1. Fastensonntag A) 2017

 „Als mir Gott in seiner Güte seinen Sohn offenbarte“ (Gal 1,15.16)

DER  GOTT  DER  OFFENBARUNG

zum Inhalt und zur Bedeutung der biblischen Offenbarung

1) Der Mensch ist „Gottfähig“ – Wege zur Gotteserkenntnis (KKK 26-38)

Predigtreihe von Pf. Stephan Müller

        

Wir kennen das Sprichwort: „Man kann nicht immer bei Adam und Eva anfangen.“ Doch manchmal ist es gut und wichtig, bei „Adam und Eva“ anzufangen, dh den Dingen ganz auf den Grund zu gehen, sie von den Wurzeln her zu sehen. Die heutige erste Lesung führt uns an den Anfang der Menschheit, zu Adam und Eva. Der Glaube erkennt den großen Zusammenhang der Heilsgeschichte, vom Anfang bis zum Ende. Christus sagt von sich: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offb 22,13).

        

Wir erleben innerkirchlich seit  vielen Jahren eine große Verwirrung im Bereich des Glaubens: Solche, die in der Verkündigung Verantwortung tragen, sind uneins, lehren Gegensätzliches und Widersprüchliches usw. Nicht wenige fragen sich, an was man sich halten soll…

        

Das Dogma des Glaubens wird alle Stürme überstehen. Mit anderen Worten: Das, was Gott geoffenbart hat, wird von ihm nicht zurückgenommen. Die ewigen Wahrheiten, werden von den Pforten der Hölle (Mt 16,18) nicht überwältigt. Kein Geistlicher und kein Laie können die Offenbarung Gottes relativieren oder verändern. „Jesus Christus ist  derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“(Hebr 13,8). Wir glauben an den Gott der Offenbarung. Der Christliche Glaube ist Offenbarungsreligion, eine Religion, die nicht von Menschen „gemacht“, sondern von GOTT kommt.

        

Für die Fastenzeit lade ich ein, gemeinsam auf den „Anfang“ zu blicken. Wir wollen zum Gott der Offenbarung aufblicken. Es geht darum, dass wir im Glauben gestärkt werden. Nur mit einem festen und reifen Glauben können wir der Verantwortung nachkommen, die wir in der heutigen  Zeit als Glaubende haben.

        

Für diese Vertiefung in der Fastenzeit verwenden wir den Katechismus der Katholischen Kirche. Manchmal genügt es uns, diese klare und kostbare Lehre der Kirche einfach zu lesen, zu hören. Manchmal wird es hilfreich sein, eine kleine Erläuterung zu geben, ein Beispiel zu bringen.

        

Der hl. Paulus wurde bei seinem Bekehrungserlebnis vor Damaskus vom Gott der Offenbarung angesprochen. Er hat die Gnade Christi angenommen. Später konnte er über diese Vorgänge ein beeindruckendes Zeugnis geben: „Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte“ (Gal 1,15-16).

        

Auch uns will Gott in seiner Güte seinen Sohn offenbaren, damit wir durch den Sohn das Leben und das ewige Leben haben. Das ist das Ziel. In den Abschiedsreden, beim Letzten Abendmahl, sagt es der Herr so: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17,3).

        

Bevor der Katechismus die eigentliche Offenbarung Gottes behandelt, uns den Gott der Offenbarung erschließt, behandelt der Katechismus einige Grundfragen, die sich uns aufdrängen, wenn wir Menschen uns mit Gott befassen. Es sind die Fragen:

        

a) Ist es überhaupt möglich, Gott zu erkennen?

b) Wie können wir Gott erkennen? Welche Wege führen uns zur Gotteserkenntnis?

        

        

Zur ersten Frage lehrt die Kirche: DER MENSCH IST „GOTTFÄHIG“

        

Wir lesen im Katechismus der Katholischen Kirche:

        

I  Das Verlangen nach Gott

        

27 Das Verlangen nach Gott ist dem Menschen ins Herz geschrieben, denn der Mensch ist von Gott und für Gott erschaffen. Gott hört nie auf, ihn an sich zu ziehen. Nur in Gott wird der Mensch die Wahrheit und das Glück finden, wonach er unablässig sucht: „Ein besonderer Grund für die menschliche Würde liegt in der Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott wird der Mensch schon von seinem Ursprung her eingeladen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt“ (GS 19,1).

        

28 Von jeher geben die Menschen durch ihre Glaubensanschauungen und religiösen Verhaltensweisen (wie Gebet, Opfer, Kult und Meditation) ihrem Suchen nach Gott mannigfach Ausdruck. Diese Ausdrucksweisen können mehrdeutig sein, sind aber so allgemein vorhanden, daß man den Menschen als ein religiöses Wesen bezeichnen kann: Gott „hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 26—28).

        

Diese „innigste und lebenskräftige Verbindung mit Gott“ (GS 19,1) kann jedoch vom Menschen vergessen, verkannt, ja ausdrücklich zurückgewiesen werden. Solche Haltungen können verschiedenste Ursachen haben (1): Auflehnung gegen das Übel in der Welt, religiöse Unwissenheit oder Gleichgültigkeit, irdische Sorgen und Reichtum (2), schlechtes Beispiel der Gläubigen, religionsfeindliche Denkströmungen und schließlich die Neigung des sündigen Menschen, sich aus Angst vor Gott zu verbergen (3) und vor dem Ruf des Herrn zu fliehen (4).

        

30 „Alle, die den Herrn suchen, sollen sich von Herzen freuen“ (Ps 105,3). Mag auch der Mensch Gott vergessen oder zurückweisen, hört Gott doch nicht auf, jeden Menschen zu rufen, damit dieser ihn suche und dadurch lebe und sein Glück finde. Dieses Suchen fordert aber vom Menschen die ganze Anstrengung des Denkens und die gerade Ausrichtung des Willens, „ein aufrichtiges Herz“, und auch das Zeugnis anderer, die ihn lehren, Gott zu suchen.

        

Groß bist du, Herr, und überaus lobwürdig; groß ist deine Stärke und unermeßlich deine Weisheit. Und loben will dich der Mensch, der selbst ein Teilchen deiner Schöpfung ist, der Mensch, der seine Sterblichkeit mit sich herumträgt und in ihr das Zeugnis seiner Sündhaftigkeit und das Zeugnis, daß du den Stolzen widerstehst. Und dennoch will er dich loben, der Mensch, der selbst ein Teilchen deiner Schöpfung ist. Du treibst uns an, so daß wir mit Freuden dich loben, denn du hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir“ (hl. Augustinus, conf. 1,1,1).

        

(1) Vgl. GS 19–21. – (2)Vgl. Mt 13,22. – (3) Vgl. Gen 3,8–10. – (4) Vgl. Jona 1,3.

        

        

Die zweite Frage: AUF WELCHEN WEGEN KÖNNEN WIR GOTT ERKENNEN?

        

II • Die Wege zur Gotteserkenntnis

        

31 Da der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen und dazu berufen ist, Gott zu erkennen und zu lieben, entdeckt er auf der Suche nach Gott gewisse „Wege“, um zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Man nennt diese auch „Gottesbeweise“, nicht im Sinn naturwissenschaftlicher Beweise, sondern im Sinn übereinstimmender und überzeugender Argumente, die zu wirklicher Gewißheit gelangen lassen. Diese „Wege“ zu Gott haben die Schöpfung – die materielle Welt und die menschliche Person – zum Ausgangspunkt.

        

32 Die Welt. Aus der Bewegung und dem Werden, aus der Kontingenz, der Ordnung und der Schönheit der Welt kann man Gott als Ursprung und Ziel des Universums erkennen. Der heilige Paulus behauptet von den Heiden: „Was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit“ (Röm 1,19-20) (1).

        

Und der heilige Augustinus sagt: „Frage die Schönheit der Erde, frage die Schönheit des Meeres, frage die Schönheit der Luft, die sich ausdehnt und sich verbreitet, frage die Schönheit des Himmels … frage alle diese Dinge. Alle antworten dir: Schau, wie schön wir sind! Ihre Schönheit ist ein Bekenntnis [confessio]. Wer hat diese der Veränderung unterliegenden Dinge gemacht, wenn nicht der Schöne [Pulcher], der der Veränderung nicht unterliegt?“ (serm. 241,2).

        

33 Der Mensch. Mit seiner Offenheit für die Wahrheit und Schönheit, mit seinem Sinn für das sittlich Gute, mit seiner Freiheit und der Stimme seines Gewissens, mit seinem Verlangen nach Unendlichkeit und Glück fragt der Mensch nach dem Dasein Gottes. In all dem nimmt er Zeichen seiner GeistSeele wahr. „Da sich der Keim der Ewigkeit, den er in sich trägt, nicht auf bloße Materie zurückführen läßt“ (GS 18,1) (2), kann seine Seele ihren Ursprung nur in Gott haben.

        

34 Die Welt und der Mensch bezeugen, daß sie weder ihre erste Ursache noch ihr letztes Ziel in sich selbst haben, sondern daß sie am ursprungslosen und endlosen Sein schlechthin teilhaben. Auf diesen verschiedenen „Wegen“ kann also der Mensch zur Erkenntnis gelangen, daß eine Wirklichkeit existiert, welche die Erstursache und das Endziel von allem ist, und diese Wirklichkeit „wird von allen Gott genannt“ (hl. Thomas v. A., s. th. 1,2,3).

        

(1) Vgl. Apg 14,15.17; 17,27–28; Weish 13,1–9. – (2) Vgl. GS 14, 2.

        

35 Die Fähigkeiten des Menschen ermöglichen ihm, das Dasein eines persönlichen Gottes zu erkennen. Damit aber der Mensch in eine Beziehung der Vertrautheit mit Gott eintreten könne, wollte dieser sich dem Menschen offenbaren und ihm die Gnade geben, diese Offenbarung im Glauben annehmen zu können. Die Beweise für das Dasein Gottes können indes zum Glauben hinführen und zur Einsicht verhelfen, daß der Glaube der menschlichen

Vernunft nicht widerspricht.

        

III • Die Gotteserkenntnis nach der Lehre der Kirche

        

36 „Die heilige Mutter Kirche hält fest und lehrt, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen gewiß erkannt werden kann“ (1. Vatikanisches K.,Dogm. Konst. „Dei Filius“, K. 2: DS 3004) (1). Ohne diese Befähigung wäre der Mensch nicht imstande, die Offenbarung Gottes aufzunehmen. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit, weil er „nach dem Bilde Gottes“ erschaffen ist (Vgl. Gen 1,26 – 27).

        

37 In den geschichtlichen Bedingungen, in denen sich der Mensch befindet, ist es jedoch für ihn recht schwierig, Gott einzig mit dem Licht seiner Vernunft zu erkennen. „Wenn auch die menschliche Vernunft, um es einfach zu sagen, durch ihre natürlichen Kräfte und ihr Licht tatsächlich zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der die Welt durch seine Vorsehung schützt und leitet, sowie des natürlichen Gesetzes, das vom Schöpfer in unsere Herzen gelegt wurde, gelangen kann, so hindert doch nicht weniges, daß dieselbe Vernunft diese ihre angeborene Fähigkeit wirksam und fruchtbar benütze. Was sich nämlich auf Gott erstreckt und die Beziehungen angeht, die zwischen den Menschen und Gott bestehen, das sind Wahrheiten, die die Ordnung der sinnenhaften Dinge gänzlich übersteigen; wenn sie auf die Lebensführung angewandt werden und diese gestalten, verlangen sie Selbstaufopferung und Selbstverleugnung. Der menschliche Verstand aber ist sowohl wegen des Antriebes der Sinne und der Einbildung als auch wegen der verkehrten Begierden, die aus der Ursünde herrühren, beim Erwerb solcher Wahrheiten Schwierigkeiten unterworfen. So kommt es, daß die Menschen sich in solchen Dingen gerne einreden, es sei falsch oder wenigstens zweifelhaft, von dem sie selbst nicht wollen, daß es wahr sei“ (Pius XII., Enz. „Humani Generis“: DS 3875).

        

(1) Vgl. ebd., De Revelatione, Kan. 2: DS 3026; DV 6.

        

38 Deshalb ist es nötig, daß der Mensch durch die Offenbarung Gottes nicht nur über das erleuchtet wird, was sein Verständnis übersteigt, sondern auch über „das, was in Fragen der Religion und der Sitten der Vernunft an sich nicht unzugänglich ist“, damit es „auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann“ (Pius XII., Enz. „Humani Generis“: DS 3876) (1).

        

(1) Vgl. 1. Vatikanisches K., Dogm. Konst. „Dei Filius“, De Revelatione, Kan. 2: DS 3026.

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