Papst Benedikt XVI. zur Zelebrationsrichtung

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  Papst Benedikt XVI. und   die Zelebrationsrichtung
 
  P. Paul Bernhard Wodrazka CO
 
  Viele Menschen haben mich in den letzten Wochen gefragt, was   eigentlich unser Papst zur Frage der Zelebrationsrichtung sagt. Daher sollen   im folgenden kurz, thematisch geordnet, die Positionen von Joseph Ratzinger   aus verschiedenen Lebensstadien dargelegt werden.

 


 
 
 

Gleichrichtung   von Priester und Gemeinde

Im   Geleitwort zu dem international beachteten Buch „Conversi ad Dominum“ von P.   Uwe Michael Lang C.O. verweist Kardinal Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI.,   auf den Inhalt der Konzilstexte: „Zwei Dinge erscheinen für den normalen   Kirchenbesucher als die greifbarsten Ergebnisse der Liturgiereform des II.   Vatikanischen Konzils: das Verschwinden der lateinischen Sprache und die   Wendung der Altäre zum Volk hin. Wer die Texte des Konzils selber liest, wird   mit Erstaunen feststellen, daß weder das eine noch das andere in dieser Form   in den Konzilsbeschlüssen zu finden ist ... Von der Wendung der Altäre zum   Volk hin ist im Konzilstext nicht die Rede;“ (J. Ratzinger: Geleitwort, in:   U. M. Lang: Conversi ad Dominum, Einsiedeln 32005 [12003], 7). Schon auf dem   81. Deutschen Katholikentag, der vom 13. bis 17. Juli 1966 in Bamberg   abgehalten wurde, zog Professor Ratzinger eine erste Bilanz über die   konziliaren Veränderungen. In seinem Vortrag mit dem Titel „Der Katholizismus   nach dem Konzil – Katholische Sicht“ widmet er ein Drittel seiner international   beachteten und in mehrere Sprachen übersetzten Rede dem Thema der   liturgischen Erneuerung. Bemerkenswert sind die Anfragen des Konzilstheologen   Joseph Ratzinger: „Muß eigentlich wirklich jede Messe versus populum (=zum   Volk hin gewendet) zelebriert werden? Ist es eigentlich so wichtig, dem   Priester ins Gesicht schauen zu können, oder ist es nicht oft recht heilsam,   daran zu denken, daß er Mitchrist mit den anderen ist und so allen Grund hat,   sich gemeinsam mit ihnen zu Gott hin zu wenden und so mit allen zu sagen   ‚Vater Unser’?“ (J. Ratzinger: Der Katholizismus nach dem Konzil ..., in: Auf   dein Wort hin. 81. Deutscher Katholikentag ..., Paderborn 1966, 253). Drei   Jahre später veröffentlicht Joseph Ratzinger diese Rede neuerlich in seinem   Buch „Das neue Volk Gottes – Entwürfe zur Ekklesiologie“ und versieht diese   mit Anmerkungen. In Anmerkung Nummer 3 greift der Professor einen   terminologischen Hinweis von J. A. Jungmann auf: Bei einer gemeinsamen   Zuwendung zu Gott „kann man nicht von einer ‚Abwendung vom Volk’, sondern nur   von einer ‚Gleichrichtung’ mit dem Volk sprechen.“ (J. Ratzinger: Das neue   Volk Gottes ..., Düsseldorf 21970 [11969], 311, Anmerkung 3). Nach weiteren   zwölf Jahren, 1981, legt der Erzbischof von München und Freising von diesem   gesammelte Beiträge zur christlichen Liturgie vor. Wiederum betont er: „Beim   Gebet ist es nicht notwendig, ja nicht einmal angemessen, sich gegenseitig   anzusehen; ebenso wenig beim Empfang der heiligen Kommunion. Es wird von den   örtlichen Gegebenheiten abhängen, wie man diesem Gesichtspunkt gerecht werden   kann.“ (J. Ratzinger: Das Fest des Glaubens, Einsiedeln 31993 [11981], 125).

 

Der   gemeinsame Blick auf den Herrn

Im   Jahr 2000 veröffentlicht Kardinal Ratzinger seine erste und einzige   Monographie, die er als Präfekt der Glaubenskongregation verfaßt hat. Darin   heißt es u. a.: „Aber wie steht es mit dem Altar? Wohin beten wir in der   eucharistischen Liturgie? ... Die Wendung des Priesters zum Volk formt nun   die Gemeinde zu einem in sich geschlossenen Kreis. Sie ist – von der Gestalt   her – nicht mehr nach vorne und oben aufgebrochen, sondern schließt sich in   sich selber. Die gemeinsame Wendung nach Osten war nicht ‚Zelebration zur   Wand’, bedeutete nicht, daß der Priester ‚dem Volk den Rücken zeigt’: So   wichtig war er gar nicht genommen. Denn wie man in der Synagoge gemeinsam   nach Jerusalem blickte, so hier gemeinsam ‚zum Herrn hin’. Es handelte sich   ... vielmehr um Gleichrichtung von Priester und Volk, die sich gemeinsam in   der Prozession zum Herrn hin wußten. Sie schließen sich nicht zum Kreis,   schauen sich nicht gegenseitig an, sondern sind als wanderndes Gottesvolk im   Aufbruch zum Oriens, zum kommenden Christus, der uns entgegengeht ... Nicht   der Blick auf den Priester ist wichtig, sondern der gemeinsame Blick auf den   Herrn. Nicht um den Dialog geht es nun, sondern um gemeinsame Anbetung, den   Aufbruch zu Kommenden hin.“ (J. Ratzinger: Der Geist der Liturgie, Freiburg   62002 [12000], 66, 70 u. 71). „Der Osten – ‚Oriens’ – war bekanntlich vom   Zeichen der aufgehenden Sonne her gleichzeitig Auferstehungssymbol (und   insofern nicht nur christologische Aussage, sondern Hinweis auf die Macht des   Vaters und das Wirken des heiligen Geistes) wie Darstellung der   Parusie-Hoffnung. Die gemeinsame Wendung dorthin bringt also mit der kosmischen   Orientierung zugleich eine auferstehungstheologische und darin trinitarische   Deutung der Eucharistie sowie damit eine ‚parusiale’ Auslegung, eine   Theologie der Hoffnung, in der jede Messe Zugehen auf die Wiederkunft Christi   ist.“ (J. Ratzinger: Das Fest des Glaubens, Einsiedeln 31993 [11981], 122).

 

Unterscheidung   zwischen Wortgottesdienst und Eucharistiefeier im engeren Sinn

Weiters   trifft Papst Benedikt XVI. in seinem grundlegenden Werk „Der Geist der   Liturgie“ eine wichtige Unterscheidung zwischen Wortgottesdienst und   Eucharistiefeier im engeren Sinn und führt zu dieser aus: „Natürlich kann man   auch die äußeren Aktionen – Vorlesen, Singen, Herbeitragen der Gaben – auf   eine sinnvolle Weise verteilen. Dabei ist die Beteiligung am Wortgottesdienst   (Vorlesen, Singen) zu unterscheiden von der eigentlich sakramentalen Feier.   Daß hier die äußeren Handlungen durchaus sekundär sind, sollte deutlich ins   Bewußtsein gehoben werden. Das Agieren muß überhaupt aufhören, wenn das   Eigentliche kommt: die oratio. Und es muß sichtbar sein, daß nur die oratio   das Eigentliche ist und daß sie wiederum deshalb wichtig ist, weil sie Raum   gibt für die actio Gottes. Wer dies begriffen hat, sieht auch leicht ein, daß   es nun nicht mehr darum geht, den Priester anzuschauen oder ihm zuzuschauen,   sondern daß es darum geht, gemeinsam auf den Herrn hinzuschauen, und ihm   entgegenzugehen.“ (J. Ratzinger: Der Geist der Liturgie, Freiburg 62002   [12000], 150). Wie sollte sich dieser wichtige Unterschied in der Zuwendung   zur Gemeinde äußern? „Der Wortgottesdienst ist als Verkündigung ein   dialogisches Geschehen, zu dem Anrede und Antwort gehören; so muß ihm die   gegenseitige Zuwendung von Verkünder und Hörer zu eigen sein. Das   eucharistische Hochgebet hingegen ist Gebet, in dem der Priester zwar als   Vor-Beter fungiert, aber doch gemeinsam mit dem Volk und wie dieses zum Herrn   hin gerichtet ist.“ (J. Ratzinger: Geleitwort, in: U. M. Lang: Conversi ad   Dominum, Einsiedeln 32005 [12003], 8 f.)

Eucharistie:   Mahl oder Opfer?

Schließlich   ist noch auf ein sehr weit verbreitetes Mißverständnis einzugehen. Viele   Zeitgenossen meinen, daß die Feier der Heiligen Messe versus populum (=zum   Volk hin gewandt) die ursprüngliche Form und besonders diejenige des letzten   Abendmahles sei. Kardinal Ratzinger führt mit den Worten des französischen   Oratorianerpaters Louis Bouyer aus, daß diese Idee auf einer „irrigen   Vorstellung eines christlichen oder auch nichtchristlichen Gastmahls im   Altertum“ beruht. Bei einem solchen Mahl haben alle Teilnehmer jedoch an   derselben Seite des Tisches gesessen. Weiters unterstreicht der Präfekt der   Glaubenskongregation, „daß die Eucharistie der Christen mit dem Begriff   ‚Mahl’ überhaupt nicht zulänglich beschrieben werden kann. Denn der Herr hat   das Neue des christlichen Kultes zwar im Rahmen eines jüdischen   (Pascha-)Mahles gestiftet, aber nur dies Neue und nicht das Mahl als solches   zur Wiederholung aufgetragen. Das Neue hat sich daher sehr bald aus dem alten   Kontext gelöst und seine ihm gemäße, eigene Gestalt gefunden, die zunächst schon   dadurch vorgegeben war, daß Eucharistie auf das Kreuz zurückverweist und   damit auf die Umwandlung des Tempelopfers in den logosgemäßen Gottesdienst.   So ergab es sich nun auch, daß die synagogale Wortliturgie, christlich   erneuert und vertieft, mit dem Gedächtnis von Christi Tod und Auferstehung   zur ‚Eucharistie’ verschmolz und gerade so die Treue zum Auftrag ‚Tut dies’   verwirklicht wurde. Diese neue Gesamtgestalt war als solche nicht einfach vom   Mahl abzuleiten, sondern aus dem Zusammenhang von Tempel und Synagoge, von   Wort und Sakrament, von kosmischer und geschichtlicher Dimension zu   bestimmen. Sie drückt sich eben in der Form aus, die wir in der liturgischen   Struktur der frühen Kirchen der semitischen Christenheit fanden. Sie ist   selbstverständlich auch für Rom grundlegend geblieben.“ (J. Ratzinger: Der   Geist der Liturgie, Freiburg 62002 [12000], 68). In einer Predigt hat der   Erzbischof von München sehr klar dargelegt, was Eucharistie eigentlich ist:   „Die Eucharistie ist Opfer, Vergegenwärtigung des Kreuzesopfer Jesu Christi.“   (J. Ratzinger: Eucharistie – Mitte der Kirche, München 1978, 23; inhaltlich   unverändert abgedruckt in: J. Ratzinger: Gott ist uns nah ..., Augsburg 22005   [12001], 43). Und aus diesem Grund kann „die innere Richtung der Eucharistie   ... immer nur dieselbe sein, nämlich von Christus im Heiligen Geist zum Vater   hin.“ (J. Ratzinger: Das Fest des Glaubens, Einsiedeln 31993 [11981], 121).

Abschließend   bleibt noch zu sagen, daß Papst Benedikt XVI. gewöhnlich die hl. Messe in   seiner Privatkapelle gleichgerichtet mit den Gläubigen zum Herrn hin feiert   (vgl. Photo des Altares der päpstlichen Privatkapelle in Castel Gandolfo).   Das gleiche gilt für die päpstliche Hauskapelle in Rom.


 
 
 

         
   


            
   
   

   

Papst Benedikt     bereitet sich auf die Feier der hl. Messe in seiner Privatkapelle vor.

   

 

Die Veröffentlichung dieses Artikels geschieht mit freundlicher Genehmigung von P. Paul Wodrazka, Pfarre St. Rochus, Wien.

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