146) Pfingsten 2015: DER HEILIGE GEIST UND DAS NEUE PFINGSTEN

Hochfest Pfingsten 2015 - Predigt von Pf. Stephan Müller

„ALLE WURDEN MIT DEM HEILIGEN GEIST ERFÜLLT“ (Apg 2,4 )

DER HEILIGE GEIST UND DAS „NEUE PFINGSTEN“

 

Die Liturgie leitet uns heute an, um den Heiligen Geist zu beten. Zum Ruf „Komm, Heiliger Geist“ nach der Lesung ist sogar das Gebet auf den Knien vorgesehen. Das drückt aus, dass wir demütig um den Heiligen Geist flehen. Wenn wir so beten - "Komm, Heiliger Geist" - was soll sich da eigentlich ereignen? Ein „Neues Pfingsten“? Soll sich der Himmel auftun und der Heilige Geist auf uns „herabkommen“? Sollen wir in Ekstase geraten, aus der Fassung kommen? Sollen wir aufhüpfen, klatschen, ohnmächtig am Boden liegen? So etwas Ähnliches habe ich tatsächlich einmal erlebt. Es war im Heiligen Land. Mit unserer Pilgergruppe kamen wir in den Abendmahlsaal. Es war gerade eine andere Gruppe dort. Diese Gruppe war emotional ganz aus der Fassung geraten. Der Prediger hat geschrien, Halleluja und verschiedene Sätze, es war auf Englisch, richtiggehend geschrien; die Leute haben mit Geschrei und übertriebener Gestik geantwortet. War das das „Neue Pfingsten“? Der menschliche und religiöse Gefühlshaushalt dieser Menschen war schwer angeschlagen. Das war nicht gesund und nicht normal. Das historische Pfingsten in Jerusalem war sicher nicht so.

Wie ist das mit dem „Neuen Pfingsten“ in der Kirche? In manchen Gebeten ist tatsächlich davon die Rede. Was soll sich da ereignen, bei diesem „Neuen Pfingsten“? Um es gleich zu sagen: Gar nichts! Denn es gibt kein „Neues Pfingsten“! So wie Christus nicht noch einmal geboren wird, so wird auch der Heilige Geist nicht noch einmal gesandt. Diese Ereignisse haben nur ein Mal stattgefunden und wiederholen sich nicht. Die Rede vom „neuen Pfingsten“ ist nicht mehr als eine Gefühlsdusche, eine dogmatische und religiöse Verwirrung.

 

Was ist Pfingsten? Pfingsten ist ein trinitarischer Vorgang, dh ein Geschehen, das aus dem Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit kommt. Das historische Pfingsten war am 50. Tag nach Ostern in Jerusalem. Die heutige Lesung beschreibt dieses Ereignis. Pfingsten war Offenbarung Gottes. Der Heilige Geist, die Dritte Göttliche Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, wurde geoffenbart und der Kirche mitgeteilt. Die junge Kirche war gebildet aus den Aposteln, aus den ersten glaubenden Männern und Frauen, in ihrer Mitte die Gottesmutter Maria. Wir nennen Pfingsten die Geburtsstunde der Kirche, weil der Heilige Geist sich objektiv der Kirche mitgeteilt hat. Der Heilige Geist hat das neue Gesetz der Liebe in den Herzen der ersten Christen eingeprägt.

 

Durch den Heiligen Geist haben die Apostel und alle, die mit ihnen vereint waren, einen neuen Blick bekommen, ein inneres Verstehen. Vor Pfingsten muss der Auferstandene die Apostel wegen ihres Unglaubens und ihrer Verstocktheit tadeln (Mk 16,14). Nach Pfingsten haben die Apostel begriffen und verstanden: Das Leben Christi, das Wirken Christi, seinen Erlösertod am Kreuz, seine Auferstehung, seine Kirche, seine Sakramente, seinen Verkündigungsauftrag usw. Die Apostelgeschichte und die Apostelbriefe geben Zeugnis davon, dass die Apostel nach Pfingsten besiegelt waren mit dem Heiligen Geist, dass sie begriffen und dann gehandelt haben.

Was bedeutet das für un

s heute? Der Heilige Geist gibt der Kirche aller Generationen sein Siegel, das rechte Verstehen. Je tiefer wir mit der Kirche leben, desto tiefer kann uns der Heilige Geist innerlich sehend machen. Der hl. Augustinus sagt es so: "Den heiligen Geist hat jemand in dem Maß, als er die Kirche liebt!" Wer nicht mit der Kirche lebt, begreift nicht, worum es bei Gott und der Kirche geht.

 

Pfingsten, der Heilige Geist, gibt uns den neuen Blick für das Geheimnis der Gottesmutter Maria und das Christusgeheimnis. Christus ist als ewiger Sohn Gottes in der Zeit aus der Jungfrau Maria gezeugt und geboren worden, die Inkarnation/die Menschwerdung Gottes, geschieht durch das Wirken des Heiligen Geistes.

 

Pfingsten, der Heilige Geist, gibt uns den neuen Blick für das Kreuz. Wir erkennen im Opfer Christi am Kreuz die Gnade der Erlösung. Das Kreuz Christi schließt objektiv den Himmel auf. Es liegt an uns Menschen, die Erlösung anzunehmen.

 

Pfingsten, der Heilige Geist, gibt uns den neuen Blick für das Allerheiligste Altarsakrament. Im Heiligen Messopfer wird das Opfer Christi täglich sakramental gegenwärtig, um die Kirche und die Welt in der Gnade und im Dasein zu erhalten - durch das Wirken des Heiligen Geistes.

 

Pfingsten, der Heilige Geist, gibt uns den neuen Blick für das Geheimnis Gottes selber, die Trinität/die Allerheiligste Dreifaltigkeit. Der Heilige Geist öffnet der Kirche den Blick für die ewige Zeugung des Sohnes Gottes aus dem Vater. "Gezeugt, nicht geschaffen", beten wir im Credo. Der Heilige Geist öffnet den Blick auf sein eigenes Hervorgehen aus dem Vater und dem Sohn. In der Sprache des Glaubens sagen wir: Gott Vater und Gott Sohn hauchen den Heiligen Geist aus.

 

Pfingsten, der Heilige Geist, erteilt auch den neuen Blick auf unser eigenes Leben. Das Pfingsten in unserem Leben ist die Heilige Taufe. In der Taufe geschieht unsere Zeugung als Kinder Gottes. Damit ist alles gegeben. In der Heiligen Taufe hat der Heilige Geist das neue Gesetz der Liebe in unsere Herzen geprägt. Wir erkennen den Heiligen Geist in allen Werken der Güte und der Liebe, die Menschen tun.

 

Pfingsten. Das neue Erkennen. Objektiv der Kirche gegeben. In der Heiligen Schrift und im Katechismus kann es jeder lesen. Das neue Gesetz der Liebe. Objektiv der Kirche eingeschrieben. Subjektiv, persönlich, müssen wir es in unser Leben hereinholen. Jeder von uns persönlich muss das neue Erkennen, das neue Denken des Glaubens, das neue Gesetz der Liebe in sein Leben holen, in seinem Leben entfalten und fruchtbar machen. Um das geht es.

Das jährliche Pfingstfest im Kirchenjahr und das Flehen um den Heiligen Geist hat nur den einen Sinn: Wir bitten um die Gnade, als Kinder Gottes leben zu können. Wir bitten um die Hilfe des Heiligen Geistes, damit wir das, was uns in der Heiligen Taufe geschenkt ist, zu entfalten vermögen.

Seit dem historischen Pfingstgeschehen in Jerusalem gibt es Pfingsten nur mehr in diesem einen Sinn: dass wir katholisch leben. Das hat nichts zu tun - um es nochmals zu sagen - mit Gefühl. Pfingsten bedeutet etwas ganz Nüchternes und Konkretes: leben im Gnadenstand, leben mit dem Wort Gottes, mit der Sonntagsmesse und den Sakramenten, katholisch leben im Alltag nach den Geboten Gottes und den fünf Geboten der Kirche.

In diesem Sinn flehen wir heute: „Komm, Heiliger Geist. Erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!“ Amen.

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