2. Fastensonntag B) 2015 - Predigt

"SEIN GESICHT LEUCHTETE WIE DIE SONNE" (Mt 17,2) GOTT SCHAUEN -

DIE FEIGENBLÄTTER DES SELBSTGEMACHTEN UND DAS KLEID GOTTES

1) Die Verklärung Christi, ein besonderes Ereignis auf dem Berg der Verklärung, der Tabor in Galiläa. Die Verklärung ist ein Geschehen der Enthüllung. Es geschieht Enthüllung, Offenbarung der Gottheit und Herrlichkeit Christi: Der menschliche Leib Christi wird strahlend vor Licht. Der Apostel Mathäus erwähnt eigens das Antlitz Christi, sein Gesicht "leuchtete wie die Sonne" (Mt 17,2). Sogar seine Kleider werden in dieses Geschehen einbezogen und beginnen wie Licht zu strahlen (Mt 17,2). Diese Enthüllung und Offenbarung geht von der Menschheit Christi aus. Mit anderen Worten: Medium dieser Offenbarung ist sein menschlicher Leib. Die Verklärung ist ein Geschehen der Verwandlung. Die Gottheit Christi ergreift und verwandelt seinen Körper. So wird später der Auferstehungsleib Christi sein. Die Verwandlung erfasst auch die drei Apostel. Natürlich noch nicht in dem Ausmaß wie Christus. Die Wolke wirft "ihren Schatten auf sie", dh sie werden davon berührt. Es geschieht für die drei sicher eine unbeschreibbare Gotteserfahrung. Ein Geschehen der Enthüllung und der Verwandlung.

2) Die Verklärung ist für uns alle ein Zeichen. Die Verklärung ist ein Aufleuchten des Himmels, ein Aufleuchten des Angesichtes Gottes vor den drei Aposteln. Die Verklärung zeigt unser ewiges Ziel: im Himmel das Angesicht Gottes schauen und darin selig sein. Der Apostel Johannes schreibt über den Himmel: "Wir werden ihn [Gott] sehen, wie er ist" (1 Joh 3,2). Die drei Apostel auf dem Tabor dürfen das als Vorgeschmack erleben. Sie sind von dieser Offenbarung so betroffen, dass sie nicht mehr recht wissen, was sie sagen sollen. Das Wort des Petrus von den drei Hütten drückt aus: "Das soll bleiben, es soll nicht mehr aufhören!" Doch die drei Apostel sind noch im irdischen Leben, sie können Gott noch nicht richtig schauen. Deshalb auch das Erschrecken und die Furcht.

3) Das Angesicht Gottes schauen - ein Blick in die Heilsgeschichte. Vor dem Sündenfall hat der Mensch das Licht der Gotteserkenntnis, einen inneren Blick auf Gott. Durch den Sündenfall geht dieses innere Licht der Gottesschau verloren. In der Genesis heißt es: "Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren" (Gen 3,7). Was bedeutet das?

Die Ursünde im Paradies können wir auch so sehen: Adam und Eva wenden ihren Blick vom Schöpfergott ab. Durch den Sündenfall gehen ihnen die Augen auf: nicht für eine tiefere Gotteserkenntnis. Im Gegenteil. Es gehen ihnen die Augen auf für die Armseligkeit, in die sie geraten, die "Nacktheit", die sie verursacht haben.

Was tun Adam und Eva? Sie heften Feigenblätter zusammen und machen sich einen Schurz (Gen 3,7). Das will ausdrücken: Adam und Eva können sich selber, ihren Körper und auch einander in ihrem Menschsein nicht mehr in der Schönheit und Unschuld sehen, die sie vor dem Sündenfall hatten. Die Feigenblätter sind ein hilfloser Versuch diese Armut zu verbergen.

Gott gegenüber: Adam und Eva verstecken sich vor Gott unter den Bäumen des Gartens (Gen 3,8). Dieses sich verstecken ist ein Zeichen für das schlechte Gewissen. Adam und Eva können den Blick Gottes nicht mehr ertragen. Sie weichen ihm aus.

Nun greift Gott Vater helfend ein. Gott selber bekleidet Adam und Eva mit Röcken aus Fellen (Gen 3,21). Kirchenväter sehen darin einen ersten symbolischen Hinweis auf das Lamm, das Christus ist. Christus ist das Lamm, das geschlachtet wurde, um uns wieder mit dem Blick auf Gott zu bekleiden und uns den wahren Blick füreinander zu schenken.

4) Dieser Blick in die Heilsgeschichte sagt uns: Durch die Folgen der Erbsünde können wir Menschen Gott nicht mehr unmittelbar schauen, wir sind dazu nicht mehr fähig, die innere Antenne dafür haben wir nicht mehr. Ein Vergleich aus dem Leben. Wer sich einen Mitmenschen gegenüber etwas zu schulden kommen hat lassen, kann dem anderen nicht mehr gut oder nicht mehr in die Augen schauen. Er weicht dem Blick des anderen aus. So ist es auch Gott gegenüber. Durch die Sünde tritt etwas zwischen Gott und die Seele, sodass die Seele den Blick Gottes nicht mehr wahrnehmen kann, oder auch nicht mehr ertragen kann.

Unsere inneren Augen der Seele müssen gereinigt und geheilt werden, wieder für Gott sehend gemacht werden. Diese Erfahrung haben Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg der Verklärung gemacht: Christus hat sie fähig gemacht, seine verborgene Gottheit zu schauen, zumindest beginnend.

Was Christus bei den Jüngern am Tabor getan hat, das will er auch an uns wirken. Dieses innere Sehend-werden der Apostel am Tabor zeigt uns etwas sehr Grundsätzliches. Setzten wir einen Schritt vorher beim Menschlichen an. Weil wir nicht mehr die Gottesschau des Paradieses haben, weil wir nicht die reine Gottesschau der Engel haben, können wir das Geistige, das Übernatürliche, nicht mehr unmittelbar wahrnehmen und ausdrücken. Die dafür notwendige Antenne haben wir verloren. Wir brauchen die Zeichen. ZB: Was wir denken, drücken wir mit dem Medium der Worte aus. Was wir seelisch empfinden und im Bewusstsein haben, vermitteln wir mit der Körpersprache. Wenn die Mutter ihrem Kleinkind einen Kuss gibt, dann ist das nicht einfach ein "Schmatzer", der Kuss ist das Medium, und das Kind weiß: "Die Mama mag mich!" - Nur kurz angedeutet: auch das Böse und Dämonische drückt sich in Zeichen aus.

Im Bereich des Glaubens ist es ebenso. Wir können das Göttliche und die übernatürliche Gnade Gottes nur in Zeichen wahrnehmen, nur im Zeichen aufnehmen. Das geschieht in den heiligen Sakramenten. Die Sakramente sind gleichsam eine Fortführung des Taborgeschehens. Die Sakramente enthüllen und vermitteln das Göttliche. Begonnen hat das bei der heiligen Taufe. In der Urkirche heißt die Taufe auch Bad der Erleuchtung. Bei der Taufe geschieht ein Eingreifen Gottes in die Seele, wo Gott die Seele fähig macht, Gott zu sehen und an ihn zu glauben. Bleiben wir beim schönen Bild aus der Genesis, wo Gott Vater selbst Adam und Eva bekleidet: Bei der Taufe werden wir von Gott selbst sozusagen bekleidet; wir werden bekleidet mit der Gnade Christi, der heiligmachenden Gnade, mit der Gnade des Glaubens. Heute noch wird bei der Taufe das Taufkleid übergelegt, zum Zeichen für dieses innere Neuwerden, zum Zeichen dass der Getaufte begonnen hat, Gott zu sehen. Wenn ein Getaufter in der Sünde lebt, fährt dieser Zug wieder rückwärts, die Sünde macht seelisch blind für Gott. Deshalb ist die Fastenzeit eine Zeit der inneren Reinigung, eine Zeit der Vorbereitung auf die Tauferneuerung in der Osternacht, damit wir für Gott wieder mehr sehend werden.

5) Dieses innere Sehend-werden für das Angesicht Gottes ist für einen Christen ein lebenslanger Weg. Einen einzigartigen Stellenwert auf diesem Weg hat das Heilige Messopfer. Gerade durch das Heilige Messopfer geschieht für uns in heiligen Zeichen eine Weiterführung des Taborereignisses. Die Heilige Messe besteht aus vielen Zeichen der Verhüllung, um das Göttliche zu Enthüllen, uns zu offenbaren.

Die Ostkirche hat als markantes Zeichen die Ikonostase, die Bilderwand. Was der Priester am Altar tut, wird durch die Ikonostase für die Augen der Gläubigen verhüllt. Gleichzeitig geschieht durch die Ikonostase Enthüllung des Göttlichen, das sich am Altar vollzieht: Herabkunft des himmlischen Altares. In der Römischen Liturgie: Kelch und Patene werden vor der Heiligen Messe mit dem Velum verhüllt. Velum kommt vom Lateinischen Velatio, Verhüllung. Enthüllung heißt Revelatio. Zur Opferung wird das Velum vom Kelch abgenommen. Es beginnt Enthüllung des Göttlichen. Wenn der Priester bei der Heiligen Wandlung die Heilige Hostie emporhebt, geschieht Enthüllung, Offenbarung des Göttlichen: die unblutige Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers. Diese Gegenwart des Kreuzesopfers ist real, sie ist wirklich, doch für uns nur im Zeichen wahrnehmbar. Ein verhüllendes Zeichen in der Liturgie ist die Kanonstille in der lateinischen Messe, die lateinische Sprache als Sakralsprache. Ein verhüllendes Zeichen der Liturgie sind die Messgewänder des Priesters. Das Menschliche beim Priester soll verhüllt werden, um das Göttliche zu offenbaren: die Gegenwart und das Erlösungsopfer des Hohenpriesters Jesus Christus. Wenn wir statt des Gotteshauses eine Betongarage hätten, würden uns die Zeichen der Verhüllung und der Enthüllung des Göttlichen fehlen. Wir würden dann nur schwer einen Zugang zum Angesicht Gottes und zur übernatürlichen Welt finden. Hier berühren wir das Drama der Entsakralisierung in der Kirche der vergangenen Jahrzehnte. Deshalb ist es so wichtig, die heiligen Zeichen der Liturgie mit großer Ehrfrucht zu pflegen: das Schweigen, das Knien, die ehrfürchtige Haltung, die geziemende Kleidung usw.

Wir dürfen es nicht so machen, wie Adam und Eva. Wir dürfen uns keinen Schurz aus Feigenblätter machen, mit denen wir eigentlich nur auf unsere seelische Nacktheit und Armseligkeit hinweisen: das Selbstgemachte im Gottesdienst, die selbstgemachten liturgischen Feiern, das Selbstgemachte im Glauben usw. Das Selbstgemachte macht die Augen unserer Seele nicht sehend für Gott, nicht sehend füreinander, das Selbstgemachte macht uns nicht innerlich frei, das hilft uns nicht. Wir brauchen das Kleid, das GOTT uns geben will. Beim Heiligen Messopfer bekleidet uns Gott Vater mit der Erlösergnade des Sohnes. Das müssen wir schätzen. Wir dürfen uns auch nicht - wie Adam und Eva - vor Gott verstecken, und vor seinem Angesicht fliehen. In allen Nöten und Sorgen wollen wir uns hinflüchten zum Angesicht Gottes, uns hinflüchten zum Tabor des Heiligen Messopfers. Beim Heiligen Messopfer lässt der Herr sein Angesicht über uns leuchten, um uns zu retten (nach Psalm 80,4).

Wenn wir uns durch die heiligen Sakramente und das Heilige Messopfer dem Taborgeschehen aussetzen, werden unsere inneren Augen mehr und mehr geheilt. Wir werden verwandelt. Wir werden sehend für das Geheimnis Gottes. Und wenn wir für Gott sehend werden, dann erhalten wir auch den rechten Blick für uns selber und für unsere Mitmenschen.

Zum Abschluss zwei kurze Gebete.

Herr, "lass dein Angesicht leuchten, so werden wir gerettet" (Psalm 80,4).

Der hl. Thomas von Aquin betet in einem Hymnus: "Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht. Stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht. Lass die Schleier fallen, einst in deinem Licht. Dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht." Amen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok