173) Sonntag,3.1.2016: PAPST FRANZISKUS ÜBER DIE SITUATION DER KIRCHE IN DEUTSCHLAND UND ÖSTERREICH

Über die Situation der Kirche in Deutschland und Österreich

Aus der Ansprache von Papst Franziskus an die deutschen Bischöfe

beim Ad-Limina Besuch in Rom am 20. November 2015

Predigt von Pf. Stephan Müller am 2. Sonntag nach Weihnachten, 3.1.2016

           

Papst Franziskus hat am 20. November 2015 den deutschen Bischöfen beim Ad-Limina Besuch eine Ansprache gehalten. Der Papst scheute sich nicht, einige aktuelle Fehlentwicklungen in der Kirche sehr deutlich beim Namen zu nennen. Seine Worte gelten auch für die Situation der Kirche in Österreich. Uns allen tut gut, diese Worte zu hören. Ein Vergleich: Wenn jemand krank ist, trachtet er zuerst danach, die Ursache der Krankheit zu erkennen. Erst dann kann die entsprechende Medizin zur Heilung eingesetzt werden. So ähnlich ist es auch mit Krankheiten im Leib der Kirche. Wir müssen sie kennen, um sie dann behandeln zu können.

           

"Es werden [in der Kirche] immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat [...]."

           

Anmerkung: In den vergangenen Jahrzehnten wurden immer neue Strukturen geschaffen: meist mehrere Hundert Angestellte in den Ordinariaten, viele Gremien, Sitzungen usw. Die Kirche wurde wie ein Wirtschaftsbetrieb ausgestaltet. Doch diese Strukturen sind nicht mehr mit genügend Gläubigen im Kirchenvolk abgedeckt.

           

Zum Verständnis des Pelagianismus: Pelagius, ein Priester, war ein Irrlehrer der frühen Kirche, er lebte um 400. Pelagius hatte die Erbsünde geleugnet und gelehrt, der Mensch sei aus sich aus so gut, dass er das ewige Heil erreichen könne, er brauche dazu keine Gnade, keine Taufe, kein Hl. Messopfer, keine Sakramente, keine Kirche. Papst Franziskus nennt die überstrukturierte Kirche "eine Art neuer Pelagianismus". Dh die moderne Kirche dieser Art in Deutschland und Österreich legt den Schwerpunkt auf die menschlichen Aktionen, auf die Einrichtungen, Strukturen, Gremien usw. In dieser modernen Strukturkirche ist kaum mehr oder nicht mehr die Rede von der Notwendigkeit der Gnade, vom Glauben, von den Sakramenten usw. Das sind seit Jahrzehnten schwere Versäumnisse, die dem Leib der Kirche Schaden zugefügt haben.

           

"Überall engagiert sich die Kirche professionell im sozial-karitativen Bereich und ist auch im Schulwesen überaus aktiv. Es ist darauf zu achten, dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt. So sind sie ein nicht zu unterschätzender positiver Faktor für den Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft."

           

Anmerkung: Papst Franziskus lobt hier das soziale Engagement der Kirche, sagt jedoch dazu: Wo katholisch drauf steht, muss auch katholisch drinnen sein! Wir haben in Westeuropa soziale kirchliche Einrichtungen, Universitäten, Schulen, Bildungshäuser usw., wo die katholische Lehre nicht mehr vollständig oder richtig vermittelt wird. Es gibt die paradoxen Situationen, wo von der Kirche angestellte und bezahlte Katholiken gegen die eigene Kirche arbeiten... Es gibt Bildungshäuser der Kirche, in denen esoterische Kurse angeboten werden usw. Das alles sind Missstände. Die kirchlichen Einrichtungen müssen das katholische Profil bewahren.

           

"Auf der anderen Seite ist aber gerade in traditionell katholischen Gebieten ein sehr starker Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs und des sakramentalen Lebens zu verzeichnen. Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig Sonntags zur Heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 %."

Anmerkung: Papst Franziskus macht uns hier auf eine traurige Tatsache aufmerksam, die in Österreich die gleiche ist wie in Deutschland: weniger als 10 % Kirchenbesuch. Es ist zu einfach, den einzelnen Priestern hier einen Vorwurf zu machen. Das ist eine Entwicklung in ganz Westeuropa, die wir auch in unseren Pfarren zu spüren bekommen.

           

"Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen. [...]"

           

Anmerkung: Hier spricht der Papst an, dass die Sakramente von sehr vielen Katholiken nicht mehr geschätzt werden. Der Rückgang des sakramentalen Lebens in Westeuropa ist so stark, dass der Papst von einer Erosion spricht, dh eine Abtragung, Schrumpfung.

           

"Es herrscht eine gewisse Weltlichkeit vor. Die Weltlichkeit verformt die Seelen, sie erstickt das Bewusstsein für die Wirklichkeit. Ein verweltlichter Mensch lebt in einer Welt, die er selbst geschaffen hat. Er umgibt sich gleichsam mit abgedunkelten Scheiben, um nicht nach außen zu sehen. Es ist schwer, solche Menschen zu erreichen [...]"

           

Anmerkung: Papst Franziskus legt hier den Finger auf einen wunden Punkt. Die westliche Kirche hat sich verweltlicht. Ein weltliches Denken und ein weltliches Handeln hat sich ausgebreitet. Wir erfahren das auch so: Das Weltliche wird Gott und der Kirche vorgezogen. Für alles Weltliche hat man Zeit, für Gott und die Kirche kaum mehr oder nicht mehr.

           

"Wenn wir ferner einen Blick auf die Pfarrgemeinden werfen, die Gemeinschaft, in der der Glaube am meisten erfahrbar und gelebt wird, so muss dem Bischof in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen. Hier seien nur zwei Punkte hervorgehoben: die Beichte und die Eucharistie. Das bevorstehende außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit [es hat am 8.12.2015 begonnen] bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken. Die Beichte ist der Ort, wo einem Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt wird. In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass im kommenden Heiligen Jahr und darüber hinaus dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet."

           

Anmerkung: Der Papst betont hier die Unersetzbarkeit der Beichte. Wer meint, dass er die Beichte nicht mehr braucht, befindet sich am Holzweg. Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit die Beichte wieder entdecken.

           

"Desgleichen ist es notwendig, die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen. Pastoralpläne, die den geweihten Priestern nicht die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des Leitens, Lehrens und Heiligens im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beimessen, sind der Erfahrung nach zum Scheitern verurteilt. Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, vor allem dort, wo geistliche Berufungen schmerzlich fehlen, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen."

           

Anmerkung: Ohne Priester gibt es kein Hl. Messopfer. Ohne Hl. Messe stirbt die Kirche. Der Priester kann nur durch den Priester ersetzt werden (Johannes Paul II.).

           

"Ein nicht hoch genug zu einschätzender Auftrag des Bischofs ist schließlich der Eintritt für das Leben. Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein, und darf keine Abstriche darin machen, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen ist. Wir können hier keine Kompromisse eingehen, ohne nicht selbst mitschuldig zu werden an der leider weit verbreiteten Kultur des Wegwerfens. Wie groß sind die Wunden, die unserer Gesellschaft durch die Aussonderung und das „Wegwerfen“ der Schwächsten und Wehrlosesten – des ungeborenen Lebens wie der Alten und Kranken – geschlagen werden! Wir alle sind Leidtragende davon."

           

Anmerkung: Die Kirche muss ein eindeutiges Zeugnis geben für den unantastbaren Wert des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Hier geht es um das Zeugnis der Kirche gegen Abtreibung und Euthanasie. Der heutigen Kultur des Wegwerfens ist sozusagen nichts mehr heilig. Die überlieferte Liturgie legt viel Wert auf die Ehrfurcht vor dem Heiligen. Auch zur Überwindung der Wegwerfkultur ist diese Liturgie eine Hilfe.

           

Papst Franziskus hat einige markante Fehlentwicklungen beim Namen genannt, dadurch zeigt er uns auch, worauf wir Wert legen sollen, er zeigt uns einen Weg auf, der den Verfall der Kirche überwindet:

           

- den Pelagianismus überwinden: die irrige Meinung aufgeben, wir bräuchten keine Gnade,

   keine Hl. Messe, keine Sakramente...

- darauf achten, dass wir unser katholisches Profil, dh unsere katholische Identität bewahren

   bzw. wieder finden; dazu brauchen wir den Katechismus der Katholischen Kirche und eine

   gute katholische Verkündigung

- die Weltlichkeit überwinden: im Denken und im konkreten Alltag Gott wieder Raum und

   Zeit geben, zB durch die Werktagsmesse, kein "Sonntagschristentum" pflegen

- die Wertschätzung der Sakramente aufbauen

- die Hl. Beichte wieder entdecken, regelmäßig beichten

- die priesterliche Berufung schätzen durch Beanspruchung der priesterlichen Dienste

- die Wegwerfkultur überwinden

           

Die Kirche in Deutschland und Österreich kann solche Papstworte belächeln und übergehen, und so weitermachen. Dann werden die angesprochenen Krisen sich weiter ausbreiten und auswirken. Wir können aber auch erkennen, wo der Wurm liegt, umkehren und leben.

           

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