4. Sonntag im Jahreskreis B) 2015

Predigt von Pfarrer Stephan Müller:

"IN IHRER SYNAGOGE SASS EIN MANN,

DER VON EINEM UNREINEN GEIST BESESSEN WAR"(Mk 1,23)

DIE REALTÄT VON BESESSENHEIT UND DÄMONISCHEM EINFLUSS

Nach der Berufung der ersten Jünger übersiedelt Christus nach Kapharnaum am See Genezareth. Er wohnt im Haus des Petrus. Ruinen des alten Kapharnaum, auch das Haus des Petrus, wurden bei Ausgrabungen im 20. Jahrhundert freigelegt. In der Synagoge von Kapharnaum predigt der Herr das erste Mal seinem Volk. Ein heiliger Augenblick für den Herrn und für die Zuhörer. Der heilige Evangelist Markus beschreibt auch die Wirkung der Predigt Christi. Was sich dann ereignet, ist kein Zufall. Es wirft ein Licht auf das gesamte Wirken Christi. Der Sohn Gottes predigt, und ein unreiner Geist, ein Teufel, muss aus einem Menschen ausfahren.

In der pfarrlichen Verkündigung haben wir uns bereits mit der Existenz und dem Wesen der Dämonen befasst. Die diesbezügliche Lehre der Kirche setze ich heute voraus. So können wir ein Detail etwas genauer betrachten. In der Synagoge von Kapharnaum sitzt ein Mann, der "von einem unreinen Geist besessen" ist. Der Bericht des heutigen Evangeliums darf nicht psychologisch gedeutet werden, er darf auch nicht bildhaft oder symbolisch verstanden werden. Wer das tut, nimmt das Wirken Christi und den Glauben der Kirche nicht ernst. Wir haben es hier sehr klar mit einem Fall von Besessenheit und Exorzismus durch den Herrn zu tun.

Der Exorzismus Christi in der Synagoge von Kapharnaum ist ein Zeichen für die Gottheit Christi, ein Zeichen für den Sieg Christi über das Reich Satans, ein Zeichen, dass Christus uns das Heil bringt. (siehe dazu im Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 550)

Besessenheit bzw. dämonischer Einfluss ist heilsgeschichtlich immer aktuell, gegenwärtig sogar ganz besonders. Um dieses nicht einfache Thema behandeln zu können, lasse ich auch einen Fachmann zu Wort kommen, einen bedeutenden Exorzisten: Gabriele Amorth, er war Jahrzehnte lang Exorzist der Diözese Rom. Er spricht aus einer langen Erfahrung.

1) Eine wichtige Unterscheidung des Katechismus der Katholischen Kirche: Die Realität der Besessenheit und dämonischer Einfluss

Besessenheit bedeutet, dass ein Dämon - der ja ein reines Geistwesen ist, ein gefallener Engel - von einem Tier, einem Gegenstand oder einem Menschen Besitz ergreift. Im heutigen Evangelium hat ein Dämon sich bei einem Menschen eingenistet. Nach außen ist das normalerweise nicht sichtbar. Der Dämon zeigt sich oft erst dann, wenn er mit dem Heiligen in Berührung kommt: heilige Orte, zB das Gotteshaus, heilige Personen. In der Synagoge von Kapharnaum kann der Dämon die Gegenwart Christi, des Gottessohnes, nicht ertragen und schreit: "Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes!"(Mk 1,24). Exorzisten sagen, dass meist erst beim Exorzismus selber die Besessenheit erkennbar wird. Diese Besessenheit im eigentlichen Sinn kommt, so sagen die Exorzisten, nur selten vor. Das ist wichtig zu wissen.

Etwas anderes sind dämonische Einflüsse. Übel, die Menschen erleiden, können auch dämonischen Ursprung haben. Über diese zweite Form, sagt der Exorzist Pater Amorth, dass sie häufiger vorkommen.

Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt die dämonischen Einflüsse so (Artikel 395): "Satan ist auf der Welt aus Hass gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Dass Gott das Tun des Teufels zulässt, ist ein großes Geheimnis, aber <wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt> (Röm 8,28)."

Dieser Bereich - dämonische Einflüsse - ist für uns nicht uninteressant. Der Böse Feind versucht uns Menschen zu schaden. Wir dürfen uns hier kein Spektakel vorstellen, wie in manchen Filmen. Die Dämonen sind Geistwesen. Ihr schädliches Wirken geschieht vor allem auf der geistigen Ebene. Der Teufel will auf die Geisteskräfte unserer Seele einwirken: auf unser Glauben, Hoffen und Lieben. Er will vor allem diese drei Göttlichen Tugenden stören, sie schwächen, sie zerstören, um uns dadurch vom Leben zu entfernen, von der Liebe zu entfernen, von Gott zu entfernen. Sein Ziel ist der ewige Tod. Christus nennt den Teufel den "Mörder von Anfang an" (Joh 8,44).

An dieser Stelle taucht für uns die Frage auf: Wie kommt es überhaupt zu einer Besessenheit und wie kommt es zu dämonischen Einflüssen? Sind wir nicht erlöst? Christus hat uns durch sein Kostbares Blut auch vom Teufel erlöst. Doch aufgrund der Freiheit des menschlichen Willens kann der Mensch den Weg des Guten aber auch den Weg des Bösen beschreiten.

2) Ursachen für Besessenheit oder dämonische Einflüsse

Pater Amorth teilt aus seiner Erfahrung in vier Ursachen für Besessenheit und dämonische Einflüsse ein. Er sagt: "Es gibt vier Ursachen für teuflische Besessenheit oder Heimsuchungen teuflischen Ursprungs. Zwei Ursachen sind unverschuldet - für sie ist der Betroffene nicht verantwortlich. Die anderen beiden sind schuldhaft – für sie ist die menschliche Verantwortlichkeit ganz offensichtlich."

a) "Es kann sich einfach um eine göttliche Zulassung handeln, so wie Gott auch eine Krankheit zulassen kann. Der Zweck ist, der Person eine Gelegenheit der Reinigung zu geben und die Möglichkeit, Verdienste zu erwerben. Ich könnte eine lange Liste von Heiligen und Seligen aufzählen, die zeitweise teuflisch besessen waren (die hl. Gemma Galgani, die sel. Angela von Foloigno, der sel. Don Calabria…). Es kann sich freilich auch einfach um teuflische Heimsuchungen handeln, wie Schläge, Stürze und Ähnliches. Davon gibt es bekannte Beispiele aus dem Leben des hl. Pfarrers von Ars und Pater Pios."

b) "Die Ursache kann auch in einer Verwünschung liegen, die ein anderer über jemanden ausgesprochen hat: Das betroffene Opfer hat da keine Schuld, sondern Schuld hat derjenige, der sie hervorruft. Auch der unschuldigste Mensch (z.B. ein noch im Mutterschoß befindliches Kleinkind) kann Opfer einer Verwünschung sein, die das Ziel hat, jemandem durch den Teufel Böses anzutun. Das kann auf vielerlei Weise geschehen: durch eine Behexung, dadurch dass man etwas auf den Körper legt, durch Verfluchung, durch den Bösen Blick, durch Macumba-Zauber usw. Hier kommt man in den umfangreichen Bereich der Magie und Hexerei. Ich beschränke mich darauf zu sagen, dass Gott den Menschen frei erschaffen hat und auch frei, dem Anderen Böses anzutun. Wie man einen Killer anheuern kann, einen Anderen umzubringen, so kann man auch einen mit dem Teufel Verbundenen anheuern, eine teuflische Verwünschung gegen einen Anderen auszusprechen."

c) "Der Umgang mit gefährlichen Personen und das Aufsuchen solcher Orte. Wer sich an Zauberer, Kartenleger, Hexer wendet, wer spiritistische Sitzungen und satanische Sekten aufsucht, wer Okkultismus, Totenbeschwörung (auch in Form automatischen Schreibens, die heute sehr verbreitet ist) betreibt. Alle diese Leute setzen sich der Gefahr aus (auch wenn sie in den meisten Fällen keine Folgen feststellen können), teuflische Einflüsse oder sogar eine Besessenheit zu erleiden. In diesen Fällen ist die Verantwortlichkeit der Betreffenden ganz offensichtlich. Manchmal wird das in der leichtsinnigsten Absicht in Kauf genommen: zum Beispiel im Fall eines Blutspaktes mit Satan. [...] Auch Diskotheken, wo man über die satanische Rockmusik unterschwellige Botschaften verbreitet, dienen der Beeinflussung wenig standhafter Geister." [hier sind Menschen gemeint, die nicht durch ein Glaubensleben gefestigt sind).

d) "Auch die vierte Ursache macht den Handelnden voll dafür verantwortlich: Man kann in teuflische Heimsuchungen verfallen, weil man beständig in schwerer und vielfacher Sünde lebt. Ich glaube, dass dies der Fall des Judas im Evangelium ist, über den uns schließlich gesagt wird: <Satan ging in ihn ein>. Mir sind Fälle von Jugendlichen vorgekommen, die Drogen nahmen und sich gemeinschaftlich schwerer Verbrechen und sexueller Perversionen schuldig machten: schwere und andauernde Sünden, die sie zu Sklaven des Dämons machten. Ich habe auch große Schwierigkeiten festgestellt, Frauen zu befreien, die neben anderen Gründen, die die Besessenheit hervorgerufen hatten, abgetrieben hatten."

Solche Erfahrungen haben wir auch in unserem Land. Menschen, die sich selber dämonischen Einflüssen aussetzen, können oft nicht mehr glauben, verlieren die Verbindung zu Christus und der Kirche. Wenn man dem nachgeht, gibt es meist ein konkretes Ereignis im Leben, wo das begonnen hat. In solchen Fällen braucht es den heilenden Christus. Christus macht frei zB von Verwünschungen. Christus macht frei von sich selbst zugefügten dämonischen Einflüssen. Das ist der Heilsdienst der Kirche. Zu diesem wertvollen Thema führt uns das kommende Sonntagsevangelium. Amen.

Zitate aus: Gabriele Amorth: Exorzisten und Psychiater, S. 118ff, Christiana Verlag, 2006

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