168) Hochfest Maria Unbefleckte Empfängnis 2015: DIE JUNGFGRÄULICHKEIT DES GLAUBENS

Hochfest Maria Unbefleckte Empfängnis, 8. Dezember 2015

"Der Engel Gabriel wurde zu einer Jungfrau gesandt" (Lk 1,26-27)

DIE JUNGFRÄULICHKEIT DES GLAUBENS

Predigt von Pf. Stephan Müller

Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Das heutige Hochfest ist ein froher Dank an Gott für das, was er an Maria durch die Bewahrung vor der Erbschuld vollbracht hat. Das heutige Hochfest ist ein liebender Gruß der Kirche an die Gottesmutter. Wir alle, die gekommen sind, diesen schönen Feiertag zu heiligen, wollen uns von Herzen freuen, wollen mit der ganzen Kirche diesen Dank an Gott aus unseren Herzen aufsteigen lassen, wollen aus ganzem Herzen die Muttergottes grüßen, so wie es der Engel im Auftrag von Gott Vater getan hat: "Gegrüßt seist du, Maria, du Gnadenvolle, der Herr ist mit dir!"

Das Lukasevangelium bezeugt uns die Jungfräulichkeit der Gottesmutter: "Der Engel Gabriel wurde zu einer Jungfrau gesandt. Der Name der Jungfrau war Maria." Die Jungfräulichkeit der Muttergottes war zuerst eine Jungfräulichkeit des Herzens und des Geistes. Das bedeutet: Die Kräfte ihrer Seele - ihr Denken, ihr Wille, ihre Liebeskraft - waren ganz unverdorben, nicht von der Sünde verwundet, ganz auf Gott hin ausgerichtet. Diese Jungfräulichkeit des Herzens war verbunden mit der Jungfräulichkeit des Leibes. Die Jungfräulichkeit hat eine große Würde und Kraft.

Von Anfang an hat die Kirche in der jungfräulichen Gottesmutter ihr Urbild und ihr Vorbild gesehen. Das 2. Vatikanum sagt es so: Maria ist Urbild des Glaubens und der Kirche. Dh was Glauben bedeutet und was Kirche bedeutet, das ist an der Muttergottes vollkommen vorgebildet. Betrachten wir zum heutigen Marienhochfest einen besonderen Aspekt: Die Jungfräulichkeit des Glaubens bei Maria und in unserem Leben. Dies soll auch ein Beitrag zu dem von Papst Franziskus ausgerufenen Jahr der Barmherzigkeit sein, das heute beginnt. Die Tür zur Barmherzigkeit Gottes ist der Glaube, und die damit verbundene Umkehr und Reue.

a) Jungfräulichkeit des Glaubens bedeutet bei Maria: Maria war in ihrem Herzen ganz offen für das Wort Gottes. Der heilige Augustinus sagt: „Seliger ist Maria im Empfangen des Glaubens an Christus als in der Empfängnis des Fleisches Christi“ (in sancta virginitate, 3). Das will sagen: Maria war zwar selig, weil sie in ihrem Schoß Christus empfangen hat. Doch seliger war sie, weil sie in ihrem Herzen eine so große Offenheit für das Wort Gottes hatte. Kein Mensch war so sehr offen für das Wort Gottes und hat es im Leben umgesetzt wie Maria. Die Seligpreisung Christi: "Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen" (Lk 11,28) gilt zuerst für Maria.

Wie steht es in der Kirche mit der Offenheit für das Wort Gottes? Wie sieht es bei uns selber aus? Es gibt Menschen, die das Wort Gottes weder hören noch lesen. - - - Es gibt Menschen, die zwar hören, vielleicht sogar in der Kirche, und doch nicht hören, weil sie kein hörendes Herz haben. - - - Es gibt Menschen, auch in der Kirche, die nicht mehr hören wollen, obwohl sie vielleicht äußerlich noch in der Kirche sitzen. Wer das Wort Gottes, das Licht Gottes, das die Kirche verkündet, immer wieder zurückweist, hartnäckig zurückweist, der sündigt gegen das Licht, der verfällt der Verblendung (2 Kor 4,4), der Verhärtung des Herzens.Das ist etwas Folgenschweres, weil ein solcher Mensch sich immer mehr von Gott entfernt. Die Letzte Stufe ist hier die Sünde gegen den Heiligen Geist (Mt 12,32; Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 1864, 1859). Der hl. Pater Pio hat über solche Katholiken einmal folgendes gesagt:

"Ihre Herzen sind allem gegenüber gefühllos geworden. Das göttliche Erbarmen lässt sie nicht erweichen. Mit Wohltaten gewinnt man sie nicht, mit Strafen bezähmt man sie nicht, durch sanftes Benehmen werden sie noch frecher gemacht, durch Strenge bringt man sie zum Rasen, in den Widerwärtigkeiten verzweifeln sie. Sie sind taub, blind, gefühllos allem gegenüber, was sie erschüttern könnte. Die schwersten Verwarnungen, wie die größten Ermahnungen lassen ihre Finsternis sich nur noch verdoppeln und sie in ihrer Verhärtung erstarren. Kann es denn abscheulichere Verhärtung als diese geben? Möge der göttliche Meister ihre Herzen berühren und sie bekehren" (*).

Es ist eine prekäre Situation, wenn Katholiken, Geistliche oder Laien, sich gegen das Katholische auflehnen, es offen ablehnen, und doch meinen, dass sie noch katholisch seien.

Und es gibt natürlich auch Menschen, die wie Maria sind, die ganz offen sind für Gottes Wort. Auf diese Menschen trifft das Wort Gottes zu: "Die Demütigen leitet er nach seinem Recht" (Ps 25,9).

b) Jungfräulichkeit des Glaubens bedeutet bei Maria: Ihr Glaube war durch keinen Zweifel verwirrt. Der Glaube Mariens war nicht naiv oder passiv. Ihr Glaube hat die Vernunft einbezogen, das Mitdenken: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne" (LK 1,34)? In diesem Fragen hat sich Maria Gott nicht verschlossen. Sie hat nur mitgedacht, überlegt, aber nicht gezweifelt. In dieser Haltung hat sie ihr Fiat gesprochen: "Ich bin die Magd des Herrn." Bei der Muttergottes gibt es kein ichbezogenes, stolzes analysieren, hinterfragen, und den daraus entspringenden Zweifel am Glauben und an Gott. Ihr Glaube hatte immer den inneren Frieden einer Seele, die sich Gott ganz anvertraut und geschenkt und Gott alles zugetraut hat. Marias Glaube ist zwar auf die Probe gestellt worden: Denken wir an die Flucht nach Ägypten, denken wir an den zwölfjährigen Jesus im Tempel, ihr Glaube wurde durch das Kreuz Christi auf das schwerste geprüft. Doch Maria hat unversehrt geglaubt, keinem Zweifel Raum gegeben.

c) Jungfräulichkeit des Glaubens bedeutet bei Maria: Ihr Glaube war durch keinen Irrtum verfälscht. Als Tochter Israels hat Maria die Offenbarung des Alten Bundes in ihrem Verstand und in ihrem Herzen bewahrt. Die Offenbarung, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, war in Maria lebendig, das war die Richtschnur ihres Lebens als jüdische Frau. Christus hat die Offenbarung des Alten Bundes vollendet und den Aposteln anvertraut. Maria war dann natürlich die Erste, die den christlichen Glauben, die Offenbarung, die Christus gebracht hat, in ihrem Herzen bewahrt hat. Maria hat sich nie von der Lehre Christi entfernt. In der Sprache der Kirche drücken wir das so aus: Maria hat das Dogma des Glaubens - die göttliche Offenbarung - jungfräulich, dh unversehrt bewahrt und durch ihr Leben getragen.

Jungfräulichkeit des Glaubens bedeutet für die Kirche: Was die Kirche den Menschen zu geben hat, auch heute, ist der Schatz des Glaubens, das Dogma der Lehre. Das 2. Vatikanische Konzil hat darüber ein eigenes Dokument verfasst, die Konstitution über die Göttliche Offenbarung, Dei Verbum. Die Kirche hat den Auftrag, die Jungfräulichkeit des Glaubens zu bewahren, dh am Dogma des Glaubens festhalten, bis zur Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten. Das ist ihre Lebensgrundlage. Das Dogma des Glaubens ist nicht eine abstrakte Wahrheit, sondern das lebendige Geheimnis Gottes, das uns an Gott bindet und zu Gott führt.

In der Kirche geht alles vom Glauben aus, von Gott. Wo die Lehre des Glaubens und das Bekenntnis zu dieser Lehre nicht mehr beachtet wird, wird Gott nicht mehr ernst genommen. Dann ist auch alles egal. Dann kann jeder lehren und tun was er will. Dem ist nicht so. Es ist nicht gleichgültig, was wir über Gott, über Christus, über die Erlösung, über Sakramente, über die Kirche, über die Letzten Dinge usw. glauben. Aus dem rechten Glauben kommt das rechte Leben. Der Glaube formt unser Leben. Wer in der Kirche amtlich mit der Verkündigung des Glaubens betraut ist, dafür geweiht ist, hat eine große Verantwortung. Wer das Dogma der Kirche angreift, vergreift sich am Gott der Offenbarung. Wo eine Teilkirche die Glaubenslehre nicht mehr gebührend beachtet, entfernt sie sich von Gott, was bis zu ihrer völligen Auflösung führen kann.

Was die Kirche im Glauben bekennt, wird in den Sakramenten gefeiert. Vor allem das Heilige Messopfer ist gebetetes Dogma. Das bedeutet: Wenn wir die Hl. Messe und die Sakramente nicht mehr schätzen, verlieren wir den wahren Glauben.

Zur Zeit der Reformation hat der hl. Kirchenlehrer Robert Bellarmin damaligen Katholiken, die durch Lauheit, Unglaube oder moralische Verwirrung die Kirche verwundet hatten, folgende Warnung ans Herz gelegt. Seine Worte gelten auch für heute, besonders für die Situation in Westeuropa, wovon auch unser Land und unsere Gemeinden berührt sind:

"Bruder, willst du den Glauben an die Sakramente nicht verlieren? Dann ehre die Sakramente, gebrauche die Sakramente, tritt häufig und von ganzem Herzen zur Beichte und empfange die heiligen Geheimnisse! Willst du den Glauben an das Fasten (…) nicht verlieren? Dann liebe das Fasten (…)! Wie sollte man sich andernfalls wundern, wenn Gott es ansonsten zulassen würde, dass du im Glauben Schiffbruch erleiden würdest?

Ist es nicht vielmehr so, dass unsere Taten die Worte entleeren? Wir behaupten, die Eucharistie sei die Quelle der Gnade und alles Guten, aber dabei sind die Altäre vielerorts verstaubt und voll Spinnweben, Kelchwäsche und Kelche geradezu abstoßend schmutzig, und die Priester zelebrieren so rasch, unfromm und kalt, dass sie allen offensichtlich zurufen, sie glauben weder an Christus noch an die Gegenwart der Engel. (…)

Wenn das so ist, dann wundert euch nicht, wenn das Reich Gottes euch genommen und anderen gegeben wird, die in jüngster Zeit im Osten und im Westen und in der Neuen Welt zum Glauben gekommen sind!

Denn Gott geht so mit uns um und spricht: Ihr verachtet die Beichte? Dann nehme ich euch das Sakrament der Buße weg! Ihr verachtet die Eucharistie? Dann nehme ich sie euch weg! Ihr verachtet die Priester? Dann nehme ich euch die Priester weg! Denn ihr verhaltet euch so, als ob all das nichts wäre, und ich lasse es zu, dass dann Leute kommen, die auch ausdrücklich behaupten, dies sei nichts. (…) Ich will das geringe Licht, das ihr in euch habt, auch noch auslöschen und es dulden, dass die Finsternisse euch ergreifen.“ (**)

Jungfräulichkeit des Glaubens bedeutet auch für uns persönlich, am Dogma des Glaubens und am treuen und würdigen Empfang der Sakramente, vor allem am Sonntagsgebot, festzuhalten. Die Meinung, dass man ein Katholik sein kann, auch wenn man einzelne Lehren des Glaubens oder der Moral ablehnt, ist weit verbreitet. Doch das ist ein Irrtum. Hier macht der Mensch seinen eigenen Verstand oder sein Gewissen zur letzten Instanz, die darüber entscheidet, was man glaubt oder nicht. So entsteht ein selbstgemachter Glaube, der wertlos ist, wie Benedikt XVI. gesagt hat.

Es gibt immer Wahrheiten, die dem Zeitgeist entgegenstehen. ZB die Wahrheit von der Einzigartigkeit Jesu Christi gegenüber den Gründergestalten anderer Religionen. Christus ist nicht ein Weg unter vielen, sondern der einzig wahre Weg zum Heil. Andere stoßen sich zB, dass eine künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterschoßes mit der von Gott gewollten Ordnung der Liebe und der Weitergabe des Lebens nicht vereinbar ist. Viele stoßen sich heute an der Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe. Diese Lehre ist ein Gesetz Gottes, das kein Mensch, nicht einmal der Papst, auch keine Synode, aufheben kann.

Jungfräulichkeit des Glaubens bedeutet für uns: Die Botschaft des Evangeliums, wie sie von der Kirche verkündet wird, ohne Abstriche annehmen, dh den ganzen Glauben der Kirche, auch die Moral und Ethik. Wir dürfen und sollen schon fragen, doch nur so, wie Maria es getan hat. Ein Fragen, das sich Gott nicht verschließt, sondern dem Wirken Gottes und seiner Wahrheit Raum gibt. Ein solches Fragen und Suchen überwindet alle Vorbehalte, alle Zweifel, alle Auflehnung usw. Es kann Situationen geben, wo Katholiken vielleicht sagen: "Das verstehe ich nicht. Da verlangt die Kirche zu viel. Da bin ich anderer Meinung." Wenn wir auch in solchen Situationen offen bleiben für die Wahrheit, kommen wir Gott näher. Denn Gott ist ewige Wahrheit. Das schenkt den Frieden des Gewissens. Letztlich macht uns nur die Wahrheit frei. Nur in der Wahrheit Gottes liegt unser wahres Glück. Christus wirklich lieben schließt die Bereitschaft ein, seine ganze Lehre anzunehmen, so wie sie die Kirche verkündet.

Die Jungfräulichkeit des Glaubens im Leben Mariens:

 

ein Glaube, der ganz auf Gott hört,

ein Glaube, der von keinem Zweifel verwirrt, und

ein Glaube, der von keinem Irrtum verfälscht ist.

In bedrängter Zeit haben wir die Hilfe der Gottesmutter, um im Glauben nicht Schiffbruch zu erleiden. Maria möchte uns zu wahrhaft glaubenden Menschen formen, zu Katholiken, welche die Jungfräulichkeit des Glaubens bewahren oder wieder erlangen, wenn sie Schaden gelitten hat oder verloren gegangen ist. Tragen wir das Licht des Glaubens durch unser Lebenszeugnis zu den Menschen unserer Zeit. Aus dem wahren Glauben erwächst die Liebe und das rechte Leben, und schließlich das ewige Leben. Amen.

(*)  Jean Derobert, Pater Pio, durchsichtig auf Gott hin, S. 290f

(**) Zitat aus: Robertus Ballarminus, Concio I. De lumine fide, in: Opera Omnia (ed. Féfre),

       Paris 1873, Bd. IX, 515-519, bes. 518f.

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