108) 23. und 24. Sonntag im JK A) 2014: DAS KIRCHLICHE WÄCHTERAMT

23. und 24. Sonntag im Jahreskreis A)

"MENSCHENSOHN, ICH GEBE DICH DEM HAUS ISRAEL ALS WÄCHTER" (Ez 33,7)

DAS KIRCHLICHE WÄCHTERAMT

Predigt von Pfarrer Stephan Müller

 

"Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter" (Ez 33,7). Das Wort Gottes an diesem Sonntag handelt vom Wächteramt im Volk Gottes.

 

Ein menschliches Wächteramt gibt es seit ältester Zeit. In der Antike hatten die Städte Wächter und Wachtürme. Bei den vielen Stadtstaaten im alten Orient war es üblich, dass die Könige im Frühjahr gegen andere Städte in den Krieg gezogen sind. Die Wächter mussten die Stadt vor herannahenden Feinden warnen. Im Mittelalter hatten die Städte Wachtürme, oft waren es die Kirchtürme. Im mittelalterlichen Hall befand sich auf der Höhe des Kirchturms der Pfarrkirche St. Nikolaus die Wächterstube für zwei angestellte Wächter. Sie waren zur Warnung vor Feuer bestellt. Beim großen Erdbeben in Tirol im Jahr 1670 stürzte ein Teil des Turmes der Stadtpfarrkirche in sich zusammen. Der in der Turmstube schlafende Wächter überlebte den Absturz, der andere kam ums Leben. In der heutigen Zeit haben wir Sirenen und elektronische Warnsysteme.

 

Ein geistiges Wächteramt gibt es im Gottesvolk des Alten und auch des Neuen Bundes.

 

Im Alten Bund waren die Priester und Propheten mit dem Wächteramt betraut. Der Prophet Ezechiel schildert in der heutigen Lesung, wie ihm von Jahwe dieses Wächteramt übertragen wird. Die Propheten und Priester sollten im Volk Gottes die Ausrichtung auf Gott, das Gespür und die Hörfähigkeit für das Wort Gottes und die Treue zu Gott lebendig halten. Wenn die Israeliten sich durch Sünde von Gott abwandten, fremde Götter verehrten, sich nicht mehr an die Gebote Gottes hielten, sollten die Priester warnen und zur Umkehr rufen.

 

Beim Propheten Hosea finden wir eine Stelle, wo der Prophet die Priester zur Rechenschaft zieht, weil sie ihr Wächteramt vernachlässigten: "Hört das Wort des Herrn, ihr Söhne Israels! Denn der Herr erhebt Klage gegen die Bewohner des Landes: Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord [heute die Abtreibung], Diebstahl und Ehebruch machen sich breit... Doch nicht irgendeiner wird verklagt, nicht irgendwer wird gerügt, sondern dich, Priester, klage ich an... Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. Weil du [Priester] die Erkenntnis verworfen hast, darum verwerfe auch ich dich als meinen Priester" (Hos 1,1-2.4.6).

 

Im Neuen Bund ist das Wächteramt vor allem mit dem Apostolischen Amt verbunden, mit der kirchlichen Hierarchie. Das Wort Bischof, das im Neuen Testament verwendet wird, kommt vom Griechischen episkopos, dh Aufseher, Schützer, Wächter. Das ist das Hirtenamt, das Christus eingesetzt hat. Die Bischöfe und Priester haben mit der Weihe das dreifache Amt Christi erhalten: das Lehr-, Hirten- und Priesteramt. Das Hirtenamt ist ein Wächteramt für das Volk Gottes. In der Natur musste der Hirte in Israel nicht nur seine Herde überblicken, er musste auch ins Gelände schauen, um eventuell herannahende wilde Tiere und Räuber zu erspähen. Wenn sich solche nahten, musste er den Hirtenstock in die Hand nehmen und sie vertreiben.

 

Das Symbol für das Hirtenamt ist der Hirtenstab. Die Bischöfe und Priester der Kirche müssen wie der Gute Hirte sein. Die Wölfe sind all jene Menschen, gesellschaftliche Entwicklungen oder Irrlehren, die den wahren Glauben bedrohen. Die Bischöfe und Priester müssen durch ihr Hirtenamt den wahren Glauben schützen, den Glauben der ihnen anvertrauten Seelen, vor allem den Glauben der einfachen Menschen und der noch unverdorbenen Kinder. Mit anderen Worten: die Hirten der Kirche, vor allem wir Priester in der Seelsorge, müssen durch Katechese den Glauben nähren. Wir müssen auch markieren oder zurückweisen, was gegen den Glauben der Kirche ist und den Glauben bedroht. Andererseits sollen wir Priester durch unser Amt und unser Priestersein für die Gläubigen eine Stütze im Glauben sein, wie ein Fels in der Brandung. Das ist unser Wächteramt.

 

Papst Benedikt XVI. sprach bei seiner Predigt am Herz-Jesu-Fest, 11. Juni 2010, zum Abschluss des Priesterjahres, über das uns Priestern übertragene Wächteramt - er legte den Psalm 23 aus:

 

„<Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht>: Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muss den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, dass es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern lässt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muss der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen."

 

Der Papst übt das Wächteramt für die ganze Kirche aus. Die Päpste haben immer über die Reinerhaltung des Glaubens gewacht und auch korrigierend eingegriffen.

Der Bischof übt das Wächteramt für seine Diözese aus. In seinen Hirtenbereich fallen alle Dimensionen der Kirche: der Bereich der Verkündigung, der Bereich der Liturgie mit den Sakramenten, der Bereich der Caritas. In die Kompetenz des bischöflichen Wächteramtes fällt zB auch alles, was an einer kirchlichen Universität gelehrt wird, was im Kirchenblatt veröffentlicht wird usw. Der Diözesanbischof soll nach dem Kirchenrecht mindestens alle fünf Jahre alle Pfarreinen seiner Diözese visitieren.

Der Pfarrer übt das Wächteramt für seine Pfarrei aus. Es ist für die Gläubigen sicher interessant einmal zu hören, wie das Kirchenrecht das Lehr- und Hirtenamt des Pfarrers beschreibt:

Can. 528 § 1: "Der Pfarrer ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass denen, die sich in der Pfarrei aufhalten, das Wort Gottes unverfälscht verkündigt wird; er hat deshalb dafür zu sorgen, dass die Laien in den Glaubenswahrheiten unterrichtet werden, besonders durch die Homilie an den Sonntagen und den gebotenen Feiertagen und durch die katechetische Unterweisung; er hat die Werke zu unterstützen, die den Geist des Evangeliums fördern, auch in Bezug auf die soziale Gerechtigkeit; seine besondere Sorge hat der katholischen Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu gelten; er hat sich mit aller Kraft, auch unter Beiziehung der Hilfe von Gläubigen, darum zu bemühen, dass die Botschaft des Evangeliums auch zu jenen gelangt, die religiös abständig geworden sind oder sich nicht zum wahren Glauben bekennen.

Can. 737: "Eine besonders den Seelsorgern eigene und schwere Pflicht ist die Sorge für die Katechese des christlichen Volkes, damit der Glaube der Gläubigen durch die Unterweisung in der Lehre und durch die Erfahrung christlichen Lebens lebendig wird, sich entfaltet und zu Taten führt."

Wir sehen an diesen Worten, dass das Pfarramt eine verantwortungsvolle Aufgabe ist.

Um die Lage zu überblicken, muss der Hirte - der Wächter - auch ein wenig höher stehen. Papst Gregor d. Gr. deutet das so: der Hirte soll höher stehen durch seine Lebensführung: das gute Beispiel, und ein tugendhaftes Leben.

 

Das heutige Wort Gottes sagt auch, dass der Inhaber des Wächteramtes vor Gott Rechenschaft ablegen muss, er muss sich vor Gott verantworten: "Von dir aber fordere ich Rechenschaft" (Ez 33,8). In Zeiten der Verwirrung hat das Wächteramt eine besondere Bedeutung, ist aber auch mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Schweigen stiftet Verwirrung. Das Sprechen der Hirten bringt den Gewissen, die Gott suchen, Klarheit und Licht. Papst Gregor d. Gr. sagte den Priestern in seiner berühmten Pastoralregel, sie sollten keine stummen Hunde sein, sondern bellen, wenn die Wölfe kommen. In der Nazizeit nannte man den Bischof von Münster, Graf von Galen den "Löwen von Münster", weil er mit sehr klaren Worten vor dem Nationalsozialismus gewarnt hatte. Papst Benedikt XVI. hat diesen treuen Wächter der Kirche 2005 selig gesprochen.

 

Die Notwendigkeit des Wächteramtes in der Kirche können wir sehr klar mit einem Pauluswort verstehen - aus der Rede des Paulus an die Bischöfe und Priester in Milet:

 

"Gebt Acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Bischöfen [Wächtern!] bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche Gottes sorgt, die er sich durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben hat. Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen. Seid also wachsam und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, unter Tränen jeden einzelnen zu ermahnen" (Apg 20,28-31).

 

Das kirchliche Wächteramt ist auch eine Antwort Gottes auf die Schwächen, die durch den Sündenfall über die Menschennatur gekommen sind: unser Verstand ist beeinträchtigt, dh es ist mühsam, Gott zu erkennen; der Wille ist geschwächt, in der Liebeskraft sind wir ichbezogen. Das Volk Gottes war und ist immer bedroht und braucht gute Hirten, die es schützen und leiten. Das hat nichts mit Unmündigkeit zu tun. So wie Kinder Eltern brauchen, so brauchen die Menschen den Guten Hirten. Dass es ohne Gute Hirten nicht funktioniert, sehen wir in der Welt zur Genüge. Denken wir an das politische Chaos in vielen Ländern unserer Tage. In der Kirche ist es nicht anders.

 

Das kirchliche Wächteramt hat in den Kirchen noch weitere Dimensionen.

Zuerst sind wir selber für uns verantwortlich, dass wir wachen über unser Leben und über unseren Glauben. "Achte auf dich selbst und auf die Lehre!" (1 Tim 4,12), rät Paulus dem Timotheus. Wir brauchen also immer wieder eine Selbstkontrolle: eine Überprüfung unserer Gedanken, unsere Worte und unsere Handlungen. Diese Selbstkontrolle üben wir durch das Bußsakrament aus. Wer regelmäßig beichtet, kann nicht so leicht abdriften, weil sein Gewissen immer neu geschärft wird, gebildet wird. Für Kinder und Jugendliche - auch für Erwachsene - ist die Beichte die beste Hilfe für eine Selbsterziehung in der Tugend.

Eltern üben das Wächteramt besonders für ihre Kinder aus. Zu einer guten menschlichen Erziehung und Erziehung im Glauben gehört zuerst sicher, das Gute zu bestärken. Doch es wird ohne Korrekturen und ohne Grenzen zu setzen nicht gut gehen. Der Laissez-faire-Stil der antiautoritären Erziehung der 68er Generation ist vollständig gescheitert. Solange Kinder minderjährig sind braucht es Eltern, die gewissenhaft über ihre Entwicklung und ihren Glauben wachen. Das Wächteramt der Eltern kann zB bedeuten: achten, was die Kinder lesen, im Fernsehen anschauen, im Internet treiben... Eltern können ihren Jugendlichen die Frage stellen: "Hast du schon deine Osterbeichte, deine Weihnachtsbeichte gemacht?" Haben Eltern mit ihren Jugendlichen über die kirchliche Ehelehre gesprochen?

Das heutige Evangelium zeigt uns, dass wir alle auch eine Form von Wächteramt für unsere Mitmenschen ausüben. Wir tragen Verantwortung füreinander. Es soll uns nicht gleichgültig sein, was die anderen tun. Christus sagt: "Wenn dein Bruder sündigt, dann weise ihn zurecht."

Die Liebe wird den rechten Weg zeigen, wie wir das tun können.

Einen gibt es, der über uns alle wacht - der eigentliche und wichtigste Wächter: Jesus Christus selbst, unser Herr und Gott. Der Apostel Petrus beschreibt die Bekehrung der Heiden zum wahren Glauben als Heimkehr zu Christus, dem "Hirten und Bischof eurer Seelen" (1 Petr 2,25). Die selige Märtyrerin Maria von Jesus, Gründerin der Kongregation der Töchter des Herzens Jesu (+1884) - sie betreuen auch die Haller Herz Jesu Basilika - sagte gerne, im Blick auf den Eucharistischen Herrn: "Jesus wacht - man spürt es!" Wer mit dem Allerheiligsten Altarsakrament lebt, soll sich freuen - weil der Herr in seiner Liebe so sehr über ihn wacht!

Zum Abschluss einige Worte von Papst Franziskus über das Wächteramt. Aus einer Predigt bei einer Bischofsweihe in St. Peter/Rom am 30. Mai 2014. Er sagte dem Weihekandidaten:

 

"Wache über dich selbst und wache über das Volk Gottes! Dieses Wachen bedeutet, Wache zu halten, aufmerksam zu sein, um sich selbst zu verteidigen gegen die vielen Sünden und weltlichen Haltungen und um das Volk Gottes zu verteidigen gegen die Wölfe, die laut Paulus kommen werden. Gib also Acht, gib Acht auf die ganze Herde, in welcher dich der Heilige Geist bestellt, die Kirche Gottes zu leiten. Wache, schlafe nicht ein, wache, halte Wache, und der Herr möge dich begleiten, er begleite dich in diesem deinem Wachen, das ich dir heute anvertraue im Namen des Vaters, den du in der Kirche darstellst, im Namen Jesu Christi, seines Sohnes, dessen Amt als Lehrer, Priester und Hirte du ausüben wirst, und im Namen des Heiligen Geistes, welcher der Kirche Christi Leben verleiht und unsere Schwachheit durch seine Kraft stärkt und festigt."

 

Maria! Hilf dem Papst, den Bischöfen und Priestern und den Eltern, das Wächteramt auszuüben. Maria, hilf allen, auf sich selbst und aufeinander zu achten, Amen.


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