049) Taufe Jesu 2013: Krise der Bürokratenkirche, Fehlentwicklungen, Chance der Erneuerung (Teil 1)

„WIRKLICH HEILEN KANN NUR EINER:

JESUS CHRISTUS“

Kardinal Joachim Meisner über den Eucharistischen Kongress 2013,

die Krise der Bürokratenkirche, dramatische Fehlentwicklungen

und die Chance der Erneuerung

(von Markus Reder)

 

Hinweis: Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlages entnommen: DIE TAGESPOST, Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, Dominikanerplatz 8, D – 97070 Würzburg; www.die-tagespost.de   (Samstag, 29.12.2012, Nr. 156)

 Herr Kardinal, Sie sind Gastgeber des Eucharistischen Kongresses im kommenden Jahr in Köln. Solch ein Kongress ist in Deutschland weitgehend neu. Warum diese Veranstaltung? Warum gerade jetzt?

 Die Kirche wurde in den vergangenen Jahren von diesem entsetzlichen Missbauchsskandal erschüttert. Ich muss gestehen, ich hätte diese Vergehen nie für möglich gehalten. Aber sie sind leider traurige Realität. Immer wieder habe ich mich seitdem gefragt: Was können wir tun, noch über Hilfe, Unterstützung und Prävention hinaus, um das tiefe Leid der Opfer zu lindern? Ich habe mit vielen Opfern gesprochen und festgestellt, deren Verwundungen sind unermesslich tief. Wer könnte das heilen? Die Frage lässt mich nicht mehr los. Mit allem, was wir als Kirche unternommen haben, was wir anbieten und wie wir helfen wollen, bleiben wir letztlich doch vordergründig. Damit kann man nicht heilen, was hier geschehen ist. Wirklich heilen kann nur einer: Jesus Christus. Dieser Jesus ist nicht ein abstrakter Gedanke oder eine Idee aus vergangenen Zeiten. Er, der Mensch geworden ist, der gekreuzigt wurde und von den Toten auferstand, ist eine lebendige Person. In der Eucharistie ist er auch heute mitten unter uns ganz real präsent. Ihn müssen wir wieder in die Mitte rücken. Radikal und grundsätzlich. Dazu gibt es keine Alternative.

 Und dazu soll der Eucharistische Kongress beitragen?

 Genau darum oll es bei diesem Glaubensfest gehen. Wir müssen Christus wieder mehr Raum geben. Ihm, der das Verwundete heilt, die Trauernden tröstet, das Darniederliegende aufrichtet. Christus kann das wirklich alles – heute wie vor 2000 Jahren. Wir müssen uns nur von Neuem ganz ihm zuwenden. Wir müssen wieder begreifen: Die Eucharistie ist ein „Du“, eine Person. Der Auferstandene hat uns ein Andenken hinterlassen. Nicht irgendetwas, nicht eine Sache, sondern sich selbst in der heiligen Eucharistie. In der Eucharistie sagt er „Du“ zu jedem von uns. Das Bewusstsein für diese unmittelbare Nähe Jesu droht auf dramatische Weise verloren zu gehen. Wir hocken stundenlang auf Dialogveranstaltungen herum und den einen, der alles weiß und der alles kann, den frequentieren wir nicht mehr.

„Wir sind in einen eucharistischen Paganismus [Paganismus = Heidentum] verfallen. Die Eucharistie ist keine Schleuderware. Es ist der Herr selbst, der uns hier begegnet.“

 Aber es gehen doch viele zur Kommunion…

 Wir haben einen Eucharistiekonsum wie noch nie, aber was kommt dabei heraus? Da stimmt doch etwas nicht. Wir sind in einen eucharistischen Paganismus verfallen. Wir versündigen uns gegen die Eucharistie, wenn wir nicht wieder ernst damit machen und ernst nehmen, was uns der Herr geschenkt hat. Die Eucharistie ist keine Schleuderware. Es ist der Herr selbst, der uns hier begegnet. Dies wieder neu ins Bewusstsein zu rufen, hat mich zu diesem Eucharistischen Kongress veranlasst.

 Wir können nicht einfach sagen, nun bleibt mal alle schön da. Um euretwillen werden wir den Glauben anpassen, das Bekenntnis relativieren, das Profil abschleifen. Hauptsache alle sind irgendwie zufrieden. Nein, wir alle müssen uns auch heute die Frage des Herrn gefallen lassen: Wollt auch ihr gehen? Auf diese Frage antwortet Petrus auf beeindruckende Weise und formuliert damit das erste, das wesentlichste und das ursprünglichste Glaubensbekenntnis der Kirche: „Herr, zu wem sollen wir denn gehen? Wir haben doch keine Alternativen zu Dir. Du allein hast Worte des ewigen Lebens. Denn Du bist der Heilige Gottes. Hier sind wir am Geheimnis des Glaubens.“ Das genau ist die Thematik des Eucharistischen Kongresses. Darum passt der Eucharistische Kongress auch gut in das „Jahr des Glaubens.“

 Im Mittelpunkt des Kongresses soll also das Bekenntnis stehen. Bekenntnis statt Dialog?

 Ohne Bekenntnis ist doch jeder Dialog vergeblich. Ja, wir machen eine Bekenntnisveranstaltung. Wir wollen uns über unsere Glaubenserfahrungen austauschen. Es soll Katechesen geben, aber kein Blabla. (…) Wichtig ist, zu erfahren, wie jemand konkret mit der Eucharistie lebt, wie er daraus sein Leben gestaltet. Persönlich und konkret soll es zugehen, nicht theoretisch und abstrakt. Wir wollen gemeinsam beten und einander bekennen, wer Jesus Christus ist. Das schenkt der Kirche neue Vitalität. Was helfen uns alle gescheiten Vorträge über das Zweite Vatikanische Konzil, wenn inzwischen der Glaube wegbricht. Es bringt doch auch nichts, Verunsicherung unter die Leute zu tragen und beispielsweise über Frauenordination zu sinnieren. Das ist schlicht unredlich. Lehramtlich ist das doch längst entschieden. Solche Diskussionen führen nicht weiter. Anders ist das bei der Eucharistie. Da wird es wesentlich. Und wir begeben uns auf das Niveau des Herrn. Wenn wir niederknien – wie die Hirten oder die Heiligen Drei Könige, bringt uns das auf Augenhöhe mit Jesus Christus.

 

„Wir haben das Mysterium nicht mehr geschützt und erleben nun die totale Profanierung des Sakralen.“

 

Das Zweite Vatikanum hat von der Eucharistie als Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens gesprochen. Die Konzilsväter hatten die Hoffnung, ein neues, vertieftes Bewusstsein für das Geheimnis der Eucharistie zu wecken. Wenn man die Realität heute sieht, muss man feststellen, das ist so nicht eingetreten. Häufig scheint sogar das Gegenteil der Fall zu sein. Woran liegt das? Was ist schiefgelaufen?

 Wir haben uns nach dem Konzil so sehr dem Zeitgeist angepasst, dass der Sinn für das Heilige abhanden gekommen ist. Wir haben die Sakramentenkatechese sträflich vernachlässigt und äußere Zeichen der Ehrfurcht ersatzlos gestrichen. Solche Zeichen – Kommunionbänke, eucharistische Nüchternheit, Niederknien oder die Mundkommunion – waren wie ein Schutzwall um die heilige Eucharistie. So wurde schon zeichenhaft deutlich, dass hier etwas Einzigartiges geschieht. Dass sich Heiliges vollzieht. Wir haben das Mysterium nicht mehr geschätzt und erleben nun die totale Profanierung des Sakralen. Die Liturgie wurde entsakralisiert. Was ist aus all dem an evangelisierender Kraft erwachsen? Nichts! Das ist eine schlimme Entwicklung, die dringend der Korrektur bedarf. Wenn das Sakramentenverständnis erodiert und vom Glauben der Kirche an die reale Gegenwart Christi in der heiligen Eucharistie nur noch ein wie auch immer geartetes Freundschaftsmahl bleibt, dann wächst der Druck, möglichst jeden zur Kommunion zuzulassen. Wir können aber nicht den Glauben der Kirche aufgeben oder anpassen, sondern müssen ihn gerade in dieser Situation mutig, klar und gewinnend verkünden. Bei meiner Intervention während der Weltbischofssynode zur Neuevangelisierung in Rom habe ich zwei Punkte hervorgehoben: Wir müssen die Selbstevangelisierung fördern und die Entsakralisierung stoppen. Dafür hat es viel Zustimmung bei den Synodenteilnehmern gegeben. Ich bin überzeugt: Wenn uns das nicht gelingt, können wir einpacken.

 Inwieweit ist ein erneuertes Bewusstsein für die Bedeutung der Eucharistie Voraussetzung für steigende Priesterzahlen?

 Wenn ich nicht weiß, was die Eucharistie ist und welchen Reichtum sie beinhaltet, kann ich auch nicht verstehen, was Priestertum bedeutet. Sehen Sie: Heute werden Priester oft nur kritisiert. Ein junger Mann ist von Haus aus ja kein Verzichtsapostel. Der sagt sich, wenn ich ins Priesterseminar gehe, verliere ich an Ansehen, vielleicht sogar Sympathien meiner Familie. Da braucht es schon einen starken Glauben, ein starkes Bewusstsein für die Bedeutung der heiligen Eucharistie, um das überhaupt auf sich zu nehmen. Daher ist es wichtig, dass in der kirchlichen Praxis wieder stärker deutlich wird, was die Eucharistie ist. Damit wird auch klar, warum der Dienst des Priesters durch nichts und niemanden zu ersetzen ist. Priestertum und Eucharistie gehören untrennbar zusammen. Darum müssen wir auch unsere Priester immer wieder dazu führen, täglich zu zelebrieren. Der Priester bleibt nur geistlich gesund, wenn er ein Mann der Eucharistie ist. Sonst geht es nicht. Eine Familie kann einem helfen, menschlich nicht zu verrutschen. Wenn ich aber zölibatär lebe, dann muss ich den täglichen Kontakt mit jenem „Du“ pflegen, der Christus ist, der mich erwählt hat. Das geschieht in einzigartiger Weise in der Feier der Eucharistie. Mit der Eucharistie steht und fällt nicht nur der Priester, sondern die Kirche insgesamt.

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