165) Allerheiligen 2015 - Predigt bei der Gräbersegnung: HERR, GIB IHNEN DIE EWIGE RUHE

Allerheiligen 2015 - Homilie bei der Vesper vor der Gräbersegnung

„SIE SOLLEN AUSRUHEN VON IHREN MÜHEN" (Offb 14,13)

HERR, GIB IHNEN DIE EWIGE RUHE

Predigt von Pf. Stephan Müller

Wir haben ein Gebet, das wir heute bei der Gräbersegnung und während des Jahres bei den Seelenrosenkränzen beten: "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe - das ewige Licht leuchte Ihnen." Diese Formulierung stammt aus der Messliturgie. Der Introitus der Seelenmesse beginnt mit den Worten: "Requiem aeternam dona eis Domine, et lux perpetua luceat eis. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen." Wir sollen wissen, dass die liturgischen Gebete der Seelenmesse zu den ältesten Gebeten der Kirche gehören, vor allem die Orationen reichen in die ersten Jahrhunderte zurück. Denken wir heute über den ersten Teil dieses Gebetes nach. Warum bitten wir um die ewige Ruhe unserer Verstorbenen?

Gehen wir von unserem Leben aus. Das "Ruhe geben'" ist nicht etwas, was uns immer leicht fällt. Manchmal sagen wir jemanden: "Komm endlich einmal zur Ruhe!" Es gibt den Überaktivismus als Krankheit. Manchmal sind Kinder hyperaktiv und müssen behandelt werden. Unser Leben besteht aus vielen Tätigkeiten, je nach Beruf, Stand und Standespflichten. Wir sind gerne körperlich und geistig tätig, wenn wir gesund sind. Das kleine Gebet von der ewigen Ruhe erinnert uns daran, dass die Zeit der Tätigkeit und Geschäftigkeit einmal zu Ende geht. Das ewige Leben ist nicht mehr Arbeit und Geschäftigkeit. Das ewige Leben ist Ruhe. Gemeint ist sicher eine erfüllte Ruhe, die Ruhe der Schau des ewigen Lichtes - Gott; die Ruhe des Verkostens der ewigen Seligkeit; die vom Schenken und Verkosten der Ewigen Liebe erfüllte Ruhe.

Das Wort Gottes in der heutige Lesung hat uns zuerst eine Seligpreisung gegeben: "Selig sind die Toten, die im Herrn sterben". Im Herrn sterben meint, in der heiligmachenden Gnade sterben. Das Gegenteil ist das Sterben in der Todsünde. Dann wurde uns eine Verheißung gegeben. Die Menschen, die in Gott sterben, werden "ausruhen von ihren Werken." Im Himmel dürfen wir ausruhen von unseren Werken. Das muss wunderbar sein. Wir brauchen im Himmel nichts mehr leisten. Für manche ist der Gedanke an eine ewige Ruhe vielleicht ein Schrecken: Ewig Ruhe geben, unvorstellbar...

An dieser Stelle ist für uns ein Blick in die Heilsgeschichte wertvoll. Im ersten Buch der Heiligen Schrift, in der Genesis, wird die Mühsal und die daraus entspringende Unruhe als eine Folge der Ursünde der Stammeltern beschrieben. Über Eva werden die Worte gesprochen: "Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst" (Gen 3,16). Adam muss die Worte hören: "So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen" (Gen 3,17). Nach dem Brudermord muss Kain die Worte hören: "Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein" (Gen 4,12). Durch die Ursünde hat der Mensch auch den inneren Frieden, die innere Ruhe der Gottverbundenheit verloren, er ist rastlos und ruhelos geworden. Der große Gottsucher Augustinus sagt es aus eigener Erfahrung: "Ruhelos ist unser Herz, o Gott, bis es ruht in dir".

Im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Apokalypse, haben wir die Verheißung, dass Gott die Folgen der Ursünde von uns nimmt. Der Mensch, dh der Leib und die Seele, darf zur Ruhe kommen. Im Himmel darf die Seele ruhen in Gott, dh die Seele darf in Gott ihren Frieden und ihre Erfüllung finden. Der menschliche Körper darf im Himmel zur Ruhe kommen: Der verklärte Auferstehungsleib, den kein Tod, keine Krankheit usw. mehr berühren kann.

Nicht nur nebenbei gesagt: Die Hölle ist das Gegenteil der ewigen Ruhe, nämlich die ewige Unruhe der Seele. Christus beschreibt diesen Seelenzustand einmal so: "Wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt" (Mk 9,48). Das ist der Unruhezustand einer Seele, die Gott für immer verloren hat. Vergessen wir das nicht, dass es diese Wirklichkeit gibt und Christus uns oft davor warnt.

Das Wort von der Ruhe wird in der Heiligen Schrift noch öfter verwendet. Gott will sein Volk Israel in das "Land seiner Ruhe" führen (Ps 95,11). Das Volk Israel soll im Land der Ruhe wohnen, wo es frei ist von allem, was das Leben in Frieden und in Ruhe bedroht: Feinde, wilde Tiere, Krankheiten, Naturkatastrophen usw. Das Land der Ruhe wird zu einem Bild für den Himmel. Der Himmel ist der Ort, wo Gott uns Ruhe verschafft von allen Feinden des Lebens, von allem, was das Leben bedroht: Krankheit, Leid, Not, Tod, ewiger Tod, der Böse Feind usw. Von all dem verschafft Gott uns im Himmel Ruhe (Off 21,4). Auch in den acht Seligpreisungen - heutiges Feiertagsevangelium - hat der Herr diese alttestamentliche Verheißung aufgenommen: "Selig die sanftmütigen, sie werden das Land erben" (Mt 5,5).

Die ewige Ruhe. Merken wir, auf welch tiefe Glaubensinhalte uns dieses Gebet verweist. Machen wir noch eine kurze Anwendung für unser Leben und für die Verstorbenen.

Das Gebet von der ewigen Ruhe erinnert uns daran, dass das Leben nicht nur aus Arbeit und Leistung besteht. In der vor- und außerbiblischen Lebenswelt war die Arbeit eine Tätigkeit der Sklaven. Im Römischen Reich haben die Sklaven gearbeitet. Für Sklaven hat es keinen freien Tag gegeben. Die Bürger waren frei. Christus hat uns die Würde der Arbeit zurückgegeben. Die Mühsal, die durch die Ursünde auf der Arbeit liegt, wird durch Christus zum Segen. Mit Gott ist jede Arbeit wertvoll und gnadenbringend. Einen Tag gibt es, an dem die Arbeit nicht gesegnet ist, das ist der Sonntag. Am Sonntag ist die Ruhe gesegnet. Christus hat uns mit seiner Auferstehung den Sonntag geschenkt. Die Sonntagsruhe ist ein Einüben in die ewige Ruhe des Himmels. Das ist so zentral, dass Gott uns das Sonntagsgebot gegeben hat: "Du sollst den Tag des Herrn heiligen." Wir heiligen den Sonntag durch das Heilige Messopfer und die Arbeitsruhe. Die Heilige Messe und die Ruhe des Sonntages geben uns die Chance, die geistigen und höheren Werte zu pflegen, die in der ewigen Ruhe bleiben. Wo wir Katholiken das Sonntagsgebot nicht mehr leben, schaden wir uns selber. Wir werden wieder Sklaven der Arbeit und des Materialismus. Christus hat uns gesagt: "Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht" (Mt 11,29-30). Christus nennt sein Joch sanft und leicht. Nehmen wir auch das Joch des Sonntagsgebotes gerne auf uns, es ist ein schönes Joch. Es führt unsere Seele und unser Gewissen schon in diesem Leben zur Ruhe in Gott.

Für die Armen Seelen. Ich denke, wir verstehen nach diesem kurzen Blick in die Heilige Schrift besser, warum wir so beten: "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe" und warum wir dieses Gebet nicht abändern sollen. Mit dem Tod erlangen wir nicht automatisch die ewige Ruhe. Der Tod ist ja nur die schmerzliche Tür ins Jenseits. Wenn die Seele, die durch das persönliche Gericht hindurch gegangen ist, gerettet, doch noch mit Sünde und Folgen von Schuld behaftet ist, dann ist so eine Seele noch in der "Unruhe" - im Schmerz der Selbsterkenntnis, im Schmerz des Gewissens, dass noch nicht eins ist mit der Wahrheit Gottes. Für diese Seelen flehen wir: "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!" Diese Gnade erhalten die Seelen der Verstorbenen durch das Kostbare Blut Christi, das wir ihnen vor allem im Heiligen Messopfer und durch unser Gebet zuwenden. Beten wir es gerne, dieses kleine Gebet um die ewige Ruhe. Wir können es am Grab beten, im Allerseelenmonat nach dem Tischgebet anhängen:

Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. Amen.

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