„DAS REICH GOTTES WIRD EUCH WEGGENOMMEN“ (Mt 21,43)

VOM MÖGLICHEN VERLUST DES GOTTESREICHES

Der Prophet Jesaja erzählt in der heutigen Lesung ein Gleichnis von einem Weinberg. Gemeint ist das Volk Israel im 8. Jahrhundert v.Chr. Der Prophet war leidend, weil seine Landsleute Gott Jahwe, ihren Schöpfer und Vater vergessen hatten. Götzenkulte und Glaubensabfall hatten sich in Israel ausgebreitet. Als Folge der Abkehr von Gott war es zu sozialen Missständen gekommen. Der Prophet hatte die unangenehme Aufgabe, die Israeliten zu warnen und zur Umkehr zu rufen. Wenn die Israeliten nicht umkehren, würde der Weinberg zugrunde gehen, dh die Israeliten würden das Reich Gottes verlieren.

Ganz dasselbe sagt Christus im Evangelium. Auch er greift das Bild vom Weinberg auf. Nur geht Christus noch einen Schritt weiter. Er beschreibt nicht nur das Volk Israel, sondern auch sein eigenes Schicksal. Er selber ist der Sohn, den die Winzer verworfen und getötet haben. Hier deutet Jesus schon das Geheimnis seines Leidens, aber auch schon dessen Frucht, den Ostersieg, an. Das ist das Bild vom Eckstein. Bei einem Gewölbebogen ist der Eckstein der letzte oben eingesetzte Stein, der den Bau zusammenhält. Der Eckstein ist jedoch auch der Stein, an dem sich die Geister scheiden. Wer sich gegen Jesus Christus stellt, wer ihn ablehnt, der wird von diesem Stein zermalmt, dh er wird von Christus gerichtet.

Das Wort Gottes hatte eine aktuelle Bedeutung in der damaligen Zeit, bei Jesaja und bei Christus. Die heilsgeschichtliche Bedeutung betrifft das Volk Israel. Das Volk Israel hat seinen Messias abgelehnt. Das war das tragische damals, dass die religiösen Führer, die den Messias aufnehmen sollten, ihn abgelehnt und dem Tod übergeben haben. Israel wartet deshalb immer noch auf den Messias... Es sind nur einzelne Menschen aus dem Judentum, die Christus als Messias annehmen, manchmal mehr, manchmal weniger. Nach dem Tod Christi waren es viele. Auch heute noch gibt es Bekehrungen aus dem Judentum.

Das Wort Gottes hat natürlich für jede Generation eine neue Bedeutung. Wir fragen uns, was dieses Gotteswort für uns heute bedeutet. Im Schott-Messbuch steht kurz und bündig zur heutigen Lesung folgende Erläuterung:

„Wie eine Fabel oder ein Liebeslied beginnt die Rede des Propheten. Erst am Schluss wird den erschreckten Zuhörern klar, um was es geht: um die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel. Gott hat diesem Volk viel Liebe und Sorge zugewandt, aber Israel hat die Gaben Gottes missachtet. Soziale Missstände im Volk Gottes entehren Gott selbst. Auch für das Volk des Neuen Bundes ist die Rede des Propheten eine Warnung“ (Schott-Messbuch 1983, S. 588). Der Prophet Jesaja hat es auf den Punkt gebracht: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9).

Diese beiden Gleichnisse sind auch für uns als Kirche eine heilsame Warnung: „Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt“ (Mt 21,43). Die Kirche als Ganzes hat die Verheißung: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Doch kein Land, kein Gebiet, keine Diözese, keine Pfarre, kein einzelner Christ oder Katholik hat die Garantie, dass der Glaube immer erhalten bleibt.

Es gab in Kleinasien zur Zeit des Byzantinischen Kaiserreiches im ersten Jahrtausend große Gebiete mit einem ehemals blühenden Christentum; heute ist davon nichts mehr übrig, es hat sich dort Großteils der Islam ausgebreitet. Kenner der Geschichte sagen, dass das Christentum in diesen Gebieten damals lau geworden war, und dann vom Islam überrollt wurde. Ähnliches geschah mit den ehemals blühenden Kirchengebieten in Nordafrika. Wir haben keine Garantie, dass Europa, wenn wir es aussprechen wollen - auch unsere Heimat – christlich bleiben wird. Wenn unser Christentum nicht mehr die von Gott erwarteten Früchte bringt, wird uns, sagt Christus, das Reich Gottes genommen werden. Denkende und Sehende Menschen sagen, dass vielleicht der Islam einmal die große Herausforderung für die Christen in Europa werden wird. Ein deutscher Kardinal hat bereits vor vielen Jahren gesagt: „Ich fürchte nicht so sehr die Stärke des Islam, als vielmehr die Schwäche (die Lauheit) der Christen“.

Die Verweltlichung des Glaubens und der katholischen Kirche in unserem Land hat dazu geführt, dass viele Menschen keine Gottesfrucht und keine Gottesliebe mehr haben. Deshalb der starke Rückgang des Gottesdienstbesuches. Wenn in einem Land immer mehr gegen die Gebote Gottes gesündigt wird, der Ruf der Kirchenglocken an den Sonn- und Feiertagen immer mehr überhört wird, Kinder im Mutterschoß abgetrieben werden – um nur ein paar Beispiele zu bringen, dann wird, wie Christus heute sagt, dieses Verhalten Folgen haben… Dann wird in so einem Land der Ruf der Kirchenglocken verschwinden, das Reich Gottes wird so einem Volk genommen und einem anderen Volk gegeben, das die erwarteten Früchte bringt. Wie weit wir uns in unserer Heimat bereits in diese Richtung entwickeln, mag jeder selber bedenken.

Was sind die Früchte, die Gott von uns erwartet? Gott erwartet von uns keine Superleistungen. Er erwartet Gottesfurcht, dh Ehrfrucht vor Gott, Gottesliebe und Nächstenliebe.

Was können wir tun? Was können in Tirol jene Katholiken tun, die noch ein Sonntagsgebot kennen und aus Liebe zu Gott erfüllen? Bei Gott zählt nicht die Zahl, sondern der Inhalt, nicht die Quantität, sondern die Qualität. Wir wollen treu sein! Wir wollen Gottesfrucht und Gottesliebe aufrecht erhalten:

- Haben wir Ehrfrucht vor Gott!

- Haben wir Ehrfrucht vor den Wahrheiten des katholischen Glaubens!

- Haben wir Ehrfrucht vor dem Sonntag und den Feiertagen.

- Haben wir Ehrfrucht vor den Sakramenten, vor allem vor dem Allerheiligsten

Altarsakrament!

- Haben wir Liebe zu Gott! Lieben wir Christus! Lieben wir die Kirche! Halten wir der Kirche

die Treue!

- Setzen wir immer wieder konkrete Taten der Nächstenliebe.

All diejenigen, die sich um Gottesfrucht, Gottesliebe und Nächstenliebe bemühen, dürfen an das Wort Gottes an Abraham denken: "Ich werde dich [...] segnen [...] Ein Segen sollst du sein" (Gen 12.2). Wer mit Gottes Hilfe Gott treu ist, den wird Gott segnen, und der wird zu einem Segen für seine Mitmenschen, zum Segen für sein Volk und sein Land.

Maria, Mutter der Kirche, hilf uns treu sein! Hilf uns Frucht zu bringen! Lass uns zum Segen werden für unser Land. Amen.

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