Jahresgedächtnis der Kirchweihe 2017

 „LOCUS  ISTE  A  DEO  FACTUS  EST – DIESER ORT

IST VON GOTT GESCHAFFEN“ (Graduale)

ÜBER DIE IDENTITÄT UND DIE BESTIMMUNG DES KATHOLISCHEN GOTTESHAUSES

Predigt von Pf. Stephan Müller

           

Das Kirchweihfest ist ein Tag, an dem wir dem Herrgott für dieses Gotteshaus danken.

           

Auch als Ortspfarrer danke ich an diesem Tag von Herzen allen, die unser Gotteshaus betreuen, reinigen, schmücken, mit ihren Spenden erhalten usw. Allen ein herzliches Vergelt‘s Gott! Wir beten beim Hl. Messopfer heute auch für alle verstorbenen Wohltäter unseres Gotteshauses.

           

Hat ein Gotteshaus, so wie es die katholische Kirche bisher immer als Sakralbau verstanden hat, heute noch eine Berechtigung? Schon der König Salomon, der um 1000 v. Chr. in Jerusalem den ersten Tempel erbauen ließ, war sich bewusst - wie wir in der Lesung gehört haben - dass er den großen Gott und Schöpfer der Welt nicht in ein kleines Haus auf Erden, den Tempel, einengen kann. Die Existenzberechtigung des Gotteshauses wird gegenwärtig durch mehrere Umstände in Frage gestellt. Auf zwei solche Umstände, welche die Identität des Gotteshauses relativieren, wollen wir heute eingehen.

           

Eine erste Relativierung kommt aus dem Bereich der Theologie. Es gab und gibt Stimmen die behaupten, es bräuchte keine sakralen Gotteshäuser, mit Christus sei die Berechtigung eines Tempels oder Gotteshauses zu Ende gegangen. Doch das ist zu kurz gedacht. Das wäre so als wenn wir sagen: „Wir brauchen keine Häuser und Wohnungen!“  Das Wohnen in einem Haus, einer Wohnung, ist mehr als nur ein Aufenthalt innerhalb von vier Wänden. Eine Wohnung ist ein Ort, in dem sich zB für eine Familie sehr viel Leben abspielt: Menschliches, Geistiges und auch Religiöses, Stichwort Hauskirche. Ein Zuhause haben zu dürfen ist auch ein Symbol für das Zuhause im Himmel, das Gott uns geben will. Wenn wir kein Zuhause haben, dann stehen wir auf der Straße, wie wir sprichwörtlich sagen, und drücken damit Alleingelassensein und Not aus.

           

So ähnlich ist es auch mit dem katholischen Gotteshaus. Nicht Gott benötigt unsere Gotteshäuser. Wir brauchen Orte, an denen wir Gott begegnen können, sein Wort ungestört hören, in den Sakramenten die Erlösungsgnaden empfangen, in Stille verweilen können usw. Das katholische Gotteshaus hat seine Existenzberechtigung jedoch nicht nur in unserer menschlichen Bedürftigkeit. Das katholische Gotteshaus hat seine Identität und Existenzberechtigung letztlich in der Menschwerdung Gottes. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, bezeugt der hl. Apostel und Evangelist Johannes in seinem Prolog. Der Sohn Gottes hat unter uns gewohnt, etwa 30 Jahre im Haus zu Nazareth. Im Allerheiligsten Sakrament des Altares ist er unter uns geblieben, „wahrhaftig, wirklich und wesenhaft“, wie der Glaube lehrt, er setzt sein Wohnen unter uns fort. Die Eucharistie, das Hl. Messopfer, die Gegenwart Christi in der Heiligen Hostie, gibt dem Gotteshaus seine wahre Berechtigung. Durch das Allerheiligste Altarssakrament im Tabernakel ist das Gotteshaus viel mehr als ein bloßer Versammlungsraum.

           

Wenn wir all das erfassen, begreifen wir auch, dass die erste Wesenseigenschaft des katholischen Gotteshauses das HEILIGE ist. Das Gotteshaus ist ein heiliger Ort. Die Messgebete des Kirchweihfestes bringen uns die Heiligkeit dieses Ortes ins Bewusstsein. Ein paar Beispiele. Im Introitus heißt es: „Wie ehrfruchtgebietend ist dieser Ort. Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. Sein Name ist: Wohnung Gottes.“ (Gen 28,17). Im Graduale hörten wir: „Locus iste a Deo factus est – dieser Ort ist von Gott geschaffen.“ Anton Bruckner hat eine berühmte Vertonung des Locus iste komponiert. Im Brevier stehen heute die Worte: „Heilig ist dieser Ort, an dem der Priester betet für die Sünden des Volkes.“

           

Christus hat mit der Tempelreinigung die Bedeutung des sakralen Tempels – unser Gotteshaus – eindeutig zum Ausdruck gebracht. Christus hat auch die Heiligkeit dieses Ortes betont und geschützt. Aus der Heiligen Schrift ist uns bekannt, dass Christus bei seinem öffentlichen Wirken nur ein einziges Mal Gewalt angewandt hat, sehr massiv geworden ist, nicht nur emotional sondern auch handgreiflich: Bei der Tempelreinigung. Er hat sich eine Geißel gemacht, das Vieh hinausgetrieben, Tische umgestoßen… Mit der Tempelreinigung gibt uns Christus also ein deutliches Zeichen, die Heiligkeit dieses Ortes zu wahren, zu schützen, zu verteidigen.

           

Die Identität und Bestimmung des katholischen Gotteshauses ist durch eine weitere neuere Entwicklung sehr gefährdet: Die Gotteshäuser werden vermehrt zu Mehrzweckräumen umfunktioniert. Man meint, im Gotteshaus sei alles erlaubt: Konzerte, Theater, Vorträge, Agapen usw. Dem ist nicht so! Das katholische Gotteshaus ist durch die Weihe allem Weltlichen und Profanen entzogen. Es ist durch die Weihe dem Gottesdienst vorbehalten.

           

Das katholische Gotteshaus braucht Wächter und Verteidiger. Der erste Wächter und Verteidigter der Heiligkeit des katholischen Gotteshauses ist der Priester. Doch auch der getaufte und gefirmte Katholik ist berufen die Heiligkeit dieses Ortes zu wahren, zu schützen und zu verteidigen.

           

Einiges können Priester und Gläubige gemeinsam tun. Dazu abschließend einige kleine Impulse:

           

- Halten wir die heilige Stille ein, führen wir im Gotteshaus keine Unterhaltungen, auch nicht vor und nach dem Gottesdienst. Das können wir gerne am Kirchplatz tun.

- Kleiden wir uns würdig. Schalten wir das Handy aus oder lassen wir es zu Hause.

- Machen wir eine bewusste Kniebeuge, wenn das Allerheiligste ausgesetzt ist, nach Möglichkeit eine doppelte Kniebeuge.

           

„LOCUS  ISTE  A  DEO  FACTUS  EST.“ Dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein heiliger Ort. Möge das Kirchweihfest auch unsere Liebe zum Gotteshaus und zum Heiligen erneuern. Über die Liebe Christi zum Tempel in Jerusalem, dem Haus seines Vaters, heißt es heute im Evangelium: „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich!“ Unsere Liebe zum Gotteshaus gilt natürlich Dem, der in diesem Haus aus erbarmender Liebe zu uns Wohnung genommen hat. Christus, unser Gott und Erlöser. Und unsere Liebe zum Gotteshaus gilt im Fall unserer Pfarrkirche natürlich auch der Gottesmutter Maria, der Mater Dolorosa, der unsere Kirche geweiht ist. Amen.

 

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