134) Aschermittwoch 2015: FASTENZEIT ALS EXERZITIEN

Homilie: „JETZT IST SIE DA, DIE ZEIT DER GNADE" (2 Kor 6,2) - FASTENZEIT ALS GEISTLICHE EXERZITIEN

Die Fastenzeit ist eine bevorzugte Zeit für geistliche Exerzitien. Der Papst mit der Kurie hält jedes Jahr in der Fastenzeit eine Woche Exerzitien. Die klassischen Exerzitien bestehen aus priesterlichen Vorträgen, Gebet, Anbetung, Beichte, und dies alles unter Schweigen. Solche Exerzitien kann man natürlich zu jeder Zeit machen. Vor ein paar Tagen erhielt ich mit der Post einen kleinen Gruß. Eine Frau hatte sich für etwas bei mir bedankt. Die betreffende Mutter hat eine große Familie. Sie ist Bäuerin. Sie schrieb mir diesen Gruß von ihren Exerzitien, die sie jährlich hält. Gute katholische Exerzitien sind etwas sehr wertvolles, um die Grundlagen des Glaubens und des christlichen Lebens zu festigen.

Die Fastenzeit ist für die gesamte katholische Kirche so etwas wie eine Exerzitienzeit. Alle in der Kirche sind dazu aufgerufen. Exerzitien bedeuten geistliche Übungen. Es geht um Neuorientierung. Es geht um Vertiefung. Es geht um das Überprüfen und Vertiefen unserer christlichen Lebensführung. Die katholischen Begriffe dafür sind: Fasten, Buße, Umkehr, Versöhnung. Es geht darum, dass wir uns die Inhalte dieser Begriffe bewusst machen. Sie sind immer aktuell. Wegen der Konkupiszenz sind wir Menschen in allen Bereichen anfällig nachzulassen, oberflächlich zu werden, in einen "Schlendrian" zu geraten. Exerzitien sind dazu da, wieder in das bewusste Leben zu kommen, bewusste Entscheidungen für den Glauben zu treffen usw.

Die Fastenzeit als Zeit geistlicher Exerzitien. Der heilige Paulus gibt uns ein wertvolles Wort mit auf den Weg: "Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade." Welche Form von "Exerzitien" können wir in der Fastenzeit halten, damit diese heiligen vierzig Tage zu einer Zeit der Gnade werden? Gehen wir heute von den liturgischen Symbolen aus.

Da ist zuerst das Kreuz. Das Kreuz erinnert uns daran, was der Herr für uns getan hat. Das Kreuz stellt uns vor die Frage, was wir für ihn tun. EGO PRO TE. TU PRO ME? Der hl. Pater Pio hat in der Klosterkirche von S. Giovanni Rotondo stundenlang in Stille vor dem Kreuz gebetet, im Blick auf den Tabernakel. Vor diesem Kreuz hat er dann auch die Stigmata erhalten. Ehren wir das Kreuz. Machen wir ehrfürchtig das Kreuzzeichen. Beugen wir das Knie vor dem Kreuz. Dem Kreuz nahe sind wir, wenn wir beten. Nehmen wir in der Fastenzeit unser tägliches Gebet wieder ernst (Morgengebet, Abendgebet, Tischgebet). Dem Kreuz am nächsten sind wir beim Heiligen Messopfer. Bei der Hl. Wandlung geschieht die unblutige Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers. Deshalb sind wir eingeladen, in der Fastenzeit häufiger als sonst das Heilige Messopfer mitzufeiern, auch an Werktagen.

Der Kreuzweg. Nach der Tradition ist die Muttergottes in Jerusalem als erstes den Leidensweg Christi nachgegangen, hat sich betend und liebend an markante Situationen des Leidensweges Christi erinnert. So entwickelte sich die Kreuzwegandacht. Wir haben in unserer Kirche die wunderschönen renovierten Kreuzwegbilder. Die Kreuzwegstationen zeigen uns nicht nur das körperliche Leiden Christi, das menschlich sehr tragisch war. Der Kreuzweg zeigt uns auch die verschiedenen Dimensionen des seelischen Leidens Christi. Wir leben in einer Zeit mit so vielen nicht nur körperlichen, sondern auch seelischen Leiden. Der Blick auf den kreuztragenden Christus wirft ein Licht auf unser Leben. Der Kreuzweg ist eine Schule des Lebens. Er hilft uns leben. Der Kreuzweg ist eine Schule der Liebe. Er hilft uns lieben. Wenn wir auf den Sohn Gottes blicken, der sein Kreuz schleppt und seelisch dermaßen leidet, kommt unweigerlich die Frage auf: "Herr, wie ist es denn in meinem Leben? Wie denke ich? Wie handle ich?" Der Kreuzweg ist immer auch eine Gewissenserforschung. Der Kreuzweg führt uns zur Kreuzes- und Christusnachfolge. Nehmen wir uns Zeit zum Beten und Betrachten des Kreuzweges, gemeinsam, oder auch daheim.

Nach alter Tradition werden in der Fastenzeit die Bilder des Leidens Christi aufgestellt. In unserer Kirche: die Dornenkrönung, die Geißelung, der verspottete Heiland, der Blutschwitzer, das Christusbild von Manoppello. Jemand hat mir einmal gesagt: "Ich kann diese Bilder nicht sehen, das erdrückt mich!" Wirklich? Vor diesen Bildern muss man ein wenig in Stille verweilen. Leiden vertieft die Liebe. Die Bilder des Leidens Christi vertiefen unsere Gottes- und Nächstenliebe. Am Leiden Christi lernen wir auch das menschliche Leiden. Wir wollen nicht leiden. Gott will auch nicht, dass wir leiden. Aber das Leiden ist nun mal als Folge der Ursünde in die Welt gekommen. Und so müssen wir lernen zu leiden. Wir können uns dem Leiden verschließen, es ablehnen. Dann bleibt es fruchtlos, umsonst. Wir können aber auch, durch die Gnade Gottes, durch Leiden in der Liebe wachsen, durch Leiden reifen. "Durch seine Wunden sind wir geheilt" (1 Petr 2,24).

Dann ist noch das Symbol der liturgischen Farbe violett zu nennen, die kirchliche Farbe der Buße. Buße ist in der modernen Kirche für viele ein Fremdwort geworden. Nicht für alle. Letztes Jahr läutete es an der Haustür, zwei junge Männer waren mit dem Fahrrad unterwegs. Sie haben zuerst Sakramente beansprucht. Es war kalt und hat geregnet. Sie sind trotzdem weitergefahren. Sie sagten: "Wir wollen diese Strapazen auf uns nehmen zur Buße für unsere Sünden." Buße bedeutet Änderung und Besserung des Lebens. Christus schenkt Heilung von Todsünden, von schweren Sünden. Es ist etwas Schönes, ein neues Leben zu beginnen. Christus schenkt auch Bekehrung im Sinn des neuen Eifers im Glauben und in der Liebe. Die große Gnade der Buße ist das Sakrament der Buße, die heilige Beichte. Eine gute Vorbereitung und Ablegung der Osterbeichte gehört zum Wesen von Exerzitien, auch auf Ostern hin. Die Beichte hat zuerst mit Demut zu tun. Demut ist eine Form von Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit zu sich selber.

Ein letztes Zeichen, auf das wir blicken: die Schmerzensmutter, die Mater Dolorosa. Sie ist unsere Kirchenpatronin. Blicken wir gerne auf die
alte gotische Pieta am Hochaltar. Wenn wir beten "Maria mit dem Kinde lieb", denken wir in der Fastenzeit an die Schmerzensmutter. Die Schmerzensmutter lehrt uns das Empfinden und Mitfühlen mit dem Leiden Christi, und das Empfinden und Mitfühlen mit dem Leiden unserer Mitmenschen.

Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade. Maria, Mutter der Schmerzen, sei uns nahe und hilf uns zu guten pfarrlichen Exerzitien in dieser heiligen Fastenzeit. Amen.

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