Neujahr 2012 – Hochfest der Gottesgebärerin – Pfarrkirche Imsterberg

Homilie von Pf. Stephan Müller (Manuskript):

„ALS DIE ZEIT ERFÜLLT WAR“(Gal 4,4)

ÜBER DEN WERT UND DEN AUFTRAG DER ZEIT

Viele Menschen begehen den Jahreswechsel. Wir als Christen wollen nicht in einer oberflächlichen Mentalität stecken bleiben. Denn der Übergang von einem Jahr zu einem anderen hat an und für sich keine besondere Bedeutung. Dennoch tritt die am Ende eines alten und am Beginn eines neuen Jahres mehr als sonst die Bedeutung der Zeit in unser Bewusstsein. Wir spüren, dass die Zeit in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt. Aus diesem Grund haben die Menschen aller Epochen und Jahrhunderte Jubiläen und Zeitübergänge gefeiert.

Wie sehen wir Christen die Bedeutung der Zeit? Der hl. Paulus sagt in der Lesung: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“(Gal 4,7) Für Paulus ist Christus die Fülle der Zeit. Doch um das zu verstehen, müssen wir zuerst auf den Anfang blicken, auf den Anfang der Zeit, und dann auf das Ende.

Die Zeit ist eine Dimension, die mit der Schöpfung verbunden ist. Mit der Schöpfung der materiellen Welt beginnt die Zeit. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“(Gen 1,1). Damit beginnt die Zeit. Mit dem Zyklus des Mondes und der Sonne hat Gott der Schöpfung unauslöschbar den Stempel der Zeit eingeprägt. Paulus lehrt: „Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat“(Röm 8,20). Die Schöpfung hat durch Gott einen Anfang. Durch Gott ist ihr auch ein Ende bestimmt. Christus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen.“ Es gibt also für die Schöpfung einen Anfang der Zeit und ein Ende der Zeit.

Die Menschen haben von Anfang an in der Schöpfung die Dimension der Zeit erforscht. Die Kulturen der alten Ägypter und Babylonier haben mir ihren Forschungen die Grundlage für unseren heutigen Kalender geschaffen. Die Griechen und Römer haben dieser Erkenntnisse weiter entwickelt. So kam es 46 v. Chr. zur bedeutenden Kalenderreform durch Julius Cäsar, genannt der Julianische Kalender. Dieser julianische Kalender war bis zur Kalenderreform von Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 in Geltung. Das ist unser heutiger gregorianischer Kalender. Diese Kalenderreform wurde durchgeführt, weil seit Cäsar die Abweichung des Kalenders vom Mondzyklus auf 10 Tage angewachsen war. Damals wurde diese 10 Tage aus dem Kalender herausgestrichen. Therese von Avila starb in der Nacht vom 4. auf den 15. Oktober 1582. Die Orthodoxen Kirchen haben diese gregorianische Kalenderreform nicht mitgemacht und verwenden deshalb heute noch den Julianischen Kalender. Daher der unterschiedliche Ostertermin zwischen orthodoxen und lateinischen Christen.

Interessant ist auch das Bestreben der Menschen, die Jahreszählung mit bedeutenden Ereignissen zu beginnen. Die alten Römer begannen das Jahr 1 mit der Gründung Roms 753 v. Chr. Kaiser Diokletian, einer der grausamsten Christenverfolger, hat mit seiner Regierungszeit erneut die Zeit mit dem Jahr 1 begonnen, das war 284 nach Christus. Er hat sich selber als Gott gesehen.

Die Christen mussten zunächst diese heidnischen Zeitrechnungen ertragen. Nach den drei Jahrhunderten Christenverfolgung hat sich das Christentum immer mehr ausgebreitet. So entstand die christliche Zeitrechnung. Den Beginn der christliche Zeitrechnung setzte man natürlich nicht mehr mit der Gründung Roms an, schon gar nicht mit dem Jahr 1 des Diokletian, sondern mit der Geburt Jesu Christi. Unsere christliche Zeitrechnung beruht auf der Glaubenseinsicht: Christus ist die Mitte und die Fülle der Zeit. Die gesamte Zeitgeschichte findet in der Menschwerdung Gottes ihre Fülle und ihren Höhepunkt. So beginnt unsere Zeitrechnung mit Christus! Er ist der Bezugspunkt der Zeit. Deswegen schreiben wir auch: nach Christus und vor Christus. Das dürfen wir nicht aufgeben. In manchen Ländern geschieht dies bereits, dass Christus nicht mehr der Bezugspunkt der Zeitrechnung ist. Das bedeutet einen Rückschritt ins Heidentum.

Die Ursünde hat sich auch auf die Schöpfung und auf die Zeit ausgewirkt. Die Zeit wird, vor allem in Nöten und Krankheiten, als Last empfunden. In alten heidnischen Riten versuchten die Menschen, durch Ekstase und Rausch dem Zeitlichen zu entfliehen, was natürlich nicht geht. Durch den Sündenfall hat die Menschheit die Verbindung zur Ewigkeit Gottes verloren und ist der Begrenztheit des Zeitlichen verfallen, der man nicht entrinnen kann. Paulus sagt: „Auch die Schöpfung (die Zeit eingeschlossen) soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“(Röm 8,21). Ohne Christus ist das Zeitliche ein ständiger Kreislauf, ohne Sinn und Ziel.

Die Menschwerdung Gottes hat auch für die Zeit eine Bedeutung. Die Erlösung durch Christus ist auch eine Erlösung für die Schöpfung und eine Erlösung für die Zeit. Christus ist in unsere menschliche Zeit herein getreten. Er hat sich in eine kleine Spanne menschlichen Lebens eingrenzen lassen. So hat Christus sozusagen das Zeitliche wieder geöffnet für die Ewigkeit. Er hat uns vom Bann des Zeitlichen erlöst. D.h. er hat uns die Sinnlosigkeit des Zeitlichen genommen. Das Kommen Christi in unsere Zeit hat uns wieder die Bedeutung und den Wert der Zeit zurückgegeben.

a) Christus zeigt uns, dass die gesamte Zeit der Schöpfung, der sichtbaren Welt, in Gottes Hand ist: Anfang und Ende und Mitte durch die Menschwerdung. Wir brauchen keine Angst zu haben vor der Zukunft, auch nicht vor einem neuen Jahr. Die Zeit der Welt ist in Gottes Hand. Gott wird, so hoffen wir, auch nicht zulassen, dass die Menschen seine wunderbare Schöpfung ganz zerstören können. Jedes Jahr ist ein ANNO DOMINI, ein Jahr des Herrn, ein Jahr des Heils.

b) Christus zeigt uns, die Zeit unseres Lebens als etwas Kostbares zu sehen. Unser irdisches Leben kennt einen Beginn und ein Ende. So ist jedem eine bestimmte Zeit für sein Leben bemessen. Diese Zeit sollen wir nützen. In diesem Sinn ruft uns Paulus zu: „Nützt die Zeit!“(Eph 5,16) Es gibt keine Wiedergeburt. Wir haben nur dieses eine Leben, unser Leben schön zu gestalten, um füreinander zu leben, um auf Gott hin zu leben, wir haben nur dieses eine Leben, um uns auf das ewige Leben vorzubereiten. Mit dem Tod endet die Möglichkeit, unser Heil Verdienste zu erwerben.

Die verstorbene Anna Heel hatte die Grundhaltung: „Ich will herschenken, so lange ich noch kann!“ Ich will beten, so lange ich noch kann, ich will Kirchen gehen, so lange ich noch kann.

c) Christus zeigt uns, dass die Zeit unseres Lebens in Gottes Hand ist. Wir legen ein neues Jahr in Gottes Hand. Seine Liebe wird für uns sorgen. Unser himmlischer Vater weiß, was wir brauchen. Wir wollen uns sorgen um seine Ehre und darum, dass wir ihm und seiner Kirche treu bleiben. Machen auch wir für die Zeit unseres Lebens Christus zum Bezugspunkt unserer Zeit, dies tun wir vor allem durch den Sonntag. Mit der Sonntagsheiligung durch Wort Gottes und hl. Messopfer binden wir unsere Zeit an die Ewigkeit Christi.

Viele Menschen in den Wohlstandsländern sind innerlich leer, voller Zukunftsangst, voller Hoffnungslosigkeit. Die vielen psychischen Erkrankungen und Suizide sind die Spitze eines Eisberges. Wir dürfen ein neues Jahr mit Gott beginnen. Ihr seid gekommen, um den Segen Gottes zu erbitten. Wie reich ist unser Glaube, der uns diese Hoffnung gibt.

Stellen wir dieses Jahr auch unter den Schutzmantel der Gottesmutter Maria. Sie, die uns Christus geboren hat, möge die Gnade des Glaubens in uns bewahren. Sie möge uns an der Hand nehmen. Sie möge uns helfen, die Zeit dieses Jahres gut zu nützen: zur Ehre Gottes, zum Heil unserer Seele, zum Heil unserer Mitmenschen. Amen.

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