11 Sonntäglich Leben

„Sacramentum Caritatis – Sakrament der Liebe“

Nachsynodales Schreiben von Papst Benedikt XVI. – Folge 11

 

SONNTÄGLICH LEBEN (Abschnitt 72)

 

Einleitende Anmerkung: Im Blick auf das kommende Osterfest werden aus „Sacramentum Caritatis“ jene Abschnitte angeführt, die über den Sonntag handeln.

 

Wir erleben gegenwärtig, wie der Sonntag im Bewusstsein und in der Glaubenspraxis vieler Katholiken immer weniger bzw. keine Rolle mehr spielt. Die Folgen werden dramatisch sein – auch in Tirol: Der völlige Verfall des Glaubens! Denn, wie unsere Vorfahren gerne gesagt haben: „Mit dem Sonntag steht und fällt das Christentum!“

 

Die Worte über den Sonntag mögen die treuen Christen im Ausharren bestärken. Jene, in deren Leben die Sonntagsheiligung bereits zu bröckeln angefangen hat, können mit diesen Worten eine neue Orientierung empfangen und die Bedeutung des Sonntages für das Glaubensleben wieder erfassen.

 

Ostern ist der Sieg des Herrn über den Tod. Ostern feiern bedeutet auch, etwas was in unserem Leben erstorben ist, mit der Gnade Gottes wieder zum Leben zu erwecken. Das gilt auch für den Sonntag. Wo wir Christen sonntäglich leben, bleiben wir beim Herrn, werden von ihm getragen und geführt, wir werden Zukunft haben.                        Pf. Stephan Müller

 

Diese radikale Neuheit, die die Eucharistie in das Leben des Menschen hineinträgt, ist dem christlichen Bewusstsein von Anfang an offenbar geworden. Die Gläubigen haben sofort den tiefen Einfluss wahrgenommen, den die Eucharistiefeier auf ihren Lebensstil ausübte.

 

Der hl. Ignatius von Antiochien (+107) drückte diese Wahrheit aus, indem er die Christen als diejenigen bezeichnete, »die zur neuen Hoffnung gelangt sind«, und er stellte sie als diejenigen dar, die »sonntäglich leben« (gemäß des Herren- bzw. Christustages).

 

Diese Formulierung des großen antiochenischen Märtyrers hebt die Verbindung zwischen der eucharistischen Realität und der christlichen Existenz in ihrer Alltäglichkeit klar hervor. Die charakteristische Gewohnheit der Christen, sich am ersten Tag nach dem Sabbat zu versammeln, um die Auferstehung Christi zu feiern, ist - nach dem Bericht des heiligen Märtyrers Justin (205) - auch das Faktum, welches die Lebensform bestimmt, die durch die Begegnung mit Christus erneuert ist.

 

Die Formulierung des hl. Ignatius - »sonntäglich leben« - unterstreicht auch den paradigmatischen Wert, den dieser heilige Tag für jeden anderen Tag der Woche besitzt. Er zeichnet sich nämlich nicht aufgrund der bloßen Unterbrechung der üblichen Tätigkeiten aus, wie eine Art Parenthese (=Einschaltung, Einschub) im gewöhnlichen Rhythmus der Tage.

 

Die Christen haben diesen Tag immer als den ersten Tag der Woche empfunden, weil an ihm das Gedächtnis der von Christus gebrachten radikalen Neuheit gehalten wird. Darum ist der Sonntag der Tag, an dem der Christ jene eucharistische Form seines Lebens wiedererlangt, nach der ständig zu leben er berufen ist.

 

»Sonntäglich leben« heißt, im Bewusstsein der von Christus gebrachten Befreiung zu leben und das eigene Dasein zu entfalten als Selbsthingabe an Gott, damit sein Sieg durch ein von innen her erneuertes Verhalten allen Menschen gänzlich offenbar werde.

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