie war auch Vorbereitung des Taufsakramentes, das Christus dann später eingesetzt hat.

Die hl. Taufe hat zwei Dimensionen. Von Gott her ist die Taufe ein unverdientes Geschenk, eine Gnade. Wir wissen um die dreifache Taufgnade: Die hl. Taufe tilgt die Erbsünde, vermittelt der Seele die Heiligmachende Gnade und gliedert in die Gemeinschaft der Kirche Christi ein. Diese Taufgnade kann und braucht man sich nicht selber erarbeiten. Die Taufgnade ist ein Geschenk Gottes, das ist sein Werk. Dieser Gadencharakter der Taufe kommt besonders bei der Kindertaufe zum Ausdruck. Kleinkinder werden deshalb getauft, weil Gott ihnen eben diese dreifache Taufgnade schenkt. Die andere Dimension betrifft unser menschliches Mitwirken. Mit der Taufe verbunden ist auch eine bewusste und freie Entscheidung des Menschen für Gott und für die Kirche. Deshalb sprechen wir vom Taufgelöbnis oder Taufversprechen. Die Dimension der Taufe als Entscheidung für Gott und die Kirche kommt deutlich bei der Erwachsenentaufe zum Ausdruck.

Für die Urkirche, seit der Zeit der Apostel, sind uns durch die Heilige Schrift beide Arten bezeugt, die Erwachsenentaufe und die Kindertaufe. Die Kindertaufe war in der ersten Zeit noch nicht so häufig. Es wurden zuerst vor allem Erwachsene getauft, weil natürlich nur Erwachsene auf die Predigt des Wortes Gottes mit einer Willensentscheidung zur Taufe antworten konnten.

Weil die Erwachsenentaufe eine freie Entscheidung erfordert, wurde in der Urkirche schon bald eine Zeit der Vorbereitung entwickelt, der Katechumenat. Die Katechumenen sind die Taufanwärter. Beim Katechumenat geschieht eine schrittweise Einführung in die Glaubens- und Sakramentenlehre, in das Leben mit Christus im Gebet und in der Sonntagsmesse, in die christlich-katholische Lebenspraxis. In mehreren Gottesdiensten werden den Katechumenen feierlich zB das Kreuzzeichen, das Vater unser, das Glaubensbekenntnis und die 10 Gebote Gottes übergeben. Diese Feiern werden Skrutinien genannt. Sie sind mit Exorzismen und Segnungen durch den Priester verbunden. Da die hl. Taufe das Eingangstor zu den Sakramenten ist, kann ein Katechumene noch keine Sakramente empfangen, nur das Hl. Messopfer mitfeiern.

Ein Katechumene beschreitet einen inneren Weg zum Glauben, zu Christus, zur christlichen Lebensführung. Je nach der persönlichen Situation kann dieser Weg länger oder kürzer sein. Meist mehrere Jahre. Erst wenn ein Katechumene die grundlegenden Elemente des katholischen Glaubens begriffen hat, bejahen will, erst wenn ein Katechumene sein Leben zumindest im Grundsätzlichen nach den Geboten Gottes geordnet hat, erst dann kann das Sakrament der Taufe empfangen werden. Wenn ein Erwachsener als Katechumene die Voraussetzungen nicht erfüllt, soll die Taufe aufgeschoben werden (CIC Can. 865).

Wie ist es mit dem sich taufen lassen in der Kirche und Gesellschaft bei uns?

In der westlichen Welt, wo der christliche und katholische Glaube sehr schwindet, werden Kinder, wo die Eltern zwar noch getauft sind, mehr und mehr nicht mehr getauft. In unserem Land werden die meisten Kinder noch getauft. Doch ist auch bei uns diese Entwicklung erkennbar, die zum Nichttaufen der Kinder führt. Auf der anderen Seite gibt es vermehrt auch Neubekehrungen und Konversionen mit Erwachsenentaufen.

Bleiben wir noch bei der Kindertaufe. Bei der Kindertaufe ist der Weg des Katechumenats in einer kurzen Feier zusammengezogen. Ein unmündiges Kind, das sich nicht vorbereiten und das nicht frei zustimmen konnte, empfängt die Taufgnade. Folge dessen erwartet die Kirche, dass die Vorbereitung nachgeholt wird. Dazu braucht das Kind vor allem die Hilfe der Eltern, der Pate sollte Hilfestellung geben, der Religionsunterrichts, die pfarrliche Katechese. Ein Kind muss in den Taufglauben hineingeführt werden, damit es dann später in Freiheit zustimmen kann, damit der Jugendliche und Erwachsene die Taufgnade in seinem Leben entfalten kann.

Erhalten unsere Kinder die Hilfen, die sie brauchen, um die Taufgnade zu entfalten? Müssen wir nicht zugeben, dass viele Eltern die Kinder zwar noch taufen lassen, aber für die Entfaltung der Taufgnade fast nichts mehr tun? Die meisten Eltern gehen keine bewusste Bindung an den katholischen Glauben und auch keine Bindung an die Kirche ein. In der Folge werden diese Kinder meist auch nicht mehr katholisch erzogen, nicht mehr zu einem Leben mit Christus und der Kirche geführt. Denken wir zB nur an die Sonntagsmesse. Eine Pfarre, der Religionsunterricht oder auch Großeltern können dieses Defizit meist nicht mehr ausgleichen. Ist hier die Taufe nicht nur noch ein Brauch ohne Inhalt, ohne Auswirkung für das Leben? Diese Kinder treten später vielleicht aus einer Kirche aus, die sie gar nicht kennen gelernt haben. In all diesen Situationen können wir mit dem Gebet helfen und Gnaden erbitten.

Hier appelliert die Kirche auch an die Verantwortung der Eltern. Weil ein Kleinkind sich nicht auf die Taufe vorbereiten und nicht frei zustimmen kann, erwartet die Kirche diese Vorbereitung und diese Zustimmung stellvertretend von den Eltern. Die Eltern versprechen bei der Taufe, ihre Kinder im Glauben zu erziehen, sie versprechen also das, was ein Erwachsener als Katechumene verspricht. Das Kirchenrecht kennt auch Voraussetzungen für die Kindertaufe: Mindestens ein Elternteil muss katholisch sein. Es muss die begründete Hoffnung bestehen, dass das Kind katholisch erzogen werden kann. Wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, soll die Taufe aufgeschoben werden (CIC Can. 868). Wie Eltern, die keine Bindung an die katholische Glaubenslehre, an die Kirche und an das Sonntagsgebot eingehen wollen, diese Glaubenserziehung schaffen sollen, kann man sich begründeterweise fragen. Der Blick auf die Erstkommunion und Firmung in unserem Land zeigen, dass in vielen Familien für die Entfaltung des Glaubens fast nichts mehr getan wird. Es gibt natürlich löbliche Ausnahmen. Vielen Eltern, die sich heute so verhalten, ist wahrscheinlich nicht bewusst dass sie den Weg dafür bereiten, dass morgen ihre Enkelkinder wahrscheinlich nicht mehr zur Taufe gebracht werden.

In Ländern der Diaspora - wo Katholiken Minderheiten sind - ist das anders. Kinder werden dort nur dann getauft, wenn die Eltern bereit sind, eine klare Entscheidung für Christus, für den Glauben und für die Kirche zu treffen.

Wir bräuchten in unseren Ländern dieselbe Vorgehensweise. Wenn Eltern, die zum Glauben und zur Kirche keine Beziehung haben, ihre Kinder taufen lassen wollen, sollte die Kirche von ihnen ein Katechumenat verlangen, am besten mehrere Jahre. Die Eltern müssen bereit sein, in das Leben mit Christus und der Kirche hineinzuwachsen. Das bedeutet zB eine monatliche Katechese/Glaubensvertiefung mit den Eltern, tägliches Gebet in der Familie, wöchentliche Mitfeier der Sonntagsmesse usw. Wenn Eltern dazu bereit sind, kann dann die Taufe den Kindern gespendet werden. Das ist nicht die private Meinung eines einzelnen Priesters, sondern die allgemeine Auffassung der Kirche. Auch das 2. Vatikanische Konzil hat von der großen Gnade und auch von den Pflichten der Getauften gesprochen (vgl. Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium, Punkt 14, Absatz 1). Zuerst muss die Kirche selbst die hl. Sakramente wieder ernst nehmen. Ob die Kirche in der westlichen Welt, die nach den Worten von Papst Franziskus unter Verweltlichung krankt, dazu fähig ist, ist eine andere Frage. Doch kann die Kirche auf Dauer nur dort überleben, wo die hl. Taufe als Entscheidung für Christus und die Kirche wirklich ernst genommen wird.

Wir als einzelne Gläubige oder einzelne Priester können die allgemeine Entwicklung in der Gesellschaft nicht aufhalten, auch den Verfall in der Kirche nicht. Doch wir sollten die Dinge thematisieren, um den einen oder anderen zu einer bewussten Entscheidung anzuregen. Letztlich können wir nur für uns persönlich das große Geschenk der hl. Taufe erfassen, danken, uns freuen und uns bemühen, immer wieder konkrete Schritte setzen, um die Taufgnade zu entfalten. Seien wir überzeugt, dass das nicht umsonst ist. Amen.

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