130) 2. Sonntag im Jahreskreis B) 2015: "HÜTET EUCH VOR DER UNZUCHT" (1 Kor 6,18)

2. Sonntag im Jahreskreis B) 2015

Homilie: „HÜTET EUCH VOR DER UNZUCHT!“(1 Kor 6,18) UNZEITGEMÄSSE GEDANKEN ÜBER EIN ZEITGEMÄSSES THEMA

Der heilige Paulus spricht in der heutigen Lesung die christliche Morallehre an. Er wird sehr deutlich: „Hütet euch vor der Unzucht!“ Dieser Aufruf des Paulus ist kein Moralismus und steht auch nicht isoliert da. Er steht in Verbindung mit der Lehre, dass der Leib Tempel des Heiligen Geistes ist und der Christ durch das Blut Christi erlöst ist (1 Kor 6,19-20). Nur von diesem Erlöserwirken Gottes her an unserer Seele und an unserem Leib ist die christliche Morallehre zu verstehen und einzuordnen. So wie Paulus sich nicht gescheut hat, im Brief an die Korinther ein heißes Eisen anzusprechen, wollen auch wir nicht scheuen, uns diesem Thema, das uns das heutige Wort Gottes vorlegt, zu stellen. Dazu hilft uns ein Bischofswort von Dr. Stefan Oster. Er ist Bischof von Passau. Christliche Moral ist nur möglich durch den Glauben an Gott, durch das Erfahren der Güte Gottes, der uns durch das Kreuz Christi erlöst hat. Bischof Oster hilft uns mit seinen Worten, die christliche Morallehre in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Leiblichkeit und Sexualität ist ein Thema, das die Menschen direkt betrifft. Das war zu allen Zeiten so. Bischof Oster kommt auf den Kern zu sprechen und sagt: „Man muss es ehrlich sagen, auch im Blick auf andere Themen, die immer wieder neu diskutiert werden: Ein Kernproblem, eine Kernfrage, um die es sich dann ausgesprochen oder unausgesprochen immer wieder dreht, hängt tatsächlich genau damit zusammen: Was sagen der Glaube, die Schrift, die Tradition, die Kirche über menschliche Sexualität? Und vor allem, was sagen sie über recht vollzogene sexuelle Praxis, die dann dem entspricht und gerecht wird, was Christen für den Willen Gottes und seine Offenbarung halten? Die Tatsache, dass die Kirche hier in ihren Antworten immer ziemlich klar war, ist deshalb beständiger Stein des Anstoßes, beständiger Stachel im Fleisch. Die öffentlichen Einwände dagegen gehen konsequent immer in die Richtung nach einer Forderung von veränderter Lehre über genau diese Frage: Welcher Sex ist recht? Die Argumente: <Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen haben sich geändert, die Gesellschaft hat sich geändert, die Beziehungsformen haben sich geändert, die Einsichten über die Sexualität des Menschen haben sich geändert, also muss sich endlich auch die Lehre der Kirche ändern>.“

Ist das wirklich so, dass sich in dieser Frage alles so verändert hat, sodass auch die Kirche endlich auch mit ihrer Morallehre nachziehen soll? Bischof Oster zeigt auf, dass Gegenteiliges der Fall ist. Die christliche Sexuallehre war bereits „von Anfang an eine heftig angefragte Lehre und nicht erst heute. Auch in der Zeit der Entstehung des christlichen Glaubens stehen dessen Lehren über menschliche Sexualität quer zu vielem von jedem, was in der damaligen Gesellschaft, vor allem in einer griechisch-römisch geprägten Kultur, aber auch in einem jüdischen Kontext (hier etwa die Möglichkeit einer Mehrehe) gängig oder möglich war.“

Kurz: die christliche Sexuallehre wurde immer als Herausforderung empfunden und auch angefeindet. Trotzdem hat die Kirche diese Lehre bis heute treu verkündet. Was heute neu ist, ist der Druck, der auf die Kirche ausgeübt wird, sie solle sich doch endlich anpassen. Bischof Oster: „Der Kirche wird heute häufig vorgeworfen, sie sei manchmal allzu fixiert auf das Sexthema. Dabei scheint es mir auch hier eher umgekehrt. Wann etwa hat der durchschnittliche Kirchgänger zuletzt eine Predigt gehört, in welcher der Pfarrer so mutig war, die Sexualmoral der Kirche tatsächlich und wahrhaftig und ohne Abstriche zu erläutern oder sich dazu zu bekennen? Es passiert vermutlich eher in seltenen Ausnahmen. Ist es also nicht eher anders herum? Ist nicht die Gesellschaft eher so fixiert auf sexuelle Liberalisierung, dass ihr gerade die Kirche mit ihrer vermeintlich sturen Beharrung so sehr ein Dorn im Auge ist, dass sie das immer und immer wieder, vor allem medial, zum Thema machen muss?

Hinter der ständigen Auseinandersetzung mit diesem Thema steht letztlich das Suchen des Menschen, auch im Bereich der Sexualität, das Wahre und Richtige zu finden. Bischof Oster geht auf diese Frage ein und sagt: „Aber wie befragen wir die Möglichkeit von vermeintlichen <Fortschritten> auf diesem Gebiet? Wie befragen wir, welche Formen gelebter Sexualität gut und recht sind in Gottes Augen? Wir blicken auf das Evangelium und erkennen: Es gibt im Grund keine einzige Form vollzogener Sexualität außerhalb der Ehe, die von der Heiligen Schrift nicht entweder Unzucht oder Ehebruch genannt würde. Und wir lesen vor allem, dass da ein geheimnisvoller Zusammenhang hergestellt wird zwischen dem, wie Gott den Menschen sieht und will einerseits, und sittlicher und sexueller Reinheit andererseits.“

Bischof Oster geht dann ausführlich auf diesen Zusammenhang ein: Wir Menschen müssen wissen um Gott und wie Gott uns Menschen sieht. Nur dann können wir die christliche Morallehre begreifen und einordnen.

Bischof Oster: Gott will den Menschen seinem Sohn ähnlich machen. Er will ihm die Gnade und Kraft schenken, ein heiliges Leben zu leben. Dabei ist Heiligkeit freilich nicht zu verstehen als eine Art religiöser Leistungssport. (…) Heiligkeit ist zunächst das Erfüllt sein des Menschen mit Gottes Gegenwart, das Geschenk seiner überfließenden Gnade, die aus ihm, aus Gott selbst, kommt. Meines Erachtens rühren wir genau hier am entscheidenden Problem: Es ist das Ernstnehmen der Gegenwart Gottes. Und zwar in seiner Heiligkeit, Majestät, abgründigen Unterschiedenheit von jedem Geschöpf.“

Nach dem Blick auf das Geheimnis Gottes verweist Bischof Oster dann auf das Wirken Gottes in unserer Welt. Die Propheten des Alten Bundes haben das neue Herz angekündigt (Ez 36,26). In der Taufe und den Sakramenten der Kirche geschieht Erlösungswirken Gottes. Bischof Oster sieht gerade hier einen weiteren wunden Punkt: „Der Glaube daran, dass Gott in Christus wirklich da ist, dass er uns real und schon in diesem Leben berühren, heilen und verwandeln kann in ein neues, besseres, gottbezogenes und gottwohlgefälliges Leben, dieser Glaube scheint in unseren Breiten in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu verdunsten. Wie viele glauben wirklich noch, dass Christus das Leben eines Einzelnen tatsächlich im Hier und Jetzt spürbar erneuern kann?“ Wenn dieser Glaube bei den Katholiken wirklich da wäre, wären die Kirchen auch bei den Werktagsmessen überfüllt, dann wären die Beichtstühle belagert.

Bischof Oster: Wer hätte denn noch wirklich Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes in einem Gotteshaus? Wer fällt hier wirklich angesichts seiner Gegenwart noch voller ernsthafter Demut auf die Knie, weil er weiß, wer Gott ist und wer er selbst im Verhältnis zu diesem Gott ist? (…) In dem Augenblick aber, wo alle diese Erfahrungen eben keine mehr sind, nicht mehr nachzuvollziehen sind, nicht mehr im Kirchenvolk erlebt, erzählt, tradiert werden, in dem Augenblick kann es im Grunde auch gar nicht mehr sein, dass wir einen Anspruch von Gott selbst an uns wahrnehmen. Einen Anspruch von dem, der uns heiligen will. Der Anspruch wird verdünnt und reduziert auf ein nur mehr gedachtes Gesetz, und von hier ist der nächste Schritt nur mehr ein ganz kleiner, der dann sagt: <Das gedachte Gesetz hat sich die Kirche ausgedacht, um uns zu knechten. Und jetzt, wo die Zeiten sich ändern, muss sie das Gesetz auch ändern!> Der Anspruch, in der Kirche durch Gottes Gegenwart geheiligt zu werden, ist fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Gutes Leben ist jetzt, was alle für gut finden; die Gesellschaft als Messlatte für einen hoffentlich nicht allzu anspruchsvollen Humanismus. Und nur die Kirche ist dann schlecht und von gestern, weil sie uns unser gutes, heutiges Leben nicht gönnt!“

Gottes heilendes Wirken erfahren. Gottes Wirken ist Liebe. Gott will uns zum Lieben führen. Bischof Oster: „Die Heiligung, in der Gott uns sich ähnlich machen will, ist vor allem eine Heiligung in und durch Liebe (…), Deshalb ist die menschliche Sexualität in diese Bewegung der Heilung und Heiligung mit hineingenommen und bleibt gerade nicht davon unberührt. Und von diesem Anspruch her gibt es von Gott bejahte und konkret vollzogene sexuelle Aktivität in ihrer ganzheitlichen Zielrichtung auch nur ganz oder gar nicht. Das heißt nur und ausschließlich in einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, mit der Offenheit auf Lebensweitergabe, mit Verbindlichkeit und Treue und der Sorge um das gegenseitige Wohl der Ehepartner – bis zum Lebensende wenigstens eines der Partner.“

 

"In jeder Heiligen Messe feiern wir Wandlung. Christus wandelt sich der Welt ein - in den Gestalten von Brot und Wein. Aber er tut es, um uns zu wandeln und zu neuen Menschen zu machen. Lassen wir es zu, halten wir das überhaupt für möglich?"

Bischof Oster spricht aus, dass das Kernproblem unserer Zeit die Gottvergessenheit ist. „Dort, wo es Gott nicht mehr gibt, dort ist (nach einem herausfordernden Wort Dostojewskis) im Grunde alles erlaubt, aber in sittlichen Fragen insbesondere das, was mehrheitlich Zustimmung findet. Zustimmende Mehrheit ist freilich noch kein hinreichendes Kriterium für Wahrheit.“ Dass unsere Gesellschaft mit diesem „alles für erlaubt halten“ nicht nur am Glück vorbeivegetiert, sondern sich unsagbares menschliches Leid bereitet, erleben wir zur Genüge.

Als einzigen Ausweg sieht Bischof Oster nur den Glauben, die Hinwendung zu Gott: „Christus verwandelt und heilt unsere Sexualität hinein in ein Leben vor ihm und mit ihm selbst. (…) Ehrlicher, tiefer Glaube, kann also beispielsweise dem Single helfen, ein froher Single zu bleiben, und er kann dem Menschen mit homosexueller Neigung helfen, auch ohne die volle sexuelle Erfahrung erfüllt zu leben beziehungsweise sich von Gott in ein Leben hineinführen zu lassen, das seinem Willen entspricht. Und er kann auch einem von seinem Partner getrennt lebenden Verheirateten die Kraft geben, diese Situation mit ihm zu tragen.“

"Wie gesagt, all das setzt voraus, dass ich überhaupt an die Gegenwart Christi in meinem Leben glaube und vertraue, dass er mein Leben schon jetzt verwandeln kann und will und wird. Unser christliches Nachdenken über Sexualität hat nur unter dieser Voraussetzung überhaupt Sinn! Anders werden Christen in dem, was sie über Sexualität sagen, gar nicht (mehr) verstanden werden können. Schon gar nicht in stark säkularisierten Zeiten."

„Freilich ist es auch ein Weg, auf dem keiner von Anfang an fertig ist. Jeder ernsthaft geistlich Suchende, zumal die Erfahrenen wissen, dass der Weg mit Gott und auf ihn hin ein Ringen bleibt, ein Reifen, ein Suchen, auch ein Kampf. Und auch auf diesem Weg wird und kann es Versagen und Scheitern geben. Gott will ja auf unser Ringen und tiefstes Sehnen nach ihm und auf unser Herz viel eher schauen als auf die Schuld. Und er vergibt immer neu jedes Versagen, das aufrichtig vor ihn gebracht wird.“

„Das sind meines Erachtens [so Bischof Oster] einige geistige Hintergründe und Zusammenhänge dafür, dass die Wellen des gesellschaftlichen Diskurses über die Sexuallehre der Kirche bei abnehmendem Glauben mit zunehmender Frequenz auf uns zurollen werden. Der kirchliche Stachel im buchstäblichen Fleisch liberalisierter Sexualität will endlich beseitigt werden. Und als Christen werden wir solchen Wellen aus meiner Sicht mit Sicherheit nicht dadurch fruchtbar begegnen können, dass wir der Vielzahl der Bedürfnisse in einer glaubenslos werdenden Welt entgegenkommen und ein paar Lockerungen zulassen. Denn es ist vorhersehbar: Man wird dann nicht mehr ruhen, bis endlich alles gleichgültig ist.“

„Der stimmigere und notwendigere Weg (…) heißt biblisch Bekehrung, also die erneute Hinwendung zum Gott des Lebens, um ihn tiefer im Glauben zu finden und überzeugender zu bekennen, dass Gott in Christus real gegenwärtig ist und bleibt; dass er uns wahrhaftig liebt und unser eigenes Leben tatsächlich verwandeln will und kann.“

„Und um gleich auf die Frage zu antworten, ob das alles nicht ein wenig weltfremd sei? Ja, natürlich, weil es von der Erfahrung ausgeht, dass Gott selbst dieser Welt und womöglich auch vielen Menschen in seiner Kirche ziemlich fremd geworden ist. Nicht von sich, von Gott selbst her, denn er will ja nach dem Zeugnis der Schrift uns nahe sein. Aber von uns Menschen her bedeutet Säkularisierung auch, dass der innere Abstand der Menschen von Gott heute offenbar wieder größer geworden ist.“

 

Bischof Dr. Stefan Oster von Passau: Das Kernproblem: Gottvergessenheit.

Zitate aus der offiziellen Webseite des Bistums Passau 

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